Ferneyhough, Carter, Gadenstätter – unter dem Titel ‚A SIMPLE GUIDE TO COMPLEXITY 2‘ wählte das Arditti Quartett Werke dieser Komponisten und hätte sich damit wohl kaum ein herausfordernderes Programm für ein solches Bestreben aussuchen können.
Zunächst erklang Brian Ferneyhoughs Streichquartett Nr. 5 (2006), welches vor Merkmalen der „New Complexity“, als dessen Begründer dieser Komponist gilt, nur so sprudelte. Es handelt sich um eine Strömung, in der es um eine bewusste Überforderung geht – sowohl der Interpret:innen als auch der Zuhörenden. Ausgehend von einer hochkomplexen Notation ergeben sich häufig überlagernde Rhythmen und mikrotonale Momente. Das Arditti Quartet vollbrachte es hier, trotz solcher Überlagerungen und teils isoliert wirkender Einzelstimmen, die aufeinander keine Rücksicht zu nehmen scheinen, Momente des Zusammenspiels zu kreieren. Etwa in Passagen, in denen sich Charakter und Spielweise zwischen den Stimmen ähneln, vermittelten die Spieler durch synchrone Bewegungen punktuelle Vereinigung. Als Zuhörer:in konnte man so immer wieder Schritt halten. Dem Publikum wurde zweifelsohne im gesamten Konzert eine extrem virtuose und messerscharf genaue Interpretation geboten. Auch im Streichquartett Nr. 3 (1971) von Elliott Carter. Dieses komplexe Werk ist allein deswegen fragil, da das Quartett in zwei Gruppen zu je zwei Musikern aufgeteilt wird, die mit größerem Abstand als üblich voneinander entfernt sitzen. Diese Aufteilung kommt auch musikalisch immer wieder zum Tragen. Eine Herausforderung besteht also darin, ein Auseinanderfallen des Ganzen zu verhindern. Unglaublich ausgeklügelt gelang es hier dem Arditti Quartet, diejenige Zweierkonstellation zur Geltung zu bringen, die gerade ‚an der Reihe‘ war, und die Gruppen dann klanglich wieder zusammenzuführen, wenn es die Musik erlaubte.
An diesem Abend wurden somit Interpretationen geboten, die ihresgleichen suchen. Sie waren nicht von eitlem Startum durchdrungen, sondern geprägt durch eine ernsthafte Erarbeitung der Stücke, die der Musik in all ihren diffizilen Facetten zugutekommt; sie somit ausdrücken lässt, was sie auszudrücken vermag und das in den Hintergrund rücken lässt, was als störend empfunden werden könnte. Doch was ist „das Störende“? Laut Quartettgründer Irvine Arditti vor allem: die Furcht. Werke dieser Stile könnten sich erst dann weniger mühevoll anfühlen, wenn sie „fearless“ gespielt würden. Ein von Bernhard Günther (künstlerischer Leiter von Wien Modern) zwischen den ersten beiden Werken geführtes (mehr schlecht als recht vorbereitetes) Gespräch sollte der Zuhörerschaft also die „anxiety“ vor der erklingenden Komplexität nehmen. Eindeutig war ein Überschwappen der vom Quartett versprühten positiven Angriffslust auf komplexe Stücke in den himmelblauen Mozartsaal des Wiener Konzerthauses zu spüren. Verbale Hinweise, interpretatorische Entscheidungen und genau abgestimmte, nuancierte Energien zwischen den Musikern wollten das Publikum immer wieder bei der Hand nehmen. Clemens Gadenstätters dreiteiliger Werkzyklus wurde zum Schluss des Abends zu Gehör gebracht. In seinem kompositorischen Schaffen wurde Gadenstätter vor allem von Helmut Lachenmann beeinflusst. Seine Stücke lassen sich durch eine starke Auseinandersetzung mit erweiterten Spieltechniken charakterisieren. Jedem der drei Kompositionen des an diesem Abend aufgeführten Zyklus’ verlieh Gadenstätter dahingehend beschreibende Titel: „häuten / paramyth 1“ (2010–2011), „schlitzen / paramyth 2“ (2012–2014) und „reißen / paramyth 3“ (2013–2016). Die dadurch evozierten Bilder beim Zuhören geben auch unvertrautem Publikum etwas zum auditiven Festhalten. Dennoch entstanden in dieser zweiten Konzerthälfte leider Brüche: Zwischen den drei Teilen verließen Menschen den von Gemurmel gefluteten Raum. Ob dies einer Überforderung der Hörgewohnheiten geschuldet war, lässt sich kaum sagen, jedenfalls sollte man wohl die vielen, vor Spannung angewurzelten Zuhörer:innen, die in den Bann dieses ausgefeilten Abends gezogen wurden, weitaus mehr gelten lassen.
Jil Paul
Diese Kritik über das Konzert mit dem Titel „A Simple Guide to Complexity 2“ mit dem Arditti Quartet im Rahmen von Wien Modern am 28. November 2022 im Wiener Konzerthaus entstand als Teil einer Lehrveranstaltung von Monika Voithofer am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien. Nähere Informationen dazu finden Sie hier.
