„The sky is the limit“ – Die Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik machen neugierig und dürfen irritieren

Die Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik (btzm) gehen von 8. bis 11. Oktober 2026 mit der künstlerischen Leiterin Mirela Ivičević in die zweite Saison.

Mit der Qualität des vergangenen Festivals ist die in Wien lebende Komponistin zufrieden und ihr Eindruck vom Publikum ist äußerst positiv. „Es war zwar nicht zahlreich, aber dafür sehr offen, neugierig und intelligent“, lobt Mirela Ivičević und hebt gleichzeitig den großen Wert des Festivals, das weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung findet, hervor. „Ein international etabliertes Festival in der Stadt mit einem stark international geprägten Programm hat jedenfalls einen unersetzlichen Wert, auch für die lokale Gemeinschaft“, ist sie überzeugt. Ganz bewusst achtet die Intendantin darauf, dass „die Grenze zwischen Musiker:innen und Publikum bei den Konzerten möglichst unsichtbar wird, dass über Musik geredet wird, dass Fragen gestellt werden können und der Konzertsaal zu einem Ort eines gemeinsamen Erlebnisses für alle Beteiligten wird.“ Das Spannendste aus der internationalen zeitgenössischen Musikszene nach Bludenz zubringen, bedeute außerdem auch für einheimische Musikschaffende eine außergewöhnliche Gelegenheit zur Inspiration und zum kreativen Austausch. „Ein Festival ist ein Fenster in die Welt. Mit möglichst weitem Blick.“

Ikonen, Honigbienen und ein Fluss von Energie

In diesem Jahr ist die Vielfalt Uraufführungen größer als zuvor. Das sei zwar ein Risiko, aber das „abenteuerlustige Kind in mir freut sich irrsinnig darauf“, lacht Mirela Ivičević. Vier neue Kompositionen sind im Auftrag der Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik entstanden. „In ‚Salad (Heatwave Joy Nr. 1)‘ zeigt uns Margareta Ferek-Petrić, wie sich das künstlerische Schaffen zweier großer Ikonen – Laurie Anderson und Gertrude Stein – mit Eigenem verbinden lässt. In ‚Fake Meadow‘ für Violine und Akkordeon, dessen Titel sich auf ein Experiment bezieht, bei dem die Reaktion von Honigbienen auf Blumendüfte untersucht wurde, öffnet Liza Lim ein unglaublich farbenreiches neues Klanguniversum durch den Einsatz einer tiefen G-Saite auf der Violine. Der Gewinner des letztjährigen btzm-Kompositionswettbewerbs, Kenta Onoda, erforscht in ‚Soupirants‘ die eher sensible und geräuschhafte Seite des Akkordeons, während Claudia Jane Scroccaro in ihrem neuen Stück für elektrische Gitarre, ‚High Voltage Toccata II‘, die Elektrizität als einen Fluss von Energie, Spannung und Gefahr wirken lässt“, gibt die künstlerische Leiterin Einblicke. Weitere Uraufführungen von Timea Urban, Alexander Bauer und Marco Döttlinger ergänzen das Programm.

Komponieren und Interpretieren liegen nahe beieinander

Am Eröffnungsabend musiziert das Ensemble NAMES aus Salzburg. Dort haben Musiker:innen zusammengefunden, die größtenteils auch kompositorisch tätig sind. Allein dieser Umstand garantiert eine kreative Herangehensweise an neue Kompositionen. Mirela Ivičević fügt ergänzend hinzu, dass die Trennung zwischen Komponieren und Interpretieren ohnehin eine künstliche sei, die sich erst im vergangenen Jahrhundert etabliert habe. „Das ändert sich mehr und mehr, und das finde ich sehr spannend zu beobachten.“

Duoabende mit Sophie Schafleitner an der Violine und Krassimir Sterev am Akkordeon sowie mit E-Gitarre (Roben Mattia Santorsa) und Violoncello (Elide Susenti) ergänzen das Festivalprogramm. Der Klang der Gitarre wird zum Teil mittels Elektronik erweitert und damit der Klangraum wesentlich gedehnt. „The sky is the limit“, merkt Mirela Ivičević an, denn die Verwendung von Elektronik im Kontext kleinerer Line-ups vergrößert die Klangpalette ungemein, obwohl es einen großen Probenaufwand bedeutet.

Die Kompositions-Masterclasses werden größer

Die Kompositions-Masterclasses, die Clara Iannotta in Bludenz eingeführt hat, nehmen bei den Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik einen immer größeren Stellenwert ein. Die Anmeldezahlen für diese Meisterkurse wachsen stetig. In diesem Jahr führt der renommierte Komponist und Dirigent Clemens Gadenstätter die Meisterklasse. Er hat seit mehr als zwei Jahrzehnten eine Professur für Komposition und Musiktheorie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz. Als Mentoren der Masterclasses stehen den jungen Komponierenden die Musiker des international gefeierten Quatuor Diotima zur Seite. Sie präsentieren sechs neue Werke der Teilnehmer:innen zum Abschluss des Festivals. 
Das viel beachtete Streichquartett legt großen Wert auf seine pädagogische Arbeit. Die Musiker wissen, „dass die Begleitung der jüngsten Talente bei der Entwicklung ihrer eigenen authentischen Klangsprache eine wichtige Investition in die Zukunft ist – sowohl für die zeitgenössische Musikszene als auch für das Ensemble selbst“, betont Mirela Ivičević. Schon öfter gastierte das Quatuor Diotima in der Remise Bludenz, wo die Musiker unter anderem Kompositionen von Georg Friedrich Haas, Alexander Moosbrugger und Wolfram Schurig interpretierten.

Mirela Ivičević strebt eine Erweiterung der Masterclasses an, „wie in Darmstadt, nur in einer viel romantischeren Umgebung. Davon hätten sowohl das Festival als auch die Stadt etwas.“ Die Darmstädter Ferienkurse etablierten sich seit ihrer Gründung im Jahr 1946 als führendes Zentrum für zeitgenössische Klangkunst.

Unterstützung von allerArt

Seit wenigen Monaten ist Jasmine Türk Obfrau des Vereins allerArt Bludenz, der die btzm alljährlich ausrichtet. Sie steht mit der künstlerischen Leiterin in engem Austausch. 

Jasmine Türk erlebte die Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik in den vergangenen Jahren als interessierte Zuhörerin. Mirela Ivičević bringe unterschiedliche musikalische Positionen, außergewöhnliche Besetzungen und international renommierte Musiker:innen und Komponist:innen nach Bludenz und schaffe Raum für ganz neue Werke, lobt sie. Von ihrer kuratorischen Arbeit erwarte sie weiterhin den „Mut, Neues nach Bludenz zu bringen und ein Programm zusammenzustellen, das nicht unbedingt auf Anhieb gefällig sein muss, sondern neugierig macht und auch irritieren darf“, betont Jasmine Türk. Besonders wertvoll finde sie die Kompositions-Masterclasses, die mittlerweile zu einem wichtigen Bestandteil des Festivals geworden sind. „Dass junge Komponist:innen aus aller Welt nach Bludenz kommen, hier an ihren Werken arbeiten und diese schließlich von renommierten Musiker:innen aufgeführt werden, empfinde ich als große Bereicherung für das Festival“, so Jasmine Türk.

Stärkere Verortung und eine Vision

Seit Jahren wird der fehlende Vorarlbergbezug der Bludenzer Tage bemängelt und diskutiert. Kooperationen mit der Stella Hochschule wurden angestrebt, doch sie scheiterten. Komponierende, die für die Programme infrage kommen würden, wurden bislang kaum angefragt. „Das war und ist meines Erachtens einer der wenigen Punkte dieses ansonsten großartigen Festivals, die ich durchaus kritisch sehe. Die btzm finden seit Jahrzehnten in Bludenz statt, trotzdem ist diese Verortung im Programm bislang kaum spürbar. Mir persönlich ist wichtig, vorhandene Potenziale und Ressourcen zu erkennen und zu nutzen. Das ist aus meiner Sicht auch bei den btzm sinnvoll, ohne deshalb Abstriche bei der künstlerischen Qualität zu machen oder auf die internationale Ausrichtung und die Präsenz von Künstler:innen aus aller Welt zu verzichten.“

Mirela Ivičević merkt dazu an, dass sie bereits einen Pool von Künstler:innen zusammengestellt habe, mit denen sie gerne zusammenarbeiten würde. Gleichzeitig stellt sie einen ihrer größten Träume in den Raum. Sehr gerne würde sie „11.000 Saiten für 50 mikrotonal gestimmte Klaviere und Ensemble“ des ersten künstlerischen Leiters der btzm, Georg Friedrich Haas, nach Vorarlberg bringen, aufgeführt von 50 Vorarlberger Pianist:innen zusammen mit dem Klangforum Wien. Georg Friedrich Haas ist in Vorarlberg aufgewachsen, von den Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik und von den Bregenzer Festspielen aus startete er seine internationale Karriere. „Vorarlberg hat vielleicht nicht unzählige Komponist:innen, aber möglicherweise den weltweit bedeutendsten lebenden Komponisten, und diese Tatsache gehört viel stärker ausgeschöpft“, ist Mirela Ivičević überzeugt. 

Eine Vision kann Wirklichkeit werden.

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Oktoberausgabe der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft erschienen.

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Termine:

Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik
Donnerstag, 8. Oktober 2026 bis Sonntag, 11. Oktober 2026
Remise Bludenz

Donnerstag, 8. Oktober 2026, 20:00 Uhr
NAMES – New Art an Music Ensemble Salzburg, Remise, 20 Uhr

Freitag, 9. Oktober 2026, 20:00 Uhr
Sophie Schafleitner (Violine), Krassimir Sterev (Akkordeon),

Samstag, 10. Oktober 2026, 20:00 Uhr
Ruben Mattia Santorsa (E-Gitarre) ft. Elida Sulsenti (Violoncello), Remise 20 Uhr

Sonntag, 11.Oktober 2026, 17:00 Uhr
Quattuor Diotima

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Link:
Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik – allerArt Bludenz