“Schmerz bewegt Kunst” – NINA EBA im MICA-INterview

Im Rahmen der QMA Artist Residency in den FIAKKA STUDIOS in Wien wurden wieder drei KünstlerInnen eingeladen um gemeinsam mit Produzentinnen an ihren Songs zu arbeiten.
Über ihre Musik, die Erfahrungen der Studio Woche, ihre Hürden beim Einstieg ins Musikgeschäft und warum der Kulturaustausch weit mehr sein kann als exotische Dekoration erzählt NINA EBA im mica – music austria Interview.

Zum Einstieg: Kannst du dein Musikprojekt kurz vorstellen? Welche Art von Musik machst du und welche Ideen oder Haltungen stehen dabei im Mittelpunkt?

Ich bin Nina Eba, eine ukrainische Musikproduzentin und Künstlerin mit Sitz in Graz, wo ich dieses Projekt vor drei Jahren gestartet habe. Meine Musik bewegt sich zwischen Art-Pop, R&B und Bass Music. Ich nutze sie, um mein Unterbewusstsein und meine Gefühle nach außen zu tragen – oft, ohne sie selbst vollständig zu verstehen.

Wie bist du zur QMA Residency gekommen und mit welchen Erwartungen bist du in diese Woche gestartet?

Vor ein paar Jahren hat mir eine Freundin von der Residency erzählt, weil sie dachte, dass sie für mich interessant sein könnte. Seitdem folge ich QMA auf Instagram, und als ich dieses Jahr den Open Call gesehen habe, habe ich mich sofort beworben.

Nina Eba – kajmakmedia

Während der Residency hast du gemeinsam mit Produzent:innen innerhalb nur einer Woche an Songs gearbeitet und produziert. Wie sind die Songs entstanden und welche Teile davon fühlen sich besonders nach dir an?

Die Tracks, die ich mitgebracht habe, waren bereits ziemlich weit fortgeschritten. Ich wollte sie aber gemeinsam mit Profis fertigstellen und sehen, wie Menschen mit anderen Erfahrungen an die Arbeit herangehen. Das war wirklich interessant, und ich würde sehr gerne auch nach der Residency mit den Produzenten an den Tracks weiterarbeiten.

Wie hast du die Zusammenarbeit im Studio erlebt? Gab es Momente, in denen eure unterschiedlichen musikalischen Hintergründe zu etwas geführt haben, auf das du alleine vielleicht nicht gekommen wärst?

Ich arbeite seit zehn Jahren alleine und weiß, dass ich ein ziemlich großes musikalisches Ego habe. Deshalb war ich etwas nervös, im Team zu arbeiten. Ich habe Nono Punch und Fingersofgod schon vorab kontaktiert und ihnen meine Tracks geschickt.

Mit Nono war die Zusammenarbeit unkompliziert. Er arbeitet mit vielen Künstler:innen, kennt seine Tools sehr gut und wusste sofort, was „Je T’aime“ braucht, damit der Track druckvoller klingt. Wir haben verschiedene Sounds und Texturen übereinandergelegt, und besonders liebe ich den wuchtigen Bass, den wir in den Refrains hinzugefügt haben. Ich habe viel gelernt, und es hat sich gut angefühlt, dass er meinem Geschmack vertraut und mir auf professioneller Augenhöhe begegnet ist.

Der zweite Tag mit Philipp war anders. Wie ich arbeitet er normalerweise alleine und nähert sich Dingen durch Ausprobieren – und diese Art zu arbeiten braucht Zeit. Vielleicht würde es für uns besser funktionieren, aus der Distanz zu arbeiten und uns gegenseitig Zwischenergebnisse zu schicken. Trotzdem hat er mir sehr dabei geholfen, den Charakter von „Artemis“ zu verändern, insbesondere das Intro, mit dem ich nicht zufrieden war. Er hat mir großartige Referenzen gezeigt und wir haben viel experimentiert.

Für mich waren unsere unterschiedlichen musikalischen Hintergründe letztlich nicht der entscheidende Punkt. Viel wichtiger sind die jeweilige Arbeitsweise und die Bedingungen, unter denen man zusammenarbeitet.

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Was nimmst du über die Songs hinaus aus der Residency mit?

Die Menschen und die Workshops waren für mich das Wertvollste. Nach drei Jahren in Österreich fühle ich mich noch immer nicht wirklich mit der lokalen Szene verbunden, und die Residency war mein erster richtiger Kontakt mit ihr. Ich hoffe, in Zukunft mit Alexa und Emira zusammenzuarbeiten, weil ich ihre Musik sehr mag.

Besonders wertvoll waren auch die Gespräche mit Smaranda über meinen bisherigen Weg und darüber, wie ich mich als Künstlerin präsentiere. Dieser professionelle Blick von außen hat mir wirklich gefehlt. Und ich nehme vor allem die Inspiration mit nach Hause, weiterzumachen.

“Das Leben als Geflüchtete, während im eigenen Land Krieg herrscht, ist wirklich schwer.”

Eines der Ziele der Residency ist es, Verbindungen innerhalb des österreichischen Musikmarkts aufzubauen. Wie zugänglich empfindest du die österreichische Musikszene? Ist es relativ einfach, einen Weg hinein zu finden, oder gibt es Barrieren, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind?

In dieser Branche hängt vieles von zufälligen Begegnungen und davon ab, präsent zu sein. Lange hatte ich das Gefühl, dass die österreichische Szene sehr verschlossen ist und ich nicht als Teil der lokalen Szene wahrgenommen werde.

Gleichzeitig bin ich ziemlich introvertiert und bleibe lieber zu Hause, schreibe E-Mails und bastle an Beats. Deshalb habe ich bisher auch noch nicht wirklich versucht, tief in die Szene einzutauchen, und bin häufiger im Ausland aufgetreten als in Österreich. Das möchte ich ändern. Danach werde ich sehen, ob die Szene tatsächlich so verschlossen ist – oder ob ich es bisher einfach noch nicht wirklich versucht habe.

Nina Eba by kajmakmedia
Nina Eba © kajmakmedia

Was sind deiner Erfahrung nach die größten Herausforderungen, wenn man versucht, sich in der österreichischen Musikszene zu etablieren? Geht es vor allem um Netzwerke, Sprache, Wissen über lokale Strukturen, finanzielle Möglichkeiten – oder um etwas ganz anderes?

Wenn man einmal verstanden hat, wie die Dinge funktionieren, die richtigen Leute kennt und weiß, wo man finanzielle Unterstützung findet, ist es wahrscheinlich gar nicht so schwer. Natürlich ist es für Frauen immer schwieriger – überall, nach wie vor. Gleichzeitig ist Österreich ein guter Ort für Künstler:innen, an dem es viele Fördermöglichkeiten gibt, und ich selbst habe bereits mehrmals Unterstützung erhalten.

Meine größte Herausforderung besteht darin, die Zeit und Energie zu haben, diese Möglichkeiten überhaupt zu finden und zu nutzen. Das Leben als Geflüchtete, während im eigenen Land Krieg herrscht, ist wirklich schwer. Ich stehe ständig kurz vor dem Burnout – zwischen meinem Studium, dem Versuch, mir als aufstrebende Künstlerin eine Karriere aufzubauen, und all den Schlagzeilen, bei denen ich mich am liebsten in eine „Sterbegrube“ verkriechen würde.

„Sterbegrube“ ist dabei ein in der Ukraine gebräuchlicher Ausdruck für dieses fatalistische Gefühl, wenn es scheint, als würde die Welt untergehen und nichts Gutes mehr kommen – sodass man genauso gut ein Loch graben und sich hineinlegen könnte, um zu sterben.

Welche Rolle spielen deine Herkunft und deine persönlichen Erfahrungen in deiner Musik – und darin, wie du hier als Künstlerin wahrgenommen wirst? Thematisierst du deine Herkunft bewusst in deiner Arbeit oder ist es eher etwas, das von anderen an dich herangetragen wird?

Wenn es bei der Frage um meine Nationalität geht: In meiner Musik hört man wahrscheinlich nichts, das eindeutig sagt: „Das ist eine ukrainische Künstlerin.“ Ich schreibe überwiegend auf Englisch und nur selten auf Ukrainisch – über mich selbst, meine Sorgen und meine Freund:innen, oft auf eine eher verschlüsselte Art.

Es sind persönliche Geschichten, die mit der Ukraine und damit verbunden sind, zu wem mich das Land, aus dem ich komme, gemacht hat. Aber man müsste mich kennen, um das wirklich herauszuhören. Ich bin mit westlicher Musik aufgewachsen und erinnere mich erst jetzt wieder daran, wie meine Familie bei jedem Fest Lieder der Sitscher Schützen gesungen hat. Ich würde gerne tiefer darin eintauchen und dort einen neuen Klang für mich entdecken – aber das ist ein Projekt für die Zukunft.

Was kann die österreichische Musikszene deiner Meinung nach von Künstler:innen mit unterschiedlichen kulturellen und musikalischen Hintergründen gewinnen – und was möchtest du persönlich zur Szene beitragen?

Österreich fühlt sich oft wie ein Ort an, an dem das Leben ruhig und komfortabel ist und die Probleme irgendwo anders stattfinden. Viele Künstler:innen aus anderen Kulturen sind nicht hier gelandet, weil zu Hause alles gut war. Wir haben Dinge erlebt, die sich viele Menschen hier nie vorstellen mussten.

Und Schmerz bewegt Kunst. Er ermöglicht es Menschen, über ihren eigenen Erfahrungshorizont hinauszublicken und etwas Neues zu empfinden. Gerade heute, wo Menschen in voneinander getrennten Informations- und Kulturräumen leben, die sich nur selten überschneiden, kann Kunst zu einem Portal werden.

Genau das kann die Szene gewinnen: Diversität nicht als exotische Dekoration, sondern Erfahrungen mit einem anderen Gewicht.

Wie geht es für dich nach der Residency weiter? Was sind deine nächsten musikalischen Schritte und gibt es etwas aus dieser Woche, das du unbedingt mitnehmen möchtest?

In den kommenden sechs Monaten werde ich meine Masterarbeit schreiben und mein Studium abschließen. Parallel dazu werde ich nach und nach meine Tracks fertigstellen und Releases für 2027 vorbereiten. Außerdem würde ich gerne gemeinsam mit Nono und Philipp an den Tracks aus der Residency weiterarbeiten.

Herzlichen Dank für das Interview!




Dominik Beyer


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