Reihe "Zukunft der Festspiele": Das Einzigartige kennt nur die Gegenwart

Musikfestivals und Festspiele gibt es hierzulande inzwischen wie Sand am Meer. Und das in allen Genres. Wohl selten zuvor hatten Musikliebhaber eine solch große Auswahl wie heutzutage. Was macht eine solche Veranstaltung aber zu etwas Besonderem? Womit locken die Organisatoren und IntendantInnen ihr Publikum? Wie haben sich überhaupt in den vergangenen Jahren die Anforderungen an die Programmatik eines Festivals geändert? Schriftsteller Dimitré Dinev im Gespräch mit Markus Deisenberger.

Wie innovativ kann/soll ein Festival sein, um Erfolg zu haben?
Mit der Innovation ist es so eine Sache. Ich frage mich oft, was Neu ist und finde darauf keine Antwort: Das wirklich Fremde kennen wir nicht, also muss uns das Neue auf irgendeine Weise bekannt sein. So wie die Liebe vielleicht: Man kennt sie, aber wenn man sich verliebt, ist sie trotzdem jedes Mal neu.

Entscheidend  ist aber, wer beurteilt, was innovativ ist, denn letztlich ist Innovation eine Frage der subjektiven Empfindung der Auswählenden. Je flacher hier die Hierarchien, desto offener und vielfältiger ist der Zugang. Ingesamt glaube ich, dass die Mischung stimmen muss: Ein gutes Festival muss sowohl innovative Projekte bieten als auch konventionelle, auf die sich die Leute gerne einlassen.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen kultureller und sozialer Funktion eines Festivals. Wird es sich das ändern, soll es sich das ändern?
Kunst hatte immer eine soziale Funktion, nur deshalb hat sie überlebt. Die Kunst ist es doch, die uns durch die Geschichte trägt und zwar in einem tieferen und stärkeren Sinne als der Boden, weil sie uns mehr Möglichkeiten der Identifikation bietet. Wenn sie diese Funktion verliert, verliert sie ihre Lebendigkeit. Um die Wunder der Kunst zu vollziehen, braucht man Leute. Was man aber machen kann, ist einen bestimmten Geschmack zu formen, sodass das Publikum offener und toleranter für gewisse Experimente wird. Das ist eine Frage der Bildung einer Gesellschaft.

Wie haben sie das Publikum der Salzburger Festspiele erfahren, als sie dort „Dichter zu Gast waren?
Ich habe das Publikum sehr gut in Erinnerung. Es war sehr offen und gab mir das Gefühl, es sei glücklich darüber, dass das Festival stattfindet. Man hat mich auf der Straße erkannt und angesprochen und es auch als sehr positiv aufgenommen, dass man jemanden wie mich auf der Straße treffen und ansprechen kann. So waren meine persönlichen Eindrücke: Die Leute sehen das Festival insgesamt als eine Bereicherung ihrer Stadt.

Muss das Publikum in Zukunft jünger werden?
Das ist letztlich eine Frage des Geldes und wie teuer eine Karte ist. Durch die Kartenpreise wird eine Selektion durchgeführt. Junge Leute haben nicht so viel Geld, deshalb kommt ins Theater auch mehr junges Publikum als in die Oper. Grundsätzlich bin ich für einen gute, gesunde Durchmischung – das ist immer das Beste für einen Künstler. Aber man kann diese Durchmischung nicht erzwingen, sondern nur die Bedingungen schaffen, damit auch die unteren Schichten einen offenen Zugang bekommen.

Was ist notwendig, damit ein ganzes Festival in der Erinnerung des Zuschauers verankert bleibt? Was würden Sie sagen ist essenziell, um das Profil eines Festivals zu schärfen und es aus der Masse an existierenden Festivals herauszuheben?

Eine gute Frage. Mehr riskieren vielleicht. Aber verallgemeinern lässt sich das nicht, denn das Einzigartige kennt nur eine Zeit: die Gegenwart. Das Einzigartige geschieht im Moment und lässt sich nicht planen.

Besonders im Theater, wo jede Aufführung für sich einzigartig ist und eine völlig andere Zeitdimension herrscht als im Film, wo man viel mehr Macht über die Geschehnisse hat. Was man aber machen kann, ist einen bestimmten Geschmack zu formen, sodass das Publikum offener und toleranter für gewisse Experimente wird. Und das ist eine Frage nach der Bildung in einer Gesellschaft.

Ist es Aufgabe eines Festivals zu bilden oder passiert das nicht eigentlich woanders?
Es ist nicht sein eigentlicher Zweck, aber es geschieht, denn jede Art von Katharsis ist auch eine Weiterbildung der Empfindsamkeit unserer Seelen und ein Gewinn an Geist. Jede Reibung hat zur Folge, das man über seine Existenz nachdenkt und vielleicht etwas zu sehen beginnt, was man vorher nicht gesehen hat, sich Fragen stellt, die man sich vorher nicht gestellt hat. Man geht zu einer Aufführung, um Außergewöhnliches zu erleben. Der Kosmos des Individuums wird vergrößert.

Ob man das als Bildung sieht: Ja, ich würde sagen es ist mehr als Bildung, es ist ein Reichtum und wer hat schon etwas gegen Reichtum? Das Schöne ist, dass das Schätze sind, die einem niemand nehmen kann. So gesehen geht es um die Unendlichkeit des Individuums