Podiumsdiskussionen über "Publikumswandel(?)" im Konzerthaus – ein erster Bericht

Podiumsdiskussionen über “Publikumswandel(?)” im Konzerthaus – ein erster BerichtAm Montag fand im Wotruba-Saal des Konzerthauses im Rahmen von Wien Modern die von mica-music austria organisierte, in 3 Panels ablaufende Podiumsdiskussion “Publikumswandel: Herausforderungen für die Kunstmusik in der ganzen Welt” statt, mit Diskussionen auch des (dortigen) Publikums. Sie wurde gemeinsam mit dem International Music Council (IMC) und der – nicht zu vergessen in Salzburg 1921 gegründeten – Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) abgehalten (wieder kräftige Lebenszeichen mit neuem Team). Im Anschluss lud das BMUKK (MinR Mag. Hildegard Siess) zu einem Empfang ins Schubert-Saal-Buffet.

 
Panel 1: Insel der Seligen? Kunstmusik in Österreich und EuropaAuf die Einleitung und Begrüßung der Teilnehmer durch Peter Rantasa (Direktor des mica-music austria), der die Fragestellungen der Konferenz (Stichworte Generationswechsel im Publikum, gesellschaftlicher Wandel und Digitalisierung, internationale Dimensionen der “Kunstmusik”, orale Traditionen in vielen Teilen der Welt, etwa in Brasilien) noch einmal prägnant zusammenzufassen suchte, trat als Moderator und auch als Mitdiskutant Lothar Knessl auf den Plan, als Gründer und langjähriger mica-Präsident und als nunmehriger Vorsitzender des Kuratoriums unermüdlich auch im Vorstand des mica tätig. Er konnte ein durchaus illustres erstes Panel aus der Musikszene und deren Beobachtung und Berichterstattung vorstellen: Der Musiksoziologe Michael Huber (Wien), Angelika Möser als Generalsekretärin der Jeunesse und Susanna Niedermayr vom Zeitton/ORF Ö1 hatten Statements vorbereitet. Berno Odo Polzer war als künstlerischer Leiter von Wien Modern verhindert, kam aber später zur Diskussion und zu den anderen Veranstaltungen dazu und zu Wort.

Zur Kunstmusik generell und der meist auch darunter verstandenen “E-Musik” in Österreich und Europa meinte Knessl eingangs, er selbst finde, man könne eigentlich nicht sagen, ob und wie sich diese Musik wandelt. Er sehe eventuell etliche Nicht-Vernetzungen von Interpreten. Als teilnehmender Beobachter der Neuen Musik seit über 50 Jahren (auch in Darmstadt und Donaueschingen) und Mitgründer und erster maßgeblicher Programm-Dramaturg von Wien modern (seit 1988) sieht er den Wandel von Musik seit 30 Jahren als “im Ruhestand” befindlich. Teils gibt es auch Stagnation. Wird zu viel gefördert? Nein. Wird vieles auch nicht Sinnvolles gefördert? Vielleicht. Publikumswandel? Na ja, Donaueschingen ist mit Alt und Jung derzeit gerammelt voll. Auch Wien Modern (v. a. heuer). Das zeugt womöglich von einem hierarchischen Qualitätsbewusstsein. Die Jungen tun eigentlich, älter sie werden so weiter wie die Alten. Das garantiert den Bestand, andererseits besteht die Gefahr eines Abreißens von “Neuem”. Das Interesse des Publikums ab 14 Jahren, auch aus musikliebendem Elternhaus, stagniert, vielleicht aus Entwicklungsgründen bedingt und normal. Und, aber: Die Annahme schulischer Initiativen wird durch die Kulturpolitik derzeit sträflich vernachlässigt. Das betrifft auch die Lehrerausbildung und die musische Bildung generell. Und die schrittweise Reduktion des Musikschulunterrichtes.

 
In Wien funktioniert es noch mit dem Publikum, das in die Konzerte geht, das ist aber eine Minderheit. Insel der Seligen? An der Musikuniversität gibt es österreichische, aber auch sehr viele ausländische Studierende, die Wien oder Salzburg als ein Zentrum der Musik halten.

Michael Huber referierte aus den vorhandenen “Kulturstudien” (2007 für Österreich, 2008 für Wien), die kaum Aufschluss über die zeitgenössische Musik enthielten. “Zeitgenössische Musik ist Luxus”. Man muss heute halt denken “Das MUSS ich gesehen haben”, dann geht man auch hin. In der wahrscheinlich auf uns zu kommenden Wirtschaftskrise wird die Freizeit immer kostbarer. Vielleicht wird das Publikum für Konzerte zahlenmäßig weniger. Huber beobachtet als Soziologe den Trend, auch in der Werbung generell nunmehr stärker auf die Bedürfnisse der wachsenden älteren Generation einzugehen. Problematisch sei aber eben auch die Teilnahme der 15-25jährigen an der Musik. Was tun? Neue Publikumsschichten erfassen, das Ausbildungsangebot überdenken und verbessern, die mangelnden Musikschulplätze in Wien schleunigst zum Problem machen und sie vermehren.

Angelika Möser als große österreichweite Veranstalterin für die Jugend sah ihr Hauptinteresse in der Vermittlerrolle. Auch für die Jeunesse hat sich das Umfeld geändert, die Jugend geht auch woanders hin, es gibt mehr und andere Veranstalter, andere Angebote für die Jugendlichen. In Wien ist auch die “Jeunesse” mit großem Angebot gesegnet, es gibt viel Publikum hier. In der “Provinz” ist das schwerer. Vielleicht sinkt das Niveau der Allgemeinbildung, die man als Veranstalter bisher vorauszusetzen können glaubte. Es muss noch mehr Info geben, mehr Hilfestellung. Künstler, die für die Jeunesse auftreten, müssen mehr auf das Publikum zugehen. Natürlich gibt es Persönlichkeiten, die vom Publikum besonders favorisiert und bewundert werden. Das seien eben solche, die dieses Publikum erreichen, sie werden daher auch weiterhin engagiert. Die Jugend reagiert gerne rasch mit E-Mails und schreibt weniger oft lange Briefe, die mehr Zeit bräuchten – auch darauf sollte man eingehen.

 
Susanna Niedermayr erläuterte die Philosophie des Ö1-ZeitTons. Die Sendungen umfassen viele Genres der aktuellen Musik, es gibt verschiedene ModeratorInnen, aber alles müsse spannend sein. Sie wisse oft nicht, wer ihr da genau immer zuhöre, aber die Anzahl der interessierten Hörer insgesamt sei sehr gut. Sie selbst habe sich einmal gefreut und gewundert, dass bei einem würdigen Essen im Elternhaus mit Verwandten und Bekannten, als sie sich vorstellen musste, sie anschließend von allen erfuhr, dass diese auch, darunter etliche Ältere und Pensionisten, den ZeitTon gelegentlich und immer wieder hörten.

Die Art der Info sei immer eine Gratwanderung, schließlich gäbe es wahrscheinlich viele, die sich langweilen bei Infos, die sie schon längst kennen, gleichzeitig solle man aber neu Interessierte gut und verständlich informieren, und auch differenzieren. Sie habe sich für die Neue Musik und die Geheimnisse bei Stockhausen vor ihrem Beginn als Radiojournalistin lange nicht in erster Linie interessiert, sondern für Popmusik und Jazz, zunehmend für die elektronische Subkultur und ihre auch manchmal extremsten Verzweigungen. Aber immer mehr alternative Elektroniker, die von ganz woanders kommen (Techno, DJ-Kultur, Noise, Punk etc), die frei improvisieren wollen und keine geschlossenen, unveränderlichen Formen suchten, interessieren sich auch für Komposition und Neue Musik. 2005 war Stockhausen beim Nu-Music-Festival in Stavanger eingeladen, und natürlich berichte sie gerne über solche neuen Tendenzen.

Kehrumschlüsse von Lothar Knessl, Beiträge auch aus dem Publikum prägten die kurze erste Diskussion. Heinz Rögl nahm sich ein Herz und meldete sich zu Wort, indem er meinte, Mängel in der musikalischen Bildung und die Notwendigkeit der Vermittlung wäre bei allen Beiträgen die gemeinsame Klammer gewesen. Aber Vermittlung von Musik sei eben vor allem eine Face to Face-Angelegenheit. Es gäbe keinen Künstler, der bei einem Interview nicht auf Anhieb andere Personen oder Lehrer als Vorbilder nennt, die ihre Beschäftigung mit Musik und mit etwas, das sie auch versuchen wollten, im persönlichen Kontakt bestärkt und ermutigt haben. Ein Musikinstrument zu lernen, erfordere ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. Er habe zu oft das Wort “man” gehört und nicht “ich” oder “wer” die und wie die Vermittler sein sollen (man müsste Internet nutzen, man müsste Einführungstexte für die Älteren größer drucken, noch prägnanter für Jugendliche schreiben). Warum betont man nicht auch genauso, dass es Individuen und Persönlichkeiten sind, die einen neugierig und wissbegierig machen. Auch im Rundfunk sei das möglich (er sagte es nicht, dachte aber an die allseits bekannt gewordenen “Radiostimmen” von WaRiLa, der auch einmal Blödsinn reden konnte, oder auch Lothar Knessl, der einen unverwechselbaren, genauen und lauteren Präsentationsstil hat, oder auch an Susanna Niedermayr, die er trotz anderen Interessenschwerpunkten als seinen eigenen schätzt. Er dachte an den eigenen Geigenlehrer, um dessentwillen er auf den professoralen Musikunterricht am Gymnasium schon mit 14 Jahren pfiff und sich fanatisch und unermüdlich auf einmal mit nicht mehr gängigen und schon verstorbenen Dirigenten, mit der Oper, mit Wagner und Bruckner, mit dem Entziffern einer Partitur beschäftigte .). Es geht um Menschen, die sich für etwas einsetzen und davon überzeugt sind und einen (auch als Jugendlichen in einer Schulklasse) “anzünden” können. Dann erlahmt das Interesse nie mehr. Ich habe während meines Studiums mehr als 10 Jahre kaum mehr Geige gespielt. Na und ? Seit zwanzig Jahren spiele ich wieder in einem (Amateur-) Orchester mit und übe auch gelegentlich.

 
Panel 2 (in englischer Sprache): Vom Aussterben bedroht? Kunstmusik anderswo

Endangered music around the World, Unter Peter Rantasas Moderation gab es Statements von verschiedenen Mitgliedern des Executive Board des International Music Council (IMC), das unter dem obigen Motto zugleich eine Vorbereitungsdiskussion zum nächsten World Forum on Music im Oktober 2009 in Tunis darstellte. Wir werden die Statements ins Deutsche übersetzt nach der Transkription der Mitschnitte in den Musiknachrichten veröffentlichen.

Hier nur zunächst nur so viel: Es sprach zuerst Richard Letts, der Begründer (1994) und Direktor des Music Council in Australien, seit 2005 auch Präsident des IMC über seine Erfahrungen, Liane Hentscke über die ihren in Brasilien, wo sie Professorin für Music Education und auch Direktorin des Music Department ist. Lupwhishi Mbuyamba aus der Republik Kongo ist Director of the Observatory of Cultural Policies in Africa und Präsident der International Federation for Choral Music. Er widmete der jüngst verstorbenen Miraim Makeba herzerwärmend seine persönlichen Erinnerungen über ihre Auftritte in Afrika. Weiters waren Gary Ingle (USA) sowie Valentina Diaz-Frenot aus Paraguay am Wort

Panel 3: Wohin? Publikumswandel – Herausforderung und Chance

Moderator Bruno Strobl (Komponist und seit April 2008 Präsident der IGNM Österreich) leitete das um 19.30 Uhr beginnende, interessante dritte Panel.

 

Constanze Wimmer, die von 1999-2002 den Bereich “Kinder- und Jugendprojekte” bei der Jeunesse betreute und derzeit an der Anton Bruckner Universität in Linz einen Lehrgang “Musikvermittlung – Musik im Kontext” installiert, klagte über Instrumentalisten an Unis, die sehr häufig weder mit Improvisation noch mit Neuer Musik konfrontiert werden. Sie beschrieb das Feld der Musikvermittlung als eines, das den geänderten Bedürfnissen des Publikums (ob es sich nun gewandelt hat oder nicht) auf vielfältige Weise Rechnung trägt, damit Zugänge zur Kunstmusik über Kommunikationswege wie interdisziplinäre Konzertformen oder vorbereitende Workshops an Schulen oder für Familien möglich werden.

 


Wolfgang Gratzer, profilierter Musikwissenschaftler an der Universität Mozarteum, zuweilen brillanter Autor bei den Salzburger Nachrichten, hat Forschungsschwerpunkte in der Musik der Gegenwart, auch in Fragen der musikalischen Interpretation und Rezeption (u .a. Geschichte des Musikhörens, Geschichte der Bearbeitungen). Er sagte, man könne gar nicht fragen “Wo bleibt das Publikum?”, da müsse es einen Plural geben. Musikhörer gibt es vielfältig. Allerdings gebe es heute den “Trend zum Event”. Was will ein Publikum unbedingt erleben. WER spielt, WAS ist auf dem Programm, WEN hört man. So waren es eben die bei vielen renommierten Salzburger Festspiele, wo es die Leute zu einem Morton Feldman-Kammermusikstück zog, das mehrere Stunden dauerte und die andächtig zuhörten. An manchen Konzerten ist eben was Besonderes dran und es bilden sich geduldige Schlangen an Eintrittskassen.