RSO Musiklabor (c) Theresa Wey
RSO Musiklabor (c) Theresa Wey

„Musik wird mit dem Kopf und mit dem Herzen verarbeitet“ – LEONARD ERÖD im mica-Interview

Bereits seit sieben Jahren bietet das ORF RADIO-SYMPHONIEORCHESTER WIEN das Format „my RSO Musiklabor“ an. Vor Kurzem fand das erste Musiklabor in dieser Saison statt. Malina Meier sprach mit LEONARD ERÖD, der das Musikvermittlungsformat konzipiert und moderiert, nach einer Orchesterprobe im RadioCafe.

Wie gestaltet sich das Format „my RSO Musiklabor”?

Leonard Eröd: Die Idee ist, dass man über eine Saison mehrere Termine mit den gleichen Schulklassen der Mittelschule hat. Ich richte mich dabei immer nach der Saisonvorschau. Es läuft so ab, dass ich zuerst mit zwei Kollegen in die Schulklasse gehe und das Stück vorbereite, das die Schülerinnen und Schüler ein paar Tage später im RadioKulturhaus hören. Mir ist wichtig, eine gewisse Kontinuität über die Saison herzustellen und einen pädagogischen Bogen bauen zu können. Dass es nicht einfach nur ein einmaliger Konzertbesuch ist, sondern dass vielleicht ein bisschen mehr hängen bleibt. Es ist natürlich eine grundsätzliche philosophische Frage in der Musikvermittlung: Ist es besser, möglichst viele Leute in ein Konzert zu bekommen oder weniger Leuten einen tieferen Einblick zu geben? Mein Ansatz ist, dass diejenigen, die kommen, auch Tools erhalten, wie man da hören und was man erwarten kann, wie man davon profitieren kann.

„[…] dem Komponisten ein bisschen über die Schulter schauen […]“

In dieser Saison findet das „Musiklabor“ mit Igor Strawinskis „L’oiseau de feu”, Pjotr I. Tschaikowskis „Symphonie Nr. 2“ und George Gershwins „Cuban Ouverture” statt. Warum diese Stücke bzw. warum sind diese Stücke besonders gut für das Format geeignet?

Leonard Eröd: Das ist in allen drei Fällen Musik, die sehr direkt wirkt, auch wenn man nicht klassisch vorgeschult ist. Beim „Feuervogel“ war meine Idee, über das Geschichten-Element zunächst einmal die Leute ein bisschen anzuteasern, sich der Musik sehr intuitiv zu nähern und Assoziationen zu finden. Bei Tschaikowski werde ich versuchen, dem Komponisten ein bisschen über die Schulter zu schauen: Was macht er da, was sind die Instrumente im Orchester und mit welchen Tricks kann man welche Stimmung erzeugen? Ich werde mich dabei vor allem mit dem letzten Satz beschäftigen, weil der auf einem ukrainischen Volkslied basiert, das man gemeinsam singen kann. Und wenn man die Melodie gut kennt, dann kann man leicht erkennen, wie oft und in welchen Formen sie in dem Stück eingebaut ist.     

Auf welche Weise wird die Musik im Konzert vermittelt und wie wird mit ihr umgegangen?

Leonard Eröd: Ich versuche, viele Spiele einzubauen, an denen sich die Zuhörerinnen und Zuhörer beteiligen können. Wir haben zum Beispiel bei Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung” ein Instrumentationsspiel gemacht. Dafür habe ich eine große Tutti-Passage verwendet und diese in hohe, mittlere und tiefe Instrumente aufgegliedert, jeweils aus allen drei Instrumentengruppen: Blech, Holz und Streicher. Dann durften die Kinder die Gruppen selbst zusammenstellen: Zum Beispiel waren als obere Stimme vom Holz die Oboen zu hören, als mittlere Stimme der Streicher die Bratschen und als die tiefe Stimme vom Blech die Tuba. Dann haben wir uns angehört, wie das klingt, und verschiedene Versionen ausprobiert.

Oder, was auch sehr nett war, war, spontan Texte zur Musik zu finden, wie bei der 2. Symphonie von Brahms. Da gibt es ganz am Anfang dieses Motto [singt] und ich habe mir gedacht, dass man etwas Sprachliches daraus machen soll, das immer wieder kommt. Ich dachte mir, dass man es zum Beispiel auch im Kanon sprechen kann, etwa an einer Stelle, wo das in der Musik auch so vorkommt. Aber mir ist kein Text eingefallen, der wirklich dieser Stimmung entspricht, und ich habe mir gedacht, dass ich es darauf ankommen lasse und einfach die Kinder im Konzert frage. Ich habe nur gesagt: „Wir brauchen einfach vier Silben mit Betonung auf der letzten Silbe, passend zur Stimmung der Melodie.“ Ein Bub hat aufgezeigt und gesagt: „Ich bin allein.“ Das war so rührend und gleichzeitig so perfekt. Das konnte ich dann gleich in den weiteren Verlauf des Konzerts einbauen.

„Meistens stelle ich mir einfach die Zuhörerinnen und Zuhörer vor.“

Wie gestalten Sie Ihre Moderation?

Leonard Eröd: Eigentlich sehr intuitiv, zuerst einmal geht es darum, was ich überhaupt vermitteln will. Die Formulierungen ergeben sich dann relativ intuitiv, meistens stelle ich mir einfach die Zuhörerinnen und Zuhörer vor. Ich habe dann meinen Spickzettel, auf dem Stichwörter stehen. Meistens mache ich für mich einen Durchlauf zu Hause, damit ich sehe, wie lange es ungefähr dauert. Aber wichtiger ist für mich, was ich anbringen und einbringen möchte. Das passiert meistens eher im Moment. Ich glaube auch, dass das gut ankommt – mir selbst fällt es auch leichter, jemandem zuzuhören, der frei spricht, als jemandem, bei dem ich das Gefühl habe, dass er einfach etwas auswendig Gelerntes vorträgt.

Welchen Vorteil sehen Sie darin, dass Sie Orchestermusiker sind und nicht von außerhalb dazukommen?

Leonard Eröd: Es gibt sehr viele Vorteile. Ich kenne die Struktur, ich weiß, wie Orchestermusikerinnen und -musiker funktionieren, welchen Ablaufplan die Musizierenden brauchen, was geht, was nicht geht, wie viel Zeit ich ihnen geben muss, um weiterzublättern – einfach mal so ganz grundsätzliche Sachen. Ich kenne natürlich auch den Dirigenten und ich glaube, dass man Inhalte als Praktikerin bzw. Praktiker grundsätzlich anders vermittelt. Was mich oft in der Musikvermittlung stört, ist, wenn der Vermittler oder die Moderatorin die gleiche Distanz zum Orchester hat wie zu den Zuhörerinnen und Zuhörern. Dann kommen so Sätze raus, wie: „Kinder, seid schön leise, weil das sonst die Musikerinnen und Musiker beim Spielen stört, die können sich sonst nicht konzentrieren.” Das ist ja völliger Blödsinn! Erstens stört es uns Musikerinnen und Musiker wirklich kaum und zweitens stört es vor allem die Kinder selbst. Sie versäumen ja etwas und nehmen sich selbst das Vergnügen.

Was hat es noch für Vorteile? Ich habe es auch schon oft so gemacht, dass ich mich bei großen Besetzungen am Schluss ins Orchester gesetzt habe und ein längeres Stück mitgespielt habe. Das hat auch einen coolen psychologischen Effekt, weil die Zuhörerinnen und Zuhörer sehen, dass ich wirklich weiß, wovon ich spreche. Ich glaube schon, dass das einen Unterschied macht.

Spontan und flexibel reagieren

Welche Fähigkeiten sollte Ihrer Meinung nach eine gute Moderatorin bzw. ein guter Moderator haben?

Leonard Eröd: Authentizität ist ja fast schon ein Allgemeinplatz. Aber ich mag grundsätzlich Musikvermittlungsformate nicht so gern, wo man sich hinter Rollen versteckt. Beim „Musiklabor“ ist es auch wichtig, dass man spontan ist und flexibel reagieren kann. Das Feedback, das man bekommt, ist auch für meine Kolleginnen und Kollegen das Wichtigste, sie freuen sich über jedes freche Kind, wenn es etwas Cleveres sagt.

Was ist Ihr eigener Ansporn, dieses Format umzusetzen?

Leonard Eröd: Zunächst ist es mir immer wichtig gewesen, auch andere Menschen von dem zu begeistern, was mich begeistert. Zwischendurch habe ich auch als Orchestermusiker eine kleine Krise gehabt und habe diese Arbeit dann umgekehrt selbst gebraucht, um mich wieder vom Feedback der Kinder für meinen eigenen Job begeistern zu können.

Die ursprünglichste Idee des „Musiklabors“, von der ich inzwischen schon ein bisschen abgekommen bin, weil es wahrscheinlich ein zu schulischer Zugang war, war, dass man den jungen Leuten Werkzeuge gibt, um ins Orchesterkonzert zu gehen: Wie gehe ich da rein, was erwartet mich, mit welcher Strategie höre ich zu? Denn das ist ja schon ein sehr eigener Kosmos und wir Musikerinnen und Musiker nehmen es auch sehr wichtig, dass man versteht, was zum Beispiel der Unterschied zwischen Mozart und Tschaikowsky ist. Nach wie vor basiert das Konzertleben, so wie es heutzutage ist, ja auch sehr auf – jetzt kommt das Wort doch – „bildungsbürgerlichen” Ansprüchen. Es ist zugeschnitten auf ein Publikum, das sich zumindest in diesem Koordinatensystem auskennt und versteht, was es bedeutet, wenn zuerst eine „Figaro“-Ouvertüre kommt, dann ein Beethoven-Klavierkonzert und im zweiten Teil eine Bruckner-Symphonie. Und das war meine ursprüngliche Idee, dass man sozusagen auf eine spielerische, experimentierfreudige Art diese Faktoren kennenlernt, die man eigentlich in einem Konzert genießen kann, sich also nicht nur berieseln lässt.

Ich finde, dass das Tolle an der Rezeption von Musik grundsätzlich ist, dass man sie sowohl mit dem Kopf als auch mit dem Gefühl oder mit dem Herzen verarbeitet. Und am besten kommt – zumindest bei mir – Musik an, wenn sie beide Ebenen bedient.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Malina Meier

Link:
my RSO Musiklabor