mica-Interview mit Fritz Thom (Jazzfest Wien)

Am 29. Juni startete das Jazzfest Wien. Und einmal mehr besticht das Programm mit seiner ungemeinen Vielfalt und Extraklasse. Grund genug für Markus Deisenberger nachzufragen. Ein Interview mit Fritz Thom, dem Leiter des Jazz Fests Wien und Vorstand der International Jazz Festivals Organization, über intelligentes Programm, Veranstalter-Mehrwert und antizipierten Massengeschmack.  

“Als ob es kein Morgen gäbe”

Das Angebot des Wiener Jazzfestivals ist sehr breit und reicht von Jazz bis hin zu Klassik und Pop. Notwendigkeit oder Konzept?
Ich war immer gegen jegliche Sektiererei. Mein persönlicher Geschmack ging immer weit über den Jazz hinaus. Ich höre auch gern Klassik, Blues, Pop und auch viel asiatische Musik. Dass der Jazz so intellektualisiert wurde, ist überhaupt ein vorwiegend europäisches Phänomen. Schließlich wurde er in den Etablissements und auf dem Dancefloor erfunden. Schubladen sind eine Erfindung der Medien und Musikindustrie. Das Publikum kennt diese Schubladen nicht und auch die Musiker selbst sind viel offener: Der Freejazzer Cecil Taylor etwa war einer der größten Stevie Wonder-Fans und Herbie Hancock wollte nach seinen Konzerten immer in die Disco.

Viele Jazz-Fans sehen das strenger.
Als Pharaoh Sanders Blues sang, wurde er von den Medien angefeindet. Als ich Sun Ra oder John Lurie und die Lounge Lizards veranstaltete, wurde ich belächelt. Das sei doch kein Jazz, hieß es. Und als ich Fela Kuti 1979 in die Sophiensäle brachte, wurde geschrieben, der könne ja gar nicht spielen, die Instrumente seien nicht gestimmt. Die Geschichte aber gibt denen Recht, die etwas wagen. Jazz ist Unterhaltungsmusik und hat eine Bandbreite weit hinein in den Blues und Rock´n´Roll. Das hat alles Platz in einem Jazzfestival. Und genau deshalb ist der Jazz ja auch nicht tot. Der Spruch von Zappa wird ja ohnehin immer völlig aus dem Zusammenhang gerissen zitiert.

Aber manche Verpflichtungen wie etwa die von Madeleine Peyroux sind doch auch  eine Konzession an den Massengeschmack?
Nicht unbedingt. Gerade ihr Engagement hat eine lange Vorgeschichte. Ich verfolge sie schon seit acht Jahren. Und Melody Gardot wurde uns schon vor zwei Jahren von ihrer Plattenfirma angepriesen. Seitdem auch bemühe ich mich um sie. Vieles entsteht also schon lange vor dem kommerziellen Erfolg. Natürlich gibt es auch Hypes. Den um Duffy beispielsweise. Erst neulich wurde mir von einem Kollegen zugetragen, dass sie 200.000 Euro für einen Auftritt bekommt. Da rollen sich bei mir sämtliche Nägel auf.

Wie findet man den Spagat zwischen kommerzieller Notwendigkeit und Liebhaberei?
Im Fall Duffy hätte man eine Jahr vorher die Nase haben müssen, sie zu verpflichten. Da wäre sie noch für 12.000 Euro zu haben gewesen. Kurz bevor die mediale Bombe einschlug, hätte man sie buchen müssen. Zu solch einem Zeitpunkt haben wir etwa Jamie Mc Cullum veranstaltet. Wenig später schon ist ihm das Geld regelrecht nachgeschmissen worden. Aber was ich sagen will ist: Selbst wenn das eigene Herz dran hängt, muss man die Relevanz eines Acts leidenschaftslos beurteilen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss stimmen.

Wenn nicht aus Leidenschaft, warum tut man sich das Veranstaltergeschäft nach so vielen Jahren dann überhaupt noch an?
Weil die Herausforderung immer größer wird. Ressourcen werden knapper und knapper und die Konkurrenz stärker und stärker.

Das heißt, das Geschäft ist schwieriger geworden?
Schwieriger und anspruchsvoller. Als Veranstalter musst du dich viel mehr einbringen als früher.

Wie schafft man es überhaupt noch, sich in der Flut von Festivals zu positionieren?
In einer Zeit, in der auf jedem Acker und an jedem Badesee ein Festival stattfindet, gilt es Intelligenter zu programmieren als die Fließbandabteilung. Man muss schauen, dass man Gruppen findet, die selten unterwegs sind, Spezialprojekte organisieren und nach anderen Schauplätzen suchen.

Klingt nach hohem Rechercheaufwand.
Erstens das. Und du brauchst viele Vertrauensleute bei den Plattenfirmen in New York, Los Angeles und Asien…

Auch Spezialprojekte anzuleiern klingt erst mal einfacher als es wohl ist.
Zumal Sommer die Hauptarbeitszeit ist, in der die meisten Künstler mit der Stammformation unterwegs sind, um so viel wie möglich zu verdienen. Spezialprojekte erfordern ein großes Maß an Kenntnis und Bekanntschaft. Um eine Band dazu zu überzeugen, für ein Spezialprojekt drei Tage in Wien zu bleiben, wo sie doch in diesen drei Tagen woanders weitaus besser verdienen könnte,
bedarf es einiger Überzeugungskraft.

Du hast die besonderen Schauplätze angesprochen. Das Jazzfest Wien hat sehr früh die Staatsoper für sich entdeckt. Heute habt ihr ein wirklich breites Spektrum an Veranstaltungsorten. Wieso?
Weil es darum geht, Synergien zu nutzen.

 

 

Was genau meinst Du damit?
Nur die Präsentation guter Musik ist nicht mehr genug. Als Veranstalter heute muss man einen Mehrwert bieten.

Was macht nun aber den speziellen Reiz aus, eine Band wie R.E.M in der Staatsoper zu erleben?
R.E.M sind eine Band, die man schon auf Open Airs, in Mehrzweckhallen und in Stadien erleben konnte. An einem Ort aber, der solch eine Geschichte und derart spezielle akustische Voraussetzungen aufweist wie die Wiener Oper, noch nicht.

Oft wurde der Vorwurf geäußert, eine Location wie die Oper sei zu elitär.
Die Frage ist, was ich dem Publikum zumuten kann, denn Publikum zu sein ist heute ein harter Job. Parkplatzsuche, schlechtes Wetter, miserabler Sound… Warum also nicht einfach dort hin gehen, wo die Akustik stimmt und man mit der Straßenbahn bis vor die Tür fahren kann? Wo es bequeme Sessel und eine Parkgarage gibt. Elitär wäre es ja doch nur dann, wenn wir statt Normalverbraucherpreisen gesalzene Preise verlangen würden, was wir nicht tun.

Bleiben wir bei den Vorwürfen. Vergangenes Jahr war im gleichen Atemzug mit der Meldung einer tollen Auslastung des Festivals jener zu lesen, das Programm sei insgesamt zu kommerziell ausgerichtet.
Wie heißt es so schön: Allen Menschen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann. Jemandem, der klein ist, wird man medial immer mehr Sympathien entgegen bringen als einem Etablierten. Das wahre Problem aber ist: Es gibt nur wenige wirklich gute Journalisten und zu wenig Platz in den Medien, um etwas transportieren zu können. Deshalb haben wir im Internet unsere eigenen Multiplikationsplattformen aufgebaut. Niemand kann so aktuell, so umfassend und auf den verschiedensten Ebenen über unsere Konzerte berichten und Informationen über unsere Acts aufbereiten wie wir selbst.

Das klingt, als hätten sich die Medien, zumindest was ihren kulturellen Auftrag anbelangt, selbst abgeschafft.
Vor allem die so genannten Qualitätsmedien. Wenn in einem Massenmedium hundert Mal geschrieben wird, Jazz sei Dreck und Dinge wie “Danke für den verlorenen Abend”, wird sich jemand, der nicht firm ist und kein wirklicher Fan, drei mal überlegen, ob er in ein Konzert von uns kommt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele erboste Reaktionen von Fans auf solche Artikel wir schon bekamen. Fans, die sich darüber beschwerten, dass die Rezensenten in einem anderen Konzert gewesen sein müssen. Aber mittlerweile hat sich dieses Problem eben auch sehr relativiert. Unser Bedarf an massenmedialer Unterstützung ist nicht mehr allzu groß. Wir lassen jährlich erheben, was Besucher zu uns führt: Der Anteil, den so genannte Qualitätsmedien ausmachen, ist ein verschwindend geringer. Anspruch und Wirklichkeit klaffen da weit auseinander.

Wo findet Information statt?
Nirgends mehr. Es ist sehr spannend, wie sich das entwickelt hat: Vor zehn Jahren musste man es sich mit Journalisten gut stellen und war dann oft gefrustet, wenn Leute gemeuchelt werden. Heute geht der Fan, bevor er morgens in die Arbeit fährt, auf unsere Seite und bekommt da einen genauen Bericht über das Konzert mit Stimmungsbildern und allem drum und dran. Durch den Aufbau sozialer Plattformen, hat das noch einmal eine ganz neue Dynamik erhalten.

Fördert ihr Web 2.0?
Unbedingt. Wir sind überall vertreten. Vor etwa acht Jahren haben wir angefangen Rezensionen auf die Site zu stellen, weil die erschienenen Rezensionen teils einfach absurd waren, eigene Konzertberichte zu schreiben, zu verlinken, Hörproben online zu stellen etc.

Bleibt die Frage: Wo kommen die Leute her, die zu euren Veranstaltungen kommen bzw. wie finden sie zu euch?
Über Suchmaschinen, andere Jazzfestival-Seiten, Tourismusportale. Österreichische Massenmedien spielen eine eher untergeordnete Rolle, Fachzeitschriften operieren im Promillebereich. Die Kommunikationswege sind heute einfach anders: Kürzer und direkter. Nichts ist uninteressanter als die Neuigkeiten von gestern.

Wo bekommst Du Deine Informationen her?
Zwischen den Veranstaltern funktioniert der Informationsfluss sehr gut. Nur muss, was dem einen gefällt, dem anderen noch lange nicht gefallen. Deshalb kommt noch Internetrecherche dazu und sehr viele Gespräche mit Vertrauensleuten von Plattenfirmen in New York, Los Angeles, Asien… Das Resultat ist eine schier unüberschaubare Flut an Mails. Die meisten interessanten Sachen erfährt man auf Meetings und Veranstaltungen direkt vor Ort.

Gehen wir zum aktuellen Programm Hast Du ein persönliches Highlight?
Vielleicht den kirgisischen Pianisten Eldar. Das erste Mal hab ich ihn gehört, als er erst fünfzehn Jahre alt war und schon da war ich restlos begeistert. Seitdem bemühe ich mich um ihn, aber erst jetzt, da er 21 und einer der wohl besten Pianisten weltweit ist, hat es geklappt. Mit Seun Kuti kommt außerdem der jüngste Sohn und legitime Nachfolger des großen Fela Kuti samt dessen Original-Band Egypt 80. Marianne Faithful kommt mit einem ihrem wundervollen letzten Album im Gepäck.

 

 
Bei Stars wie Mercedes Sosa oder Marianne Faithful geht es sicher auch drum, sich von der aktuellen Form des Künstlers ein Bild zu machen…
Die Zeiten, als man von der CD weg Künstler verpflichten kann, sind sowieso vorbei. Paul Anka ist das beste Beispiel. Bei ihm bin ich extra in die USA gereist, um ihn zu hören. Dort konnte ich mich vom immer noch genialen Entertainer-Sound überzeugen. Ich wurde Zeuge eines Wahnsinnskonzerts mit einer Big Band-Power, wie man sie heute kaum noch findet.

Vor Jahren war das Jazzfest auch einmal in der Clubschiene aktiv. Die Verquickung von jazz und Clubkultur hat sich allerdings aufgehört. Weshalb?
Damals war die ganze Szene, dh die DJ-Culture sehr stark. Zum einen sind diese Acts dann wieder in Richtung Band-Format gegangen. Zum anderen haben die Darbietungen meine musikalischen Hoffungen oft nicht oder nur knapp erreicht – vor allem was die Präsentation anbelangt. Meinen Beobachtungen nach hat sich die letzten zwei, drei Jahre in diesem Bereich auch nicht wirklich etwas ergeben, was präsentierenswert wäre. Aber ich lasse mich immer gerne überraschen.

Ist die Weltmusik die Zukunft des Jazz?

Ob Stan Getz mit Joao Gilberto oder Don Cherry mit afrikanischen Musikern: Als dieser Terminus Weltmusik auftauchte, gab es sie schon längst – und zwar eng verflochten mit dem Jazz. Nimm Sergio Mendes: Der ist Jazzmuiker, der in die Popmusik ging. Gilberto Gil und viele andere. Was ich sagen will ist: Eine Grenze zwischen Jazz und Weltmusik gab und gibt es nicht. Genauso wie es keine Definitionsgrenze zwischen Jazz einerseits und Blues und Pop andererseits gibt.

Du hast den asiatischen Markt erwähnt. Dort bist Du sehr aktiv. Was genau tust Du dort?
Gerade bin ich daran beteiligt, ein Festivalnetzwerk in Japan aufzubauen. Dann gibt es Festivals in Djakarta, Kuala Lumpur, Bangkok und Malaysia, die ich betreue. Beim Java-Jazzfestivals neulich hatten wir hunderttausend Leute

Und was genau ist Deine Aufgabe?
Ich unterstütze die lokalen Veranstalter mit Know How, schaue, dass sie die Gruppen zu fairen Marktpreisen bekommen, dass die Logistik stimmt. Asien wird die erste Gegend sein, die aus der Krise kommen wird. In Asien gibt es einfach sehr viel Kapital. China hat einen Großteil der amerikanischen Schuldverschreibungen gekauft. Und das Kapital, das früher in die USA floss, wird jetzt in eigene Festivals investiert.

Noch ein Wort zur Krise: Hat sie konkrete Auswirkungen auf das Geschäft?
Derzeit ist der Treibstoff erst einmal günstiger geworden und auch andere gewisse Produkte, dh vielfach sieht man nur die günstigen Auswirkungen, aber die internationale Lage ist dramatisch. Prognostiziert wurde, dass Juni, Juli auch bei uns der große Einbruch kommen soll. Man kann nur hoffen, dass es bei uns im Guten wie im Schlechten schaumgebremst kommt. Wir werden wohl alle Konzessionen machen und mit dem Ausfall von Sponsoren rechnen müssen. Ein mittelgroßes Veranstaltersterben wird eintreten, da es bei uns traditionell zu viele Veranstalter gibt, die zu hohe Gagen zahlen. Mehr als der Markt hergibt und als ob es kein Morgen gäbe.

Wird sich das auf den Kartenverkauf auswirken?

Eher auf die mittleren und größeren Investitionen. Die kleinen Freuden will man sich weiter gönnen.

Eine letzte Frage noch: Kommt Helge Schneider als Kabarettist oder als Jazzmusiker?
Lassen wir uns überraschen!

 

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