“Es steckt so viel Leben und Wachstum hinter der Tür des Unbekannten” – Emila Miran im MICA-Interview

Im Rahmen der QMA Artist Residency in den FIAKKA STUDIOS in Wien wurden wieder drei KünstlerInnen eingeladen um gemeinsam mit Produzentinnen an ihren Songs zu arbeiten.
Über ihre Musik, die Erfahrungen der Studio Woche sowie über ihre Hürden beim Einstieg ins Musikgeschäft erzählt EMILA MIRAN im mica – music austria Interview.

Zum Einstieg: Kannst du dein Musikprojekt kurz vorstellen? Welche Art von Musik machst du und welche Ideen oder Haltungen stehen dabei im Mittelpunkt?

Emila Miran: Das Projekt, an dem ich derzeit arbeite, ist ein zeitgenössisches Jazzprojekt, in dem Poesie, Klang und Improvisation zusammenkommen und eine sich stetig weiterentwickelnde musikalische Sprache entstehen lassen. Im Zentrum stehen meine Gedichte, die die Melodien, Rhythmen, Atmosphären und emotionalen Landschaften meiner Musik prägen. Das Projekt ist geprägt von Experimentierfreude, persönlichem Ausdruck und dem Zusammenspiel unterschiedlicher musikalischer Einflüsse.

Wie bist du zur QMA Residency gekommen und mit welchen Erwartungen bist du in diese Woche gestartet?

Emila Miran: Ich bin auf den Open Call der QMA Residency gestoßen und habe mich beworben, in der Hoffnung, einige meiner bereits bestehenden Songs aufzunehmen. Gleichzeitig wollte ich die Zeit nutzen, um mich intensiver mit Themen wie Social Media, Booking und anderen Aspekten des Projektaufbaus auseinanderzusetzen, die gerade in der Anfangsphase besonders herausfordernd sind – vor allem, wenn man so vieles davon alleine trägt. Ich habe mich darauf gefreut, konzentriert an meiner Musik arbeiten zu können und gleichzeitig in diesen unterschiedlichen Bereichen Input und Unterstützung zu bekommen.

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Während der Residency hast du gemeinsam mit Produzent:innen innerhalb nur einer Woche einen Song geschrieben und produziert. Wie ist der Song entstanden und welche Teile davon fühlen sich besonders nach dir an?

Emila Miran: Das war eine großartige Erfahrung und fühlte sich beinahe magisch an – vor allem, weil sie so eng mit den Ideen und Visionen übereinstimmte, die ich bereits für mein nächstes Projekt habe und die langsam Gestalt annehmen. Wir begannen, mit einem meiner Gedichte, A Salute to the Open Wounds, zu experimentieren. Es ist ein sehr persönlicher Text, der Gefühle und Erfahrungen widerspiegelt, die während der therapeutischen Aufarbeitung meiner eigenen Traumata aufgekommen sind.

Der Produzent, mit dem ich gearbeitet habe, verstand sowohl den Klang, nach dem ich suchte, als auch die Musikalität des Gedichts selbst. Obwohl das Gedicht auf Farsi ist, fand er einen Zugang zu seiner Melodie und seinem Rhythmus – und genau das wurde zum Kern unserer Zusammenarbeit. Gleichzeitig sind es das Gedicht, seine emotionale Bedeutung und die Art, wie ich seine Melodie und seinen Rhythmus mit meiner Stimme zum Ausdruck bringe, die den Song zutiefst zu meinem eigenen machen.

Wie hast du die Zusammenarbeit im Studio erlebt? Gab es Momente, in denen eure unterschiedlichen musikalischen Hintergründe zu etwas geführt haben, auf das du alleine vielleicht nicht gekommen wärst?

Emila Miran: Zwischen den Produzent:innen und mir herrschten eine große Offenheit und Neugier, wodurch sich unsere Begegnungen im Studio sehr intim und echt angefühlt haben. In gewisser Weise glaube ich, dass die Klänge, die ich erschaffe, immer schon irgendwo in mir vorhanden sind. Durch die Zusammenarbeit bekam ich jedoch Zugang zu anderen Werkzeugen und Perspektiven, die mir geholfen haben, diese Klänge in die Musik zu bringen.

Die Produzent:innen brachten außerdem Ideen ein, die vielleicht bereits irgendwo an einem dunkleren oder weniger bewussten Ort in mir vorhanden waren. Die Offenheit des Prozesses hat es ermöglicht, dass diese Ideen zum Vorschein kommen und Gestalt annehmen konnten.

Was nimmst du über den entstandenen Song hinaus aus der Residency mit?

Emila Miran © kajmakmedia

Eine Tür zu meinem neuen Projekt hatte sich bereits geöffnet, aber die Residency hat mir ermöglicht, das Haus tatsächlich zu betreten. Den Ideen und Visionen zuzuhören, die bereits in mir vorhanden waren, hat mir deutlicher gezeigt, wie ich meinen Weg fortsetzen möchte und welche Klänge aus den verschiedenen Teilen meiner selbst gerade zum Leben erwachen. Die Residency hat mir den Raum gegeben, mir selbst zuzuhören, meinen künstlerischen Entscheidungen zu vertrauen und besser zu verstehen, wie ich weitergehen möchte.

“Während der Residency habe ich verschiedene Möglichkeiten kennengelernt, wie man an die Musikbranche herangehen kann.“

Eines der Ziele der Residency ist es, Verbindungen innerhalb des österreichischen Musikmarkts aufzubauen. Wie zugänglich empfindest du die österreichische Musikszene? Ist es relativ einfach, einen Weg hinein zu finden, oder gibt es Barrieren, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind?

Emila Miran: Ich trete mit meinem aktuellen Musikprojekt erst seit etwa zweieinhalb Jahren auf. Deshalb bin ich noch dabei zu lernen, wie ich mich in der österreichischen Musikszene zurechtfinde und meinen Platz darin finden kann. Während der Residency habe ich verschiedene Möglichkeiten kennengelernt, wie man an die Musikbranche herangehen kann. Dabei wurde mir bewusst, dass ich mehr Energie darin investieren muss, auf Veranstaltungsorte, Festivals, Radiosender und andere Plattformen zuzugehen. Als introvertierter Mensch fällt mir das nicht immer leicht, aber ich lerne, dass es ein wichtiger Teil davon ist, mein Projekt aufzubauen.

Was sind deiner Erfahrung nach die größten Herausforderungen, wenn man versucht, sich in der österreichischen Musikszene zu etablieren? Geht es vor allem um Netzwerke, Sprache, Wissen über lokale Strukturen, finanzielle Möglichkeiten – oder um etwas ganz anderes?

Emila Miran: Finanziell ist es definitiv eine Herausforderung, vor allem, weil ich das Projekt größtenteils alleine trage. Hinzu kommt viel Unsicherheit: Ich weiß nicht immer, was der nächste Schritt sein sollte, an wen ich mich wenden kann, für welche Förderungen ich mich bewerben sollte oder wie ich an bestimmte Bereiche der Szene herantreten kann.

Natürlich gibt es auch Hierarchien, und manchmal habe ich das Gefühl, in deren Schatten zu arbeiten. Ich frage mich oft, wann meine Musik „gut genug“ ist oder wann ich „gut genug“ auftrete, um mich bei bestimmten Festivals zu bewerben oder auf bestimmte Veranstaltungsorte zuzugehen. Diese Unsicherheit ist auch einer der Gründe, weshalb ich manchmal davor zurückschrecke, Kontakt aufzunehmen.

Ich sammle noch Erfahrungen und lerne, wie die Szene funktioniert. Deshalb versuche ich, geduldig zu sein und den Dingen Zeit zu geben. Meine Musik bringt außerdem Klänge mit, die für manche Menschen vielleicht ungewohnt oder neu sind – und ich glaube, auch das braucht Zeit.

Seit Jahren arbeite ich außerdem als Sozialarbeiterin und bin derzeit im Kunst- und Kulturbereich tätig. Diese Arbeit mit dem Musikmachen und meiner Leidenschaft in Einklang zu bringen, ist eine weitere Herausforderung. Dazu kommt die anhaltende politische Situation im Iran – ob Krieg, Repression, Massaker oder einfach die Ungewissheit darüber, was der nächste Tag bringen wird. All das beeinflusst mich und meinen Alltag, selbst aus der Distanz. Einen Weg zu finden, dabei einen kühlen Kopf zu bewahren, geerdet zu bleiben und auf meine psychische Gesundheit zu achten, gehört ebenfalls zu diesen Herausforderungen.

Emila Miran © kajmakmedia

Welche Rolle spielen deine Herkunft und deine persönlichen Erfahrungen in deiner Musik – und darin, wie du hier als Künstlerin wahrgenommen wirst? Thematisierst du deine Herkunft bewusst in deiner Arbeit oder ist es eher etwas, das von anderen an dich herangetragen wird?

Emila Miran: Wie ich bereits erwähnt habe, prägen Worte und ihr Klang meine Musik. Diese Worte entstehen aus meinen tiefsten Erfahrungen und Gefühlen und sind verwurzelt in den Orten, an denen ich zum ersten Mal die Sonne gesehen, die Luft geatmet und den Wind gespürt habe. Woher ich komme und wie dieser Ort den Klang meiner Musik prägt, lässt sich deshalb nicht voneinander trennen.

Gleichzeitig möchte ich nicht, dass meine Musik allein dadurch definiert wird, dass ich hauptsächlich auf Farsi singe oder im Iran geboren wurde. Es fällt mir oft schwer, meine Musik in bestehende Kategorien einzuordnen, und ich möchte ihr erlauben, jenseits dieser Kategorien zu existieren – die Musik soll sich selbst definieren dürfen.

“Ich glaube, Kunst ist eine Sprache, die lebendig wird, wenn sich die Gefühle, die wir in uns tragen, nicht länger zurückhalten lassen.”

Was kann die österreichische Musikszene deiner Meinung nach von Künstler:innen mit unterschiedlichen kulturellen und musikalischen Hintergründen gewinnen – und was möchtest du persönlich zur Szene beitragen?

Emila Miran: Ich glaube, Kunst ist eine Sprache, die lebendig wird, wenn sich die Gefühle, die wir in uns tragen, nicht länger zurückhalten lassen. Wenn wir die Kunst und Musik von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und musikalischen Hintergründen nicht hören, dann hören wir auch ihre Geschichten nicht, ihren Schmerz, ihre Freude oder das, was sie zu sagen haben. Sie bleiben ungehört, ungesehen und unsichtbar.

Es steckt so viel Leben und Wachstum hinter der Tür des Unbekannten. Wenn wir nur dem zuhören, was wir bereits kennen, hören wir auf, uns weiterzubewegen. Deshalb möchte ich weiterhin zuhören, entdecken und neugierig bleiben.

Was ich beitragen möchte, sind meine Verletzlichkeit, meine Liebe zum Leben, die Art, wie seine Klänge in mir nachhallen, und all die Gefühle, die damit verbunden sind. Ich hoffe, dass wir durch Worte und Klänge zusammenkommen, uns miteinander verbinden und die Magie der Musik uns heilen lassen können – denn gemeinsam ist Heilung leichter.

Wie geht es für dich nach der Residency weiter? Was sind deine nächsten musikalischen Schritte und gibt es etwas aus dieser Woche, das du unbedingt mitnehmen möchtest?

Emila Miran: Das Wichtigste für mich ist jetzt, mein Debütalbum aufzunehmen. Ich werde mich um verschiedene Förderungen bewerben, um zu versuchen, die Finanzierung dafür aufzustellen. Ich habe das Gefühl, dass sowohl dieses Projekt als auch ich selbst bereit für diesen Schritt sind.

Die Aufnahme des Albums ist für mich auch eine Möglichkeit, das Haus weiter zu erkunden, von dem ich zuvor gesprochen habe – dieses neue Projekt, dem ich während dieser Woche näherkommen konnte. Diese Neugier und Offenheit möchte ich mitnehmen und bewahren, während ich das Projekt weiterentwickle.


Herzlichen Dank für das Interview!




Dominik Beyer


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https://emilamiran.com/