Philipp Nykrin zählt seit vielen Jahren zu den vielseitigsten Musikern der österreichischen Szene. Zwischen Jazz, improvisierter Musik, Pop und experimentelleren Formen hat der Pianist und Keyboarder in unterschiedlichsten Konstellationen gearbeitet und dabei immer wieder neue musikalische Verbindungen ausgelotet. Vom 9. bis 11. Oktober widmet ihm das Porgy & Bess eine dreitägige Porträtreihe, die diese Bandbreite in unterschiedlichen Besetzungen sichtbar macht – von Duo- und Trioformationen über die Zusammenarbeit mit langjährigen Weggefährt bis hin zu einem eigens zusammengestellten Wunschquintett. Im Gespräch mit Michael Ternai erzählt Nykrin, wie das Programm entstanden ist, was das Publikum an neuen und wieder aufgegriffenen Projekten erwartet und wie es sich anfühlt, das eigene bisherige Schaffen aus dieser Perspektive noch einmal zu betrachten.
Du hast im Oktober die Ehre, im Porgy & Bess eine Porträt-Reihe zu spielen. Ich nehme an, so etwas hast du davor noch nicht gemacht?
Philipp Nykrin: Ich hatte 2017 eine Carte Blanche im Wiener Konzerthaus, die vielleicht etwas vergleichbar ist. Aber das war „nur“ ein Abend, aufgeteilt auf zwei Sets. Dahingehend ist es für mich natürlich toll, dass ich hier sehr breit und vielschichtig präsentieren kann, was sich bei mir musikalisch über die Jahre getan hat beziehungsweise aktuell tut.
Ich kenne dich schon lange und kenne dich vor allem als einen sehr vielseitigen Musiker. Du bist nicht auf ein Genre reduzierbar, sondern dein Schaffen ist eines, das immer wieder Grenzen überschreitet. Du hast Jazz studiert und bist in diesem Umfeld groß geworden, aber gleichzeitig immer wieder deine Fühler in andere Richtungen ausgestreckt und ganz unterschiedliche Dinge gemacht. Wenn ich mich etwa an Namby Pamby Boy erinnere, wo ihr Hip-Hop mit Jazz verbunden und daraus etwas ganz Eigenes entwickelt habt. Die drei Abende jetzt im Porgy spiegeln diese Vielseitigkeit sehr gut wider. Auch musikalisch ist das Programm sehr dicht: Man bekommt eigentlich alles geboten, vom ganz Ruhigen und Stillen bis zum sehr Kraftvollen.
Philipp Nykrin: Danke zunächst für das Kompliment in Bezug auf die Vielschichtigkeit. Es freut mich sehr, wenn das gesehen wird, weil es für mich in meiner musikalischen Praxis immer sehr bereichernd war, wenn ich eben nicht nur mit meiner eigenen Musik und meinen selbst zusammengestellten Bandformationen musikalisch tätig war, sondern auch als Begleiter bzw. Sideman zu einem Projekt etwas beitragen konnte, was der Musik noch einen Mehrwert verleiht. Das war Teil und wird hoffentlich immer Teil meiner musikalischen Arbeit sein.
Sowohl bei der Zusammenarbeit mit Fiva als auch mit Efrat Alony gibt es eine klare musikalische, künstlerische und auch lyrische Vorgabe beziehungsweise Richtung, in der das jeweilige Projekt angesiedelt ist. Trotzdem konnte ich immer meine eigene musikalische Sprache und meinen eigenen Sound einbringen. Bei Fiva habe ich ja an einem ihrer Alben mitproduziert und einige der Stücke, was das Grundgerüst angeht, komponiert.
Efrat Alony hat das Album Händel Fast Forward mit einem deutschen Jazzklaviertrio aufgenommen. Wir spielen es jetzt in einer Duobesetzung, aber auch ein bisschen anders. Wir haben die Musik zunächst gemeinsam für die kleinere Besetzung umarrangiert. Sowohl sie als auch ich arbeiten viel mit elektronischen Sounds, da war es naheliegend, das Programm noch einmal um die zusätzliche elektronische Ebene zu erweitern. So ist, glaube ich, eine sehr spannende Mischung entstanden. Wir haben das Programm zuletzt Anfang Juni bei den Händel-Festspielen in Halle an der Saale gespielt. Es ist natürlich toll, bei einem so renommierten Klassikfestival eine solche Interpretation dieser Händel-Arien präsentieren zu können.
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Das zeigt ja schon einmal die zwei wirklich komplett auseinandergehenden Richtungen. Und dazwischen spielt sich ja auch noch viel ab. Du lässt an diesen drei Tagen eigentlich nichts aus. Wie ist es generell zu dieser Porträt-Geschichte gekommen?
Philipp Nykrin: Christoph Huber und ich sind oftmals im Austausch darüber, was bei mir musikalisch passiert und mittlerweile auch, was im Rahmen meiner Lehrtätigkeit im universitären Bereich so los ist. Es fanden im Porgy ja nun schon mehrmals Konzerte von Studierenden der mdw aus meinem Fachbereich Tasteninstrumente Popularmusik im Club oder in der Strengen Kammer statt. Ich habe ihn bezüglich eines etwaigen Portraits zu einem für mich passenden Zeitpunkt mit einem Grundkonzept kontaktiert und mich sehr darüber gefreut, dass es ihm zugesagt hat. Ich freue mich auch sehr darüber, dass ich mit Purple Muscle Car am 29. November zum Release unseres zweiten Albums bald noch ein weiteres Mal im Porgy spiele.
Und war dir von vornherein klar, was du alles präsentieren willst? Oder ist dir die Auswahl ein bisschen schwergefallen?
Philipp Nykrin: Für mich war klar, dass ich auf jeden Fall mit mehreren Duo-Formationen spielen möchte. Da hat sich das Duo mit Efrat angeboten, weil sich dieses Projekt in den letzten Jahren eben kontinuierlich weiterentwickelt hat und wir es in dieser Besetzung intensiv weiterverfolgen wollen.
Auch das Duo mit Fiva war für mich naheliegend – wir haben in unserem regulären Band-Set Passagen, die im Duo gespielt werden. Fiva und ich hatten weiters Anfang 2025 einen kurzen Auftritt bei einem Poetry-Slam-Eintagesfestival in der Elbphilharmonie, der toll funktioniert hat. Es lag daher für mich auf der Hand, dem Duo hier ein volles Set zu ermöglichen.
Mit Fabian Rucker arbeite ich ja schon sehr lange zusammen. Er hat mein letztes Album als Solo Artist – Songbook – aufgenommen, gemischt und gemeinsam mit mir produziert. Auf dem Album sind bereits Duo-Stücke drauf und wir haben während der Corona-Zeit weitere Stücke erarbeitet und aufgenommen, hier gab es also auch schon ein Repertoire. Dieses Set ist für uns eine Gelegenheit, weitere Sachen auszuprobieren, die bisher in der Form noch nicht gespielt wurden oder die wir noch nicht so oft gespielt haben.
Ich wollte bei dem Porträt jeden Abend zwei Sets mit unterschiedlichen Formationen auf die Bühne bringen, was natürlich sehr ambitioniert ist. Neben den Duos im jeweils ersten Teil, lagen auch zwei der Bandformationen, die nun zu hören sind, auf der Hand. Bei dem verbleibenden Set gab es verschiedene Optionen, die mir im Kopf herumgespukt sind. Im Endeffekt habe ich mich aber entschieden, eine „Wildcard“ zu machen, und habe die Weißen Wände gefragt, ob sie bei dem Portrait mit dabei sein wollen. Ich spiele ja seit einigen Jahren immer wieder mit Karl Ritter und bin der Meinung, dass sein Projekt Weiße Wände eine der interessantesten Formationen im Bereich der frei improvisierten Musik ist. Die Textimprovisationen von Christian Reiner und die sehr eigenständigen Spielweisen von Karl Ritter und Schlagzeuger Herbert Pirker bilden einen wirklich sehr spannenden Bandsound. Ich freue mich sehr darauf, mit ihnen ein Free-Set zu spielen, bei dem man nicht genau weiß, was passieren wird. Spannend wird es sicher!
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Es wird auch ein neueres Projekt zur Aufführung kommen: Seit einigen Jahren spiele ich immer wieder in Session-Situationen im Trio mit dem Gitarristen Severin Trogbacher und Herbert Pirker. Die Musik dieses Trios ist ebenfalls rein improvisatorisch, aber ganz anders. Da geht es viel um Beats, Cycles und Sequenzen. Ich spiele hier nur Synthesizer und arbeite mit Arpeggiatoren und Sequencern, Severin spielt sehr viel mit Effekten. Wir hatten zuletzt einen Auftritt beim diesjährigen Jazzfestival Saalfelden, ziemlich spät, um 1 Uhr nachts in der Nexus Bar. Es war sehr cool, dort zu beobachten, wie für das Publikum des Festivals ein ganz anderer Zugang zu improvisierter Musik hergestellt werden kann, wenn man sie in einen Club-Kontext bringt mit dem dementsprechenden Sound.
Schreibst du für diese Porträt-Reihe auch neue Sachen?
Philipp Nykrin: Ja. Das abschließende Set ist ja eine Quintett-Besetzung, in der zum Teil Repertoire von Wire Resistance gespielt wird. Mit diesem Quintett durfte ich 2014 das Jazzfestival Saalfelden auf der Hauptbühne eröffnen. Beim Portrait sind hier nun auch neue Stücke zu hören.
Bei dem Set mit Fiva wird bestehendes Repertoire, das eigentlich in einem Band-Kontext passiert, in einem anderen musikalischen Gewand dargebracht. Dafür entstehen auch neue Intros, Outros, verbindende Parts und eigene Arrangements.
Wenn du jetzt so viele Projekte innerhalb so kurzer Zeit auf die Bühne bringst und dabei manche Jahreszahlen erwähnt hast – 2014, das ist mittlerweile auch schon zwölf Jahre her –, sind da wirklich alte Sachen dabei. Gibt es etwas, auf das du dich besonders freust?
Philipp Nykrin: So ein Porträt ist natürlich auch eine Gelegenheit, etwas zurückzuschauen. Das Wire Resistance-Repertoire ist durchaus fordernde Musik, das merken wir jetzt auch wieder in den Proben. Es ist natürlich toll, diese Musik mit etwas Abstand wieder aufzuführen. Man entwickelt sich ja auch weiter und spielt die Musik jetzt sicher noch einmal anders. Das Quintett ist nun auch etwas anders besetzt, unter anderem mit Beate Wiesinger am Bass, die ich als grandiose Bassistin und Komponistin sehr schätze.
Peter Kronreif habe ich für dieses Projekt gefragt, weil er nach vielen Jahren in New York nun seit einem Jahr wieder in Österreich lebt und eine Professur für Jazz-Schlagzeug an der KUG in Graz innehat. Er ist einer meiner längsten und engsten musikalischen Partner und Freunde, und es ist schön zu sehen, dass die musikalische Zusammenarbeit nach vielen Jahren, in denen wir wenig gespielt haben, eigentlich sofort wieder funktioniert. Er bringt einen eigenen Approach und eine tolle Energie in die Musik ein.
Diese Projekte stehen für einzelne Kapitel in deinem musikalischen Leben und, wie gesagt, das aus 2014 ist das früheste, das an diesen drei Abenden vorkommt. Wenn du zurückblickst und die Dinge ein wenig Revue passieren lässt: Wie sehr hast du dich als Musiker und Komponist entwickelt? Was machst du heute anders als früher?
Philipp Nykrin: Mein Leben hat sich in den letzten fünf Jahren vor allem beruflich dadurch verändert, dass ich auch vermehrt unter die Lehrenden gegangen bin. Ich war zwei Jahre an der KUG tätig, währenddessen auch noch zwei Semester in kleinerem Umfang an der Bruckneruni in Linz und bin jetzt seit drei Jahren als Professur für Tasteninstrumente Popularmusik an der mdw tätig.
Man entwickelt sich erfreulicherweise nach wie vor weiter und wird vielleicht auch aus der Notwendigkeit heraus effizienter in seiner Arbeit. Das klingt immer etwas nüchtern, wenn man das über seine künstlerische Tätigkeit sagt, aber klar, man wird routinierter in der Komposition, Produktion und Erarbeitung von Musik und denkt vielleicht auch weniger darüber nach, ob das was man gerade schreibt schon das Gelbe vom Ei ist.
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Wenn man mehr Zeit zur Verfügung hat, ist man natürlich auch dazu verleitet zu einem Stück nochmal zurückzukehren, noch einmal daran arbeiten und es weiterzuentwickeln, was aber vielleicht in manchen Fällen gar nicht notwendig wäre. Bei der letzten Purple Muscle Car-Produktion war beispielsweise wirklich wenig Zeit zum Komponieren und auch zum Proben. Und trotzdem: Wenn es laufen muss, dann läuft es auch. Was schon beruhigend ist.
Aber auch wenn man routinierter und besser wird in dem, was man tut, haben trotzdem Stücke, die man vor vielen Jahren geschrieben und aufgenommen hat, nach wie vor ihre Berechtigung, auch wenn ich manche Stellen heute wahrscheinlich anders schreiben würde. Umso interessanter ist es, bei so einem Porträt auch auf älteres Repertoire zurückzukommen.
Was bedeutet diese Porträt-Reihe für dich persönlich?
Philipp Nykrin: Ich freue mich wirklich sehr über diese Gelegenheit. Auch angesichts des neuen Lebensabschnitts mit der Professur ist es ein toller Anlass, nun eine Bestandsaufnahme zu machen: Was ist alles musikalisch so passiert, was passiert aktuell, welche Projekte entwickeln sich weiter? Eigentlich tut sich extrem viel, und das jetzt einmal in geballter Form präsentieren zu können, ist ein großes Privileg!
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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Portrait Philipp Nykrin
09.10.2026 Porgy & Bess, 20.30 Uhr
Fiva x Philipp Nykrin / Concrete Armadillo
10.10.2026 Porgy & Bess, 20.30 Uhr
Efrat Alony x Philipp Nykrin ‘Händel fast forward’ / Philipp Nykrin invites Weisse Wände
11.10.2026 Porgy & Bess, 20.30 Uhr
Fabian Rucker x Philipp Nykrin / Philipp Nykrin Quintet
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Philipp Nykrin
