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„Der Bass als Instrument und als Frequenz ist meine Familie“ – CHRISTINA NEMEC (CHRA) im mica-Interview

Mit „Seamons“ (Editions Mego) meldet sich die österreichische Elektronik-Musikerin CHRA aka CHRISTINA NEMEC drei Jahre nach dem hochgelobten Album „On A Fateful Morning“ erneut mit exemplarischer Experimental-Electronica zurück, die bei aller Abstraktheit nie den Draht zu aktuellen politischen Verhältnissen und den Potenzialen von Pop verliert. Didi Neidhart hat sich mit der auch bei Bands wie BRAY und SHAMPOO BOY aktiven Musikerin zum Interview getroffen.

Zur Vorbereitung auf das Interview hast du mir deine Notizen zur CD geschickt. Und da steht gleich zu Beginn: „seamons /dead bodies in the mediterran sea, discussion over human rights, the return of nationalism.“ Das heißt, bei „Seamons“ geht es ganz konkret um die im Mittelmeer, also vor der „Festung Europa“, ertrunkenen Flüchtlinge. Aber wie kann so etwas bzw. politische Verhältnisse überhaupt in dann doch sehr abstrakte Musik umgesetzt werden, ohne bei jedem Track seinen Zorn, seine Wut und seine Ohnmacht rauszuschreien?

Christina Nemec: An „Seamons“ habe ich circa drei Jahre gearbeitet. Da war ich viel unterwegs und habe z. B. die Mongolei mehrmals von oben aus der Flugzeugperspektive betrachten können. Das ist eine unglaubliche Weite – und dann, im schlammigen Nichts, plötzlich ein Komplex: Ist das ein Gefängnis? Ein Arbeitslager? Oder der Flug von Chile nach Uruguay über den Rio Plato, wo in den 1970er- und 1980er-Jahren politische Gefangene, deren Familien bis heute nichts über den Verbleib ihrer Angehörigen wissen, in Argentinien einfach aus Flugzeugen geworfen wurden? Solche Dinge schwingen da auch mit. Das Reisen und das Reisenkönnen, der Reisepass und das Jahr 2015. Obwohl ich vom Punk/Hardcore komme und auch singe, fällt mir das Schreien selber auch physisch sehr schwer, denn ich leide an Asthma. Andererseits die Klimakatastrophe und die Bedeutung der Meeresströme und des Wassers und Fließens generell. „Demons“ spielen da in jeglicher Form überall mit.

Sind dieses „Seamons“ dann auch „Demons“, die uns heimsuchen?

Christina Nemec: Mich definitiv! Das beginnt mit dem Aufwachen mitten in der Nacht und dem sofort ratternden Kopfkino. Existenzangst, Ungerechtigkeiten, zunehmende Faschisierung, Orbanisierung, Erdoganisierung, Kurzisierung etc. Ich selber bin eher ein schwermütiger Mensch. Ich neige schon zu Depressionen und brauche manchmal Tage, um mich da rauszuziehen. Dann kann dann leicht wieder mitspielen, aber die „Heimsuchung“ bleibt in mir.

Wieso ist deine Musik beatlos? Fatima Al Quadiri hat mal gemeint, dass Beats und Grooves für „Future“ stehen und ihre beatlosen Tracks daher für „No Future“. Würdest du das ähnlich sehen?

Christina Nemec: Das ist ein schönes Bild. Und ehrlich: Ich bin Bassistin und kann Rhythmus gut, aber Beats eher nicht. Das machen andere viel besser als ich. In dieses Feld werde ich mich sicher noch vorwagen, nicht umsonst habe ich mir eine Roland MC303 gekauft. Wenn ich sie programmiere, komme ich immer drauf, dass ich die stehenden Sounds am liebsten mag bzw. die verhuschten. Eine Bassdrum geht ja noch, aber sobald ich mit Snare und Hihat beginne, dann kommt es mir schnell falsch vor. Einige meiner Tracks könnten durchaus für No Future oder Retrotopie stehen. Utopie, das würde ich mir selber gerne zuschreiben, allein, ich schaffe es oft nicht, daher bewundere ich Musikerinnen und Musiker wie Fatimal Al Quadiri, Drexciya und Shelley Parker und sowieso alles von Underground Resistance.

„Im Detail geht es dann darum, was aus den Lautsprechern kommt.“

Deine Tracks kreisen um Aspekte von Noise, Ambient und Drones. Wie würdest du diese Genres bzw. die unterschiedliche Herangehensweise an das zu verarbeitende Klangmaterial definieren bzw. auseinanderhalten? Oder stellt sich dir diese Frage gar nicht mehr?

Christina Nemec: Diese Frage stellt sich bei mir insofern, als ich sie nur haptisch betrachte, als ästhetisches Werkzeug, um mit Aufnahmen aus diversen Quellen arbeiten zu können. Im Detail geht es dann darum, was aus den Lautsprechern kommt. Und wie es im großen Raum mit Publikum schwingt. Geduld ist hierbei ein Faktor. Also die Nerven zu haben, bestimmte Frequenzen stundenlang auszutesten. Oft ist es so, dass der erste Wurf der beste ist. Wenn ich es musikjournalistisch betrachten würde, dann wäre der Noise eher Speed, Ambient wären Tranquilizer und Drones wären Haschischkekse.

Beim Opener „Temperature“ musste ich bei den Vocals an Black Metal denken. Eine richtige oder falsche Spur?

Christina Nemec: Ja, ich war vor einiger Zeit ein großer Fan. Mittlerweile ist es aber langweilig geworden. Ich schaue mir aber immer noch gerne Dokumentationen über die norwegische Szene an. Das sind echte Freaks.

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„Seit ich denken kann, liebe ich das Geräusch, wenn Platten aufgelegt werden und knistern.“

Was hat es mit dem Knistern in deinen Tracks auf sich? 

Christina Nemec: Seit ich denken kann, liebe ich das Geräusch, wenn Platten aufgelegt werden und knistern. Es hüllt mich ein in eine Vertrautheit.

Wie arbeitest du eigentlich an deinen Tracks? Gibt es da übergeordnete Ideen, Skizzen, ein Konzept oder passiert vieles sozusagen aus dem Nichts? Und wie gestaltet sich das Verhältnis von Improvisationen zum Editieren/Zusammenschneiden am Computer?

Christina Nemec: Ich nehme sehr viel analog auf und spiele in real-time sessions. Overdubs, Mischen und Editieren sind dann circa ein Drittel der Arbeit. Vieles ist oft nicht spurrein. Das heißt, da muss ich dann Kompromisse eingehen oder verwerfen. Das passiert ja sehr oft.

Bei fast allen Tracks ist mit der Zeit eine Struktur herauszuhören. Wie ergibt sich solch eine Struktur? Gibt es eine Art Narration? Bei „Vicious Water Regimes“ könnten die Sounds ja durchaus auch von einem Unterwasserwesen sein, das sich seinen Weg vom Meeresgrund an die Oberfläche bahnt.

Christina Nemec: Vieles entsteht aus der Auseinandersetzung mit Träumen – die ich regelmäßig aufschreibe in meiner Wiener Wohnung, im Waldviertel jedoch nicht – und Filmen bzw. Texten, die ich konsumiere. Ich nehme gerne Gedankenfetzen von da und dort auf und durch die Wiederholung beim Produzieren bzw. bei den Einstellungen, wenn ich ein Instrument aufnehme, kommt der Punkt, wo ich weiß: Jetzt kommt es. Dann drücke ich auf „Record“.

Wenn ich richtig gegoogelt habe, dann könnte es sich bei „Colonia Marina Serenella“ um eine Art Transformation des Gardasees in den Loch Ness handeln. Daher die Frage: Wie kommst du zu deinen Tracktiteln? 

Christina Nemec: Na ja … die „Colonia Marina Serenella“ war ein Kindererholungsheim an der Adria in Riccione. Als lungenkrankes Kind verbrachte ich dort drei Sommer. Es ist eine riesige, eckige, brutalistische Anlage für Hunderte von Kindern. Das sind alles von Mussolini geplante Erholungsheime. Wir hatten große Schlafsäle und einen geregelten Tagesablauf und jeden Tag das gleiche Essen und immer Pasta – zum Glück liebe ich Pasta. Letztes Jahr machten mein Freund und ich einen Italien-Roadtrip bis runter ins Salento, ganz zum Spitz, wo der Leuchtturm steht. Im Zuge dessen habe ich die „Colonia“ besucht. Sie steht jetzt leer. Aber die Adresse, die man uns Kinder eingebläut hat, falls wir uns am Strand verlaufen, kann ich immer noch auswendig, sonst hätten wir es ja nicht gefunden. In der Nähe war übrigens ein Militärflughafen und es war oft irre laut. Und: Ende 1970er waren Devo dort auf Tour in Rimini – ich habe die Plakate als Kind super gefunden.

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„Ich versuche, mit meiner Musik so umzugehen, wie mit jeder anderen Musik auch.”

Ein Spezifikum deiner Tracks sind schwebende Drones. So was kann aber – gerade, wenn die Lautstärke nicht durch Mark und Bein geht – auch schnell etwas langweilig werden. Wie schaffst du es, da die Spannung zu halten bzw. wie selbstkritisch gehst du mit deiner Musik um?

Christina Nemec: Ich versuche, mit meiner Musik so umzugehen wie mit jeder anderen Musik auch. Ich musste jedoch lernen, die eigenen Sachen nicht kritiklos gut zu finden – sie müssen halten. Und das geht nur übers Hören, Hören und Hören. Aber ich versuche immer auch, Dinge wegzunehmen, die stören, bzw. auch wieder von vorne zu beginnen. Ich habe in den letzten drei Jahren an die 200 Skizzen aufgenommen. Nachzuhören übrigens auf der Seite weeklybeats.com/chra, einer Plattform, die ich nutze, um mich, auch wenn ich keine Lust habe, zumindest einige Stunden mit Material und Sounds auseinanderzusetzen. Ich bin nicht sonderlich diszipliniert, daher suche ich mir Rituale, die mir dabei helfen, meine doch öfter auftauchende Antriebslosigkeit zu überwinden. Spannung geht meist von mir selbst auf den Track über, wenn ich nicht unter Spannung stehe, dann wird das nichts.

Wann ist ein Track fertig?

Christina Nemec: Da bin ich ganz puristisch. Wenn er fertig ist, ist er fertig. Das geht bei mir sehr schnell. Entweder fertig oder weg vom Tisch.

„Das Bassspiel hat für mich auch fast nichts mit Fingertechnik zu tun.“

Was ist der Bass für dich?

Albumcover Seamons
Albumcover “Seamons”

Christina Nemec: Der Bass als Instrument und als Frequenz ist meine Familie. Ich vertraue sowohl dem Instrument als auch er Frequenz blind. Wenn sie mal nicht gehorchen, dann muss ich sie hier und da ein bissl zurechtweisen. Das Bassspiel hat für mich auch fast nichts mit Fingertechnik etc. zu tun, sondern mit dem sich Einlassen auf einen Rhythmus, der mäandert – ganz im Gegenteil von dem Bass, den ich z. B. in Rock-/Pop-Bands gespielt habe.

Neben dem Bass arbeitest du viel mit einem microKORG. Wie geschieht hier die Soundauswahl? Vieles davon ist ja mittlerweile nach einigen Jahrzehnten elektronischer Pop-Musik bzw. Musik schon schwer überdeterminiert und klischeebeladen. Wie findest du da neue Sounds bzw. unter welchen Prämissen arbeitest du mit Klängen, die deutlich aus den 80er- und 90er-Jahren kommen, ohne jetzt retromanisch darauf zu verweisen?

Christina Nemec: Ich habe mir da ein Feld gesucht, das wahrscheinlich am Gerät „TripHop“ oder so heißt, und bastle hier rum. Das nehme ich auf und verändere es dann mittels Effekten so, dass es nicht sofort erkennbar ist. Das Schöne am microKORG ist, dass er so warm klingt, und ich spiele gerne einfach zwei Töne, die ich so lange wie möglich stehen lasse.

Bei Tracks wie „Cast(o)ro“ und „Let Sharks Sleep“ entsteht das Unheimliche einerseits durch komische Sounds, die wie durch ein Echolot gehört daherkommen, andererseits durch Loops, die sich langsam ins Ohr schrauben. Wann kommen bei dir Loops zum Einsatz und was für eine Funktion haben sie?

Christina Nemec: Hier habe ich wieder begonnen, mit Logic zu arbeiten, da die Oberfläche und das Arbeiten generell ganz anders sind als mit Ableton Live, wo sonst eigentlich die Loops die Königsklasse sind. Und das wollte ich jetzt halt mich Logic machen. Und was Feinjustierung betrifft, ist Logic für mich genau richtig und übersichtlich.

Stehen das Düstere, das Bedrohliche deiner Tracks für die Umwelt bzw. Welt oder für diejenigen, die sich dagegen auflehnen?

Christina Nemec: Ich habe noch nicht aufgegeben, daran zu glauben, dass das, was jetzt unter dem Titel der „Radikalisierungsmaschine“ auf uns zugerollt ist – mit all den Fake News, der Propaganda, dem Faschoscheiß und den Wahlmanipulationen –, nicht die Richtung sein wird, die die Zukunft einschlagen wird. Wir sind zwar immer noch einen Schritt hintenan und waren auch schon mal weiter, aber in the long run glaube ich schon, dass wir es schaffen, mithilfe der Technologien, die uns zur Verfügung stehen, den Turn zu schaffen. Einen langen Atem brauchen wir allerdings. Aber bitte: TikTok. Meine Tracks stehen für diejenigen, die sich auflehnen, auch wenn das banal klingen mag.

Ein Großteil der Musik ist in der Abgeschiedenheit des Waldviertels entstanden. Von dort kommt ja seit den 1990ern immer wieder sehr spannende und avancierte Electronica, z. B. das Label „Laton“ von Alois Huber und Pomassl. Was macht für dich den Reiz dieser Gegend aus?

Christina Nemec: Mir war das Waldviertel bis Anfang der 2000er Jahre nur ein abstrakter Begriff. Dann habe ich über „Laton“ und das Festival Prototype 2002 die Gegend zum ersten Mal erkundet und auch das arge Kamphochwasser mitgekriegt. Jahre später hat mein Bandkollege Christian Schachinger mit Doris Knecht und den Kindern ein Häuschen in der Gegend erworben. Nach den ersten Besuchen bei ihnen und bei Franz Graf wollte mein Freund dann unbedingt auch hierher. Dass wir ein kleines Haus wollen, war da aber schon Plan. Hier im Wald liebe ich die Aussicht aus meinem Fenster ins Grüne, die Rehe, die Vögel, die ich füttere, die Einsamkeit, die arge Gegend um den Truppenübungsplatz Allentsteig, die Katze, die uns zugelaufen ist und nicht mehr weggeht, die Blumen und den Garten und, und, und.

Mit Alois Huber hatte ich mal eine längere Diskussion zum Thema Natursounds, Field Recordings und Electronica, wo es vor allem darum ging, die Synthesizer jetzt nicht unbedingt wie z. B. Grillen klingen zu lassen, also elektronisch nachzuahmen, sondern eher darum, die Grillen in der Natur wie synthetische Klänge wahrzunehmen. Also das Hören von Natur quasi zu erweitern durch elektronische Hörerfahrungen. Würdest du das für dich – nach deinen nun doch auch schon längeren Waldviertel-Erfahrungen – auch so sehen?

„[Es geht nicht darum], ob der Wassertropfen jetzt ein echter Wassertropfen ist […]“

Christina Nemec: Genau, das ist der Aspekt. Eva Jantschitsch aka Gustav sagte in einem Falter-Interview, dass es nicht darum geht, ob der Wassertropfen jetzt ein echter Wassertropfen ist, sondern darum, dass der Wassertropfen auch ein synthetisch hergestellter Klang sein kann. Das wäre der eine Teil. Mika Vainio [früher Pan Sonic; Anm.] hat Wassertropfen im Kübel mit hochauflösenden Mikros abgenommen. Ich spiele was und probiere dann so lange rum, bis ich glaube, es könnte nach Wassertropfen klingen, und dann behaupte ich, dass es ein Wassertropfen ist. Klassisches Reclaiming. Es ist und bleibt aber in meinem Fall immer POP.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Didi Neidhart

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