Bild Florian Klinger
Florian Klinger (c) Severin Koller

„Ich versuche, meine Musik so bunt wie möglich zu gestalten, weil ich es auch gerne bunt habe“ – FLORIAN KLINGER im mica-Interview

Eigentlich in der Klassik unterwegs verlässt der Vibrafonist und Schlagwerker FLORIAN KLINGER auf seinem Solodebüt One” (cracked anegg records) sein angestammtes musikalisches Betätigungsfeld. Gemeinsam mit seiner mit ANDREAS LETTNER (Schlagzeug), RAPHAEL PREUSCHL (Kontrabass), GEORG VOGEL (Klavier), LORENZ RAAB (Trompete) und FABIAN RUCKER (Tenorsaxofon) hochkarätig besetzten Band spielt sich der gebürtige Niederösterreicher durch Nummern, die Fragen nach einer exakten stilistischen Zuordnung elegant umschiffen. FLORIAN KLINGER sprach mit Michael Ternai über seinen Drang zum dynamischen Spiel, seine klaren Soundvorstellungen und die Dinge, die ihn musikalisch inspirieren.  

Du bist als Musiker hauptberuflich eigentlich in der Klassik tätig. Was hat dich dazu veranlasst, mit „One“ nun ein Album außerhalb deines angestammten musikalischen Metiers aufzunehmen und dich dem Jazz anzunähern?

Florian Klinger: Das Album spiegelt zum einen meine musikalische Arbeit und zum anderen meine musikalischen Interessen wider. Ich habe einfach versucht, in meine Kompositionen alles einfließen zu lassen, was mir gefällt. Jazz ist ein schwieriger Begriff. Der ist sehr weit gefasst und bezeichnet im Grunde genommen sehr viel. Und meine Musik fällt in gewissem Sinne auch unter diesen Begriff, weil improvisiert wird. Aber wenn jemand hofft, auf diesem Album irgendeine Form von Straight-ahead-Swing zu finden, wird nicht fündig werden. Das Album beginnt mit Hip-Hop-Beats, dann folgen Balladen, dann kommt eine Nummer mit einer Geige, die meine klassische Seite zum Vorschein bringt, und so weiter. Ich habe vor allem versucht, Sachen zu verwirklichen, die mir als Musiker der Klassik abgehen. Dynamik zum Beispiel. Wenn ich im Studio Klassiksachen aufnehme, bekomme ich manchmal zu hören, dass ich zu leise bzw. zu laut spiele. Und genau dieses Spiel mit der Dynamik vermisse ich oft. Ich vermisse es, dass es auch einmal leise werden darf und man auch einmal runterkommen kann, um dann wieder auf einen vollen Klang zu gehen. Genau das umzusetzen war mein Ziel.

„Es wird auch durchaus die Leute geben, die über meine Musik sagen: ‚Der Klinger hat überhaupt keinen durchgängigen Stil.

Musikalische Vielfalt beziehungsweise das Agieren zwischen den verschiedenen Stilen scheint für dich von besonderer Bedeutung zu sein. 

Florian Klinger: Ich versuche, meine Musik so bunt wie möglich zu gestalten, weil ich es auch gerne bunt habe. Wenn ich auf einem Konzert bin, reicht mir oft schon ein Set, weil sich für mich die Musik dann meistens eigentlich schon erzählt hat. Ich bin da eigentlich mehr Fan des amerikanischen Systems. Da bekommt man bei einem Konzert meistens nur ein Set präsentiert. Natürlich kommt das, wenn man das Preis-Leistungs-Verhältnis betrachtet, teurer, aber ich persönlich habe das ganz gern, weil ich nach einem Set meistens eh schon gern gehen möchte, eben weil es sich für mich oft wiederholt. Aber das ist wirklich Geschmackssache.
Es wird auch durchaus die Leute geben, die über meine Musik sagen: „Der Klinger hat überhaupt keinen durchgängigen Stil.“ Aber damit habe ich kein Problem. Ich möchte mit meinem Projekt das machen, was mir wirklich gefällt. Gott sei Dank bin ich von dem Projekt auch nicht finanziell abhängig, sodass ich irgendwelche Erwartungen erfüllen oder ein bestimmtes Genre bedienen müsste.

War dir selbst schon von Beginn an klar, was musikalisch am Ende herauskommen soll? Hattest du schon eine konkrete Vorstellung vom Sound oder hat sich dieser erst nach und nach herauskristallisiert?

Bild Florian Klinger
Florian Klinger (c) Severin Koller

Florian Klinger: Im Grunde genommen wusste ich schon, was ich will. Ich wollte unbedingt ein Tenorsax und eine Trompete mit auf dem Album haben. Die erste Jazzplatte, die ich von meinem Schlagzeuglehrer bekommen habe, war von Art Blakey and the Jazz Messengers. Der Sound dieser Band, in dem diese Instrumente eine tragende Rolle spielen, ist für mich der Wohlfühl-Sound schlechthin. Mir war klar, dass sich meine erste Platte schon mehr oder weniger an dieser Veröffentlichung orientieren soll.
Ebenso klar war für mich, dass Schlagzeug und Bass dabei sein müssen. Beim Klavier ist es so eine Sache, weil das Vibrafon ja eigentlich auch ein Akkordinstrument ist. Es kommt halt darauf an, wie man es spielt. Ich bediene das Vibrafon weniger als Akkordinstrument und deswegen habe ich oft gern ein zweites Akkordinstrument als Begleitung.

Du hast ja mit Georg Vogel auch einen Mann am Klavier dabei, der ja wirklich alles spielen kann. 

Florian Klinger: Ja, voll. Und das war auch ein Zufall. Ich hatte ja geplant, das Album mit dem amerikanischen Pianisten Danny Grissett aufzunehmen. Der lebt zwar seit einigen Jahren in Wien, spielt aber nicht hier. Er spielt unter anderem in den Bands von Tom Harrell und Jeremy Pelt. Er ist ein super Musiker. Ich habe ihn vor ein paar Jahren kennengelernt. Er gab mir Unterricht und auch sonst arbeiteten wir ein paar Mal zusammen. Es war also recht naheliegend, ihn zu fragen, ob er nicht auf der CD spielen will. Und er hat auch zugesagt. Nur musste er mir aber zwei, drei Tage vor den Aufnahmen aus familiären Gründen absagen. Ich war daher zwei Tage vor der Session gezwungen, einen anderen Pianisten suchen, und bin dann auf den Georg Vogel gekommen.
Ich kannte von Georg eigentlich hauptsächlich die Sachen, die er mit seinem mikrotonalen Piano macht. Und die sind ja sehr experimentell und durchdacht. Also quasi das Gegenteil von meiner Musik, die dann doch anders ist. Ich war mir anfangs daher auch gar nicht so sicher, ob das funktionieren wird. Aber wie sich herausstellte, passte es perfekt. Ich war von Georg richtig überrascht und beeindruckt. Vor allem die Art und Weise, wie er meine Stücke interpretiert hat, hat mich begeistert. Ich hätte mir nie gedacht, dass das so super klappen würde. Er hat einfach verstanden, worum es mir geht, und hat alles fantastisch umgesetzt.
Es gibt ja viele Leute, die aus ihrer Haut einfach nicht mehr hinauskönnen, die, so empfinde ich das manchmal, mit der Welt der konventionellen Melodieführung eigentlich abgeschlossen haben und sich auf den Weg begeben haben, das Rad neu zu erfinden. Ich dagegen versuche, das Rad einfach nur anders zu fahren, nicht neu zu erfinden.

„Avantgardistisches, das keine Form oder Struktur erkennen lässt, findet sich in meiner Musik nicht.“

Du definierst zwar das Rad nicht neu, aber bringst dennoch in deinen Stücken Sachen zusammen, die auf den ersten Blick nicht wirklich kompatibel erscheinen. 

Albumcover One
Albumcover “One”

Florian Klinger: Was das betrifft, stimmt das vermutlich. Die Zusammenführung der unterschiedlichen stilistischen Elemente in ein Stück kann man durchaus als experimentell bezeichnen. Dennoch würde ich sagen, dass bei mir zugängliche Musikalität im Vordergrund steht. Avantgardistisches, das keine Form oder Struktur erkennen lässt, findet sich in meiner Musik nicht.

Wo liegen eigentlich deine musikalischen Wurzeln? Was inspiriert dich?

Florian Klinger: Das in einem Satz auszuführen, ist ganz schwierig. Hauptberuflich bin ich im Orchester der Wiener Volksoper engagiert. Ich bin eigentlich ein professioneller klassischer Musiker. Und somit habe ich auch diese Ausbildung genossen. Ich sitze jeden Tag in der Oper oder im Konzerthaus und spiele die ganze Zeit Symphonien und Opern. Dass man dadurch nicht beeinflusst wird, ist gar nicht möglich. Das ist einfach immer da. Aber es kommt natürlich noch vieles andere hinzu. Ich habe als Teenager fünf, sechs Jahre in einer Indie-Rock-Band gespielt und musste, weil ich eben noch so jung war, teilweise von meinem Vater zu Konzerten begleitet werden. Wie etwa einmal zu einem Auftritt ins Flex. Anschließend bin ich zum Jazz gekommen und habe mir das angeschaut. Über den Jazz bin ich dann irgendwann einmal in den Hip-Hop eingetaucht und habe den ausgecheckt. Es gibt also nicht viel, was mich nicht beeinflusst. Vielleicht Country.

Deine Zeit in den USA an der William Paterson University war sicher auch sehr prägend, oder?

Florian Klinger: Das war sicher die Zeit, in der ich am meisten gelernt habe. Vor allem vom amerikanischen Vibrafonisten Stefon Harris, der dort mein Lehrer war. Er hat mir wahnsinnig viel beigebracht und hat mit mir auch viele Kompositionen, die auf dem Album sind, nochmals überarbeitet. Sein Spiel war für mich sicher die größte Inspiration. Er ist für mich einer der attraktivsten Spieler an diesem Instrument.

Was planst du mit diesem Projekt? Ist es als einmaliges Album gedacht oder sollen noch weitere folgen?

Florian Klinger: Unbedingt. Was aber jetzt anstehen sollte, ist, Gigs zu spielen. Bislang haben sich aber noch nicht wirklich welche ergeben. Ich habe zwar bei diversen Locations angefragt, nur hat sich noch nichts ergeben. Vielleicht habe ich es auch ein wenig schleifen lassen, weil ich schon auch mit anderen Projekten beschäftigt bin. Ich bin ja auch Teil des Ensembles Louie’s Cage Percussion, mit dem ich doch viel spiele. Zudem bin ich Vater geworden und habe ein Haus gebaut, was natürlich auch Zeit in Anspruch nimmt. Aber es definitiv mein Ziel, mit dieser Band Gigs zu spielen. 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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