Am 6. Juni wurde Wolfgang Seierl 70 Jahre alt. Im mica-Interview blickt er zurück auf seine künstlerische Entwicklung als Komponist, Gitarrist, bildender Künstler und Festivalgestalter und erzählt vom Konzept der aktuellen Ausgabe des Komponist:innenforum Mittersill (KOFOMI), das heuer unter dem Motto „Antimusic / Gegenmusik“ von 14. bis 20. September stattfindet. Marie-Therese Rudolph hat ihn zum Gespräch getroffen.
Wenn Sie an die musikalischen Aspekte in Ihrem Leben denken, wie haben sich diese im Lauf der Zeit verändert?
Wolfgang Seierl: Rückblickend empfinde ich die letzten Jahre und Jahrzehnte als ein Kontinuum, in dem es eigentlich keine Brüche gab. Ich sehe Abschnitte, die besonders intensiv waren, die manchmal schwerpunktmäßig der Musik und der Komposition, und andere, die meiner bildnerischen Arbeit gewidmet waren. Aber es war alles immer im stetigen Fluss.
„Ich mag es nicht, die Dinge im stillen Kämmerlein für mich allein zu entwickeln, sondern lieber gemeinsam mit anderen.“

Sie sind seit Jugend an in verschiedenen Disziplinen tätig, in den letzten Jahrzehnten haben Sie Ihre Projekte vermehrt in Kooperation mit Künstlerinnen und Künstlern anderer Sparten umgesetzt. Wie verstehen Sie Ihren eigenen künstlerischen Ansatz?
Wolfgang Seierl: Das ist die schwierigste Frage überhaupt, die stelle ich mir selbst auch oft: Was ist das, was ich mache und in welchem Kontext steht es? Ich frage mich das jedes Mal von Neuem, weil sich natürlich meine Arbeit und auch mein Umfeld ständig verändern.
Wenn ich eine Zwischenbilanz ziehe, dann ist es das Interesse für die anderen, das in meiner Arbeit wichtig ist und auch das Interesse, mit anderen zusammenzuarbeiten und einen größeren Kontext zu suchen. Ich mag es nicht, die Dinge im stillen Kämmerlein für mich allein zu entwickeln, sondern lieber gemeinsam mit anderen. Dabei hilft mir auch meine „Doppelgleisigkeit“, weil in der bildenden Kunst vieles völlig anders funktioniert und ich dadurch im Bereich der Musik Impulse bekomme oder Ungewöhnliches leichter entdecken kann.
Welche Art von bildender Kunst machen Sie?
Wolfgang Seierl: Meine bildnerische Arbeit ist im weitesten Sinne abstrakt, obwohl ich dieses Wort gar nicht so sehr mag, denn wir entkommen unserer Netzhaut nicht und damit unserem Sehen, den Gegenständen, der Wirklichkeit. Meine Bilder werden sehr oft als musikalisch empfunden. Für mich ist das selbstverständlich, weil ich ja auch Musiker bin.
Mit Ihren Werken transportieren Sie in den letzten Jahren verstärkt eine gesellschaftspolitische Botschaft. Entspricht das Ihrer grundsätzlichen Herangehensweise, als Quelle Ihrer künstlerischen Arbeit das aktuelle Leben, das uns umgibt, zu nützen?
Wolfgang Seierl: Ich versuche, wach durchs Leben zu gehen und sehe da vieles, erlebe vieles. Ich habe einige Reisen machen können und habe viele Freunde, auch im Ausland. Ereignisse, auch in politischen Zusammenhängen, treffen und berühren mich, stellen uns alle vor Herausforderungen. Die gehen auch nicht spürlos an meiner Arbeit vorüber und ich überlege mir seit langem, wie man als Künstler oder als Künstlerin auf diese Dinge adäquat reagieren kann. Ich verstehe meine Kunst nicht explizit als politisch, sondern nur insofern, als jede Kunst politisch ist, weil sie kommunikative Prozesse, Austausch und gegenseitiges Verstehen erzeugt. Es gibt aber Arbeiten oder Projekte, in denen ich mich mit aktuellen Themen kritisch auseinandersetze.
Erzählen Sie doch bitte von ihren beiden Projekten, die sie während der Pandemiejahre durchgeführt haben … Ausgangspunkt war die 1-Meter-Abstandsregel.
Wolfgang Seierl: Die Pandemie war für viele Künstler:innen, ja für viele Menschen, und vor allem auch für viele Kinder eine extrem belastende Zeit, weil so viele soziale Kontakte plötzlich weggebrochen sind und man auf die sozialen Medien bzw. auf Telefone zurückgreifen musste. Aber der persönliche Kontakt, den ich in zwischenmenschlichen Beziehungen für sehr wesentlich halte, war völlig ausgeschaltet. Dieses Gebot des 1-Meter-Abstands habe ich als Aufforderung verstanden und in meiner bildnerischen Arbeit thematisiert. Ich zeichnete mit Kohle auf einem Blatt Papier einen einzigen, gewundenen Strich, der genau einen Meter lang war. Mit einem Gerät, das man normalerweise zur Landkarten-Vermessung verwendet, konnte ich diesen Strich genau bemessen. Ich habe diese Zeichnungen an Freunde im In- und Ausland verschickt und bekam sehr positives Echo. Das war sehr beglückend, trotz dieser eher beunglückenden Zeit.
Und Sie haben dann ein Nachfolge-Projekt angeschlossen …
Wolfgang Seierl: Es war die Zeit, in der aus dem einen Meter Abstand zwei Meter wurden. Ich schrieb einen Text, eine Art Gedicht, den ich, nachdem ich ihn ins Englische übersetzt hatte, auf einen zwei Meter langen Papierstreifen stempelte. Diesen verschickte ich wieder an alle meine Freunde weltweit – ein weiterer Versuch, im Austausch zu bleiben und diese Abstandsregeln zu relativieren. Wieder gab es sehr schöne Reaktionen darauf: Dieser Streifen war etwas Physisches, etwas, das man aus dem Kuvert nahm und irgendwas damit machen konnte, ja musste. Einer hat ihn sich wie einen Schal um den Hals gehängt, andere schmückten damit eine Pflanze, wieder andere klebten ihn an die Wand. Ich bekam Fotos von meinen Streifen in ihrer neuen Umgebung zurück, das war wunderbar!
Ebenfalls auf sozialer Interaktion beruht ein Projekt, das aus Gesprächen mit Schutzsuchenden im Ute Bock Haus entstanden ist.
Wolfgang Seierl: Gemeinsam mit meiner Frau, Veronika Humpel, schrieb ich zwei Requien, ausgehend von den Flüchtlings-Katastrophen im Mittelmeer. Das zweite, das bis jetzt noch nicht aufgeführt wurde, basiert auf Interviews mit Bewohner:innen des Ute Bock Hauses, die sehr, sehr intensiv und natürlich sehr unterschiedlich waren. Es gab manche, die schwer depressiv und traurig waren und fast nichts nicht sagen wollten. Andere wiederum eher aggressiv und fordernd. All diese Facetten auszuloten und mit unserer Musik zu verbinden, war spannend. Die Aufnahmen dieser Gespräche wurden geschnitten und als Zuspielung für die Vokalkomposition relativ unbearbeitet verwendet.
Es gibt aber noch andere bzw. aktuelle Beispiele für Arbeiten mit politischem Hintergrund. Das Stück „W podróży“ für Viola und Elektronik, das am 15.11. im Rahmen von Wien Modern von Lena Fankhauser gespielt wird, entstand 2005 in Warschau unter dem Eindruck der neueren Geschichte der Stadt, die Ende des 2. Weltkriegs fast gänzlich zerstört wurde und deren Bewohner:innen entweder getötet wurden oder die Stadt verlassen mussten.
Aktuell spielt das Thema Panzer eine Rolle, sowohl in meiner bildnerischen als auch in meiner kompositorischen Arbeit. Die Komposition „Falter und Panzer“ für Cello, Posaune und Kontrabass wird am 15.11. im Rahmen der Kompositionswerkstatt EXPAN in Spittal an der Drau vom Stuido Dan uraufgeführt.

„In dem Moment, wo jemand eine andere künstlerische Sprache spricht, ist man schon ganz woanders und es wird spannend.“
Sie sind Mitbegründer des Komponist:innenforum Mittersill. Dessen programmatische Ausrichtung hat sich über die Jahre sehr verändert. Wo steht es heute?
Wolfgang Seierl: Es hat sehr klein begonnen, vier Komponisten, die mit Musiker:innen aus der Region zusammengearbeitet haben. Daraus ist das Einklang-Ensemble entstanden, ein spannendes Ensemble, das das Forum über Jahre begleitet hat. Bald entstanden die ersten CDs auf dem Label ein klang_records als Dokumentation der Ergebnisse des Forums. Um die Themenkreise zu erweitern, haben wir Künstler:innen aus anderen Sparten eingeladen: bildende Künstler:innen, Schrifsteller:innen oder auch Philosoph:innen. Ich wollte damit den Gesprächs- und Arbeitshorizont erweitern, was immer gut gelungen ist. In dem Moment, wo jemand eine andere künstlerische Sprache spricht, ist man schon ganz woanders und es wird spannend.
Diese Öffnung der letzten Jahre spiegelt sich auch in den künstlerischen Schwerpunkten der Teilnehmer:innen wider …
Wolfgang Seierl: Ja, es kommen Komponist:innen, die auch hervorragende Instrumentalist:innen oder Sänger:innen – teilweise als Improvisator:innen – sind, oder auch gleichzeitig als bildende Künstler:innen tätig sind. Das ist heute viel selbstverständlicher als noch vor einigen Jahren.
Die diesjährige Ausgabe des KOFOMI „ANTIMUSIC / GEGENMUSIK“, die 29., ist inhaltlich eng verbunden mit Überlegungen von Marcel Duchamp, wie etwa die folgende Aussage: „Modus: der aktive Zustand und nicht das Ergebnis – der aktive Zustand zeigt kein Interesse am Ergebnis. Modus: Erfahrung – das Ergebnis muss nicht bewahrt werden – es ist von keinerlei Interesse.“ In welche Richtung haben euch diese Gedanken in euren konzeptionellen Plänen geführt?
Wolfgang Seierl: Der indische Musiker und Musikphilosoph Ritwik Sanyal war 2008 in Mittersill. In seiner Musikphilosophie stehen die jeweils siebenfach strukturierten Bereiche der Musik und der Antimusik symmetrisch zueinander. Sanyals sowohl an der indischen Musiktheorie, als auch an der europäischen Avantgarde orientierter Begriff der „Antimusic“ ist nicht als Abwertung oder Provokation zu verstehen, sondern vielmehr als ein Versuch der Integration widersprüchlicher Ästhetik in ein geschlossenes funktionales System.
Im aktuellen Forum soll es aber nicht um diese Positionierung gehen, sondern vielmehr um Entwürfe von Gegenmodellen. Duchamps Satz steht da paradigmatisch darüber: Unser Forum ist prozess-, und nicht ergebnisorientiert.
Wurde im Forum 2024 eine Veränderung der Kunst, wie wir sie kennen, als Teil einer tiefgreifenden Veränderung der Welt, wie wir sie kennen, diskutiert, soll es 2025 um Gegenmodelle zur Welt, wie wir sie kennen, gehen. Wie sieht das konkret aus?
Wolfgang Seierl: Gegenmusik meint also in diesem Sinne Musik oder Kunst, die traditionelle Konventionen und Erwartungen umstößt und akzeptierte Kunstdefinitionen in Frage stellt. Die Begriffe Antikunst, Antimusik, Amusik, Anartist gehen auf Künstler wie Marcel Duchamp („ich habe wahrlich versucht, den kleinen Gott zu töten, zu dem der Künstler im Laufe des letzten Jahrhunderts geworden ist“) und Nam June Paik („Schönberg hat geschrieben ‚atonal‘. John Cage hat geschrieben ‚Akomposition‘. Ich schreibe ‚Amusik‘.“) zurück.
Das Begriffspaar Musik-Gegenmusik / music–antimusic steht aber auch für ein plastisches Bild eines übergreifenden Musikverständnisses, das etwa die Dualität bzw. Polarität des Musikdenkens im Westen bezüglich etwa der Gegensätze alt und neu bzw. E- und U- überwindet. Dazu kommt noch der Aspekt, der in unserem Forum von Beginn an wichtig war: die Interaktion mit dem Publikum, die die Polarität von aktivem Gestalten und passivem Konsumieren aufhebt, indem die Aktivität und Kreativität des/der Musikhörenden gleichermaßen geltend gemacht wird. Bereits Marcel Duchamp hat darauf hingewiesen: „Ein Werk an sich existiert nicht. Es sind die Betrachter, die die Gemälde machen.“
Erzählen Sie bitte von ein paar konkreten Projekten des diesjährigen Festivals!
Wolfgang Seierl: Das Konzert des Minguet-Quartetts am Freitag (14.9.2025) wird von den musikalisch-künstlerischen Einwürfen (Intermezzi) der Forumsteilnehmer:innen ergänzt oder durchmischt. Ein Super-Sandwich-Konzert also, denn das Programm des Quartetts beschränkt sich auf Klassiker von Mozart bis Schönberg. Also Modell und Gegenmodell, These und Antithese, Konvention und ein sich der Konvention Entziehendes.
Oder das Konzert vor dem Bill-Drummond-Graffiti unter der Salzachbrücke (17.9.2025), dessen Aussage als Motto für das Konzert gelten kann: „Stell dir vor, morgen Früh aufzuwachen und die Musik ist verschwunden …“, ein Satz, der darauf hinweisen könnte, dass uns durch die lückenlose Verfügbarkeit von Musik das Wesentliche der Musik verlorengeht.
Schließlich auch die Forums-Eröffnung (14.9.2025) mit dem Film von Harun Farocki („Gegen-Musik“), in dem das Fehlen an Gegenbildern einer zusehends überwachten und kontrollierten Gesellschaft thematisiert wird. Daran anschließend setzen wir Christian Wolffs „Stones“ aus seiner „Prose“-Collection gemeinsam mit dem Publikum um. Als Cage-Schüler steht Wolff ja in der Tradition der Klangapologet:innen.
„Wichtig ist, dass das Zusammenarbeiten und Zusammendenken fernab von Vorgaben und Zwängen passieren kann, in einer Umgebung, die dies befördert.“
Das KOFOMI versteht sich als alternatives Festival, bei dem kapitalistische Zwänge keine Rolle spielen. Wie wirkt sich das auf das Programm aus?
Wolfgang Seierl: Das KOFOMI versteht sich eigentlich nicht als Festival (Festivals boomen und sind meist profitorientiert), es hat bestenfalls Festivalcharakter, wie der Falter einmal geschrieben hat. Wichtig ist, dass das Zusammenarbeiten und Zusammendenken fernab von Vorgaben und Zwängen passieren kann, in einer Umgebung, die dies befördert. Das Radikale kann manchmal sehr subtil sein.
Es geht darum, zu vermeiden, dass die Modalitäten der Produktion von den Erfordernissen finanzieller Valorisierung diktiert werden, der sich weder Kunst noch Kulturindustrien entziehen können. Nur unter dieser Bedingung ist es möglich, dass wir die Radikalität, die Impertinenz, das Begehren nach Brüchen erneuern können – die hier wie anderswo anscheinend verloren gegangen sind. (zitiert nach Laurizio Mazzarato)
Vielen Dank für das Gespräch!
Marie-Therese Rudolph
Zur Person: Wolfgang Seierl, geboren 1955 in Wien, ist Gitarrist, bildender Künstler, Komponist und Festivalleiter. 1996 Gründung (gemeinsam mit Christian Heindl) des Komponistenforum Mittersill, das er seither künstlerisch leitet. Er war von 2006 bis 2017 Vorstandsvorsitzender von mica – music austria.
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Termine:
Komponist:innenforum Mittersill
14. bis 20. September 2025
kofomi.com
Wien Modern: SALON SOUTERRAIN: ECHOS OF NUMBERS II
Samstag, 15. November 2025
Palais Schönborn-Batthyány
Kompositionswerkstatt EXPAN
Samstag, 15. November 2025
Aufführung von „Falter und Panzer“
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Links:
Wolfgang Seierl
Wolfgang Seierl (music austria Musikdatenbank)
Komponist:innenforum Mittersill
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