Wolfgang Seierl (c) RICOH R8

„Man muss sich auf das Neue einstellen lernen, indem man das Alte loslässt“ – WOLFGANG SEIERL (KOMPONISTENFORUM MITTERSILL) im mica-Interview

WOLFGANG SEIERL, Künstler, Komponist, Gründer und Leiter des KOMPONISTENFORUMS MITTERSILL, sprach mit Markus Deisenberger über lebendige Denkmäler, notwendige Irritationen und das Leben in der Krise.

Das von Ihnen 1996 ins Leben gerufene Komponistenforum Mittersill, KOFOMI, fand trotz Knappheit der Mittel auch 2018 statt. Wie war es? Was waren die Höhepunkte?

Wolfgang Seierl: Es gibt da eine pragmatische oder auch technische und eine künstlerische Seite. Das Technische war, dass wir das Festival trotz des Wegfalls der Förderung durch das Bundeskanzleramt durchgezogen haben, fast ohne Honorar für die Organisation.

Wieso fiel die Förderung weg?

Wolfgang Seierl: Genaue Gründe wurden nicht genannt, aber es gibt einen Sparkurs, also eine Richtlinie, wonach angeblich eher neue Projekte gefördert werden sollen. Heuer dürfte es wieder anders sein. Wir haben wieder um Förderung angesucht und bis heute keine Absage erhalten, was heißen soll, dass wir wieder etwas bekommen. Wie viel wir bekommen, ist allerdings noch offen. Das Pragmatische war also, dass wir das mit sehr wenig Geld und verhältnismäßig viel Programm noch einmal gewagt haben. Das Künstlerische: Es gab mehr Publikum als die letzten Jahre und die Stimmung war wirklich toll. Das Konzept ist voll aufgegangen. Es gab Aktionen im öffentlichen Raum, einen Workshop in der Schule, sehr gute Initiativen von den Teilnehmenden und gute Konzerte mit spannender Zusammenarbeit. Wir hatten heuer erstmals kein „Ensemble in Residence“ eingeladen, wie wir das in den vergangenen Jahren immer gemacht hatten, das heißt also ein eingespieltes Ensemble, das auf fertige Stücke wartet und sie dann aufführt. Dieses Mal kamen Musikerinnen und Musiker und Komponistinnen und Komponisten in Personalunion zusammen und machten gleich gemeinsam etwas, was sich als viel spannenderer Prozess erwies. Das war von Anfang an eine Art des Zusammenkommens, die sehr spannend war. Sehr lebendig, weniger hierarchisch und starr.

Am Stadtplatz in Mittersill wurde der Anton-Webern-Themenweg vorgestellt. Schloss sich da ein Kreis? Das Festival wurde ja anlässlich des 50. Todestags von Anton Webern gegründet. Damals wurde ihm zu Ehren in einem Waldstück am Sonnberg ein eigens komponiertes Stück aufgeführt.

Wolfgang Seierl: Ja, da schließt sich in der Tat ein Kreis, weil es nach sehr vielen immer wiederkehrenden Bezugspunkten zu Webern – es gab auch jedes Jahr ein Konzert, für das die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Stücke von Webern planten – dieses Mal etwas ganz Besonderes war: Zwei Mittersiller, ein junger Musikwissenschaftsstudent und eine Lehrerin, hatten sich zusammengetan und einen Themenweg initiiert, der mittlerweile fertig ist und im Rahmen des Komponistenforums vorgestellt wurde.

Wie kann man sich diesen Themenweg vorstellen?

Wolfgang Seierl: Das ist ein Wander- oder Spazierweg mit Stationen, die Bezug zu Webern haben und deshalb an ihn, sein Leben und sein Werk erinnern. Einer dieser Punkte ist auch Karlheinz Essls Webern-Uhrwerk, das bis Sommer nie durchgehend lief, sondern immer mal wieder zu besonderen Aktionen und im September während des KOFOMI, aber sonst kaum. Alle Vorschläge, es doch fix zu installieren, blieben erfolglos. Aber die beiden haben bei der Gemeinde nachgehakt und es gelang ihnen, das Uhrwerk jeden Samstag zwei Stunden lang in Szene zu setzen. Jeden Samstag am Stadtplatz. Es wird also jetzt ständig stattfinden, es kommt nur noch darauf an, in welcher Frequenz.

Das heißt, das Uhrwerk wurde als Sehenswürdigkeit installiert?

Wolfgang Seierl: Genau. Eine Sehenswürdigkeit musikalischen und lebendigen Charakters. Das Programm, das von Karlheinz Essl entwickelt wurde, generiert immer neue Permutationen einer Webern-Reihe für Glockenspiel. Es klingt nie gleich, ist immer neu und obendrein ein Bezug zu einem zeitgenössischen Komponisten. Essl war selbst einmal Teilnehmer am KOFOMI. Das heißt, den Bezug gibt es auch noch. Das Webern-Uhrwerk ist ein weiteres lebendiges Denkmal. Und das will auch das KOFOMI sein: ein lebendiges Denkmal.

„Und das will auch das KOFOMI sein: ein lebendiges Denkmal.“

Woran lag es, dass der Zuschauerzuspruch heuer größer war als in den vergangenen Jahren?

Wolfgang Seierl: Das kann bloßer Zufall sein, vielleicht aber liegt es auch an meinen Parallelaktivitäten in Stuhlfelden. Dadurch hatte ich mehr Aufmerksamkeit in der Presse, die vielleicht auf das Komponistenforum abfärbte. Schwer zu sagen.

Gab es bei der heurigen Austragung noch Irritationen, gewollte oder ungewollte? Oder ist die Skepsis, die Ihnen mitunter entgegengebracht wurde, einer allgemeinen Zufriedenheit gewichen?

Isabelle Duthoit (c) Wolfgang Seierl

Wolfgang Seierl: Es gibt schon noch Irritationen. Auf jeden Fall. Es gibt subtile im Rahmen von Konzerten, bei denen Elemente vorkommen, die irritieren: Isabelle Duthoit etwa, die mit ihrer Stimme Töne hervorbringt, von denen man nicht glaubt, dass sie einem Körper überhaupt entweichen können, ein Bass zum Beispiel, den man einer zarten Frau nicht zutraut, irritierte. Was auch irritiert hat, war eine Klangaktion am Stadtplatz, die Cornelia Vogelmaier, eine Tänzerin, in Szene setzte. Sie berührte immer wieder mit ihren Händen den Boden und die Wände und erzeugte heimlich dazu Klänge auf einer Soundanlage und mit einem Lautsprecher, die unter ihrem Kleid versteckt waren. Das war verblüffend, weil es auf den ersten Anblick so aussah, als würde sie dem Titel „Mittersill klingt“ entsprechend tatsächlich die Stadt zum Klingen bringen. Das heißt: Der Trick war von vorneherein nicht als solcher erkennbar. Es gab sogar Nachahmerinnen und Nachahmer, die den Boden abtasteten und überprüften, ob sich bei ihnen nicht der gleiche Effekt der Klangerzeugung einstellen würde.

Die größte Irritation aber hatten Sie für das Schlusskonzert geplant, oder?

Wolfgang Seierl: Ja, da bezahlten wir die Zuhörerinnen und Zuhörer für das Konzert. Das Zuhören ist ja ein wesentlicher Bestandteil eines Konzertes und ein aktives, kreatives Zuhören kann wesentlich zum Gelingen eines Konzertes beitragen. Deshalb wollten wir das einmal ausprobieren und haben jeder Besucherin und jedem Besucher eine symbolische Summe wirklichen Geldes und einen Begleitbrief übergeben, in dem erklärt wurde, warum wir das machen. In Interviews haben wir dann erkundet, wie das für die Leute war.

„(E)in aktives, kreatives Zuhören kann wesentlich zum Gelingen eines Konzertes beitragen“

Was kam dabei heraus?

Wolfgang Seierl: Viele fanden das befremdlich. Einer nahm das Geld nicht an. Er habe so viel Spaß am Konzert gehabt, dass er das nicht wolle, sagte er. Aber die Musikerinnen und Musiker hätten ja auch Spaß, haben wir entgegnet. Dann dürften die ja auch nichts bekommen. Ein anderer fühlte sich überfordert, weil er sich unter Druck gesetzt wähnte. Er dachte, er müsse jetzt, wenn er bezahlt wird, besonders gut zuhören. Es werde etwas Besonderes von ihm erwartet und deshalb könne er nicht mehr so unbefangen zuhören wie vorher. Die Aktion löste jedenfalls Denkanstöße aus. Es entstand ein interessanter Diskurs über das hierarchische System des Bezahlens: Die Zahlenden erkaufen sich ein Recht auf Beurteilung und die Musikerinnen und Musiker werden für ihre Arbeit bezahlt und sollten im besten Falle unabhängig davon Spaß an ihrem Tun haben. Wenn man es an der Freude an der Kunst aufhängt, dann ist das Ganze ein Geben und Nehmen, das mit Geld primär einmal nichts zu tun hat. Und diese Dinge wurden zum Teil ausgesprochen, angesprochen, diskutiert. Das fand ich gut, weil einige sehr offen waren und sich auf die Diskussion wirklich einließen. Das heißt natürlich nicht, dass wir das Konzept des Bezahlens beibehalten wollen. Es ging uns darum, einen Diskurs in Gang zu setzen, was auch wirklich gut funktioniert hat.

Was mich zur nächsten Frage bringt: In einem Interview, das wir vor einiger Zeit einmal geführt haben, meinten Sie, das KOFOMI sei eine Art Labor, in dem man, weil es eben etwas abseits gelegen ist, relativ unbehelligt Dinge ausprobieren könne. Das Erzählte legt nahe, dass das immer noch so ist.

Wolfgang Seierl: Das ist noch immer so, ja. Aber es treffen sich nach wie vor auch sehr unterschiedliche Leute, die einander vorher nicht gekannt haben und nachher sehr froh über dieses Angebot sind. Claudia Larcher etwa sagte nachher, es sei das Beste gewesen, was sie seit ein paar Jahren erlebt habe, weil sie – und das geht vielen so – als Künstlerin viel allein unterwegs sei und es ihr unheimlich guttue, mit anderen in einen Arbeitsprozess zu kommen. Das Forum ist daher auch eine soziale und künstlerische Bereicherung für die Künstlerinnen und Künstler selbst. Was wir neuerdings machen, ist, nicht mehr nur eine bzw. einen, sondern mehrere Künstlerinnen und Künstler aus anderen Bereichen einzuladen. Heuer waren eine Tänzerin, eine Medienkünstlerin und eine Schriftstellerin dabei. Die anderen waren musikbezogen. Und es war extrem spannend, was sich da zwischen den einzelnen Persönlichkeiten ergab. Manche fanden sehr schnell zueinander, bei anderen dauerte es länger. Manche fanden auch zu einem fortführenden Prozess, das heißt, sie werden sich auch nach dem KOFOMI weiterhin treffen, um gemeinsam Kunst zu machen. Wenn das gelingt, ist das besonders schön, finde ich.

Besonders die befruchtende Kombination von Literatur und Musik stelle ich mir schwierig vor.

Wolfgang Seierl: Vielleicht, aber Roswitha Klaushofer ist auch eine besondere Figur, weil sie von Anfang an als Musikerin beim Komponistenforum dabei war. Im Laufe ihrer Kariere hat sie sich immer mehr auf das Schreiben verlegt, hat einiges herausgegeben und Literaturpreise bekommen.

Sie schreibt unter anderem Anagramme – eine dichterische Form, die einen gegebenen Kontext zerstört, um neue Formen zu schaffen –, was wiederum gut zum Thema „Streng geheim“ passte. So hat sie aus den Buchstaben von Anton Webern einen vielschichtigen Dreizeiler gemacht, der auf den ersten Blick sinnlos wirkte, es aber nicht war. Der Sinn entpuppte sich erst auf den zweiten Blick. In den Konzerten las sie zur Musik. Zu ihren Texten wurde aber auch gearbeitet, musikalisch wie filmisch.

Wie geht es weiter?

Wolfgang Seierl: Zunächst einmal war das Schlusskonzert eigentlich kein Schlusskonzert, sondern ein Zwischenergebnis, weil der gemeinsame Tenor nachher war, dass wir uns alle wieder treffen müssen, um das zu wiederholen. Deshalb wird es auch eine Wiederholung des Schlusskonzertes in Wien geben.

„Es kommt eher darauf an, erlernte Hörtraditionen fallen zu lassen.“

 

Auf der Homepage des KOFOMI fand sich ein programmatisches Zitat von Pierre Bourdieu, der laut Homepage den Konsum von Kunst als einen Akt der Dechiffrierung oder Decodierung sieht, der die Beherrschung einer Art Geheimschrift voraussetzt: „Kunst ist nur für den/diejenige/n von Interesse, der/die die Kompetenz, d. h. den angemessenen Code besitzt bzw. versteht. Diejenigen aber, denen diese Codes fehlen, fühlen sich überfordert.“ Welche Erkenntnisse brachte das Komponistenforum diesbezüglich?

Wolfgang Seierl: Wir hatten ein kleines Symposium, bei dem die einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu diesen Themen Stellung bezogen. Der Tenor war, dass es eigentlich für die Zuhörerinnen und Zuhörer keines besonderen Wissens bedarf. Das heißt, wir haben heute eine ganz andere Haltung als zu Adornos Zeiten, als es hieß, man müsse mit Literatur ins Konzert gehen, um die Musik auch wirklich zu verstehen. Man braucht nur Offenheit und Neugier. Es kommt eher darauf an, erlernte Hörtraditionen fallen zu lassen.

Franz Hautzinger sagte einmal zu mir, man müsse als Musiker sehr viel lernen und dann alles wieder vergessen. Vor allem darum gehe es.

Wolfgang Seierl: Genau. Dieses Vergessen der Tradition ist wichtiger, als etwas lernen zu müssen. Das kann man natürlich in Mittersill gut ausprobieren. Jeder kommt mit Hörtraditionen und glaubt mitunter, jetzt müsse sie bzw. er es in der Neuen Musik besonders beweisen, vor allem wenn man bezahlt wird. Sie bzw. er müsse sich besonders einlesen, nachdenken, etwas Gescheites sagen. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Man muss sich auf das Neue einstellen lernen, indem man das Alte loslässt. Das ist das Knacken des Codes. Das war ein schönes Ergebnis des Symposiums.

Das Label „ein_klang records“ wurde 1998 zum Zweck der Dokumentation der Ergebnisse des KOFOMI gegründet. Bald schon ging es darüber hinaus, man wollte nicht nur dokumentieren, sondern auch kreieren. Wie ist der Status quo anno 2018?

Wolfgang Seierl: Das Label besteht nach wie vor. Aber es passiert heute deutlich weniger. Zum einen, weil wir die Dokumentationen der Foren nicht mehr veröffentlichen. Dazu fehlt einfach das Geld. Wir stellen Videos auf die Homepage und versuchen, das so zu dokumentieren. Zum anderen ist das Format CD einfach nicht mehr aktuell. Das heißt, es gibt keine CDs mehr über die Ergebnisse des Komponistenforums. Aber wenn es Bedarf im Umfeld der experimentellen Musik gibt, dann kommen wir dem nach. Labels, die sich in diesem Feld betätigen, gibt es in Österreich ja nicht so viele. Das Nächste, was wir veröffentlichen werden, ist einen Tonträger mit dem Komponistenkollektiv Snim, der im Frühjahr 2019 erscheinen wird. Aber es ist insgesamt weniger geworden als früher. Ein weiterer Grund dafür ist, dass ich heute fast alles allein mache. Manche Mitstreiterinnen und Mitstreiter haben sich aus Gründen der Arbeitsüberlastung entfernt. Alle müssen dem Geld extrem nachrennen.

„Dieses Vergessen der Tradition ist wichtiger, als etwas lernen zu müssen.“

Womit wir beim Thema wären: Wie sehen Sie insbesondere die Lage der freien Szene in Wien?

Wolfgang Seierl: Es passiert sehr, sehr viel. Im Wien, aber auch in Österreich. Aber alle sind sehr unter Druck, und das spürt man auch. Aufgrund der immer enger werdenden wirtschaftlichen Lage der Künstlerinnen und Künstler ist es extrem schwierig und es bedarf eines immer größeren Einsatzes, um noch etwas zu verdienen. Andererseits steigen die Standards: Alle glauben, perfekt ausgerüstet sein zu müssen. Es ist also eine große Herausforderung für alle. Mehr Arbeit, weniger Geld. Man muss heute deutlich mehr tun als noch vor Jahren, damit man noch ein bisschen etwas kriegt.

Wie beurteilen Sie die Initiative „Mit der Stadt reden“?

Wolfgang Seierl: Alle Initiativen, die auf Kommunikation mit Fördergebern oder überhaupt auf Kommunikation aufbauen, finde ich grundsätzlich einmal sehr gut und wichtig. Ich finde auch gut, dass die Leute, die da mitarbeiten, gut miteinander vernetzt sind und miteinander diskutieren. Ich wünsche mir, dass das alles von Erfolg gekrönt sein wird, aber ich bin mir nicht sicher, welche Kräfte letztendlich siegen werden. Wir leben in einer schwierigen Zeit, in einer nicht nur krisenhaften Zeit, sondern tatsächlich in der Krise. Und: Die Kräfte, die gegen diese Initiative wirken, sind wahnsinnig stark. Man wird sehen, ob man damit etwas aufhalten kann. Ich wünsche es mir.

Kulturarbeit am Land – erfährt sie die Wertschätzung, die sie verdient?

Wolfgang Seierl: Nein. Es kommt natürlich immer darauf an, von wem und in welcher Form. Wenn ich daran denke, als ich das letzte Mal in Salzburg über die Zukunft des KOFOMI Gespräche führte: Da sagte man mir, dass das Forum für das Land sehr wichtig und ein Leuchtturmprojekt sei. Das ist also zunächst einmal eine verbal ausgesprochene Wertschätzung, die toll ist. Die Anerkennung ist also da, sie drückt sich nur nicht im Monetären aus. Das ist etwas, was es von Jahr zu Jahr schwieriger macht. Also auch wenn das Land das als Leuchtturmprojekt ansieht, ist es letztlich so, dass es das Projekt, wenn der Bund dieses Jahr nicht mitzieht, nicht mehr geben wird.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Markus Deisenberger

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