
Bericht Parlamentarische Enquete (Teil 2)Am 3. Juni 2008 fand im Nationalrats-Sitzungssaal des Parlamentsgebäudes eine parlamentarische Enquete mit dem Thema “ZukunftsMusik. Aktuelle Herausforderungen und musikalische Entwicklungsperspektiven in Österreich” statt. Am Nachmittag wurden bei der Parlamentarischen Enquete die Themen Musikwirtschaft und Standortentwicklung behandelt.
Stefan Dorfmeister vom Austrian Music Ambassador Network (AMAN) sprach über Perspektiven für die österreichische Musikwirtschaft im internationalen Kontext. Er erläuterte das Thema Popularmusik im internationalen Kontext. Die Rahmenbedingungen der Vermarktung sollten optimiert werden. In diesem Zusammenhang kritisierte er die heimische Standortpolitik als “medioker”. Anerkennung auf dem internationalen Markt basiere auf Unterstützung im Inland. Der heimische Markt sei die “Pflicht”, der internationale die “Kür”.
Gerd Leonhard, “MediaFuturist” und Buchautor, erläuterte das Thema Musik und Medien: Herausforderungen durch Strukturwandel und neue Vertriebskanäle. Er verwies darauf, dass international gesehen erst 2% der Bevölkerung online seien, 150% Wachstum bei music-sharing zu verzeichnen sei, und rund 32 Millionen Konsumenten Musik streamen, also online hören würden. Er verwies darauf, dass hier ein neues Wachstum bevorstehe. Frühere Konsumenten würden zu Schöpfern. In Zukunft würden nur Businessmodelle, die zu den Konsumenten ja sagen, Erfolg haben.
Die rechtliche Definition von “anhören” und “kopieren” würde schwierig werden, das Copyright müsste um ein standardisiertes Nutzungsrecht erweitert werden. Das Internet müsse lizensiert werden. Kontrolle hätte keine Gewinnchance mehr. Eine Lizensierung berge aber ungeheuere Chancen; das Internet- Werbebudget bewege sich in einer Höhe von ca. 750 Mrd. Dollar/Jahr. “User” und “Creator” wären in diesem neuen Modell stärker präsent.
Andy Baum von der AKM beleuchtete Österreichische Verwertungsgesellschaften und europäische Herausforderungen. Er erläuterte die gegenwärtigen Abläufe in der kommerziellen Verwertung von Musik. Es gebe Versuche, dieses System unter Berufung auf den freien Wettbewerb zu zerschlagen und es sei bedauerlich, dass Strukturen, die sich bewährt haben, davon bedroht wären. Die Leidtragenden wären die Urheber und die kleineren und mittleren Verwertungsgesellschaften. Es käme zu einer Verengung des Angebots, dieser Wettbewerb schade den Urhebern und Kreativen, und letztlich auch dem Konsumenten. Er stelle die dringende Forderung, auf europäischer Ebene zu intervenieren, damit sich in Zukunft nach wie vor die AKM und nicht das AMS um Musiker zu kümmern habe.

Im Panel 2 wurde über das österreichische Musikschaffen und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesprochen.
Willy Mitsche vom ORF berichtete für das Radioprogramm des ORF von 79% Tagesanteil. Der ORF sei der österreichischen Identität aber auch den Wünschen der KonsumentInnen verpflichtet. Die unterschiedlichen präsentierten Zahlen betreffend des Anteils an heimischer Musik im ORF (25% Anteil) erklärt er dadurch, dass sich der ORF an den Interpreten orientiere und die AKM an den Urhebern. Er verwies auf die Leistungen des ORF bei der Präsentation heimischer Musik, etwa auf Ö1 im Zeitton oder auf Ö3 in den “Neuen Österreichern” und im Ö3 Soundcheck. Bei FM4 gäbe es zur Förderung der österreichischen Musik den Soundpark. Auch das Radiokulturhaus sei eine Plattform für die heimische zeitgenössische Musik. Der ORF sehe sich als verantwortungsvollen Träger und Förderer des österreichischen Musikschaffens, lehne aber eine Quote ab. Mitsche schlage eine Arbeitsgruppe zur Thematik einer freiwilligen Selbstverpflichtung aller ORF- und Privat-Radios zu einem Mindestanteil an heimischer Musik nach dem Vorbild der Schweizer Musikcharta vor.
Hannes Eder von Universal Music Austria erwiderte in seiner Replik, dass ein höherer Anteil von heimischer Musik seit zwanzig Jahren eingefordert würde, dem aber nicht nachgekommen werde. Er bezeichnete das Verhältnis zwischen den österreichischen Musikschaffenden und dem öffentlich-rechtlichen ORF als “Gefäßverstopfung”. 86% aller ORF-Sendungen seien anglo-amerikanischen Ursprungs, nur etwa 5% sei Musik von Österreichern. Keine Möglichkeit zu haben, in den heimischen Medien gehört zu werden, bezeichnete er als katastrophale Startbilanz für einen Künstler, überhaupt wenn er aus einem kleinen Markt komme. Unabhängige Umfragen hätten ergeben, dass österreichische Musik erwünscht sei, es herrsche auch kein Mangel an sendefähigem Material. Er ortete bei den Musikschaffenden eine Demoralisierung, wenn nicht Depression aufgrund der herrschenden Zustände, auch aufgrund der Diskussionsverweigerung. Der ORF wäre gut beraten, eine freiwillige Erhöhung der Zahlen anzustreben. Die Musiknation Österreich solle eine Chance erhalten.
Alfred Smudits vom Institut Mediacult der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien zitierte einen Musikmanager, der unter Bezugnahme auf den kleinen österreichischen Binnenmarkt gesagt hätte, Österreich vertrage nicht mehr als drei Stars, womit er nicht übereinstimme.
In bezug auf den E-Musik-Sektor sei Österreich ohnehin eine Weltmacht. Er sähe Österreich als musikindustrielle Kolonie mit kleinen Dependancen. Es gäbe eine große Musikindustrie, nämlich den ORF. Hinsichtlich des Umfangs von dessen Kulturauftrag in bezug auf Österreich habe der Gesetzgeber mit der Formulierung “in angemessenem Maße” Raum für Auslegung offengelassen.
Die Stakeholder müssten Lobbying betreiben, was bisher nicht in erfolgreicher Weise geschehen sei. Es sei kein Tabubruch, wenn in einem Gesetz von Quote gesprochen würde. Beim Film etwa gäbe es auf europäischer Ebene in dieser Hinsicht bereits Maßnahmen. Noch zu schaffende Auflagen, das heimische Kulturleben zu präsentieren, sollten auch für Privatradios gelten. Er suggerierte auch eine kontinuierliche Evaluierung des Kulturauftrags des ORF durch ein unabhängiges Gremium und nicht durch den ORF selbst wie bisher.
Georg Tomandl vom Fachverband der Audiovisions- und Filmindustrie und vom Österreichischen Musikfonds sprach über den Österreichischen Musikfonds, der es sich zur Aufgabe gestellt hat, die musikalische Vielfalt in Österreich zu fördern. Die GIS, das österreichische Rundfunk-Gebührenservice, nehme vom österreichischen Nutzer Gebühren ein. Dafür solle man auch die heimische Musik zu Gehör bringen. Der Österreich-Anteil betrage derzeit laut AKM nur 5,5% in Ö3, auch bei FM4 sehe es nicht besser aus. Ein öffentlich-rechtlicher Sender könne nicht wie ein Privatradio formatiert sein. Es sei außerdem eigenartig, dass niemand die Auswertung der ORF-Hörertests kenne. Tomandl fordert die Einführung einer verbindlichen Quote für österreichische Musik in allen ORF-Sendern.

Klaus Ager, Präsident des Österreichischen Komponistenbundes, betonte, dass in den letzten Stunden während der Enquete das Wort Komponist sehr selten gefallen sei und illustrierte das Verhältnis der heutigen Gesellschaft zum Komponisten mit einer Anekdote über eine Achtzehnjährige, die ihn gefragt habe: Was, es gibt noch lebende Komponisten? Es gehe ihm um Sichtbarkeit, Anerkennung und Remuneration. In Frankreich werde beispielsweise 60-65% französisches Repertoire im Rundfunk gespielt, in Finnland, Großbritannien und Kroatien seien es immerhin noch 40-50%. Österreich sei in dieser Hinsicht tatsächlich das Schlusslicht in der EU. Musik, die nicht gespielt werde und so auch nicht gehört werden könne, werde aber auch nicht nachgefragt. Bei der geschützten österreichischen E-Musik sei der Anteil noch geringer, er liege bei 0,2%. Solche Zahlen seien für eine Kulturnation blamabel. Der ÖKB fordere daher die Anhebung der Quote heimischer Musik auf 35-40% und der geschützten E-Musik auf 2%.
Das Panel 3 war der Frage: Österreichische Musikwirtschaft quo vadis? gewidmet.
Dr. Franz Medwenitsch von der IFPI Austria, dem Verband der österreichischen Musikwirtschaft kritisierte den ORF, dieser müsse Bereitschaft zur Kooperation zeigen. Man bräuchte Arbeit und nicht eine Arbeitsgruppe. Das hohe unternehmerische Risiko für österreichische Labels werde durch das “Nadelöhr” ORF verstärkt. Er betonte, dass es zwar ein gestiegenes Interesse an Musik gebe, das sich aber nicht mehr in den Umsätzen abbilde. Die Wertschöpfungskette laufe an der Musikwirtschaft vorbei.
Es müsse sich auszahlen, von Musik zu leben. Die Schutzfrist für Musiker und Labels sei viel zu kurz.
Werner Müller, Geschäftsführer des Fachverbands Film- und Musikindustrie der Wirtschaftskammer Österreich, forderte, dass Kreative in Österreich arbeiten können müssten und nicht gezwungen sein sollten, auszuwandern. Österreich sei ein kleiner, aber stabiler Markt, dessen Potenzial nicht ausgeschöpft sei. Die Medienpräsenz österreichischer Musik sei entwickelbar. Es müsse ein Marketing-Konzept für den Handel geben. Außerdem solle der Gesetzgeber den Musikstandort durch Förderung der Musikwirtschaft ähnlich wie beim Filmbereich sichern. Müller forderte ebenfalls eine Quote für den ORF.
Harald Quendler vom der “Extraplatte” sieht für sich selbst als Labelbetreiber das Problem, zwischen Pflicht und Neigung agieren zu müssen. Es gebe seit langem die Diskussion darüber, dass Kunst sich rechnen müsse. Wenn sie sich rechne, seien alle zufrieden. Ihm sei es allerdings zu wenig, nur das zu machen, was sich verkaufe. Er stelle auch gravierende Mängel im Ausbildungsbereich fest, so gebe es, anders als im Literaturbereich, keine Ausbildung zum Plattenhändler. Außerdem kritisierte er die eintönige Medienlandschaft des österreichischen Rundfunks, der zumeist von Ratlosigkeit geprägt sei. Die Rahmenbedingungen für die Musikwirtschaft müssten sich ändern. Es solle Förderungen für Nicht-Mainstream-Plattenläden geben.
Johannes Hynek von der “Musikdirektion” sprach über die von ihm betriebene Internetplattform, die der Förderung des heimischen Musikernachwuchses diene. Ohne ORF sei allerdings keine Vermarktung von heimischer Musik möglich. Nur wenn der ORF diese Musik entsprechend propagiere, hätte sie die Chance auf Konkurrenzfähigkeit.
Susanne Kirchmayr, DJ, Musikerin, Produzentin, Labelbetreiberin (Electric Indigo)
database female:pressure, sprach über ihren Bereich der elektronischen Musik, die erst im öffentlichen oder halböffentlichen Raum entstehe, da sie einerseits wegen der Beschaffenheit der Musik eben viel Raum und andererseits das Publikum brauche. Sie erkennt in Österreich ein hohes Potenzial für die Verbreitung ihrer Musik, ortet allerdings ein strukturelles Nachhinken. So regt sie etwa die Einrichtung einer Anlaufstelle für die professionelle Fertigstellung halbfertiger elektronische Musikproduktionen an. Außerdem gebe es einen starken Bedarf an Kursen in diesem Bereich.
Bei der anschließenden Diskussion wurde vor allem der Umgang des ORF mit der heimischen Musik kritisiert, aber auch die Hoffnung auf eine Kulturpartnerschaft zwischen Musikwirtschaft und ORF geäußert. Weiters wurde eine Quote auch bei anderen Institutionen, sowie Orchestern, Ensembles und Musikern gefordert. Es wurde abermals auf die “Unsichtbarkeit” der Komponisten verwiesen, die nicht wahrgenommen werden würden. Außerdem wurde auch eine Quote für Weltmusik und Frauenmusik gefordert.
Der Kultursprecher der Grünen, Wolfgang Zinggl, bedankte sich beim mica – music austria und dessen Geschäftsführer Peter Rantasa für den Einsatz beim Zustandekommen der Parlamentarischen Enquete. (sr)