„Wir kommen nie ans Ende des Irrsinns” – ROBERT ROTIFER

Wenn man ROBERT ROTIFER vors Mikro bekommt, muss man mit ihm natürlich über sein aktuelles, äußerst gelungenes Album “Holding Hands in Petropolis” sprechen, aber nicht nur. Mit dem Musiker, der auch als Journalist (u.a. für FM4, den Rolling Stone, Deutschlandfunk Kultur und Ö1) tätig ist und als ausgewiesener Spezialist für Popkultur gilt, empfiehlt es sich auch, über Pop und den Zustand Englands zu sprechen – das Land in dem er seit gut einem Vierteljahrhundert lebt.Ein Gespräch über Blur, Stefan Zweig und André Heller, bei dem Markus Deisenberger dem Singer-Songwriter und Pop-Guru entlockte, weshalb nur eine Zeile für sein letztes Album spricht und warum es ihn besonders freut, in den Biographien von Leuten, die er verehrt, Spuren zu hinterlassen.

Es gibt diese Fotos, die einen nicht mehr loslassen. Bei dir war es die Aufnahme von Stefan Zweig und seiner Frau Lotte am Sterbebett in Petrópolis, ohne die es dein aktuelles Album nicht oder zumindest so nicht geben würde, oder?

Robert Rotifer: Stimmt. Wenn man Texte schreibt, fallen einem ja immer Dinge ein, die im Halb-Unterbewussten liegen. Dort, wo man nach Reimen sucht, kommt man durch die formale Beschränkung auf Dinge, auf die man beim Prosa schreiben nicht kommen würde. Im Song “He’s not ill” ging es eigentlich um den Freitod von Jean-Luc Godard. Eigentlich.

Um den legendären Satz: „Er war nicht krank, er war erschöpft.”

Robert Rotifer: Genau. Das Statement seiner Anwälte. Das ist ein so schöner Satz, mit dem man sich identifizieren kann, wo wir doch alle erschöpft sind, weil wir seit Jahren eine Hiobsbotschaft nach der anderen in uns aufnehmen und versuchen sie irgendwie zu absorbieren, was wiederum einhergeht mit einer Hoffnungslosigkeit, die wir uns nicht leisten können, was wir auch wissen. Dieser Satz hat nun, als ich ihn las, zu mir gesprochen, und ich musste unweigerlich an den Freitod von Stefan und Lotte Zweig denken, den ich bis dahin für eine tragische Fehkalkulation hielt. Ich dachte mir immer: „Hättet ihr bloß ein bisschen länger gewartet, dann hättet ihr Stalingrad erlebt und gesehen, dass sich alles noch dreht.” Gerade wenn man sein letztes Buch “Die Welt von gestern” liest, bekommt man ja nicht das Gefühl, dass das jemand geschrieben hat, der lebensmüde ist. Da erzählt zwar jemand, wie seine Existenz gleich mehrfach zerstört wurde, aber man hat immer das Gefühl, er glaubt trotzdem an die Menschheit. Aber viele Dinge versteht man erst später. Meine Generation war immer sehr selbstherrlich, wenn wir leichte Unterhaltung aus dem zweiten Weltkrieg kritisierten. Wie konnte man angesichts der Verbrechen, die da passierten, nur ins Kino gehen, und sich eine seichte Komödie anschauen? Heute kann ich das vollkommen nachvollziehen, habe kein Problem damit. Im Gegenteil glaube ich, dass man eine gewisse Sicherheit der Existenz, einen Frieden braucht, um sich das reinzuziehen, womit wir aufgewachsen sind: Die “echte, sozialkritische” Kunst. Die beiden Freitode jedenfalls – der von Godard, und der vom Ehepaar Zweig – sind mir heute viel näher als damals. Und da ist mir dieses Bild in den Kopf geschossen, vor allem das Detail dieser sanft verschränkten Hände im Tod, und dann war da plötzlich eine Textzeile da: “Holding Hands in Petrópolis”. Oft entpuppt sich ja eine bestimmte Zeile eines Songs als für ein ganzes Album sprechend. Einerseits gibt es da diesen düsteren Hintergrund, andererseits dieses positive Händehalten. Ich habe das Gefühl, auch wenn das ein wenig makaber klingt, dass die beiden im letzten Moment ihres Lebens so etwas wie Geborgenheit empfunden haben. Wenn das die Stimmung des Albums ist, die es vermittelt, dann wäre es für mich gelungen. Geborgenheit im Angesicht der Düsternis.

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Wenn du die harten sozialkritischen Themen ansprichst, muss ich an deine Beiträge für FM4 denken. Mit deinen Kolumnen und Artikeln legst du als eine Art Chronist dieses Post-Brexit-Englands ja gewissermaßen den Finger in die Wunde. Ich ertappe mich dann immer wieder dabei, dass ich kurz durchatme, weil ich es bei uns als (noch) ein bisschen besser empfinde. Birgt das nicht die Gefahr in sich, dass genau das passiert, dass man sich mit dem bisschen Besseren abfindet?

Robert Rotifer: Das hätte ich bis vor kurzem noch so gesehen, ich sehe es nur mittlerweile überhaupt nicht mehr so. Es blieb mir ja gar nichts anderes übrig, als mich mit dem Brexit auseinanderzusetzen und ich habe auch vielleicht zu viel darüber geschrieben, weil man nie wusste, wo das Thema aufhört, wo man ans Ende des Irrsinns kommt. Jetzt weiß ich: Wir kommen nie ans Ende des Irrsinns. Irgendwann habe ich gemerkt, dass in Österreich und Deutschland eine Erschöpfung eingetreten ist, davon überhaupt noch zu hören, habe das zur Kenntnis genommen und kann es auch nachvollziehen. Es sah ja eine Zeit so aus, als könne sich noch etwas am Brexit ändern, was allerdings nie passiert ist. In der Lage, in der wir uns weltpolitisch aktuell befinden, bin ich allerdings froh, in Großbritannien zu sein. Wenn ich mir den Diskurs etwa zum Krieg im Nahen Osten anschaue, wenn ich sehe, wie die Medien darüber berichten oder eben nicht berichten, dann bin ich froh, nicht in Deutschland oder Österreich, sondern einer Welt mit einer etwas offeneren, etwas rationaleren Auseinandersetzung zu leben. Man ist in Großbritannien näher dran an einem weiteren Weltbild, weil die Fühler des Empire immer ein wenig weitergingen, was manchmal unangenehm, manchmal aber auch angenehm sein kann. Es ist schwierig, dass das, was ich jetzt sage, nicht arrogant klingt, aber ich habe in England mehr offene Informationskanäle zur Verfügung, als die, die man sich in Deutschland und Österreich gönnt.

Klingt eher sarkastisch als arrogant.

Robert Rotifer: Sarkasmus ist ja eine der Eigenschaften, die man an den Briten zu schätzen lernt. Manchmal hofft man aber, dass der auch wieder mal abgeschaltet wird, weil es ernst wird. Sarkasmus ist also auch ein bisschen das Problem der Briten, andererseits ist er natürlich ein guter Bewältigungsmechanismus.

Bild Robert Rotifer
Robert Rotifer (c) Josef Fischnaller

Ist England überhaupt noch der Sehnsuchtsort, der es einmal war, als du dich vor einem Vierteljahrhundert dazu entschlossen hast, hinzugehen?

Robert Rotifer: Schwer zu sagen. Es ist in vielerlei Hinsicht ein gescheitertes Land, aber es ist auch ein popkulturell avanciertes Land, wo das Vokabular, auf das man zurückgreifen kann und das Wissen um Referenzen historisch bedingt ein vielfach größeres ist als in Österreich.
Das Repertoire, mit dem ich aufwuchs, war ein enorm limitiertes, was damit zu tun hat, wie in Österreich Radio und Medien funktionierten und wir wenig Anbindung an die angloamerikanische Musikwelt hatten.

Nur ist mir die Popkultur heute weniger wichtig als sie es einmal war. Ich sehe die Popkultur heute viel mehr als eine periphere Erscheinung. Früher war sie Lebensinhalt für mich. Natürlich ist sie mein Kanal, mich auszudrücken und auch das, womit ich journalistisch arbeite. Insgesamt gesehen halte ich sie aber für ein Selbstüberschätzungsprojekt. Aber gut: Kunst muss sich selbst überschätzen, sonst würde niemand so viel Energie in etwas stecken, was so wenig verändert.

Ein Song deines Albums thematisiert das Hadern, dass die popkulturelle Wichtigkeit in der Vergangenheit liegt und man deshalb oft auf alten Knochen herumkaut.

Robert Rotifer: Du sprichst “Chewing on the Bones of a Sacred Cow” an, und die geheiligte Kuh ist die Popkultur. Ja. Wir leben in einer Gegenwart, in der die Popkultur omnipräsent ist, aber eine wesentlich geringere ideologische, lebenserfüllende und identifikatorische Rolle spielt als früher. Welche Bands du magst, spielt deutlich weniger Rolle, um zu erklären, wer du bist, als es für meine Generation gespielt hat. Die Konsequenz dessen ist, dass sich Medien, für die ich arbeite, für Dinge interessieren, für die sich meine Generation und die gleich danach interessiert haben. Dadurch entsteht eine verzerrte Sicht, dass alles Wesentliche der Popkultur in der Vergangenheit passiert wäre, weil der Markt halt so ist. Meine Kinder sind 25 und 21 Jahre alt, kaufen keine Musikmagazine und ich kenne auch niemanden in ihrem Freundeskreis, der welche kaufen würde. Das wäre in meinem Alter unvorstellbar gewesen. Ich glaube auch nicht, dass sie viele Musik-Blogs lesen. Sie hören aber viel Musik und interessieren sich auch für Musik, aber der Musikjournalismus – und das ist für mich ein existenzielles Problem – sitzt, wie so vieles auf diesem Planeten, auf einer schmelzenden Eisscholle, und ich habe das Gefühl, dass man sich etwas vormacht, wenn man denken würde, das ließe sich irgendwie umdrehen.

Gilt das nicht für den Journalismus insgesamt?

Robert Rotifer: Sicher, das hat Parallelen. In der Popkultur ist es halt sehr sichtbar, weil ich Aufträge bekomme, etwas über die Stones oder The Who zu machen, das Boxset hier und da zu würdigen oder über die Libertines zu schreiben, wo mit dann neulich auffiel, dass die auch schon Mitte Vierzig sind. Da sind zwar viele Kids auf den Gigs, aber für die ist das ein historisches Ding.

Ich war letztens sehr überrascht davon, wie jung das Publikum auf einem Konzert von Slowdive war – eine Band, die immerhin in den 1990ern groß wurde.

Robert Rotifer: Ging mir ganz ähnlich. Ich habe meinen Kindern Blur-Karten für die letztjährige Reunion im Wembley-Stadion gekauft, weil ich wusste, dass sie das sehen wollten. Es hat mich trotzdem überrascht, wie glücklich sie darüber waren, und bei einem der Gigs war ich dann selber mit dabei. Ich hatte mir im Vorfeld gedacht, dass das wohl der traurigste Gig der Welt werden wird, weil dort nur Leute in meinem Alter herumhängen. Mindestens die Hälfte der Leute war dann aber Generation Z, und die konnten alles mitsingen. Paul Weller war die Vorband, und die Zwanzigjährigen konnten die The Jam-Nummern auswendig, die späteren Style Council-Nummern kannten sie noch ein bisschen, aber die Nummern aus seinem Solo-Repertoire kannten sie überhaupt nicht. Das zeigt gut, wie Musik heute rezipiert wird. Alles ist auf einem Level auf Spotify, egal wie alt oder neu es ist. Die Musik, die Weller spielte, als er jung war, der du die Dringlichkeit anhörst, erreicht die Jugend mehr als die Musik, die er in den letzten dreißig Jahren als saturierter Typ gemacht hat. Blur hab ich dann im Herbst noch einmal im Hammersmith Apollo ihr neues Album spielen gesehen und da spielten sie im Zugaben-Block nur B-Seiten und Nummern, die sie sonst nie live gespielt hatten. Ich kenne diese Band zwar wirklich gut, aber viele dieser Songs waren sogar mir unbekannt. Die jungen Leute, unter denen ich stand, konnten sie aber alle mitsingen. Warum? Weil in der Welt des Streaming alle B-Seiten genauso erhältlich sind wie das Bekannte.

Und weil alles “random” gehört wird.

Robert Rotifer: Genau. Aber cool von der Band, dass sie es kapiert hat. Denn es hat unglaublich gut funktioniert, als einmaliges Ereignis in einer B-Seiten-Parallelwelt. Zurück zu “Chewing on the Bones”: Ich liebe natürlich selbst all die alte Bands und hab mir auch acht Stunden lang “Get Back” [Doku über die Beatles in drei Teilen von Peter Jackson, Anm.] angeschaut und fand das spannend, aber selbst mir wird es oft zu viel des Rückblicks. Als Teenager sehnte ich mich zurück in die 1960s als eine Vergangenheit, in der man radikal nach vorne geschaut hat. In den 1980ern, in denen ich Teenager war, war das schon nicht mehr der Fall. Da galt das Credo: Die fetten Jahre sind vorbei. Jetzt beginnt die Leistungsgesellschaft. Man hatte damals das Gefühl, man lebt in einem neokonservativen Sog. Und deshalb war das Zurückschauen auf die 1960er für mich und viele meiner Generationen ein Hoffnungs-Spender. Quasi ein Zurückschauen, um sich ein Nach-vorne-Schauen zu ermöglichen. Heute kaufe ich den 1960ern und den frühen 1970ern ihre Unschuld nicht mehr so ab, wie ich es damals tat.

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Ist es das, was du in “That was the Time” zur Sprache bringst?

Robert Rotifer: Auch, aber da geht es eher darum, dass ich heute denke, meine Generation hätte noch einiges abwenden können. Wir haben ja immer beklagt, was wir alles falsch finden und wir hatten nicht Unrecht damit, wie sich jetzt herausstellt. Aber wir haben nicht genug gemacht dagegen. Vor allem in den 1990ern haben viele Leute meiner Generation es sich trotz aller Widersprüche schick eingerichtet. Es war sehr sichtbar, dass das nur mehr ein privates Privileg war, während der Zug bereits in Richtung wachsende Ungleichheit abgefahren war.

Umso schräger, dass man versucht, im Zuge des aktuellen Revivals die 1990er als das letzte Jahrzehnt zu verkaufen, in denen es uns gut ging, oder?

Robert Rotifer: Ja, aber so ist es mir schon mit dem 80s-Revival gegangen. Ich habe die 1980er selbst erlebt. Was die Leute damals ständig als Zeitgeist definierten, damit habe ich mich nie identifizieren können. Wenn dann in den 2000er oder 2010er Jahren junge Leute anerkennend zu mir meinten, ich hätte noch in der “echten Zeit” gelebt, hatte ich keine Ahnung, wovon sie reden. Nur wird mir immer mehr bewusst, dass das ähnliche Sachen sind, die mir Leute früher von den 1960ern erzählt haben. Aber lass uns doch über was Schöneres reden…

Bild Robert Rotifer & Helen McCookerybook
Robert Rotifer & Helen McCookerybook (c) Pamela Berry

Gern. Über dein Album mit Helen McCookerybook zum Beispiel. Ich wüsste gerne, wie es zustande kam.

Robert Rotifer: Es gab in London einen regelmäßig wiederkehrenden Gig namens Daylight Music, eine Sonntagsgeschichte in der Union Chapel, einer wunderschönen neugotischen Kirche in Islington. Da habe ich ein paar Mal in den verschiedensten Konstellationen gespielt. Einmal mit Judy Dyble, der ersten Sängerin von Fairport Convention, die mittlerweile leider an Lungenkrebs verstorben ist. Ich war in ihrer Live-Band, und Helen war eine der Vorbands. In Judys Band vereinte sich auch das Line-Up von The Night Mail, also mir, Andy Lewis und Ian Button, also die Band, die auch mit John Howard und Louis Philippe Platten gemacht hat.

Als wir drei mit John Howard auf Deutschland-Tour waren, reiste als Support die deutsche Band Friedrich Sunlight mit. Ihr Sänger Kenji Kitahama lebt jetzt in Glasgow und veranstaltet u.a. das jährliche Festival GlasGoes Pop. Ich muss diese Namen erwähnen, weil sich diese Vernetzungen immer mehr verdichtet und aufgeladen haben. Kenji hat damals gesagt, ich müsse Helen doch kennen, weil sie mir so ähnlich sei. Ich kannte sie aber nicht, habe sie dann, nachdem ich sie live gesehen habe, sofort angesprochen, weil ihre Akkorde dem, was ich mache, tatsächlich sehr naheliegen. Unsere gemeinsame Platte war dann auch eine Reaktion auf den Brexit. Es ging uns buchstäblich um die Diversität, die wir verkörpern: Eine Frau, ein Mann, eine Engländerin, ein eingewanderter Europäer. Zwei Sprachen. Für mich war wichtig, die österreichische und die britische Welt, in denen ich musikalisch beheimatet bin, zusammenzubringen. Und auf eine gewisse Weise habe ich das, was Helen und ich da begonnen hatten, auf “Holding Hands in Petrópolis” im Kreis der Beteiligten als Konzept durchgezogen. Ian Button, mit dem ich schon ewig arbeite (u.a. bei John Howard & The Night Mail, Louis Philippe & The Night Mail und auch auf “Spätes Leuchten” mit André Heller u.a.), ist am Schlagzeug, Helen singt. Mit Amelia Fletcher von Talulah Gosh bzw. Heavenly singe ich ein Duett. Fay Hallam, die man von der Mod-Band Makin’ Time her kennt [oder auch von Prime Movers, Phaze, Anm.], hat auf einigen Songs Orgel und Klavier gespielt. Beim Revival von Makin’ Time habe ich übrigens bei diversen Mod Happenings Gitarre gespielt und gesungen. Es war sehr surreal in diese Rolle zu schlüpfen. Aber zurück zu “Holding Hands”: Andererseits kommt da dann nämlich eben auch Paul Pfleger von Paul & Pets dazu, er singt und spielt ein wunderbares E-Piano, Ernst Molden bläst seine Mundharmonika, Stootsie aus Salzburg spielt die Baritongitarre, oder der Nino (aus Wien) sagt ein paar Worte. Dass ich diese Dinge miteinander vereine, war mir ungemein wichtig.

Wie ist das, wenn man mit Leuten, die man aus einer Distanz heraus verehrt hat, plötzlich gemeinsam spielt? Pete Astor ist so einer, oder?

Robert Rotifer: Es bedeutet enorm viel, ich war auch ein Fan von Louis Philippe gewesen, bevor wir eine Platte miteinander gemacht hatten. Dasselbe gilt für John Howard, ein vergessener Held der Popgeschichte. Es war wie erwähnt, auch eine große Ehre mit Judy Dyble zu spielen, ich nahm sie dann sogar 2017 nach Wien zum Volksstimmefest als Gast mit. Ich spielte auch ein paar Gigs als Gitarrist von Twink [The Pretty Things, Pink Fairies, Anm.] und einen in der Backing Band von Robert Forster, das war eine ganz besondere Sache. Aber es waren auch, wie du richtig sagst, ein paar Gigs mit Pete Astor darunter. Es gibt sogar zwei zweisprachige Nummern, die Pete und ich vor einigen Jahren miteinander geschrieben und eingespielt haben, die wir aber bei keinem Label anbringen konnten. Momus hat dann Videos dazu gemacht, die leider, weil sie aus Bowie-Videos zusammengeklaut waren, von Youtube wieder runtergenommen wurden. Pete und ich hatten uns über Darren Hayman kennengelernt. Aber ja, all das waren spezielle Momente. Auch die Platte “The Hosting Couple”, die ich mit Darren am Bass, Ian am Schlagzeug und Wreckless Eric als Produzent gemacht habe. Ich halte Eric für einen der allerbesten Songwriter, Performer und Produzenten seiner Generation. Wenn er mir immer wieder erzählt, wie wichtig sie ihm diese Platte sei, die wir vor mittlerweile dreizehn Jahren miteinander gemacht haben, dann gibt mir das eine große künstlerische Befriedigung. Weil man in den Biographien von Leuten, die man selber verehrt, Spuren hinterlassen hat.

Bild Robert Rotifer
Robert Rotifer (c) Josef Fischnaller

Was mir eine schöne Überleitung zu “Spätes Leuchten” mit André Heller ermöglicht. Auch den hast du verehrt, nehme ich an, und auch in dessen Biographie hast du mit dem gemeinsamen Album Spuren hinterlassen.

Robert Rotifer: Ich liebe dieses Album. Und ich hatte übrigens ein Riesenproblem mit der Art, wie über André Heller in den letzten Jahren berichtet wurde. Mehr möchte ich nicht dazu sagen, sonst würde ich die Geschichten wieder aufwärmen. Das Arbeiten an dem Album ergab sich jedenfalls wie ein Traum, weil es nur dadurch zustande gekommen ist, dass seine Managerin von John Howard & The Night Mail gehört hatte. Als Heller sagte, er wolle nach all den Jahren doch noch eine Platte machen, hat sie ihm ein Video von John mit uns gezeigt und zu ihm sowas Ähnliches gesagt wie: „Schau, die machen da was mit einem reiferen Künstler, das würdig ist.” Und Heller hat offenbar auf den Bildschirm gezeigt und gesagt: „Den kenn ich eh!”

Woher kanntest du ihn?

Robert Rotifer: Ich habe ihn im Jahr 2010 als Teil einer Stoffsammlung zur österreichischen Popgeschichte zweimal sehr eindringlich interviewt, diese Interviews dann aber nie verwendet. Er wollte damals nicht über sich reden, sondern viel über Novaks Kapelle, weil Erwin Novak, der nicht mehr lebt, mit ihm eng verbunden war. Ja, und dann kam fünf Jahre später der Anruf seiner Managerin, er würde gern mit Andy Lewis [Co-Produzent, Anm.] und mir reden. Also fuhren wir nach Wien und redeten mit ihm über eine mögliche Platte. Es hat dann bis 2018 gedauert, bis das Album fertig war. Ich wollte, dass darauf Leute zu hören sind, die aus den richtigen Gründen dabei sind. Weil ich gemerkt habe, dass es eine jüngere Generation gibt, denen er wirklich viel bedeutet. Ich wollte nicht irgendwelche Profis, die man zahlt, die aber keine Beziehung zu ihm haben. Beim Hauskonzert, das wir dann in seinem Wohnzimmer im Jahr 2021 gespielt haben, war Voodoo Jürgens mit dabei, der Nino und der Ernst Molden. Auf “Spätes Leuchten” spielten aber auch Leute mit, die ich erst über André Heller kennen gelernt habe wie z.B. Marwan Abado, ein Oud-Spieler aus Wien, der mit ihm förmlich verwachsene Percussionist Peter Rosmanith und Florian Sitzmann aus Deutschland an den Tasten bzw. als Arrangeur, der eine unglaubliche Bereicherung war. Und weil Andy und ich Ian Button als unseren Lieblingsschlagzeuger nach Wien mitgenommen hatten, ist das Absurde passiert, dass nämlich die selben Leute von John Howard & The Night Mail auch wieder beim Heller-Album vereint waren. Eigentlich war es ja “André Heller & The Night Mail”. Komischerweise hat das niemand aufs Cover geschrieben.

Obwohl du in Canterbury lebst, bist du eng mit der österreichischen Musik verbunden: Durch Heartbeat, deine regelmäßige Sendung auf FM4, aber auch durch deine intensiven Beziehungen zum Popfest. In deiner Sendung spielst du auch immer wieder viele österreichische Nummern. Wieso?

Robert Rotifer: Auf FM4 gibt es die Vorgabe, einen bestimmten Prozentsatz an österreichischer Musik zu spielen. Das finde ich auch gut so. In meiner Spezialsendung, die ich alle zwei Wochen aus England schicke, bin ich theoretisch aber davon ausgenommen. Praktisch habe ich trotzdem immer zwischen vier und sieben österreichische Songs dabei, einfach weil so viel Gutes reinkommt. Neulich habe ich ein Interview mit der Wienerin Leonie Schlager alias The Zew für eine Ö1 Radiokolleg-Serie über Home Recording geführt, sie spielt auch bei der Band ZINN. Sie hat dabei ganz natürlich Referenzen von Molly Drake über Liz Phair bis zu Bilie Eilish genannt. Das ist typisch für die jüngere Generation: Die hat einen beneidenswerten Überblick über die Musikgeschichte. Vielleicht kauft Leonie Schlager ja Musikmagazine, ich weiß es nicht. Auch Nino hat eine geradezu lexikalische Kenntnis von britischer Pop-Psychedelik der Jahre 1966 bis 1969, was man interessanterweise auch daran merkt, wie er mit Sprache arbeitet. Ich war übrigens der erste, der einen Song von Nino im Radio spielte. Den hatte sein damaliger Manager Stefan Redelsteiner mir per Myspace geschickt. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, diese Sendung machen zu können, gerade weil sie mich auch dazu zwingt, mich immer mit neuen Dingen auseinanderzusetzen. Ich hasse nichts mehr, als wenn Menschen in meinem Alter sagen, dass nichts Interessantes mehr rauskomme. Was für ein Unsinn. Es gibt viel zu viel gute Musik, die daran leidet, dass sie sich die Aufmerksamkeit nicht erkämpfen kann. Insofern wird man auch selbst bescheidener, weil man weiß, dass es kein Recht auf Aufmerksamkeit gibt. Die Frage, ob die Welt noch eine weitere Platte von Robert Rotifer braucht, ist schon eine, die ich mir jedes Mal stelle. Früher hat die Welt sie gebraucht, weil ich die Anerkennung wollte. Heute geht’s mir nicht mehr um die Anerkennung, sondern es gibt dies und jenes, von dem ich glaube, es noch sagen zu müssen. Ich finde, das ist ein gesunder Antrieb. Das verbissen Aufmerksamkeit erzwingen wollen ist weg. Andererseits ist es schwer optimistisch zu sein. Im Umfeld unserer Berufe ist es schon tatsächlich so, dass die Entlohnung von Kunst, das Beschreiben von Kunst und die Kunstkritik in dem Ausmaß sinken, in dem der Faschismus zunimmt.

Macht dich das wütend?

Robert Rotifer: Der Grund für meine Grantigkeit über die Popkultur ist, dass wir in meiner Generation fälschlicherweise davon ausgegangen sind, dass sich, wenn erst einmal alles von Popkultur durchdrungen ist, automatisch eine Weltoffenheit und ein humanes Weltbild durchsetzen würden. Mittlerweile weiß ich nicht, wie wir das jemals ernsthaft glauben konnten. Das ist überhaupt nicht passiert. Die Politiker von heute sind mit Popkultur aufgewachsen, ihr Denken hat allerdings nichts grundsätzlich Progressives und auch nichts mit meinem Denken Verwandtes. Das war also ein großer Irrtum unsererseits.

Schade eigentlich.

Robert Rotifer: [lacht] Schade, ja.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

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