The end of normal – über (Un-)Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen in der Musik

Eröffnet wurden die heurigen Musiktheatertage Wien mit „The Rise“ – einem Werk von Eva Reiter und Michiel Vandevelde, in dem der gehörlose Ruben Grandits die Hauptrolle übernahm, ohne dass die Gehörlosigkeit selbst Thema des Werkes darstellte. Diese Aufführung gab den Anlass für die Musiktheatertage Wien und mica – music austria/Austrian Music Export, sich dem Thema „Musiktheater und Gehörlosigkeit“ im Rahmen der internationalen Netzwerkveranstaltung „Austrian Music Theatre Days“ zu widmen. Einen Beitrag dazu lieferten Christina Riedler und Martina Gollner, die beiden Gründerinnen von FullAccess, die mit ihrem Unternehmen Organisator:innen dabei unterstützen, ihre Veranstaltungen für Menschen mit Behinderungen besser zugänglich zu machen. In ihrem Beitrag geht Christina Riedler auf die Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen in diversen musikalischen Genres ein und legt dar, dass Menschen mit Behinderungen auch einen beträchtlichen Teil des meist nicht angesprochenen potenziellen Publikums ausmachen.

Für Wien sind die Musiktheatertage seit dem Jahr 2015 eine Institution in Sachen zeitgenössisches Musiktheater. Für sein Publikum bricht dieses Festival mit etablierten Strukturen, hinterfragt das Gewohnte und thematisiert das Ungewohnte. Für mich schließt sich mit den MTTW und dem Austrian Music Theatre Day 2025 ein Kreis: Bei der ersten Ausgabe noch als Doktorandin an der Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien, durfte ich damals im Rahmen des „Lecture Projects“, unter der Leitung von Klaus Karlbauer, über die Gemeinsamkeiten der ungleichen Genres „Heavy Metal“ und „Oper“ sprechen. Zehn Jahre später, meine Dissertation mit dem Titel „Accessibility  All Areas. Ein Projekt zur Verbesserung der Partizipationsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen auf Live-Musik-Events am Beispiel von ‚Wacken Open Air‘ und ‚Rock in Rio‘“ ist mittlerweile vollendet, durfte ich passend zur diesjährigen thematischen Ausrichtung, die unter anderem neue Zugänge für gehörlose und blinde Menschen auslotete, in meiner Rolle als Accessibility-Expertin und Mitinhaberin der Accessibility Consulting Agentur FullAccess, über die Synergien von Geisteswissenschaft und Wirtschaft sprechen. Entsprungen aus persönlichen Erfahrungen mit Herausforderungen, die sich für Menschen mit Behinderungen bei einem Veranstaltungsbesuch stellen und einem einschneidenden Erlebnis auf einem Heavy Metal-Festival in Großbritannien, das mein Bestreben nach Veränderung in Österreich entfachte, setzte meine Dissertation auf Grundlagen- und Prozessbegleitforschung, verknüpfte also von Anfang an Forschung und Anwendungspraxis.

Die Fakten

Ausgehend von einer EU-weiten Gesamtbevölkerung von rund 448 Millionen Menschen leben mehr als 100 Millionen Menschen, also ein Fünftel, mit sichtbaren und/oder unsichtbaren Behinderungen. Allein in Österreich beläuft sich die Zahl auf 1,9 Millionen Menschen. Laut „Bericht der Bundesregierung über die Lage der Menschen mit Behinderung“ aus dem Jahr 2016 gaben 57,8 % der Befragten an, sich in der Freizeit aufgrund ihrer Behinderung benachteiligt zu fühlen. Auf die Veranstaltungsbranche umgelegt bedeutet das, dass mehr als 20 % der Besucher:innen bislang nicht als vollwertige Kund:innen gesehen werden.

Modelle von Behinderung

Wenn Besucher:innen mit Behinderungen als Bittsteller:innen in ein Eck der Bedürftigkeit gestellt werden, handeln Veranstalter:innen nicht im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention, sondern bedienen das von der UN bereits im Jahr 2012 kritisierte Charity-Modell. Das im wissenschaftlichen Diskurs vernachlässigte Charity-Modell versteht Menschen mit Behinderungen als passive Empfänger:innen von Wohltätigkeitsleistungen und nicht als selbstbestimmte Akteur:innen, die aktiv am kulturellen und politischen Leben teilnehmen. Nicht minder umstritten ist das medizinische Modell, das Behinderung als individuelle Tragödie versteht und fordert, dass Abweichungen vom Normalkörper durch medizinische und Rehabilitationsmaßnahmen korrigiert werden, um das Individuum zu einem vollwertigen Mitglied der Mehrheitsgesellschaft zu machen. Gegen dieses Machtgefälle richtet sich das soziale Modell und beschreibt Behinderung als sozialen Prozess der Ausgrenzung. Die interdisziplinäre Forschungsrichtung der Disability Studies dekonstruiert mit dem kulturellen Modell von Behinderung das Verständnis von Normalität und hinterfragt Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsprozesse. Auch die vermeintlich eindeutigen Begrifflichkeiten „Integration“, „Inklusion“ und „Diversity“ lassen sich in Bezug auf ihre Parallelen zu den Modellen von Behinderung diskutieren, wobei besonders „inclusive diversity“, eine Wortschöpfung des Soziologen Clive Miller, das Potenzial hat, als Nachfolgebegriff zu fungieren, da dieser Begriff den vom Inklusionsprinzip vorgesehenen rechtlichen Rahmen und Multidimensionalität in sich vereint und damit auf struktureller, wirtschaftspolitischer und der Ebene der Repräsentation wirken kann.

Diversitätssensible Sprache

Machtverhältnisse und Ungleichheiten entstehen, stagnieren oder verfestigen sich, wenn Sprache nicht alle mitdenkt, repräsentiert und anspricht. Vermeintlich unproblematische, weil in der Alltagssprache verwendete Begrifflichkeiten und Euphemismen wie „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ oder „Handicap“ können sich bei näherem Hinsehen als diskriminierend erweisen. Stattdessen empfiehlt sich die Verwendung der Phrase „Mensch mit Behinderung“ respektive „Mensch mit Behinderungen“, da mehr als eine Behinderung vorliegen kann.

Der Trugschluss, dass eine Behinderung immer sichtbar und, wie bei einem Rollstuhl, am Hilfsmittel erkennbar ist, hält sich hartnäckig. Allerdings ist der Großteil der Behinderungen, wie im Fall von chronischen Erkrankungen oder psychosozialen Beeinträchtigungen, unsichtbar. Sich der Tatsache bewusst zu werden, dass Behinderung eine Diversitätsdimension ist, die durch Erkrankung, als Alterserscheinung oder Folge eines Unfalls jederzeit auch „able bodied“ Personen betreffen kann, ist so unbequem wie notwendig. Die Bioethikerin Rosemarie Garland-Thomson nennt diesen Zustand der ständigen Bedrohung „temporarily able bodied“ (vgl. Garland-Thomson, S. 3).

Repräsentation in der Musik

Aus meiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Repräsentation von Behinderungen in der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts lassen sich folgende Schlussfolgerungen ableiten: In Genres abseits des Mainstreams, in denen nicht die oberflächliche, physische Schönheit der Musiker:innen, sondern deren Virtuosität im Sinne ihres außergewöhnlichen Könnens im Vordergrund steht, wie etwa in der Klassik, im Jazz, Blues oder auch im Heavy Metal, wird eine Behinderung oder chronische Erkrankung als weniger hinderlich für die Karriere empfunden. Gemessen und bewertet wird in diesen Genres nicht anhand der vom Mainstream proklamierten Parameter Jugend und Schönheit, sondern vielmehr Virtuosität, etwa wie die des Ausnahmegitarristen Les Paul, Schnelligkeit, wie die des „King of Swing“ Chick Webb, oder Präzision, für die beispielsweise der Bassbariton Thomas Quasthoff bekannt ist. Behinderung wird hier eher akzeptiert, da sie als zur Person gehörig wahrgenommen und weniger auf ein hervorstechendes Attribut reduziert wird, das zu Irritationen des Publikums führen kann.

Im Gegensatz dazu finden sich vor allem im Mainstream Musiker:innen, deren physische und mentale Verfassung für den:die Betrachter:in oft nebulös bleibt. Psychische Probleme werden, wenn überhaupt nur im Fahrwasser anderer, meist chronischer, Erkrankungen thematisiert; als Beispiel dazu lassen sich die gesundheitlichen Einbrüche des Pop-Superstars Justin Bieber anführen, oder, wie im Fall von Demi Lovato, in Retrospektive als etwas, das überwunden wurde, abgetan. Zudem lässt sich beobachten, dass im Pop gesundheitliche Einschnitte generell erst nach Wiederherstellung des (optischen) Urzustandes öffentlich gemacht werden, wie die dramatisch-emotionale Social Media-Inszenierung der Nierenspende an Selena Gomez veranschaulicht. In allen dem Mainstream zugeordneten Genres liegt der Fokus der Vermarktung auf dem Image, das sich wiederum aus der Trias jung–schön–vital zusammensetzt und nicht auf der musikalischen Brillanz der Künstler:innen basiert, weshalb der Mainstream, wenn überhaupt, nur leichte Formen von unsichtbaren Behinderungen goutiert.

Auffällig ist auch die Überrepräsentation von Sehbehinderungen bei Musiker:innen, die sich durch alle Genres zu ziehen scheint. Diese Beobachtung legt die Vermutung nahe, dass es sich dabei um eine optisch nur wenig störende, „edle“ Behinderung handelt, die mit positiven Zuschreibungen wie „empathisch“, „herzensbildend“, sowie den Vorurteilen mit einer Sehbehinderung besser zu hören oder musikalischer zu sein, in das vorgefertigte gesellschaftlich und medial gestützte Bild passt. Zur Geschlechterverteilung lässt sich anmerken, dass unabhängig vom Genre, deutlich mehr männliche Musiker als Musikerinnen mit Behinderungen im Rampenlicht stattfinden, was nahelegt, dass sich das Publikum von einer Frau mit Behinderung stärker irritiert fühlt.

Urbane Klangwelten

Ausgehend von der Geburt des Heavy Metal in der Industriestadt Birmingham rückt auch das Phänomen „Soundscape“ ins Zentrum des Interesses, denn die Dichte der Geräuschkulisse lässt keine Unterscheidung der einzelnen Komponenten mehr zu, sodass eine dichte Klangwelt – vergleichbar mit einer Spector’schen „Wall of Sound“ – entsteht. Gleichzeitig sind diese urbanen Klangwelten auch hierarchischen Strukturen unterworfen. So werden etwa lärmverschmutzende Technologien von all jenen als wesentlich störender empfunden, die sich etwa ein motorenstarkes Fahrzeug oder das neueste Smartphone nicht leisten können. Was also für die gesellschaftliche Mehrheit Zugehörigkeit symbolisiert, wird im gleichen Atemzug für die anderen – die Außenseiter:innen – zum Zeichen der Nicht-Zugehörigkeit und Klang der Unterdrückung. Damit lässt sich wiederum eine Verbindung zum Heavy Metal herstellen, da dieser Musikstil nicht nur eine Art Wirklichkeitsflucht, sondern darüber hinaus auch eine Möglichkeit schafft, sich die Macht über die unterdrückende Soundscape lautstark zurückzuerobern, indem Heavy Metal-Musiker:innen mittels Lautstärke, Klang und Tonhöhe ihrer Stimme oder ihres Instruments aus der dichten Klangwelt hervortreten. Dieses Sich-sichtbar-Machen trifft auch auf die Gruppe der Menschen mit Behinderungen zu, die sich in nahezu allen Bereichen des Lebens über die Normgesellschaft erheben müssen, um gesehen, gehört und als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt zu werden.

Emotionalisierung des Publikums

An meine Lecture aus dem Jahr 2015 anknüpfend, habe ich auch das Spannungsfeld, das aus der Gegenüberstellung der als Hochkultur deklarierten Oper und dem als primitiv geltenden Heavy Metal entsteht, untersucht, wobei ich beiden Genres attestiere, sich großer, universeller Gefühle wie Angst, Schmerz, Wut und – im Fall der Oper – auch Liebe, zu bedienen, um so eine Emotionalisierung des Publikums hervorzurufen.

Die Auseinandersetzung mit dem Publikum eröffnet unter anderem den Diskurs über die unterschiedlichen soziologischen Konzepte die als Zuschreibungen für die Gruppe der Heavy Metal-Begeisterten herangezogen werden können. In Abgrenzung zu „Subkultur“, „Szene“ und „Tribe“ komme ich zu dem Schluss, dass es sich bei der Heavy Metal-Anhänger:innenschaft am ehesten um eine existenzielle Communitas, gemäß Victor Turners Ritualtheorie, handelt (vgl. Turner, S. 96). Das sehe ich nicht nur in den kultisch-rituellen Massenhandlungen wie dem Headbanging oder Bekleidungscodes wie dem Tragen eines Band-T-Shirts begründet, sondern vor allem auch in Verhaltenscodes wie dem „Moshpit“ [Anm. eine körperbetonte Formation bei Metal- oder Punk-Konzerten bei der sich die Teilnehmenden asynchron und unrhythmisch, an Armen und Schultern stoßend, unkontrolliert vor der Bühne bewegen] sowie der Tatsache, dass es sich um eine Gemeinschaft Gleicher, die sich gemeinsam der allgemeinen Autorität der rituellen Ältesten unterwirft, handelt. Innerhalb der van Gennep’schen Übergangsriten, die sich in die Ablösephase, die Schwellen- und die Integrationsphase gliedern (vgl. Van Gennep, S. 15), erweist sich vor allem die Phase der Liminalität, wie Turner die Schwellenphase auch bezeichnet (vgl. Turner, S. 95), als aufschlussreich, da ich darin sowohl die Aufgeschlossenheit im Heavy Metal gegenüber Menschen mit Behinderungen als auch die in diesem Genre aufgehobene Trennung zwischen „normal“ und „anormal“, „behindert“ und „nicht-behindert“ begründet sehe, sodass die Haltung und Werte der Anhänger:innen wiederum zurück in die Gesamtgesellschaft getragen werden können.

Abseits des Mainstreams

Abschließend lässt sich sagen, dass Genres, die sich abseits des Mainstreams bewegen und zu denen sicher auch Neue Musik und zeitgenössische Musikperformance zählen, durch ihre Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten und den Blick über die vermuteten Außengrenzen der Gesellschaft hinaus, das Potenzial haben, Besucher:innengruppen anzusprechen und abzuholen, die in der anonymen Masse der Mehrheitsgesellschaft unsichtbar bleiben würden.

Christina Riedler

Quellen:

Garland-Thomson, Rosemarie: Re-shaping, Re-thinking, Re-defining: Feminist Disability Studies. Barbara Waxman Fiduccia Papers on Women and Girls with Disabilities. Washington: Center for Women Policy Studies, 2001.

Miller, Clive; King, Ewan: Managing for social cohesion. London: Office for Public Management, 1999.

Turner, Victor: Das Ritual. Struktur und Antistruktur. Frankfurt a. M., New York: Campus, 1989.

Van Gennep, Arnold: Übergangsriten (Les rites de passage). Frankfurt a. M., New York: Campus, 1981.

Kurz-Bio der Autorin:

Christina Riedler
Christina Riedler © FullAccess

Mag.a Christina Riedler hat in ihrer langjährigen Praxis als Begleitperson von Menschen mit Behinderungen die Problemstellungen identifiziert, die sich beim Veranstaltungsbesuch stellen. In ihrer Dissertation am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien hat Riedler Grundlagen- und Begleitforschung zum Thema „Verbesserung der Partizipationsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen auf Live-Musik-Events“ betrieben, mit Feldforschungsaufenthalten auf dem „Wacken Open Air“, dem weltweit größten Heavy Metal-Festival, und dem „Rock in Rio“ in Brasilien. Darüber hinaus ist sie Mitglied im Fachausschuss zur Überarbeitung der Richtlinie UZ 62 „Green Meetings und Green Events“ und der Richtlinie UZ 72 „Reiseangebote“ des Österreichischen Umweltzeichens.