Heuer hat die Sängerin SAKÎNA TÊYNA ihr Album„Sûret“ veröffentlicht, der Albumtitel bedeutet in kurdischer Sprache so viel wie Gesicht bzw. Foto. Im Gespräch mit Jürgen Plank geht es um Identität, um musikalische Traditionen und politische Aspekte, die mit SAKÎNA TÊYNAs Musik verknüpft sind. Sie greift mit ihrem Lied „Jin jiyan azadî“die Parole kämpferischer Frauen im Iran und in angrenzenden Ländern auf, die sich so übersetzen lässt: Frau, Leben, Freiheit. Die Sängerin mit kurdisch-alevitischem Hintergrund erzählt von der Rolle, die der Produzent MAHAN MIRARAB bei der Aufnahme des Albums gespielt hat. Am 10. Oktober 2026 tritt SAKÎNA TÊYNA in der Wiener Sargfabrik auf.
Auf dem neuen Album „Sûret – Faces and Images“ widmest du dich dem Thema Erinnerung. Sich an Geschichten und an Menschen erinnern. Warum?
Sakîna Têyna: „Sûret“ hat auf Kurdisch zwei Bedeutungen: Gesicht und Foto. Es geht um die Geschichte von Bildern. Der Titel hat viel mit meiner Vergangenheit zu tun und die Idee zum Album ist wegen eines Liedes von Mahan Mirarab entstanden. Das Lied heißt „4th of May“. Ich habe während des Hörens spontan einen Text dazu geschrieben, dabei habe ich das Foto einer Studienkollegin angesehen. Das Lied war beeindruckend und ich sage da: Du wirst immer so jung aussehen wie auf diesem Bild. Es wird keine weiteren Bilder von dir geben. In meinem Herzen hängen Tausende Bilder von dir und nur ich kann sie sehen und ich werde dich nicht vergessen.
Ich habe gehört, dass man jemanden, den man in jungen Jahren kennenlernt, immer so erinnern wird. Auch wenn die Person älter wird.
Sakîna Têyna: Die Freundin von mir lebt nicht mehr, ich habe sie im Krieg verloren. In Kurdistan hängen wirklich in jedem Haus Fotos. Da kannst du Bilder von Menschen sehen, die nicht mehr am Leben sind. Und die Menschen auf den Bildern bleiben immer jung und in deiner Erinnerung.
Du stammst aus einer kurdisch-alevitischen Familie. Es gab historisch auch Massaker an kurdisch-alevitischen Menschen. Inwiefern wirkt dieser geschichtliche Hintergrund auf die Lieder deines neuen Albums ein?
Sakîna Têyna: Bis jetzt hat dieser background eine große Rolle bei allen meinen CDs gespielt. Manchmal sage ich, ich würde gerne etwas anderes machen. Hoffentlich gibt es in den kurdischen Regionen irgendwann Frieden und mein musikalischer Zugang wird sich dann ändern. Dieser Hintergrund spielt also eine große Rolle, das ist meine Realität. In diesem Sinne bin ich auch eine Geschichtenerzählerin. Kurdisch und alevitisch zu sein, war sozusagen immer problematisch. In der Türkei sagt man: wenn man kurdisch, alevitisch, Frau und kommunistisch ist, hat man ein schwieriges Leben. Für ein Leben ohne Probleme sollte man Mann, hetero, muslimisch und Türke sein.
Ich singe in einer Sprache, die für Jahrzehnte verboten war. Das macht deine Kunst automatisch riskant, politisch und gefährlich. Aber es war meine Entscheidung, trotzdem so zu agieren.
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Wie sehr basiert das Album „Sûret“ auf traditionellen musikalischen Ordnungssystemen? Wie hast du damit auch in Richtung Jazz gearbeitet?
Sakîna Têyna: In der kurdischen Musik gibt es die so genannten Dengbêj, auf Deutsch sagt man Barden. Das sind Geschichtenerzähler. Die Dengbêjsind von Dorf zu Dorf gezogen und haben Geschichten erzählt. Ich bin Autodidaktin und habe als Kind Gesang in kurdischer Sprache immer von meiner Familie oder von Nachbar:innen mitbekommen. Man hat in kurdischer Sprache bei Beerdigungen und bei Hochzeiten gesungen. Ich habe früher Türkisch gesungen, durch mein Studium und meine Politisierung habe ich begonnen, mehr zu kurdischer Musik zu recherchieren.
Wie hast du recherchiert?
Sakîna Têyna: Ich habe, wie viele Kurd:innen, schon als Kind im Geheimen kurdischsprachige Musik gehört, zum Beispiel von Radio Yerevan aus Armenien. Dieser Sender hat ein großes Musikarchiv, das digitalisiert wurde. Auf dem neuen Album und den anderen Alben auch, verwende ich diese Traditionen. Und dazu kamen klassische und Jazz-Elemente. Ich habe da viel von meinen Mitmusiker:innen gelernt.
Einer deiner Mitmusiker ist der Gitarrist Mahan Mirarab, wie war seine Rolle bei der Produktion des Albums „Sûret“?
Sakîna Têyna: Wie gesagt, beim Titelstück „Sûret“ war die Melodie von Mahan und ich habe dazu einen Text geschrieben. Wir arbeiten seit dem Jahr 2015 zusammen, zum Beispiel beim Projekt Sakîna & Friends. Damals hat Mahan im Neruda im 4. Bezirk eine Jam-Session geleitet. Durch diese Sessions sind viele Musikgruppen entstanden, eine davon war Sakîna & Friends. Für mich ist Mahan ein toller Musiker und Mensch und er hat eine unglaubliche Verbindung zur Musik. Er hat keine Grenzen und er fühlt, was ich mit meiner Musik beschreiben will, da verstehen wir uns sehr gut. Er hat die Lieder für das neue Album arrangiert.
Ein Schlüssel-Song am neuen Album scheint mir „Jin jiyan azadî“ zu sein: „Frau, Leben, Freiheit“. Der Text und die Musik stammen von dir. Zitat: So that I may sing my songs with no limitations in my own voice: Woman, life, freedom. Was bedeutet dieser Song für dich?

Sakîna Têyna: Es gibt am Album drei Lieder, die sind komplett von mir. Der Text und die Musik. Der Hintergrund zum Lied „Jin jiyan azadi“ist wie folgt: Jina Amini wurde vor ein paar Jahren von iranischen Sicherheitskräften getötet, weil sie den Hijab nicht ordentlich getragen hat. Sie war eine kurdische Frau. Nach ihrer Tötung gab es im Iran eine politische Bewegung, die die Parole verwendet hat. Ich habe mich in meinem Leben auch politisch betätigt, ich war in den Bergen, ich war eine Kämpferin. In den 1990er Jahren war diese Parole „Jin jiyan azadî“ für kurdische Frauen nicht neu, sondern sie war immer präsent. Im Iran gibt es auch kurdische Gebiete und durch die iranische Frauenbewegung gab es plötzlich eine weltweite Solidarität. Daher habe ich dieses Lied dieser Bewegung gewidmet. Ich möchte, dass einfach gesehen wird: Sehr viele Frauen haben Widerstand geleistet, damit ihre Stimmen gehört werden, damit sie gesehen werden. Damit sie das Leben leben können, das sie möchten. Das gilt auch für mich: Ich will frei sein und so leben wie ich möchte.
„ICH BIN IM JAHR 2006 NACH ÖSTERREICH GEKOMMEN UND ICH MUSSTE VIER JAHRE LANG AUF MEIN ASYLVISUM WARTEN“
Du lebst seit rund 20 Jahren in Österreich, hier kannst du natürlich in jeder Sprache singen. Inwiefern hat sich dieser Wunsch nach künstlerischer Freiheit doch erfüllt?
Sakîna Têyna: Ich bin im Jahr 2006 nach Österreich gekommen und ich musste vier Jahre lang auf mein Asylvisum warten. Das war für mich eine tote Zeit. Ich hatte kaum Kontakt zu anderen Menschen, ich durfte mich nicht bewegen und konnte auch nicht reisen. Arbeiten durfte ich auch nicht und die deutsche Sprache konnte ich auch nicht lernen. Ich erinnere mich daran, dass die Theatergruppe „Fleischerei“ für mich ein Benefiz-Konzert unter dem Motto „Sakîna lernt Deutsch“ organisiert hat. Da wurde Geld für mich gesammelt, damit ich für einen Monat einen Deutschkurs besuchen kann. Diese Zeit war nicht so einfach. Im Jahr 2010 habe ich endlich eine Asylzusage bekommen.
Wie ging es für dich ab diesem Moment musikalisch weiter?
Sakîna Têyna: Ab dem Jahr 2010 könnte meine musikalische Reise beginnen. Aber ich war unsicher, ob ich das schaffen kann, ich habe auch keine Anfragen für Auftritte bekommen. Das waren schwierige Zeiten. Dann habe ich begonnen zwischen Deutschland und Österreich zu pendeln und meine CDs zu veröffentlichen. Bis 2015 ging es nur in kleinen Schritten vorwärts. Um Anerkennung für das zu bekommen, was du machst, musst du dir wirklich sehr viel Mühe geben. In Österreich ist es also auch nicht so einfach: Du lernst eine neue Sprache und bist in einer neuen Umgebung. Du musst Menschen finden, die deine Musik hören möchten. Da muss ich sagen: ich habe lange Zeit auf Aufmerksamkeit gewartet. Damit habe ich zum Teil immer noch ein Problem.
Wie sieht es in Bezug auf die Wahrnehmung deiner kurdischen Identität aus?
Sakîna Têyna: Oft werde ich als türkische Künstlerin beschrieben. Ich muss immer wieder darum bitten, Konzertankündigungen zu ändern, weil ich ja Kurdin bin. Das ist für mich wichtig. Viele Konzertorganisator:innen möchten keinen politischen Aspekt bei der Ankündigung dabei haben und möchten nicht ‘Kurdistan’ schreiben. Denen ist es dann lieber Anatolien oder Ost-Türkei zu schreiben. Manchmal sage ich dann einfach: ich bin eine Österreicherin, bitte schreibt ein ‘A’ neben meinen Namen. Mein Album war in den Worldmusic-Charts Europa auf Platz fünf. Denen habe ich gesagt, schreibt bitte Austro-Kurdin.

„WENN SICH JEMAND MIT DEINER ETHNISCHEN HERKUNFT BESCHÄFTIGT, KANN ES VORKOMMEN, DASS MAN DEINE GESCHICHTE ANDERS ERZÄHLEN MÖCHTE“
Hast du aufgrund deiner Identität Formen von Benachteiligung erfahren?
Sakîna Têyna: Es gibt noch einen Aspekt dazu. Wenn sich jemand mit deiner ethnischen Herkunft beschäftigt, kann es vorkommen, dass man deine Geschichte anders erzählen möchte. Oder sie erwarten, dass du deine Geschichte so erzählst, wie sie das möchten. Und wenn du da nicht mitmachst, kann das ein Problem sein. Dann ist es eine Frage des Charakters: ich will weiterhin nach meinen Prinzipien leben. Wenn ich auf der Bühne bin, möchte ich froh sein. Meine Lieder sind da und wer sie hören möchte, kann das machen.
Würdest du zustimmen, dass Musik als Ausdrucksform gerade solche Grenzen im Kopf überschreitet?
Sakîna Têyna: Natürlich. Das ist total so. Auf meinem Album gibt es neun Lieder und jedes Lied hat einen Hintergrund und erzählt etwas. Ich sage das nicht nur in Bezug auf kurdische Frauen. In Kurdistan, in Afghanistan, in Syrien, im Iran und der Türkei gibt es große Frauenbewegungen. Die kennen ihre Probleme und kämpfen dagegen an.
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
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Live:
10.10.2026, Nafas, Sargfabrik, Goldschlagstraße 169, 1140 Wien, 19:30h,
23.12.2026, F23, Musikalischer Adventkalender, Gastgebgasse 4, 1230 Wien
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Links:
Sakina Teyna
