Das Motto der 35. Ausgabe von Wien Modern lautete: „Wenn alles so einfach wäre“ – ganz im Gegensatz zur genannten Einfachheit stand die Musik des Abends unter dem Titel „A Simpel Guide to Complexity“, für den das Arditti Quartet drei „unfassbar“ komplexe Stücke auswählte.
Erstaunlich war nicht nur die Klangwelt, die Ferneyhough in seinem 5. Streichquartett (2006) darstellt, sondern auch die Dramaturgie und die Affekte, mit denen das Arditti Quartet das Werk hervorbrachte. Damit widerlegten sie das Vorurteil, dass in zeitgenössischer Musik keine Gefühlsbewegungen zu spüren seien. Bei Elliott Carters 3. Streichquartett (1971) ermöglichte das Wechselspiel von Duo I (1. Geige und Cello) und Duo II (2. Geige und Bratsche), die gleichzeitig oder mit Zeitverschiebung variierte Perspektiven spielen, den Zuhörerinnen und Zuhörern neben klanglich-räumlich-wechselnden Klangwahrnehmungen auch interessante visuelle Erfahrungen.
Clemens Gadenstätter ließ sich zu seiner Trilogie „paramyth“ (2010–2016), bestehend aus den Teilen „häuten“, „schlitzen“ und „reißen“, durch die Gemälde „Schändung des Marsyas“ von Tizian, „Kreuzigung/Isenheimer Altar“ von Grünewald sowie durch eine fiktive Mischung aus Werken von Francis Bacon inspirieren. Die Verben, die physische Gewalt vermitteln, sind jedoch doppeldeutig, da sie auch das gestische Spiel der Streichinstrumente nachempfinden. Mit allen möglichen Techniken und akribischem Zusammenspiel aller Streicher wurden verschiedenste Facetten von Klängen hervorgerufen, die oft richtig unter die Haut gingen.
Die Werke der neuen Komplexität stellen auch für erfahrene Musizierende eine außergewöhnliche Herausforderung dar, worauf Irvine Arditti beim Interview mit dem Intendanten von Wien Modern, Bernhard Günter, hinwies: Um das 15-minütige Stück von Ferneyhough auf die Bühne zu bringen, waren 65 Stunden Übungszeit notwendig. Zweifelsohne wird auch den Zuhörerinnen und Zuhörern höchste Konzentration abverlangt. Das Arditti Quartet zeigte an diesem Abend aber auch, dass sich die Konzentration lohnt. Großer Jubel.
Yoko Yamada
Diese Kritik über das Konzert mit dem Titel „A Simple Guide to Complexity 2“ mit dem Arditti Quartet im Rahmen von Wien Modern am 28. November 2022 im Wiener Konzerthaus entstand als Teil einer Lehrveranstaltung von Monika Voithofer am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien. Nähere Informationen dazu finden Sie hier.
