„ÖKOSYSTEME SIND POLYPHONIEN. KOMPONIST:INNEN SIND QUASI EXPERTINNEN FÜR ÖKOSYSTEME.“ – PIA PALME im MICA-INTERVIEW

Das Festival WIEN MODERN könnte man durchaus als den Spät- oder Herbstblüher unter den Wiener Festivals betrachten. Auch heuer gibt wieder unzählige Spielstätten, unterschiedlichste Formate und Ästhetiken zu erkunden. Die thematische Programmierung lautet in diesem Jahr „Im großen Ganzen – Neue Musik und Ökosysteme“ und verspricht, eines der komplexesten zu werden.

Michael Franz Woels hat unter Zuhilfenahme der Literatur eines in den letzten Jahren an Bedeutung gewinnenden Denkers des Ökologischen Seins, des Autors und Philosophen Timothy Morton, einige der an WIEN MODERN partizipierenden Komponist:innen eingehend befragt.

In einer dreiteiligen Serie werden Komponierende und ihre Projekte präsentiert. Den Anfang macht die Komponistin und Ökofeministin PIA PALME …*    

Der Ökophilosoph Timothy Morton, der sich als Leitdenker durch dieses Interview ziehen wird, stellt zu Beginn seines Buches „Ökologisch sein“ die Fragen, bezugnehmend auf die oft fatalistisch beängstigenden ökologischen Faktoide, mit denen wir täglich konfrontiert sind: „Wie halten wir ökologische Daten aus? Können wir damit leben? Wenn nicht, was sollen wir damit anfangen?“ Welche Strategien zur Bewältigung hast du gefunden, sowohl in psycho-hygienischer als auch kreativ-künstlerischer Art? Du hast letztes Jahr mit den Vorbereitungen und Aktivitäten rund um das Projekt „WITH THE DANUBE“ begonnen, kannst du bitte kurz zur Genese und zum aktuellen Stand etwas berichten?

Pia Palme: Sowohl als Mensch wie auch als Komponistin geht es mir darum, bewusst zu handeln, im Sinne von ökologisch, ökofeministisch – man könnte auch sagen: posthumanistisch. Als Künstlerin bin ich ein Mensch der Tat, ich bin am „Tun“ interessiert. Ökologisch „Sein“ wäre für mich deshalb nicht zutreffend, ich setze ja aktiv Projekte um oder komponiere, ich arbeite kontinuierlich daran, Entscheidungen zu treffen und entsprechend zu handeln. Handlungen zu setzen ist meine Praxis. Ich experimentiere derzeit mit einem Austausch und mit Kooperationen mit mehr-als-menschlichen oder nicht-menschlichen Dimensionen – also mit Materialien, Landschaften, Lebewesen im weitesten Sinn.

Seit Jahren betrifft mich die Situation in unserer (westlichen) Gesellschaft und der Umgang mit der Umwelt in dieser Gesellschaft. Deshalb habe ich mich mit Feminismus, mit Ökologie und Posthumanismus beschäftigt. Für mich ist die Ökologie eine schlüssige Fortsetzung des Feminismus. Ich finde Anregungen bei Braidotti, Kimmerer, Spinoza, Oliveros, Plumwood, Morizot, Ihde, Odum, Robinson – um nur einige für mich wichtige Autor:innen und Denker:innen zu nennen. Die Situation der Erde wirkt auf mich ein, ich nehme meine Umgebung einigermaßen bewusst und emotional wahr. Ich erlebe mich als Teil der Situation, bin mitten drin im Ganzen. Diese Wirkung gibt mir die Kraft und die Fähigkeit, um zu handeln. Ich treffe Entscheidungen und komponiere, im Bewusstsein unserer Lage.

Für das Projekt „Mit der Donau / With the Danube“ hat eine Gruppe von Künstler:innen ein Ökosystem – die lebendige Flusslandschaft Donau – in die künstlerische Arbeit integriert. Die Projektgruppe besteht also aus der Szenografin Lisa Horvath, den Performer:innen Elie Halonen und Satu Hakamäki, der Sängerin Juliet Fraser, mir als Komponistin und für die Idee verantwortliche Person, und der Donau als lebendige Landschaft. Die Donau war/ist in den gesamten Entstehungsprozess und die künstlerische Arbeit als gleichwertige Partnerin „auf Ohrenhöhe“ eingebunden. Es war für uns alle ein intensiver Lernprozess, einander zuzuhören und miteinander zu kommunizieren – das heißt, füreinander eine gewisse Sensibilität zu entwickeln, die sich im mehr-als-menschlichen Raum entfaltet und über Arten und Spezies hinweg funktionieren kann. Wir haben heuer gemeinsam zwei längere Phasen der Recherche und Stückentwicklung gewidmet, unter anderem hatten wir dabei durch Ranger vom Nationalpark Donau-Auen Unterstützung. Im weiteren Schritt haben wir experimentiert und das, was wir erleben, in künstlerische Arbeit umgesetzt und gemeinsam – den Fluss mit einbezogen – das Stück entwickelt.

Donau-Altarm
Phasen der Recherche mithilfe von Rangern des Nationalparks Donauauen. Im Bild ein Donau-Altarm
© Nationalpart Donauauen-Kern

Das Hören von experimenteller und sogenannter Neuer Musik ändert ständig meinen menschlichen Hörhorizont. Eine durch und durch ökologische Erfahrung im Sinne des Autors und Philosophen Timothy Morton: „Denn ökologisch zu sein heißt, sich über die seltsam-verwickelte Einbindung in das, was ich erfahre, bewusst zu sein; es handelt sich eben ganz und gar nicht um eine unmittelbare, direkte Erfahrung.“
Am 24. November wird im Muth im Rahmen des Festivals Wien Modern das Stück „Mündung“ uraufgeführt. Kannst du uns etwas zur Entstehung und zu den Besonderheiten dieses Stückes erzählen?

Pia Palme: Das hast du treffend gesagt, dass das Hören von neuer Musik den menschlichen Hörhorizont ändert.

Ökofeministisch gedacht könnte man noch einen Schritt weiter gehen: Wenn ich am Ufer der Donau sitze und ihr zuhöre, dann hört die Donau als lebendige Flusslandschaft auch mir zu. Zwei Lebewesen hören einander zu. Wenn ich Fieldrecordings aufnehme, hört mir die Donau zu. Es ist mir wichtig, mit dem Fluss zu kommunizieren und die Inhalte dieses Austausches in für das Publikum verständliche Klänge und Worte zu übersetzen. Das alles ist eine sehr persönliche Arbeit. Ich höre als Komponistin auf meine persönliche Weise unter die Oberfläche und in die Tiefe. Fieldrecordings alleine halte ich für diese Interaktion nicht für ausreichend. Ich mache ja auch keine Aufnahmen von Bauchgeräuschen oder vom Herzklopfen anderer Menschen, wenn ich mich mit ihnen austauschen möchte. Über solche Betriebsgeräusche hinaus interessieren mich komplexere, tiefgründigere Inhalte, die in der Interaktion mit dem Fluss auftauchen – was für ein schönes Wort: auftauchen. Im wahrsten Sinne des Wortes an die Oberfläche kommen.

„ALS KOMPONISTIN ERLEBE ICH, DASS VOR ALLEM DIE VIELFÄLTIGEN BEWEGUNGSMUSTER ZU MIR SPRECHEN.“

Was ich da erfahre, möchte ich in beiden Stücken – „Mit der Donau“ und „Mündung“ – mitteilen bzw. übersetzen. Wir konnten viele Tage in den Auen und am Fluss verbringen, als Mit-Hörende und Mit-Sprechende, Mit-Singende, Mit-Performende. Die Texte, die ich dabei geschrieben habe, übersetzen den Austausch miteinander und mit dem Fluss.

Als Komponistin erlebe ich, dass vor allem die vielfältigen Bewegungsmuster des Flusskörpers zu mir sprechen. Den Fluss mit Haut und Haaren körperlich zu spüren ist uns wichtig – auch das möchten wir weitergeben. Ich finde es nicht leicht, für das Erlebte eine Sprache zu finden – ich ringe nach Worten und Klängen. Die herkömmliche Sprache kommt dabei an ihre Grenzen.

Wien Modern 2026: Pia Palme – Mit der Donau
Wien Modern 2026: Pia Palme – Mit der Donau © Lisa Horvath

Der Ökophilosoph Timothy Morton fasst seine Gedanken über den Begriff des Horizonts im Buch „Being oecological“ so zusammen: „Wir hingegen sollten uns wieder der Idee zuwenden, dass ein Genre einen Erwartungshorizont darstellt, und uns ernstlich mit dem Element des Horizonts befassen. Von einem Horizont umschlossen zu sein bedeutet, dass man sich an einem bestimmten Ort befindet. Man bezieht diese Baumreihe, jenen Bergzug, diese Wolken auf den eigenen Körper, auf seine Position. Wenn man sich so innerhalb eines Horizonts befindet, nimmt man einen bestimmten Standpunkt ein, und dies ist eine Metapher für eine bestimmte Haltung. Ideen entstehen zusammen mit Haltungen.“
Deine Sound- und Konzeptkunst scheint immer neue Hörhorizonte zu erforschen. Hast du bereits Ideen für weitere ökoakustische Grenzarbeiten, abseits deine
s Projekts „WITH THE DANUBE“?

Pia Palme: Der Horizont des Hörens, das ist ein spannendes Thema. Was ist der Horizont des Hörens? Die Stille? Die Vergangenheit, die Erinnerung? Die Zukunft? Wohin verschwindet Klang? Was mich am Hören fasziniert ist die Tatsache, dass wir Polyphonie wahrnehmen können: über die Einzelstimmen hinaus entsteht in polyphonen Klangumgebungen ein Gesamteindruck, der über die Summe der Einzelteile hinausgeht. Der polyphone Gesamtklang, das Große und Ganze der polyphonen Musik, steht nicht in der Partitur. Wir können es nur mit dem Ohr wahrnehmen. Das ist ein Thema, das ich im ökologischen Sinn weiter erforschen möchte. Ökosysteme oder Landschaften wie die Donau-Auen sind multi-temporal: Viele unterschiedliche Zeitabläufe bestehen gleichzeitig, laufen parallel. Ökosysteme sind Polyphonien. Deshalb ist sind die Komposition und das Arbeiten mit Klang ganz besonders dafür geeignet, Ökosysteme zu untersuchen bzw. ökologisch zu handeln. Komponist:innen sind quasi Expertinnen für Ökosysteme.

Aus einer Sonic-Lecture aus dem Jahr 2021 mit dem Titel „Who owns the land?“ von Ludwig Berger stammt folgendes Zitat: „Der Klang kann uns lehren, wie jeder Teil unserer Welt auf seine ganz eigene Weise lebendig ist. Vielleicht brauchen wir eine neue Definition dessen, was Leben ist, und die Aufmerksamkeit für diese Lebendigkeit kann neue Türen öffnen. Sie kann dazu beitragen, ein tiefes Verständnis für dieses anorganische Leben zu entwickeln, und vielleicht führt dies in diesen Krisenzeiten sogar zu substanzielleren Formen der Fürsorge, die über die Logik von Praktiken wie Klima-Ausgleichszahlungen hinausgehen. Wer sind wir eigentlich? Der russische Wissenschaftler Wladimir Wernadski wies darauf hin, dass wir Menschen aus denselben Elementen bestehen wie der Planet. Er sagte, wir seien wandelnde, sprechende Mineralien, die Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Kohlenstoff, Schwefel, Phosphor und andere Elemente der Erdkruste in zweibeiniger, aufrecht gehender Form umverteilen. Was bedeutet es für uns, eine geologische Kraft zu sein, Teil der vielfältigen lebenden Materie in der Biosphäre? Können wir der ökologischen Krise anders begegnen, wenn wir uns nicht von ihr abgrenzen – wenn wir erkennen, dass wir nicht auf der Erde sind, sondern aus der Erde sind?“

Kannst du etwas mit dieser Vorstellung eines Animismus, wie ich es bezeichnen würde, anfangen?

Pia Palme: Die Wissenschaft der Biologie sagt, dass alle Zellen von einer Membran umschlossen sind, die den Austausch mit der Umgebung reguliert. Das ist der Stoffwechsel, die Metabolik. Wir Menschen atmen ein und aus; unsere Atmung ist ein Teil des Stoffwechsels – eine sehr materielle Form des Stoffwechsels. Eine Sopranistin steht in diesem Sinn mit dem Publikum in feststofflichem Austausch, da gehen Gase und Feuchtigkeit hin und her, inklusive Bakterien und dergleichen, wenn man so will. Unser Mikrobiom steht ständig mit dem gesamten lokalen Mikrobiom im Austausch – siehe dazu zum Beispiel die Nobelpreisträgerin Lynn Margulies. Als Menschen sind wir wandelnde Ökosysteme, die mit anderen in körperlicher, materieller Verbindung stehen. Noch einen Schritt weiter lehrt uns die Quantenphysik, dass fest umrissene Grenzen sowieso eine Illusion sind. Wir haben als Lebewesen nicht einmal eine feste Zahl von Atomen, wir sind ständig mit unserer Umgebung in atomarem Austausch. Auf der anderen Seite sind unsere Gene das Produkt vieler Evolutionsschritte, die uns über weite Zeitalter hinweg mit anderen Lebewesen verbinden. Es gibt also Interaktionen über weite Zeiträume hinweg.

„ALS KOMPONISTIN FINDE ICH DEKOMPOSITION SUPER, ES IST EIN LIEBLINGSTHEMA VON MIR.“

Wenn wir sterben, dekompostieren wir. Als Komponistin finde ich Dekomposition super, es ist ein Lieblingsthema von mir. Wir werden schon während des Sterbevorgangs in organische und anorganische Einzelteile zerlegt, die wiederum anderen Lebewesen zugute kommen – wieder eine Art von tiefer Verbindung mit anderem Leben und mit Materie. Das ist kein Animismus – das ist reine Wissenschaft. Es ist letztlich auch spürbar, erfahrbar. Je länger ich mich mit dem Mikrobiom oder der Quantenphysik beschäftige, desto unmittelbarer erlebe ich diese Dinge. Sensibilität kann sich entwickeln. Wir haben ein wissenschaftliches Vokabular, um über solche Dinge zu reden. Andrerseits mag es interessant sein, ein “animistisches” Vokabular dafür zu verwenden, um damit vielleicht dasselbe auszudrücken wie die Wissenschaft: unsere Verbundenheit.

Ich bin in einem editorischen Text mit dem Titel: „Cocooning. Environment and Gender. Introduction.“ auf den veralteten Begriff der Euthenik gestoßen. Aber warum ist er so ungebräuchlich heutzutage? Und trifft der Begriff des Cocoonings – das Produzieren von akustischen Umwelten – auch auf einige deiner Arbeiten zu?

Pia Palme: Ich kenne die Begriffe Cocooning bzw. Euthenik zu wenig, um hier etwas sagen zu können, auch nicht deren Verbindung mit Gender.

Zum Thema „Produzieren von akustische Umwelten“ auf meine Arbeit bezogen: ich produziere sie nicht. Sie entstehen von allein bzw. durch eine gemeinsame Form von offenem Austausch. Ich spreche hier aus meiner Erfahrung im Zusammenarbeiten mit anderen Künstler:innen, Forscher:innen usw. Ein partnerschaftlicher Austausch auf Augenhöhe – besser noch: Ohrenhöhe – ist wichtig.

Als Komponistin füge ich Dinge auf eine gewisse Weise zusammen, okay. Ich denke in Ökosystemen, wenn ich komponiere. Aber da steckt die Vorsilbe “com” (lateinisch com – mit) drin. Ich arbeite MIT Menschen, Musiker:innen, Kolleg:innen, Instrumenten, Technologien, Räumen, Landschaften (wie zuletzt). Es ist immer ein MIT auf gleicher Höhe, ein MIT im gegenseitigen Respekt, Care und Austausch.

Ökosysteme kann man nicht kontrollieren, sie ändern sich dauernd selbst. Ich kann als Komponistin darauf achten, dass ein performatives Ökosystem möglichst divers aufgestellt ist – dann ist es gesünder. Ich ziehe es vor, dass ich die Projekte, die ich initiiere, nicht kontrollieren kann. Es ist viel angenehmer, wenn Dinge ihren eigenen Lauf nehmen können, in kompositorischer Hinsicht. Sie entwickeln dann eine eigene künstlerische Kraft. Ich kann teilnehmen in diesem Ökosystem, als ein Teil von vielen. Ich trage Verantwortung, ja, das schon. Ich bin letztlich verantwortlich dafür, dass eine Aufführung stattfinden kann. Gleichzeitig kann ich der Kraft, der lebendigen Power des Ökosystems vertrauen – es sorgt für sich selbst, zum Glück.

Wieder ein längeres Zitat von Timothy Morton: „Wenn wir also heute über Umwelt nachdenken, geschieht etwas Interessantes. Sucht man jenseits der Lebensformen nach Umwelt, wird man sie nicht finden. Sogar die Felsen und selbst die Luft, die man atmet, sind Teil eines Phänotyps einer Lebensform. Wir atmen aufgrund einer Umweltkatastrophe namens Sauerstoff. Die Sauerstoff-Katastrophe trat ein, weil Sauerstoff, wenn man so will, ein Exkrement von Bakterien ist. Im Grunde vergifteten anaerobe Bakterien als unabsichtliche Folge ihres Erfolgs ihre eigene Umwelt, lange bevor dem Menschen das Gleiche unterlief. Sie entwickelten sich schließlich so, dass sie sich in anderen einzelligen Organismen einnisteten und zu Mitochondrien, den Energieorganellen bei Tieren, und zu Chloroplasten, den Energieorganellen bei Pflanzen, umbildeten. Das wir atmen, ist also auch in gewisser Hinsicht Teil eines bakteriellen Phänotyps. Und auch, dass alles so wunderbar grün ist in unserem idyllischen Bild, das wir von einer paradiesischen ökologischen Utopie hegen, ist Teil eines bakteriellen Phänotyps. Das Ganze ist so erstaunlich, dass man im Nachdenken darüber seinen Kopf versehentlich gegen ein Eisengeländer stoßen könnte, und da Eisen auch zu einem bakteriellen Phänotyp gehört, trotzdem nicht frei von unseren Freunden und Feinden, unseren Wirten und Parasiten, den Bakterien, sein würde.“

Welche Vorstellungen, Bezeichnungen, Definitionen von „Umwelt“ findest du für dich angemessen? Und bei welchen erstaunlichen Erkenntnissen, Entdeckungen oder „Forschungsexpeditionen“ hattest du dir schon mal fast (oder wirklich) den Kopf wo angestoßen?

Pia Palme: Das erinnert mich an das Beispiel mit der Sängerin von vorhin. Ich bin mit den Schriften und Theorien von Morton nicht vertraut, dennoch versuche ich, eine passende Antwort zu finden.

Ich empfinde die Ökologie und Ökosysteme als ein sehr passendes Modell, für meinen Alltag sowie für meine Arbeiten, und habe dazu auch Einiges publiziert (z.B. im Buch Sounding Fragilities. An Anthology, Irene Lehmann & Pia Palme, Herausg., Wolke Verlag 2022). Ökosysteme umfassen innerhalb einer zu bestimmenden Grenze (die wir als Forschende vorgeben müssen, denn wir bestimmen, was wir wann untersuchen wollen) alle organischen und anorganischen Dinge, die sich am untersuchten Ort befinden. Ökosysteme bestehen vor und nach der Untersuchung, sie leben weiter, solange es die Erde gibt. Die Ökologie erforscht die Relationen und Interaktionen aller Dinge oder Elemente innerhalb der Grenzen des Systems. Alle stehen miteinander in Austausch, siehe oben. Ich finde, das passt sehr gut zu meinem Verständnis von einer Umwelt. Ich habe als Kind schon gern im Wald meine Blockflöte gespielt und hatte dabei das Gefühl, viele hören mir zu – gelegentlich waren auch Menschen dabei. Heute verstehe ich meine Arbeiten als performative oder kompositorische Ökologien, bei denen Klänge und das Hören – also Musik im weitesten Sinn – im Mittelpunkt stehen.

Kompositionen gestalten beim Hören einen Zeitausschnitt unseres Lebens. Sie entsprechen akustisch vermutlich dem, was ein Bild oder ein Foto ausmacht: eine gerahmte, ästhetische Erfahrung. Timothy Morton hat einen interessanten Vergleich zu modernen Kameras, die versuchen, unsere Umgebung, unser Environment, einzufangen, gefunden: „Das Pendant des achtzehnten Jahrhunderts zur heutigen iPhone-Kamera und zum Selfie-Stick – in dem Sinne, dass man es auf Reisen mit sich führte – war das sogenannte Claude-Glas. Dabei handelt es sich um ein halbkugelig gewölbtes, sepiafarben getöntes Glas; man begab sich in eine spezielle Position, um die Landschaft auf vorgeschriebene Weise zu betrachten, und blickte auf das Glas. Man sah nun die zu betrachtende Landschaft umgekehrt gespiegelt und wie in Sepiatinte gemalt. Im Unterschied zum Claude-Glas lässt das Vergrößerungsglas, da es unsere anthropozentrischen Anforderungen an einen hübschen Hintergrund nicht erfüllt, die Gesteinsoberfläche ziemlich seltsam aussehen (und unterscheidet sich damit völlig von unserem Selfie).“

Claude nennt sich auch ein von Anthropic entwickelter KI-Assistent. Wie siehst du in deinem Bereich, im Bereich der Neuen Musik oder auch der Bioakustik die Verwendung von diesen Tools? Wie werden sie unsere Wahrnehmungen unserer Umwelt(en) verändern?

Pia Palme: Der Vorgang des Hörens – ebenso wie der Vorgang des Komponierens – spielt sich in einem Raum-Zeit Kontinuum ab. Das Hören reicht in die Vergangenheit hinein, es franst sozusagen in die Zeit aus. Wir erinnern uns, wie ein Klang oder wie Musik begonnen hat, auch dann noch, wenn wir mitten drin sind; ebenso versucht das Ohr, die Weiterführung von Klängen, Musik, Geräuschen oder Worten im Voraus zu erahnen. Das ist schon noch eine andere Dimension als beim Sehen. Das Hören verbindet uns zutiefst mit der Materialität und dem Körperlichen, wir hören in Körper und Materie hinein – denken wir etwa an die Gesetze der Akustik und der Resonanz. In diesem Sinn ist das Gehör prädestiniert dazu, uns mit einer Umgebung zu verbinden, sei es eine Stadt, eine Landschaft, ein Konzertsaal, oder andere Menschen bzw. Lebewesen. Lebewesen können in Ökosysteme hinein hören, und an diesem Vorgang ist der gesamte Körper mit beteiligt. Ohren, Tastsinn, Haut… das Hören und das Tasten sind verwandt, wir hören mit dem Trommelfell und via Körperschall. Die unmittelbar Körperlichkeit, die der KI fehlt, finde ich spannend. Mich interessiert körperliche Wissensproduktion und Kunstproduktion.

„MICH INTERESSIERT, WIE KÜNSTLERISCHE ÖKOSYSTEME ENTSTEHEN, WIE SIE SICH ALS GANZES ENTWICKELN, WIE SIE UNSERE WAHRNEHMUNG VERÄNDERN UND WIE SIE SICH AUF DIE ZUKUNFT AUSWIRKEN KÖNNEN.“

Ich verstehe meine Stücke als performative Ökosysteme, sie sind irgendwie lebendige Gebilde. Im begrenzten Zeitraum der Aufführung ist das Publikum eingeladen, Teil dieses Ökosystems zu werden und damit aktiv seine/diese/unsere Umgebung mit zu formen. In einer gewissen Weise ist die Aufführung also auch ein gesellschaftliches Ritual, es ist Teil einer Kultur.

In einem Ökosystem sind ja alle Teile – die menschlichen ebenso wie die mehr-als-menschlichen, zu denen Natur und Technik gezählt werden können – miteinander verbunden; es gibt keine festen Grenzen. Dazu könnten die Zellbiologie, die Physik und Atomphysik, oder die Akustik so Einiges sagen. Ein Publikum ist also kurz zu Gast im performativen Ökosystem. Das Stück, das lebendige System selbst, hat ein langes Vorleben, über das wir anfangs schon gesprochen haben, es gab Recherchen, Experimente, Arbeiten. Das Stück wird sich nach der Aufführung weiter verändert haben. Jedes kompositorische Projekt hat als Ökosystem eine lange Vorlaufzeit, und viele Menschen sowie mehr-als-menschliche Elemente – wie Instrumente, Orte, Technik etc. – sind darin eingebunden. KI kann da dabei sein, als ein Element unter vielen, als ein kleiner Teil im Großen und Ganzen – mehr Bedeutung ist hier nicht angemessen, finde ich.

Das Stück „Mit der Donau“ wird sich als lebendiges Ökosystem weiter entwickeln und in die Zukunft hinein wirken. Aufräumen, Dokumentieren, Nacharbeiten … Wiederaufführungen, neue Stücke, die sich daraus ergeben könnten, Gespräche, Folgen für alle der zahlreichen Beteiligten (so auch für die Donau) … Mich interessiert, wie künstlerische Ökosysteme (z.B. „Mit der Donau“ und „Mündung“) entstehen, wie sie sich als Ganzes entwickeln, wie sie unsere Wahrnehmung ändern und wie sie sich auf die Zukunft auswirken können.

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Termine:

Eröffnungskonzert WIEN MODERN
Pia Palme: „Mit der Donau“ (UA)
Freitag, 30. Oktober 2026, 19:30 Uhr, Wiener Konzerthaus
Pia Palme, Lisa Horvath, Juliet Fraser, Satu Hakamäki, Elie Halonen: Mit der Donau /With the Danube. Komposition und Rauminstallation mit Sopran, Orchester, Elektronik, zwei Performer:innen und einem Fluss
Auftrag Wien Modern

ÖKOSYSTEME
Montag, 23. November 2026, 20:00 Uhr
Dienstag, 24. November 2026, 10:00 Uhr (Schulvorstellung)
MuTh, Am Augartenspitz 1, 1020 Wien
Auf dem Programm stehen Werke von Pia Palme, Carola Bauckholt, Morton Feldman, Annea Lockwood, Peter Ablinger, Franck Bedrossjan, Meredith Monk und Hannes Schöggl
Reihe Zykan+, Leitung: Michael Mautner, Moderation: Irene Suchy

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Link:
Pia Palme
Pia Palme (music austria Musikdatenbank)

* weitere Interviews mit Christoph Theiler, Dimitri de Perrot, Ludwig Berger und Patrick Kessler sind auf skug.at nachzulesen