mica-Interview mit Gin Ga

Die Erwartungshaltung dem Zweitlingswerk von Gin Ga gegenüber war eine nicht unbedingt geringe, und der Druck, mehr als nur etwas Solides abzuliefern, ein hoher. Es war kein Leichtes, das Album auf den Weg zu bringen, wie Alex Konrad, Emanuel Donner, Klemens Wihlidal und Matias Meno auch selbst zugeben, doch das Ergebnis spricht eindeutig für sich. „Yes/No“ ist wohl genau das geworden, was man als großen Wurf bezeichnet. Gin Ga im Gespräch mit Michael Ternai.

Wahrscheinlich wird euch diese Frage öfter gestellt. Aber warum hat die Aufnahme eures neuen Albums doch etwas mehr Zeit in Anspruch genommen? Hat es mit eurem Perfektionismus zu tun oder gab es irgendwelche andere Gründe?

Alex: Also, effektiv an dem Album zu arbeiten begonnen haben wir im letzten Februar, nur sind wir irgendwann einmal draufgekommen, dass wir eigentlich noch nicht genügend fertiges und aufnahmefähiges Material zusammen gehabt haben, um daraus wirklich ein komplettes Album zu machen. Aber natürlich spielte in gewisser Weise auch unser Perfektionismus eine Rolle. Vielleicht hat es aber auch ganz einfach nur so lange gedauert, weil wir an der Produktion selbst so viel Spaß hatten.  (schmunzelt)

Matias: Wir hatten einfach wahnsinnig viele Ideen, die uns gefallen und die wir auch auf dem Album umgesetzt haben wollten: die Melodien, das Spiel mit Grooves, die Gestaltung der Songs an sich usw. Außerdem wollten wir unbedingt auch die Energie einfangen, die wir bei den Proben verspürt haben. Die  Herausforderung und das Schwierige waren eben, aus all diesen Dingen letztlich funktionierende Songs zu machen. Wir sind keine Band, die einfach ins Studio geht und ein Lied genau so einspielt, wie es geschrieben worden ist. Wir setzen an uns selbst schon hohe Ansprüche, was aber für uns letztlich auch den Spaß an der ganzen Sache bedeutet.

Alex: Im Endeffekt wollten wir etwas abliefern, mit dem wir selbst zufrieden sind. Dementsprechend haben wir natürlich versucht, unser Bestes zu geben.

Emanuel: Diesbezüglich wichtig zu erwähnen ist auch, dass wir in den letzten anderthalb Jahren eher weniger Konzerte gespielt haben, was uns Zeit verschafft hat, uns intensiver mit den Songs auseinanderzusetzen.

Was habt ihr von euren Anfangstagen bis heute alles gelernt? Was hat sich seitdem geändert?

Alex: Ich denke, wir kennen uns besser, auch weil wir gemeinsam einiges miteinander durchgemacht haben. Zum Beispiel haben wir vor einigen Jahren eine Tour in den USA gespielt, in deren Rahmen wir quasi als Lückenfüller einen Zwischenstopp in einem Burger-Restaurant eingelegt haben. Dieses Konzert fand wirklich irgendwo in der Pampa statt und bis auf den Türsteher und seinen Freund war niemand da. Im Vergleich dazu haben wir heuer ein Festival-Konzert in Spanien vor 7000 Leuten gespielt. Solche Erlebnisse, die positiven, wie auch weniger positiven schweißen zusammen. Dazu muss sagen, dass wirklich viel und hart gearbeitet haben, um an diesen Punkt zu gelangen. Man wird auch jeden Tag mit der Entscheidung konfrontiert, ob man weiter macht oder nicht.

Habt ihr euch diese Frage wirklich gestellt?

Alex: So direkt natürlich nicht, vielmehr stellten wir uns eher die Frage, wie man es macht. Vielleicht sind wir in dieser Hinsicht sehr perfektionistisch. Wir funktionieren als Team ja wirklich gut zusammen. Jeder hat von uns seine Stärken, die er auch mit einbringt. Natürlich gibt es dabei mühsame Momente, aber im Ganzen funktioniert das sehr gut. Es ist auch so, dass man nach 120 Konzerten, was in drei Jahren eigentlich gar nicht so viel ist, einfach auch anders zusammenspielt. Man kann also sagen, dass sich im Vergleich zu früher innerhalb der Band schon sehr viel getan hat.

Matias: Was wir auch gelernt haben, ist, dass wir den Perfektionismus, den wir uns im Studio immer auferlegen, jetzt auch live transportieren können. Sprich, wir können das, was wir auf Platte bringen, nun auch auf die Bühne live wirklich umsetzen, was vor sechs Jahren noch nicht so der Fall war. Damals haben wir unser Debüt einfach aufgenommen. Darüber, wie wir die Songs live überhaupt spielen sollten, haben wir uns zunächst keine großen Gedanken gemacht. Diesbezüglich sind wir an unser neues Album ganz anders herangegangen.

Alex: Unser Konzept für „Yes/No“ sah so aus, dass wir in jedes Lied Gegensätze hineinbringen und sie auch eher minimal halten wollten, so minimal, dass die einzelnen Gefühle als Ganzes rauskommen. Es sollte alles irgendwie transparenter und ein wenig poppiger klingen. Ich habe bei diesem Album auf jeden Fall das Gefühl, dass ich mein Bestes gegeben habe und es mir mehr oder weniger egal ist, was jemand darüber schreibt oder sagt.

Wie kann man sich bei euch den Songwriting-Prozess vorstellen?

Emanuel: Was wir dieses Mal gemacht haben, ist, dass wir alle Proben der letzten drei Jahre einfach mitgeschnitten haben. So ist viel Material zusammengekommen, aus dem wir dann auswählen konnten. Wir haben uns einfach die besten Momente herausgepickt, diese weiterentwickelt und zu Songs verarbeitet, wobei wir nicht einmal im Ansatz alles verwendet haben. Im Grunde genommen könnten wir aus den ganzen Aufnahmen vermutlich 1000 Alben produzieren.

Alex: Die Lieder sind über Monate gewachsen. Und auch wenn man es nicht wirklich durchhört, sind sie eher in der Art einer HipHop- als in der klassischen Band-Arbeitsweise entstanden. Ich habe Beats gebastelt und über diese Texte gesprochen. Und viele dieser Sachen habe ich dann auch für die Songs verwendet.

Matias:
Wir haben uns ja vor zwei Jahren mit dem James Stelfox (Bassist der britischen Band Starsailor) einen Monat lang eingesperrt. Im Rahmen dieser Session sind sehr viele Lieder, wie etwa auch „Machine“ und  „Remember Whatever“, entstanden. Zumindest die Grundideen dieser, denn hört man sich die ersten Aufnahmen dieser Songs an, ist es doch lustig zu sehen, wie sich diese letztlich weiterentwickelt haben.

Alex: Wir haben die Lieder eben so lange perfektioniert, bis sie für uns richtig geklungen haben. Ich finde es auch witzig, dass jede Nummer aufgrund ihres Entstehungsprozesses eigentlich anders klingt, was eigentlich nicht wirklich die bewusste Intention war. Die Dinge sind eigentlich einfach so entstanden.

Diese Abwechslung ist auch das, was mir an eurem Album besonders gut gefällt. Darüber hinaus schwingt in euren Liedern auch immer diese bestimmte, nicht wirklich definierbare Note mit, die man sonst im Popbereich nicht so sehr zu hören bekommt. Habt ihr selbst auch das Gefühl, dass ihr etwas Außenstehendes macht, dass nicht in den Indie-Pop/Rock-Kontext passt?

Matias: Ich kann von meiner Seite aus sagen, dass ich mit dem Album sehr zufrieden bin. Ich glaube, es ist uns gut gelungen, die Erwartungen, die wir in die Songs gesteckt haben auch, zu erfüllen. Wir hatten uns ja vorgenommen, dass wir die Sachen nicht einfach nur aufnehmen und dann die Passagen, die unserer Meinung nach nicht so gut gelungen sind, einfach nur durch ein Mehr an Sound oder Ähnliches zu retten versuchen. Wir haben wirklich so lange an den Liedern gearbeitet, bis sie eben für uns gepasst haben. Und ich glaube, dieser Umstand macht vielleicht diese Note aus. Ich finde an diesem Album toll, dass uns das wirklich gelungen ist.

Ihr seid ja eine der wenigen Bands aus Österreich, die es in der jüngeren Vergangenheit geschafft haben, sich auch international eine Fanbasis zu erspielen. In Polen zum Beispiel scheint ihr recht gut anzukommen, auch in Spanien. Wie hat sich das ergeben?

Alex: Durch Zufall und auch Glück bzw. durch unseren Manager Jeroen Siebens, der auch sehr unkonventionelle Wege geht, und ich denke natürlich auch durch die Musik – dadurch, dass Lieder von uns dort ins Radio gekommen sind und zwischen Whitney Houston und den Rolling Stones gespielt wurden.

Klemens: Wir haben einmal in Warschau gespielt und dann ein paar Monate später kam die EP mit „Dancer“ raus. Das hat sich damals einfach so ergeben, ohne dass wir das jetzt groß forciert hätten. Da hat ein Radiosender den Song in die Rotation genommen und daraufhin sind dann viele Radiosender nachgezogen…

Alex: So ähnlich war es dann auch in Spanien und Frankreich.

Matias: Wir sind ja in Spanien, Frankreich, Polen und auch in anderen Ländern, außer in Deutschland vielleicht, da ist es  vielleicht eine Ausnahme, nicht die österreichische Band, sondern eher eine ausländische. Und man merkt einfach, dass man anders behandelt wird wie in Österreich, dass einem anders entgegen gekommen wird, wie hier. In Spanien zum Beispiel ist man gleichgestellt mit einer dänischen Band, französischen oder einer englischen. Wir hatten einfach auch Glück, dass die Radios eben auch die Songs aufgesprungen sind und sie diese gespielt haben. Das hat uns die Möglichkeit geschaffen, in Polen Konzerte zu spielen. Und das war wirklich ein tolles Erlebnis und es war wirklich schön zu sehen, dass auf einmal die Leute in den ersten Reihen die „Dancer“-Choreographie können, obwohl du vorher dort noch nie gespielt hast.

Emanuel: Das hat auch daran gelegen, dass unser Song in Polen im nationalen Radio gespielt wurde, wodurch das Lied natürlich mehr Leute erreicht hat.

Acts aus Österreich haben ja oft damit zu kämpfen, dass, auch wenn sie im Ausland erfolgreich sind, in der Heimat oftmals nicht wirklich wahrgenommen werden. Woran, glaubt ihr, liegt das?

Emanuel: Ich glaube, hier in Österreich gibt es ein paar musikalische Schienen, die sehr gut funktionieren, wie etwa die Klassik, der Schlager und die Volksmusik. Und die sind halt schon lang etabliert. Beim Pop dagegen fehlt sowohl der Markt, wie auch vielleicht das Selbstbewusstsein der MusikerInnen und auch der Veranstalter.

Alex: Wenn du dir zum Beispiel Festivals in Schweden anschaust, spielen dort zur Hälfte schwedische Bands, auch als Headliner. Dazu muss man, glaube ich, nicht mehr sagen. Diese Möglichkeiten und Chancen bekommen österreichische Acts hier nicht. Hier wird von den Festivalveranstaltern heimischen Bands einfach zu wenig Vertrauen entgegengebracht. Auch die Situation mit dem Radio ist alles andere als hilfreich. In Frankreich gibt es eine funktionierende Quotenregelung. Bei uns gibt es auch eine Quotenregelung, nur lässt die aus diversen Gründen immer noch einen Großteil  der Tantiemen ins Ausland fließen. Das wird kaum diskutiert, was für den Popmusik-Standort Österreich nicht gut ist.

Matias: Dazu kommt, dass es eine sehr große Kluft gibt zwischen dem, was in Ö3 läuft und von den meisten unter Pop verstanden wird, und dem, was du am Anfang vorsichtig Pop-Alternative oder Rock-Alternative bezeichnet hast.  Wie ich irgendwann angefangen habe, Platten zu hören, bin ich auch schnell zur Meinung gelangt, dass Ö3 ist voll scheiße ist und ich eher alternativ unterwegs bin. Es scheint so zu sein, als würde es nur zwei Camps geben, das Mainstream-Pop-Camp und das alternative. Und das ist in Österreich auch das Problem, entweder man wird dem Britney Spears-Camp zugeordnet oder in das Alternative-Camp mit einem 4%-Marktanteil geworfen. Diese sehr harte Trennung macht schon viel aus.

Alex: In Österreich hat man das Gefühl, dass man sich ein wenig schämt für die Anderen. In einer Besprechung unseres Albums in einem Magazin stand, dass bei uns im Vergleich zu vielen anderen österreichischen Bands das und das besser wäre. Die Besprechung war uns gegenüber positiv gemeint, aber mit Blick auf die anderen österreichischen Bands? Es ist ein bisschen so wie beim Fußball. Wenn man gewinnt, dann ist man dabei und wenn nicht, dann heißt es: Eh klar, Österreich. Und die Österreicher sind auch im Skifahren besser und vielleicht funktionieren deshalb bei uns Gabalier und DJ Ötzi.

Woher stammen eure Inspirationen? Welche Quellen halten da her?

Matias: Ich glaube zunächst einmal, dass wir unsere Inspirationen eigentlich gar nicht einmal so sehr aus dem Genre holen, in dem wir uns selbst befinden. Ich glaube, dass bei uns die Vorlieben für schnulzigere Sachen, HipHop oder auch Jazz vielmehr ausgeprägt sind.

Alex: Wir haben vor ein paar Jahren auch schon zum Minimal Techno von Kruder drei Stunden durchgetanzt. Und vielleicht hat mich dieser Abend auch insofern geprägt, dass ich unser neues Album im Sound einfach minimalistischer haben und weg von dem mittlerweile ein bisschen totgehörten Folk kommen wollte, in dem alles auf einen Haufen geschmissen und irgendwie groß gemacht wird. Ich habe in letzter Zeit auch viel Kanye West gehört, wobei für mich bei seiner Musik vor allem der  Soundaspekt und nicht die Texte  im Mittelpunkt stehen.

Emanuel: Ich fand auch das neue Daft Punk-Album unglaublich interessant. Es war die perfekt funktionierende Kombination aus Spaß und Ernsthaftigkeit, die ich so interessant gefunden habe und die in gewisser Weise vielleicht auch in unserer Musik durchkommt. Wir wollen nämlich natürlich auch Musik machen, die Spaß macht.

Vielen Dank fürs Gespräch.

 

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