mica-Interview mit Fritz Pauer

Seit Anfang der Sechziger Jahre ist Fritz Pauer so gut wie nicht mehr aus der heimischen und internationalen Jazz-Szene wegzudenken. Er hat mit unzähligen Musikgrößen, darunter beispielsweise Fatty George, Friedrich Gulda und Joe Zawinul, zusammen gearbeitet und ist derzeit mit seinem Fritz Pauer Trio aktiv. Darüber hinaus wurde er zuletzt mit dem Staatspreis für improvisierte Musik ausgezeichnet.

Ich habe gelesen, dass du dich bereits im Alter von 16 Jahren dazu entschieden hast, professioneller Jazz-Pianist zu werden. Wie bist du in so jungen Jahren dazu gekommen? Meistens ist man in diesem Alter ja eher gitarrenlastiger Musik verfallen.

Ich habe mit fünf Jahren begonnen, Klavier zu spielen – eigentlich eher aus Konkurrenz zu meiner Schwester. Sie bekam Klavierunterricht und ich nicht. Aus purem Neid habe ich dann ebenfalls begonnen, mich diesem Instrument zu widmen. Ab meinem 14. Lebensjahr habe ich dann Jazz-Musik, Boogie-Woogie, gehört, die mir von meinem Schwager und meinem Cousin, die sind beide 15 Jahre älter als ich, näher gebracht wurde. Mein Vater hatte eigentlich auch, durch die Besatzung, eher mehr Kontakt zum Jazz gehabt und so war die Familie in Gruppen, zwischen Klassischer Musik und Jazz, geteilt.

Das mit der Vorliebe für Gitarrenmusik, die man in jungen Jahren hat, war aber bei mir auch so, das stimmt schon. Mit 16 Jahren habe ich zuerst in einer New Orleans Jazz-Band gespielt – Rhythm & Blues, Rock’N’Roll in einem dafür bestimmten Club. Früher waren ja in jedem Lokal in Wien Klaviere aufgestellt und wir haben uns da oft in einem Hinterzimmer getroffen, um Musik zu machen und da ich eben Klavier spielen konnte, habe ich den Part an diesem Instrument übernommen. Wie gesagt, habe ich erst Boogie Woogie gespielt und alsbald dann aber auch im Dritten Bezirk mit einer Tanzkapelle. Deren Mitglieder waren alle älter als ich und Amateur-Musiker und in deren Gefolge sozusagen, habe ich dann sogar ein wenig Geld verdient, wenn wir bei Bällen und ähnlichen Veranstaltungen gespielt haben. Stilistisch hat man da Märsche gespielt, Walzer und eben die damals gängige Tanzmusik. Nicht selten haben wir von sieben Uhr Abends bis um drei Uhr Früh durchgespielt.

Wann hast du gewusst, dass du das einmal sozusagen beruflich machen willst?

Das war dann eigentlich, wo ich gemerkt habe, ich kann damit Geld verdienen und das gar nicht einmal so schlecht. Das Klavierspielen hat mir ja außerdem sehr getaugt und ich habe auch viele Möglichkeiten für mich gesehen – die Jazz-Musik hat mich damals auch schon fasziniert, eben Sachen von Leuten, wie beispielsweise Thelonious Monk oder Red Garland. Ich hatte auch einen Freund, der Musik studiert hat, Trompete auf der damaligen Musikakademie, der hatte bei seinen Eltern ein kleines Zimmer, in dem auch ein Klavier gestanden ist. Darüber hinaus war er auch im Besitz einer tollen Plattensammlung, so dass ich dort nicht bloß zum Musik machen, zu diversen Jam-Sessions, hingegangen bin, sondern auch, um Schallplatten zu hören und dazu auf dem Klavier zu spielen.

Später habe ich dann auf der Lehrerbildungsanstalt studiert, eine Straße nach der Johannesgasse, dort, wo jetzt der Wienerwald ist. Da war auch die Marietta-Bar, das Kabarett, wo Fatty George gespielt hat und ebenfalls die Adi-Bar, wo ich mit meinem Freund, dem Gerd Rebanik – “Zirkus” haben wir ihn damals genannt – in einem Quartett Miles Davis-Themen gespielt habe, wofür wir dort auch ein Monatsengagement bekommen haben. Derartige Monatsverträge waren damals in den Lokalen Standard.
 
Als beim Fatty George dann ein wenig Flaute eingekehrt ist und in der Adi-Bar immer mehr los war, als bei ihm, hat er mich für seine Band dazu engagiert. So habe ich dann Leute wie Friedrich Gulda oder Hans Koller kennen gelernt. Viel gezeigt haben mir auch der Bassist Hans Rettenbacher, Rudi Wilfer und Robert Pollitzer. Es sind dann noch andere Musiker zum Jammen hinzu gekommen und so hat sich schließlich ein reger Austausch ergeben.

Später dann hat mich Oskar Klein engagiert, mit dem ich auf einer Tournee in der Schweiz war und bei dem auch die erste Schallplatte mit meiner Beteiligung aufgenommen wurde. Diese Platte ist damals bei Amadeo erschienen, mit seiner Frau Miriam Klein am Gesang. Ich war dann auch einen Sommer lang in der Schweiz, zwischendurch wieder mal in Wien, und parallel dazu habe ich mit dem Hans Koller bei den “Rhein und Ruhr”-Festspielen diese denkwürdige Schallplattenaufnahme gemacht – Multiple Koller. Beim Militär war ich zwischenzeitlich auch einmal und dann, 1964, hatten wir eine Einladung nach Berlin bekommen, wo ich schließlich vier Jahre lang geblieben bin.

Dort habe ich in verschiedenen Jazzklubs gespielt – Jazzgalerie, Dougs Nightclub, Eden Saloon und es waren auch Sonntags-Matinées auf der amerikanischen Soldatenbasis mit dabei. Da hat man noch am Sonntagnachmittag zum Tanz aufgespielt – aber natürlich Jazzmusik. Es gab da auch zwei Rundfunkstationen mit zwei BigBands und ich habe des Öfteren auch mit meinem Bandleader, damals mit Herb Geller, zwischendurch bei Radioshows gespielt. Darin sind Kabarettisten aufgetreten, Unterhaltungsmusik wurde gespielt und zwischendurch konnten auch wir mit Herb Geller ein paar Stücke zum Besten geben. Das war eine sehr gute finanzielle Überlebensmöglichkeit damals.

Zu dieser Zeit habe ich auch meine ersten eigenen Arrangements für den Rundfunk schreiben können und ich habe Dave Pike kennen gelernt, der Vibraphon gespielt hat. Wir hatten fortan sozusagen die Funktion als Haus-Rhythmusgruppe inne und konnten in dieser Zeit sehr viele namhafte Solisten begleiten – Dexter Gordon, Johnny Griffin und viele andere. Es war mir möglich, verschiedene Musiker kennen zu lernen, die da auf Tournee waren und dann gab es auch noch das Berlin Jazz-Festival. Dort fanden immer Jam-Sessions mit Jazzgrößen wie Duke Ellington statt – das ging immer tage- und nächtelang damals. Alsbald haben wir auch eine Band gegründet – The Citizens, eine Free Jazz-Band mit zwei Saxophonisten. 

Es ist auch manchmal zwischen Wien und Berlin hin und her gegangen und Friedrich Gulda hat mich öfter in Berlin besucht. Einmal hat er mich auf einen Wettbewerb in Wien aufmerksam gemacht, bei dem ich die Stelle als Begleit-Rhythmusgruppe hätte annehmen können, oder aber auch selbst teilnehmen – beides gleichzeitig war natürlich nicht möglich. Ich musste mich also entscheiden, ob ich dort mit einem Fixgehalt als Begleiter spielen wollte, oder als Teilnehmer, der letztendlich auch leer hätte ausgehen können. Meine Wahl fiel dann auf letztgenannte Variante und ich habe tatsächlich bei diesem Wettbewerb den ersten Preis gewonnen. Die Jury war mit Größen wie Cannonball Adderley, J.J. Johnson, Art Farmer und Ron Carter auch sehr prominent besetzt. Friedrich Gulda hat mir später erzählt, er habe meinen Mut bewundert, mich für die Teilnahme am Wettbewerb entschieden zu haben.

Im Jahre 1968 hat mich Erich Kleinschuster eingeladen, nach Wien zu kommen und wir haben dann gemeinsam im Konservatorium der Stadt Wien das erste Jazz-Institut gegründet – ich war dort als Klavierlehrer engagiert und zusätzlich noch im Erich Kleinschuster Sextett tätig, mit dem es auch monatliche Produktionen mit diversen Gastsolisten gegeben hat. Das waren reine Jazz-Produktionen und daneben gab es noch die Möglichkeit, mit der späteren ORF-BigBand Produktionen für den Rundfunk zu spielen. Ich habe also zu dieser Zeit ein sehr reichhaltiges Betätigungsfeld vorgefunden. 

In wie vielen verschiedenen Ensembles bist du derzeit aktiv tätig?

Mit dem Fritz Pauer Trio habe ich gerade erst ein wunderschönes Konzert in Serbien, Belgrad, gespielt – eine Einladung des österreichischen Kulturforums. Dieses Trio besteht aus Joris Dudli, Schlagzeug, Johannes Strasser, Bass, und mir selbst am Piano. Wann immer bedarf ist, spielen wir natürlich im Jazzland, wo wir auch kürzlich erst mit Chico Freeman aufgetreten sind und ab Februar wird es auch eine größere Tournee geben. Wir haben uns vorgenommen, unsere Kompositionen zusammen zu proben und dann im März damit ins Studio zu gehen.

Dadurch, dass ich den Staatspreis für improvisierte Musik vom Bundesministerium für Unterricht und Kultur erhalten habe, habe ich jetzt die Gelegenheit bekommen, im Porgy & Bess nach meinen eigenen Wünschen etwas zu machen. Ich habe sehr viele gute Stücke für Jazz-Quintett, mit der traditionellen Besetzung, bestehend aus Trompete, Saxophon und Rhythmusgruppe. Da habe ich jetzt am 10. Jänner einen Termin mit Daniel Nösig, Andy Middleton und meinem Trio, wo wir ausschließlich meine Kompositionen spielen werden und diesen Auftritt lasse ich auch live mitschneiden.

Hast du bereits während des Kompositionsprozesses im Kopf, mit welcher Besetzung, du das jeweilige Stück letztendlich umsetzen willst?

Teils – teils. Sagen wir, das meiste davon ist natürlich auch am Klavier realisierbar, mit dem Trio, aber für das eine oder andere Stück bevorzuge ich dann schon einen Bläser-Sound. Da habe ich schon eigentlich immer die Besetzung im Kopf. Wir haben ja auch jahrelang mit dem Art Farmer Quintett gespielt – Art Farmer gibt es ja leider nicht mehr und das Quintett ist auch mehr oder weniger in alle Winde zerstreut. Die neue Besetzung ist also, wenn man so will, eine Fortsetzung vom Art Farmer Quintett.

Hat sich während deiner Laufbahn als Musikschaffender die Wichtigkeit von Komposition oder Improvisation in die eine oder andere Richtung hin verschoben?

Ja, es gibt sogar Fixkompositionen ohne Improvisation. Ich habe jetzt einiges für Klavier komponiert, was man jedenfalls als Zeitgenössische Klaviermusik bezeichnen könnte. Das eine oder andere Stück davon wurde auch bereits im Rahmen von Konzerten des Österreichischen Komponistenbundes uraufgeführt. Natürlich suche ich aber auch immer wieder Stücke, die sich sehr gut für Jazz-Ensembles eignen, oder auch für mein Klavier-Solo-Programm, wo auch Raum für Improvisationen bleibt. Ich suche nach wie vor nach harmonischen Strukturen für meine Improvisationen, die ihren Ursprung eher aus der Jazztradition, sagen wir mal, der Sechziger Jahre finden. Und von dort gibt es dann auch eine Weiterführung in Bereiche, wo man die Strukturen total verlässt und schaut, was jetzt ohne das alles passiert.

Auf deiner Homepage habe ich eine lange Liste gefunden, von Projekten, bei denen du als Sideman tätig warst. Ich kann mir vorstellen, dass du mittlerweile mehr Anfragen von Leuten bekommst, ob du bei ihnen mitspielen willst, als du tatsächlich bewältigen kannst. Nach welchen Kriterien wählst du aus, wo du schließlich partizipierst?

Das fällt mir eigentlich sehr leicht, weil sich der Andrang wirklich in Grenzen hält. Das ist ja das Schöne, dass es sich, finde ich, sehr gut ausgeht, mit Reisen und diversen anderen Projekten. Vielleicht ist meine Frau da ja anderer Meinung, aber ich glaube, das passt momentan sehr gut.

Aus meiner Grazer Klasse für Interpretation, wo ich schon seit 1989 unterrichte, kenne ich, das muss ich hier noch unbedingt erwähnen, die Simone Kopmajer, eine sehr tolle Sängerin, die bei uns ihre Diplomprüfung macht, auch schon ziemlich erfolgreich ist und bereits ein paar CDs in New York, bei einem japanischen Label, Venus Records, veröffentlicht hat. Mit ihr spiele ich hin und wieder auch Konzerte, worauf ich sehr stolz bin, da sie wirklich außerordentlich gut ist.

Eine andere Studentin, Lucia Luzinska, die aus Bratislava stammt, hat mich letztens ebenfalls eingeladen, für ihre CD zu spielen, wofür sie auch zwei Kompositionen von mir verwendet hat. Die Texte dafür stammen von der ehemaligen Gesangs-Gastprofessorin in Graz, Laurie Antonioli, die jetzt aber wieder nach San Francisco zurück gekehrt ist.

Es gibt also immer wieder interessante Spielmöglichkeiten für mich und zwischendurch unterrichte ich eben noch in Graz, was jetzt aber nach dem kommenden Sommersemester vorbei ist, weil ich dann in Ruhestand gehe.

Ist es dir anfangs, wie du begonnen hast, zu unterrichten, schwer gefallen, dein Wissen auch zu vermitteln? Etwas gut zu beherrschen bedeutet ja nicht automatisch, das auch adäquat weiter geben zu können.

Das stimmt haargenau. Ich bin weder heutzutage fertig als Musiker, noch als Lehrer. Das ist aber auch das Spannende – ich versuche und überlege immer, wie ich mein Wissen vermitteln kann und das auch möglichst so, dass dem Studenten so viel wie möglich damit geholfen ist, dass er sich weiter entwickeln kann. Man muss sich hier schon den Weg, wie man da heran geht, sehr gut überlegen. Wenn man nur spielt und nicht unterrichtet, braucht man nicht viel drüber nachdenken, was man da jetzt eigentlich macht. Für das Unterrichten jedoch, ist es notwendig, eine Methodik zu haben – intuitiv zu unterrichten ist nicht Ziel führend. Es bringt dem Schüler mehr, wenn er das Gefühl hat, der Lehrer hat sich strukturell etwas überlegt und auch einen gewissen Aufbau im Kopf. Für mich ist es vor allem auch sehr wichtig, dass ich das, was ich unterrichte sehr gut selbst beherrsche.

Ich bemühe mich auch, meinen Unterricht so lebendig, wie möglich zu gestalten und ich glaube, ich habe schon eine ganz gute Methodik heraus gefunden – zumindest, für diejenigen Fächer, die ich unterrichte. Gerade bei der Jazz-Musik ist es so wichtig, dass man die jungen Musiker irgendwie führt. Wir leben heute in einer Zeit, wo irrsinnig viele Informationseinflüsse von irrsinnig vielen verschiedenen Stilrichtungen auf die Leute einströmen. Da ist es gar nicht möglich, wirklich in all diesen Bereichen als Lehrer gut zu sein, vor allem wenn sie als Junge mit verschiedenen Vorlieben zu einem kommen. Hier ist es vor allem für mich gut, dem Schüler einfach zuzuhören, was er macht – auch, wenn ich jetzt nicht alles kenne, fällt mir trotzdem immer etwas ein, wo ich Tipps geben kann, oder wo ich Verbesserungsmöglichkeiten sehe.

Siehst du die Jazz-Musik generell in einer Sackgasse angekommen, oder besteht noch Weiterentwicklungspotential – insbesondere hinsichtlich großer, richtungweisender Entwicklungen?

Das ist irgendwie ein Merkmal der Abendländischen Kultur generell, dass wir immer in “Weiterentwicklungen” denken müssen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es eigentlich weniger um Weiterentwicklung geht, sondern mehr um Verfeinerung und Verbesserung von Dingen, die es schon gibt. Es bestehen so viele Variationsmöglichkeiten, beispielsweise, wie ich heute einen Standard interpretieren kann. Wenn ich mir jetzt eine CD von der Simone Kopmajer hernehme, dann finde ich darauf viele Standards, Evergreens, aber diese sind in einer Weise arrangiert und gespielt, wie man es vorher nicht gekannt hat. Natürlich, wenn man von vornherein eine Abneigung gegen Jazz-Standards hat und der Meinung ist, der Jazz wäre sowieso veraltet, dann wird man wohl keinen Zugang finden. Aber wenn man sich darauf einlässt, so wird man erkennen, dass es sich dabei um sehr schöne Musik handelt, wo jede Menge Feinheiten herausgearbeitet werden und man mitbekommt, dass es doch noch viel Neues zu entdecken gibt.

Ich denke, das Schöne an der heutigen Zeit ist es, dass eben die Musik mit unserem chromatischen System schon so durchprobiert wurde, von all den großartigen Komponisten und auch Jazz-Improvisatoren, dass man darauf sehr gut zurück greifen kann. Man hört es ja auch an der sogenannten zeitgenössischen Jazz-Musik, wie viel man sich an bereits erprobten Erfahrungen bedient, wo es dann primär um die persönliche Auswahl und Zusammenstellung geht – das ist für mich das Neue.

Wenn man die Musik rein strukturell weiter entwickelt, dann landet man letzten Endes beim Geräusch. Aber ich finde, und das zeigen auch einige zeitgenössische Komponisten in allen Stilbereichen auf, dass man auf tonalen, also diatonischen Instrumenten noch unzählige Klangmöglichkeiten vorfindet. György Ligeti hat einmal in einem Portrait gesagt: “Wir schließen das Fenster und wir machen Musik – wir öffnen das Fenster und der Klang geht weiter.” Das trifft es für mich eigentlich ganz gut. Was wir als Menschen mit den akustischen Instrumenten produzieren, ist unübertrefflich, genauso wie in der Bildenden Kunst. Bei allen Computer-Grafiken und zur Verfügung stehenden Maschinen wird man immer wieder zu den herkömmlichen Farben, zur Leinwand und zum Pinsel zurück kommen, bzw. sogar zum Bleistift.

Weil du gerade auch das Verfeinern angesprochen hast; kehrst du auch schon mal zu bereits abgeschlossenen Kompositionen von dir zurück, um an diesen weiter zu arbeiten?

Das ist bei mir eine Zeitfrage. Manchmal habe ich so Schübe, wo ich den Drang verspüre, Ideen aufzuschreiben, in diesem Moment jedoch nicht so viel Zeit habe – da ist es beispielsweise schon Mitternacht und am nächsten Tag muss ich schon wieder etwas Anderes machen. Seitdem ich einen Computer habe, habe ich aber mehr Ordnung, weil ich schaue, dass ich die Dinge, die vorher auf Notenpapier notiert waren, alsbald im Computer archiviere. Dadurch ist alles viel leserlicher und deutlicher; ich habe noch aus früheren Zeiten unheimlich viele Skizzen, kistenweise, die ich mir manchmal hernehme – da gibt es schon massenhaft Potential für Verbesserungsarbeiten, aber auch den Anspruch, das eine oder andere überhaupt wegzuschmeißen.

Bei mir ist es generell so, dass ich immer viel aufschreibe, aber aus diesen vielen Skizzen schließlich eine einzige Idee entsteht, die ES dann einfach ist. Ich muss dann immer auf den Zeitpunkt warten, wo sich wirklich aus den Ideen eine Komposition heraus kristallisiert – rückwirkend kann ich aber auch sagen, welche Idee in welches Stück oder in welchen weiteren Versuch geflossen ist und somit ist es mir möglich, die alten Skizzen wegzuwerfen, weil sie sowieso in der Komposition weiter geführt worden sind. Die essentiellen Kompositionen sind bei mir aber sowieso diejenigen, die ich mir ohne Mühe auswendig gemerkt habe.

Ich muss mich, wenn ich komponieren möchte, aber schon konkret dazu entschließen, mich jetzt hinzusetzen und etwas zu machen. Manchmal kommt es aber auch vor, dass ich ganz schnell einen Einfall habe und den muss ich dann schnell notieren, bevor er wieder weg ist – das ist aber eher die Ausnahme.

Wann kann man dich demnächst einmal wieder live hören?

Gleich zu Beginn des nächsten Jahres, am 10. Jänner im Porgy & Bess. Da feiere ich mit dem Quintett meine Auszeichnung mit dem Staatspreis. Ursprünglich sollte das ja mit der Preisverleihung gekoppelt sein, weil die Frau Bundesminister mir den Preis aber persönlich verleihen möchte, wird das jetzt irgendwann im April stattfinden.

Vielen Dank fürs Interview.

Das Interview führte Michael Masen.

 

 

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