mica-Interview mit Fijuka

Das Schöne an Popmusik ist, dass es zwar alles schon einmal gegeben hat, aber trotzdem immer wieder mal überraschend Acts auftauchen, mit denen man so nicht gerechnet hat. Genau das trifft auf das bayerisch-wienerische Duo Fijuka zu, das aus der Sängerin und Synthie-Spielerin Ankathie und der Bassistin und Sängerin Judith Filimónova besteht. Im Frühjahr machten sich mit der extrem eingängigen Nummer „Behave (From Now On)“ erstmals auf sich aufmerksam, nun erscheint ihr erstes Album „Fijuka“ mit spannend arrangierten, gewitzten Popsongs. Im Gespräch mit Sebastian Fasthuber erklären die beiden Musikerinnen, was ihnen wichtig ist – wenn sie nicht gerade in Gelächter ausbrechen. Spaß haben: Auch das gehört zum System Fijuka dazu.

Bei euren Auftritten und in den Videos spielen Theatralik und Performance große Rollen. Und ich habe schon lang nicht mehr so viele Haare auf Bandfotos gesehen wie auf euren.
Ankathie: Da steht gar kein großes Konzept dahinter. Wir stehen einfach beide voll auf Haare.
Judith: Und wir übertreiben beide gern.
Ankathie: Ich kann es nur so erklären, dass ich selbst immer auf Leute gestanden bin, die übertrieben haben. Glam und David Bowie haben mich extrem fasziniert. Es geht darum, sich auf der Bühne anders zu präsentieren und Sachen ausleben zu können, die man im Alltag vielleicht nicht ausleben kann. Das ist ein totaler Luxus.
Judith: Wir haben voll den Spaß dran, uns zu verkleiden. Für uns ist Pop ein Gesamtkunstwerk, bei dem es um mehr als um rein die Musik geht.
Ankathie: Aber es entwickelt sich gerade alles erst bei uns. Und natürlich steht das Songwriting an erster Stelle. Es ist nicht alles nur Show. Aber uns ist beiden klar, dass die Show zur Popmusik dazugehört. Und es macht einfach Spaß. In der Garderobe mit Haarspray herum zu probieren und zu kichern, gehört auch dazu. Ich weiß gar nicht, wann das angefangen hat, dass es den Leute egal ist, wie sie auf die Bühne gehen. Für uns es ist wichtig, dass wir uns auf jeden Auftritt entsprechend vorzubereiten.

Selbstinszenierung und Selbstüberhöhung sind seit je her wichtige Tugenden der Popmusik.
Judith: Man fühlt sich ganz anders, wenn man sich vorbereitet und bis zu einem gewissen Grad in eine Rolle schlüpft. Auf der Bühne ist man ohnehin immer eine Bühnenfigur – egal, ob man so angezogen ist wie im Alltag oder anders.
Ankathie: Auch wenn ich in Jeans und Schlabberpulli oben stehe, schauen mich die Leute trotzdem an. Ich verstehe das auch, wenn sich Leute nicht noch mehr in den Vordergrund drängen und nicht so auffällig sein wollen. Aber ich finde es cooler, wenn man auffällig ist.

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Ihr hat gesagt, es entwickelt sich alles erst. Wie lang gibt es Fijuka schon?

Judith: Es gibt uns seit 2011.
Ankathie: Wirklich aktiv sind wir seit eineinhalb Jahren. Angefangen hat es damit, dass wir einen Gig ausgemacht haben, ohne einen einzigen Song geschrieben zu haben.
Judith: Wir haben uns einfach gut verstanden. Die Kathie hat dann gemeint, sie muss einen Gig für uns ausmachen. Wir haben aber weder einen Namen gehabt noch ein Programm oder überhaupt miteinander geprobt. (Lachen) Und dieser erste Gig war gleich ein abendfüllendes Konzert. Aber wir haben das irgendwie gemeistert.
Ankathie: Wir haben uns wahrscheinlich daher so gut verstanden, weil wir beide an der Uni und gleich schlecht drauf waren. Speziell dich hat alles angepisst. Ich weiß gar nicht mehr, warum du so grantig warst.
Judith: Das war eine generelle Grundstimmung.
Ankathie: Ich habe das sehr erfrischend gefunden. Die Kolleginnen waren sonst alle gut drauf und haben sich total auf die Zukunft gefreut. Wir zwei eher nicht. Unser Grant hat uns verbunden. Und es hat auf der Bühne auch gleich funktioniert. Es war für mich überhaupt kein Thema, dass das mit uns nicht hinhauen könnte.

Wie spielt man ein abendfüllendes Konzert ohne Songs?
Judith: Wir haben ein paar Covers gemacht. Und die Kathie hat ein paar von ihren Songs hergenommen.
Ankathie: Ich habe vorher schon ein paar Solosachen mit Gitarre angefangen gehabt. Die haben wir adaptiert. Das war kein Megakonzert, wir haben die Leute nicht von den Stühlen gerissen, aber es war auch nicht voll peinlich.
Judith: Und wir haben danach auch gleich angefangen, erste Songs zu erarbeiten.
Ankathie: Ich habe damals in Ottakring auf 30 Quadratmetern gelebt. Die Wohnung hat nur Außenmauern gehabt. Als wir angefangen haben zu proben, hat es immer zwischen 5 und 10 Grad gehabt. Und die Judith friert immer.
Judith: Es war eiskalt.
Ankathie: Wir haben im Mai in Moonboots geprobt.

Wie hat sich die musikalische Ästhetik von Fijuka entwickelt?
Judith: Ein Konzert zu spielen, war kein Problem. Über das, was wir darüber hinaus machen wollten, mussten wir uns dann einmal unterhalten.
Ankathie: Wir haben halt darüber geredet, was wir so an Musik hören. Und wir haben schnell festgestellt, dass wir beide sehr popaffine Menschen sind und eine gute Hookline sehr mögen. Wie wir zusammenarbeiten, hat sich auch schnell herausgestellt.

Wie ist die Aufgabenverteilung?
Judith: Die Texte kommen von Kathie.
Ankathie: Man kann es aber nicht verallgemeinern, es ist von Song zu Song ganz unterschiedet. Manchmal haben wir so lang gejammt, bis wir eine gute Idee hatten. Dann gab es einen Break und ich habe mich hingesetzt und einen Text geschrieben. Später wurde das Ganze zusammengebaut und gemeinsam arrangiert. Auf dem Album ist aber auch ein ganz altes Gitarrenstück von mir drauf. Wir teilen die Arbeit halt echt auf. Es ist wie bei Fleetwood Mac: Manchmal hat Lindsey Buckingham die Songs geschrieben, manchmal Stevie Nicks. Aber es gibt immer auch einen gemeinsamen Prozess, wir arrangieren die Songs immer zusammen.
Judith: Meist ist das ein langwieriger Prozess. Durch das Livespielen haben sich viele Songs verändert.

Euer bekanntester Song ist „Behave (From Now On)“, er hat schnell ein Eigenleben entwickelt. War das eine Initialzündung dafür, die Band ernsthafter zu betreiben?
Ankathie: Es war eine Bestätigung dafür, dass wir mit dem Sound richtig liegen und in der Richtung weiter machen sollen. Wir haben anders angefangen, eher akustisch gespielt, mit diesem Ukulele-Zeug. Das war zwar schön, aber mehr so diese Schmuse-Seite, die bei uns beiden weniger vorhanden ist. Wir mögen das ja beide gern. Judith ist ein großer Cohen-Fan. Aber diese Seite ist nicht so groß wir die andere. Wir hauen gerne auf den Putz. Und uns wird schnell fad, wenn wir das nicht machen.
Judith: Aber wie der Sound konkret wird, haben wir lang nicht gewusst. Das hat sich im Studio in die Richtung entwickelt.
Ankathie: Beim Abmischen war oft noch zu entscheiden, ob man mehr von einem bestimmten Effekt oder den Synthie noch ein bisschen mehr verzerren will. Wir haben uns eigentlich fast immer dafür entschieden: Noch mehr drauf, noch mehr drauf. Beim nächsten Album wird’s wahrscheinlich noch mehr.
Judith: Keine Ahnung. (Lachen) Das wird ein Death-Metal-Album.

Was sich bei aller Vielfalt durchs Album zieht, ist eine gewisse 80er-Ästhetik. Es gab auch schon einige Kate-Bush-Vergleiche.
Ankathie: Wir sind aber auch schon mit Michael Jackson verglichen worden.
Judith: Und mit Johnny Cash. Die Palette ist gewaltig. (Lachen)
Ankathie: Jeder sagt was anderes. „Die jungen Dixie Chicks“ habe ich auch schon gehört. Ich mag diese Künstler alle und habe mit keinem Vergleich ein Problem.
Judith: Im schlimmsten Fall ist ein Vergleich lustig. Aber meistens fühlt man sich eher geschmeichelt.
Ankathie: Das bedeutet nur, dass unsere Musik eine große Farbpalette hat. Ist doch super.

Mir gefällt an eurem Album, dass jeder Song ein eigenes Gesicht und einen eigenen Sound hat. Bei aller Experimentierfreude stehen aber trotzdem immer die Melodien und Hooks im Mittelpunkt.

Judith: Dabei gibt es einige Songs, die gar keinen richtigen Refrain haben. Aber es gibt immer Melodien, die wir Refrains wirken.
Ankathie: Was uns wichtig ist, ist Mut zur Wiederholung. Viele Leute haben richtig Angst davor, dass etwas ins Ohr geht, weil man dadurch womöglich an Coolness-Faktor verlieren könnte. Dabei geht es genau darum, dass man sich an einen Song gleich erinnern kann.
Judith: Ich bin sehr von Minimal Music geprägt. Von da her gibt es für mich zu viel Wiederholung nicht. Wir haben oft ziemlich viele Ideen zu einem Song, sagen uns aber: Das Beste ist meistens das einfachste. Es geht darum, so lange auszusortieren, bis die Essenz übrig bleibt.
Ankathie: Das ist ein Prozess, zu dem ich erst gefunden habe, seitdem ich mit Judith zusammenspiele. Ich habe vorher ziemlich gegensätzlich gearbeitet. Meine Musik klang früher sehr jazzy und ich hatte ein Problem mit klaren Hooks. An dem Punkt, wo eigentlich die Hook hätte kommen müssen, habe ich immer geschaut, dass sich der Song total ins Gegenteil entwickelt. Judith hat auch schon mit Popbands wie Tanz Baby! oder Bo Candy gespielt, die kannte das mit der Einfachheit schon eher. Es ist voll strange: Ich habe früher Musik gemacht, die ich selber gar nicht hören wollte.
Judith: Aber es gibt halt wirklich viel Musik, bei der es lustiger ist, sie zu machen als sie sich anzuhören.
Ankathie: Aber wie kann ich mir dann erwarten, dass die Leute meine Musik hören, wenn ich sie mir nicht mal selber zu Hause anhören würde, weil sie so anstrengend ist? Nein, da fühle ich mich jetzt fühl wohler.

Wie ist das Album entstanden? Habt ihr alles allein gemacht?
Judith: Grundsätzlich ist alles von uns geschrieben, gespielt und produziert worden. Aber wir haben schon ein paar Gastmusiker drauf.
Ankathie: Oder unseren Live-Drummer Manuel Da Coll, der in München lebt. Als wir ins Studio gegangen sind, hatten wir keinen richtigen Plan. Dass er die Drums spielen wird, war lange nicht klar. Ich habe ihm eines Tages irgendwas von uns geschickt und er hat ganz tolle Sachen dazu gespielt. Wie gesagt: Es ist alles noch sehr in Bewegung. Wir sind auf nichts fixiert.
Judith: Das wollen wir auch in Zukunft vermeiden.
Ankathie: Ich glaube, es wird in den nächsten zehn Jahren schwierig werden, uns auf irgendwas festzunageln. Das kann einmal ein Vorteil sein, dann wieder ein Nachteil.
Judith: Uns wird grundsätzlich schnell langweilig, drum verändern wir uns ziemlich schnell. Im Notfall kann man das Arrangement eines Songs schnell ändern. Dann spielen wir „Behave“ a capella.
Ankathie: Mit einem Männerchor. So was würde ich gerne mal machen, wenn alles aufgeht und wir uns alles erlauben können. Dann hätte ich unbedingt auch gern ein Ukulele-Orchester dabei.
Judith: Das machen wir bei der Halbzeit-Show vom Super Bowl.
Ankathie: Und ich hätte gern auch ein Theremin dabei.
Judith: Darüber reden wir noch. Ich hasse Theremin.
Ankathie: Wenn es jemand gut spielen kann, ist es unglaublich schön. Das werden wir intern noch klären.
Judith: Nein, Theremin kommt nicht in Frage.
Ankathie: Okay, du bist draußen. (Lachen)

Ist Fijuka für euch beide das Hauptprojekt momentan?

Ankathie: Ich stecke grad alles rein.
Judith: Für mich ist es auch das Hauptprojekt. Ich muss halt noch ein paar andere Sachen machen, um Geld zu verdienen.
Ankathie: Das muss ich auch.
Judith: Und andererseits spiele ich noch in anderen Bands, weil es mir einfach Spaß macht. Aber in keiner dieser Bands habe ich so viel Anteil an der Musik, da spiele ich teilweise nur meinen Bass.
Ankathie: Ich bin jetzt mal auf eine Geburtstagsfeier gebucht worden. Da singe ich eine halbe Stunde lang im Cowboy-Kostüm. Das ist gut bezahlt. Von solchen Sachen lebe ich gerade.

Wie seid Ihr zum Label Seayou gekommen?
Ankathie: Die Judith hat das gekannt. Ich habe mich mit Labels vorher gar nicht so beschäftigt gehabt.
Judith: Am Anfang waren wir da ganz naiv. Wir haben einfach hingeschrieben, sie haben uns aber auch gleich geantwortet.
Ankathie: Dann haben wir uns getroffen und es war schnell alles klar. Wir haben dann auch nirgends sonst mehr angefragt. Das ist wie bei unserem Album: Da hätten wir auch noch ewig herumtun und mischen können, aber wir haben das Gefühl, dass es so passt.
Judith: Ich kenne viele Produktionen, die sich ewig ziehen. Aber je mehr Zeit vergeht, desto unzufriedener wird man mit einem Album. Wir wollen lieber nicht so viel Zeit verlieren und dafür früher mit dem nächsten Album anfangen können.
Ankathie: Es wird sicher Leute geben, die sagen: Das und das hätte man noch besser machen können. Aber für uns funktionieren die Songs so und wir finden unsere Produktion charmant. Was nicht heißt, dass das nächste Album nicht vielleicht wer Anderer produzieren wird.
Judith: Wir hätten diesmal schlicht und einfach auch nicht das Geld gehabt, um drei Jahre daran mischen zu lassen.
Ankathie: Wir haben uns eh beide schon völlig verausgabt. Trotzdem haben wir mehr davon, wenn wir ein cooles Video haben, als wären wir von dem Geld, das wir dafür ausgegeben haben, beide auf Urlaub gefahren. Irgendwann wird sich vielleicht einmal beides ausgehen.

Eure Musik klingt sehr international. Wie sieht es mit der Welteroberung aus?

Judith: Was gut funktioniert, ist, dass viele europäische Radios uns schon spielen. Der nächste Schritt wird eine Welttournee sein.
Ankathie: Europatournee reicht erst mal. Spätestens nächstes Frühjahr, würde ich sagen. Es ist spannend, gerade zu beobachten, wer aller auf das Album anspringt. Wir sind auch beide sehr involviert in den Prozess und in das Business, das macht nicht nur das Label.
Judith: Wir haben dadurch mehr Kontrolle und mehr Arbeit.
Ankathie: Natürlich wäre es mir noch lieber, ich hätte mehr Zeit, um Songs zu schreiben.
Judith: Aber die Situation ist ganz okay so.

 

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