mica-Interview Markus Geiselhart (MGO)

Mit dem Markus Geiselhart Orchestra (MGO) schlüpft in den nächsten Monaten eine Formation in die Rolle der Porgy & Bess Stageband, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den klassischen Big Band Sound in die Gegenwart zu überführen. Gegründet würde das Orchester, das aktuell eine Reihe der begnadetsten Jazzmusiker und Jazzmusikerinnen Österreichs vereint, 2010 von dem Bandleader, Komponisten und Arrangeur Markus Geiselhart, der in der jüngeren Vergangenheit vor allem durch seine Arbeit mit dem Don Ellis Tribute Orchestra feat. Thomas Gansch Aufsehen erregen konnte. Der gebürtige und seit vielen Jahren in Wien lebende Deutsche im Interview mit Michael Ternai.

Du stammst ja aus Stuttgart. Wie und wann hat es dich nach Wien verschlagen?
Markus Geiselhart: Wie es mich nach Wien verschlagen hat? Bevor ich nach Wien gekommen bin, habe ich ja noch Jazzposaune in Würzburg studiert. Und nach dem Studium habe ich ein paar Unterrichtsjobs übernommen, was im Grunde genommen weitergehen hätte können bis zur Pension. Nur wäre mir das wohl auf Dauer schon ein wenig langweilig geworden. Ende 2005 habe ich dann schon etwas genug gehabt und begonnen mir zu überlegen, wo ich denn hin könnte. Letztlich ist die Entscheidung auf Wien gefallen. 2005 hab ich noch das Würzburg Jazz Orchestra gegründet, mit welchem ich mit Thomas Gansch das erste Don Ellis Tribute gespielt habe. So ist irgendwie auch der Kontakt zu Wien entstanden. Ja, und jetzt bin ich eh schon ein paar Jahre in Wien und werde vermutlich auch nicht mehr von hier weggehen.

Wien ist praktisch deine neue musikalische Heimat?
Geiselhart: Ja, nicht nur musikalisch. Ich fühle mich hier sehr wohl.



War es für dich, nachdem du nach Wien gekommen bist, leicht, schnell Fuß zu fassen? War es für dich leicht Kontakte zu knüpfen?

Markus Geiselhart: Wenn jemand wirklich einen Stadt- oder Szenenwechsel plant, dann würde ich ihm empfehlen, dies während seines Studiums zu machen. Ich glaube, das ist der einfachere Weg. Weil man eben gleich in ein richtiges Umfeld gerät. Ich habe es am Anfang hier in Wien nicht so leicht empfunden, aber das wäre wohl überall so gewesen. Ich habe zwar schon ein paar Leute gekannt, aber es war trotzdem schwer, sich einen Überblick zu verschaffen. Wer was macht oder an wen man sich wenden kann.

Wer waren dann die Leute, die dich eingeführt haben?
Markus Geiselhart: Ich würde schon sagen, dass das die Leute aus dem Vienna Art Orchestra Umfeld waren. Mit Mathias Rüegg hatte ich sehr bald Kontakt, von ihm durfte ich in den vergangenen Jahren sehr viel lernen und arbeite für unseren Notenvertrieb R-Gee Music auch zusammen mit Tobias Reisacher das Archiv des Vienna Art Orchestra auf. Dann waren da natürlich Thomas Gansch, Herwig Gradischnig, Robert Bachner. Über Clemens Salesny hatte ich dann auch ein wenig Kontakt zur Jazzwerkstatt usw.

War es für dich eigentlich schon früh klar, dass du in diese Jazzorchester-Richtung gehen willst?
Markus Geiselhart: Das ist irgendwann einmal passiert. Ich habe während meines Studiums in Würzburg einmal eine Amateur-Bigband übernommen. Eines Tages wurde ich von der Jazzinitiative Würzburg gefragt, ob ich mit dieser nicht einmal eine Matinee im Großen Haus, der Oper in Würzburg, spielen könnte. Mir war klar, dass sich das mit der Amateurband nicht ganz ausgehen wird und habe daher Kollegen aus anderen Orchestern, in denen ich mitgespielt habe, wie etwa dem Landesjugendjazzorchester Bayern oder dem BuJazzO, angerufen, ob die nicht Interesse hätten. Und daraus ist letztlich das Würzburg Jazz Orchestra entstanden. Ursprünglich war ja nur ein Auftritt geplant, aber das Projekt ist auch nach meinem Umzug nach Wien weitergelaufen. Und wir haben dann doch von 2005 bis 2010 alle zwei Monate eine Produktion gespielt. Für die Programme habe ich mich verantwortlich gezeigt, und mit der Zeit ist es immer mehr geworden, sodass ich mehr und mehr in die Rolle eines Bigbandleiters hineingewachsen bin. Dann entstanden in Wien 2008 das Don Ellis Tribute Orchestra mit Thomas Gansch und 2010 das Markus Geiselhart Orchestra. Natürlich spiele ich auch heute noch kleinere Sachen, aber mein Hauptfokus liegt schon auf den Big Bands.


Was fasziniert dich am Bigband Sound so sehr?

Markus Geiselhart: Eine Bigband ist eine Geschichte, die wenn sie richtig funktioniert, ordentlich fährt und viel Energie in sich trägt. Die Instrumentierung einer Bigband ist zudem sehr weit gefächert, und das bietet zusätzlich eine breite Auswahl an Klangfarben. Natürlich muss das Ganze schon musikalisch einen Sinn ergeben. Einfach nur auf laut zu spielen, ist klarerweise zu wenig. Aber wenn es einmal andrücken darf, dann ist das in Ordnung. Gerade das Don Ellis Tribute Orchestra ist eine sehr laute Bigband, fast schon eine Art Heavy Metal Bigband (lacht).

In Österreich sind in der jüngeren Vergangenheit ja doch eine Reihe erstklassiger Bigbands entstanden, die auch viel Publikum anziehen. Inwieweit glaubst du, ist der Bigband-Sound wieder im Kommen?
Markus Geiselhart:  Davon bin ich überzeugt. Es tut sich da einiges Erfreuliches und es gibt auch ein Publikum. Dessen bin ich mir sicher. Wir haben ja mit dem Don Ellis Tribute Orchestra Anfang April im Wiener Konzerthaus gespielt. Und das Konzert war mit 1800 Besuchern ausverkauft. Das zeigt ja, dass es die Leute gibt, die sich für diesen Sound begeistern. Schwer ist es manchmal, diese auch ins Konzert zu bekommen. Auch glaube ich, dass es noch viel mehr Leute gibt, denen so etwas gefallen könnte, die sich aber bislang noch nicht wirklich mit der Musik einer Bigband auseinandergesetzt haben. Ich bin mir sicher, wenn mehr Leute eine Bigband live hörten, würden viel mehr drauf stehen.

Du bist ja mit dem Markus Geiselhart Orchestra die nächste Porgy & Bess Stageband. Wie ist es zu diesem Engagement gekommen? Allzu oft habt ihr hierzulande ja noch nicht gespielt.
Markus Geiselhart: Indem ich Christoph Huber gesagt habe, ich würde das gerne machen (lacht). Aber es stimmt, wir waren mit diesem Orchester noch nicht viel auf der Bühne. Wir hatten ein paar Konzerte 2010, einige 2012. In Wien haben wir überhaupt noch nie gespielt. Was aber generell auch damit zu tun hat, dass es nicht leicht ist, Konzerte zu angemessenen Konditionen aufzustellen. Angemessen zumindest für mich. Denn es ist für mich  schon auch sehr wichtig, dass ich den Leuten, mit denen ich spiele, eine vernünftige Gage zahlen kann. Es gibt schon Gagenuntergrenzen, unter denen ich nein sage. Das macht es natürlich nicht wirklich einfacher, viele Gigs zu bekommen. Es macht für mich aber wenig Sinn, nur wegen des „Spielen Wollens“ zu spielen. Es ist bei dem, was Musiker heute tun, schon so genügend Selbstausbeutung dabei. An dieser Situation etwas zu ändern ist auch das Ziel des Vereins Jazz Orchestra Productions Vienna, welchen ich zusammen mit Anna Buxhofer 2012 gegründet habe und der auch der Träger für das Don Ellis Tribute Orchestra und das Markus Geiselhart Orchestra ist.

Als P&B Stageband kommen jetzt zumindest doch einige Gigs hinzu.

Markus Geiselhart: Ja. Wir spielen sechs bis acht Konzerte. Mal schauen wie viele es letztendlich werden.

Und das Programm ist auch schon ausgearbeitet?
Markus Geiselhart: Wir spielen immer ein anderes Programm. Das erste Konzert steht unter dem Motto „My instrument is the orchestra“. Dieses Konzert soll natürlich auch dazu dienen, die Band als solche dem Publikum vorzustellen. Spielen werden wir ausschließlich Kompositionen und Arrangements von mir. Beim zweiten Konzert ist ein Programm geplant, an dem ich gerade arbeite: für Bigband und Hammondorgel, mit Erwin Schmidt an der Orgel. Beim dritten Konzert steht ein gemeinsames Projekt mit dem Klavier-Trio ELF auf dem Programm. Trio ELF kommt aus Deutschland und macht so Drum N´ Bass basierenden Jazz. Das wird mit Sicherheit eine spannende Sache.

Ein jedes Programm geht also doch in eine andere Richtung. Kann man sagen, dass du dein Orchester stilistisch doch sehr offen hältst?
Markus Geiselhart: Wir machen schon Jazz. Was ich, so glaube ich zumindest, mit dem Orchester nicht mache, ist, mich allzu sehr am Traditionellen festzuhalten. Natürlich beruht schon alles auf der Tradition, frei nach Gustav Mahler kann man sagen, wir versuchen das Feuer weiterzugeben, anstatt die Asche anzubeten. Die Frage, die sich soundso immer stellt, ist, was ist Jazz. Eine eindeutige Antwort lässt sich nicht geben. Im Prinzip kann man ja auch so weit gehen, und sagen, dass sämtliche aktuellen Musikströmungen aus dem Jazz entstanden sind und dieser heute sich umgekehrt wiederum Elementen aus den modernen Stilen bedient, wie etwa auch beim Trio ELF, die Jazz mit Drum N` Bass und House kombinieren. Das ist in gewisser Weise auch eine frische Inspiration. Natürlich sind auch Count Basie oder Stan Kenton immer noch inspirierend, aber deren Wirken ist mittlerweile auch schon 60 Jahre her.

Wo liegt eigentlich die Herausforderung mit so einem bunten Haufen an hervorragenden Musikern zusammenarbeiten. Inwieweit muss ein Arrangeur oder Bandleader ein wenig die Zügel in den Hand halten, damit auch alle an einem Strang ziehen?
Markus Geiselhart: Ich glaube, wir haben uns alle schon auch gern. Wir hatten ja jetzt im Frühjahr eine Tour mit dem Don Ellis Tribute Orchestra und die ist viel reibungsloser abgelaufen, als ich es mir vorgestellt habe. Eigentlich fast schon zu harmonisch für eine Bigband (lacht). Es ist aber schon so, dass jedem der Musiker bewusst ist, dass er seinen Solopart hat, in dem er seinem Ego Platz geben kann, am Rest des Abends sich aber dem großen Ganzen unterordnen muss. Und das funktioniert auch sehr gut.

Was darf sich das Publikum von einem Besuch eines Konzertes des Markus Geiselhart Orchesters erwarten?
Markus Geiselhart: Ich glaube, die Leute werden viel Unterschiedliches zu hören bekommen. Das Konzert mit Trio ELF etwa wird eigentlich schon weit weg von dem gehen, was man unter dem traditionellen Bigband-Sound versteht. Auch die Bigband/Hammondorgel Geschichte, ist eine etwas aus dem Rahmen Fallende, weil es diese Kombination bislang eher selten gegeben hat und es stilistisch doch sehr weit gefasst zugehen wird. Bei meinem eigenen Zeug dagegen, kann es auch schon auch experimenteller werden. Im Jänner planen wir ein Konzert, das etwas klassischer angelegt ist. Das Da werden wir eine Mozart-Suite spielen mit Peter Ahorner als Sprecher. Ebenfalls dabei ist das radio.string.quartet.vienna. Die Stageband-Reihe wird schon sehr  abwechslungsreich und stilistisch sehr vielfältig werden. Von Sachen der Swingzeit bis hin zu solchen, die man heute in Discos hört.

Wie sehen deine Ziele mit den Bigbands aus? Was erhoffst du dir für Zukunft?

Markus Geiselhart: Ich hoffe doch ganz stark, dass ich mich mit diesen Bands langfristig etablieren kann. Die Tour im Frühjahr mit dem Don Ellis Tribute Orchestra war ein ganz wichtiges  Erlebnis für mich, weil ich gesehen habe, wie eine Band auf so einer Tour zusammenwächst. Das Ziel ist schon, mit den Projekten  auch in der Zukunft erfolgreich zu sein und mit ihnen auch vermehrt Tourneen im Ausland zu spielen.

Zum Abschluss. Wie siehst du eigentlich generell die österreichische Jazzszene? Du bist ja jetzt doch schon einige Jahre da.
Markus Geiselhart: Ich glaube, die Wiener Szene zählt doch zu den stärksten in Europa, wobei ich natürlich die in Deutschland nicht mehr zur Gänze beurteilen kann. Von der Berliner oder der Kölner Szene bin ich doch ein wenig weit entfernt. Aber eine solche Ansammlung von hochkarätigen Musikern, die in Wien vorzufinden ist, ist schon eher eine Seltenheit. Ich bin mir nicht sicher, ob es in Berlin oder in Köln möglich wäre, eine Bigband auf dem Niveau wie eben zum Beispiel das Don Ellis Tribute Orchestra auf die Beine zu stellen. In Würzburg, wo ich wie schon erwähnt auch gearbeitet habe, war das Einzugsgebiert an hochkarätigen Musikern ein riesiges. Die Leute sind unter anderem aus Wien, Amsterdam, Köln und Berlin gekommen. Hier in Wien ist es so, dass die hervorragenden Musiker alle vor Ort sind, was gleichzeitig die Arbeit klarerweise sehr vereinfacht.


MGO live als P&B Stageband, jeweils 20:30 h
16.09. My instrument is the orchestra
19.11. Trio ELF meets MGO
25.10. MGO meets the Hammond

17.12. Don Ellis Tribute Orchestra feat. Thomas Gansch

Foto 1: Patrick Sowa
Foto 2: Nadine Bargad
Foto 3: Andreas Eissler
Foto 4: Patrick Sowa

 

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http://www.porgy.at