Lexikalisch präsent – persönlich im Wort, Teil 2: Gabriele Proy im mica-Interview

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums von mica – music austria widmeten wir uns im Jahr 2024 intensiver auch einem der ersten mica-Projekte, dem „Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich“ (mica-Lexikon).  Zunächst wurden alle 422 Komponist:innen, die im Lexikon im Jahr 1997 vorgestellt wurden, in der Musikdatenbank von mica – music austria in einem eigenen Bereich sichtbar und zugänglich gemacht (vgl. https://db.musicaustria.at/bernhard-guenther-lexikon-zeitgenoessischer-musik-aus-oesterreich-1997). Teil 1 dieser Serie findet sich hier.

Im Zuge der Aktualisierungen der Musikdatenbank von mica – music austria haben wir all jene 29 Komponistinnen, die bereits im „Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich“ aus dem Jahr 1997 (mica-Lexikon) vorgestellt wurden, etwa um Interviews gebeten. Wir wollten mit persönlichen Geschichten beleuchten, wie es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, Komponistin zu werden. Welche Vorbilder gab es? Wie gestaltete sich die Ausbildung? Welche Hürden oder Brücken gab es? Wie begann der Weg mit dem Beruf „Komponistin?

Insgesamt drei Komponistinnen erklärten sich zu einem persönlichen Gespräch bereit. Neben Elfi Aichinger und Mayako Kubo war dies GABRIELE PROY, die sich mit Nicola Benz im Café Hummel zu einem eineinhalbstündigen Interview traf und interessante sowie individuelle Einblicke in ihren künstlerischen Werdegang gab. Im Anschluss an das Interview wird die Komponistin kurz vorgestellt.

Können Sie sich erinnern, wie Bernhard Günther Sie damals gefunden hat – oder wer den Kontakt hergestellt hat? Und kannte man sich damals unter den wenigen Kolleginnen, die im Lexikon vorgestellt wurden?

Gabriele Proy: Der Kontakt zu Bernhard Günther entstand, glaube ich, über mein Umfeld rund um Wien Modern oder vielleicht über mein Studium der Musikwissenschaft. Ganz sicher sagen kann ich es heute nicht mehr, das ist eher eine Vermutung.

Wenn ich darüber nachdenke, wen ich damals wirklich gekannt habe, dann vor allem die Frauen aus der elektroakustischen Szene – und zum Beispiel Andrea Sodomka. Mit ihr habe ich heute keinen Kontakt mehr, aber wir kannten uns lange. Es gab überhaupt viele Überschneidungen mit Medienkunst, auch weil ich mich sehr für bildende Kunst interessiert habe und in einem Forschungsprojekt an der Universität für angewandte Kunst Wien zum Thema Medien-Welten als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. Da liefen viele Fäden zusammen.

Der Elektroakustik-Lehrgang an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien wurde im Jahr 1963 gegründet, und war damals ein sehr kleines, fast schon intimes Umfeld in der Rienößlgasse 12 – nicht vergleichbar mit heute, wo alles größer und moderner ist. Dort kannten sich die wenigen Frauen, die es gab, wirklich gut. In meinem Kompositionsstudium gab es hingegen keine Frauen. Bei der Elektroakustik schon. Und auch in meinem Instrumentalpädagogikstudium waren Frauen als Kolleginnen ganz selbstverständlich, da war das nie ein Thema.

Aber als ich dann den Lehrgang für elektroakustische Musik begonnen habe, war ich in meinem Jahrgang wieder die Einzige. Es hatte zwar vor mir schon Frauen gegeben – Andrea Sodomka, Katharina Klement, Mia Zabelka –, aber in dem Moment, als ich mich entschieden habe, diese Ausbildung zu machen, war ich allein.

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Komponistin zu sein oder zu werden, war damals ja noch längst nicht so selbstverständlich wie heute. Wie hat sich das bei Ihnen entwickelt? Gab es einen konkreten Moment, in dem Sie entschieden haben: Ich werde Komponistin?

Gabriele Proy: Ja, das ist tatsächlich spannend, weil ich von klein auf zwei große Lieben hatte: Musik – und Pflanzen. Als Jugendliche war die Konzertgitarre mein Instrument, und für mich war Musizieren immer schon eng mit Improvisieren verbunden. Das war völlig selbstverständlich. Trotzdem konnte ich mir lange nicht vorstellen, dass daraus einmal ein Beruf werden könnte.

Meine erste Idee war deshalb: Wenn ich etwas mit Musik mache, dann vielleicht als Musiktherapeutin. Im Jahr nach der Matura, 1983, habe ich im Sommer ein einmonatiges Praktikum in der Musiktherapie am Steinhof gemacht – heute wäre das die Klinik Penzing beziehungsweise das Otto-Wagner-Spital. Ich wollte einfach herausfinden, in welche Richtung das bei mir gehen kann. Musiktherapie hätte ich mir auch als „Brotberuf“ vorstellen können: etwas Sinnvolles, das mir die Musik im Leben hält und gleichzeitig finanziell trägt.

Ich bin bis heute froh, dass das über eine befreundete Musiktherapeutin möglich war – es war nämlich gar nicht so leicht, dort überhaupt hineinzukommen. Durch sie konnte ich bei musiktherapeutischen Sitzungen in kleinen und auch größeren Gruppen dabeisitzen, mitarbeiten und wirklich viel lernen. Und genau in diesem Monat ist mir dann etwas sehr klar geworden: Mich zieht es viel stärker zum musikalischen Ansatz hin als zum therapeutischen. Ich wollte nicht über die Musik arbeiten – ich wollte in die Musik hinein.

„Und dann wollte ich einfach mehr wissen: wirklich Komposition lernen, das Handwerk beherrschen, sicherer werden. Also habe ich mich bei der Hochschule erkundigt, wie das läuft – und da hieß es: Für die Aufnahmeprüfung in Komposition müsse ich am Klavier Haydn-Sonaten, zwei- oder dreistimmige Bach-Inventionen und außerdem ein zeitgenössisches Stück vorspielen können.“

Mein Instrument war ja eigentlich die Gitarre. Und mit der Konzertgitarre hätte ich damals – ich weiß nicht, wie das heute geregelt ist – gar nicht Komposition studieren dürfen. Als ich dann in der achten Klasse den Entschluss gefasst habe, Musiktherapeutin zu werden, habe ich in der Schule angefangen, Klavier zu lernen. Das Problem war nur: Bei uns zu Hause war schlicht kein Platz für ein Klavier. Also habe ich während der Maturazeit jeden Tag irgendwo anders geübt – bei Familien in der Nachbarschaft, bei Freund:innen, bei Bekannten. Hauptsache, ich schaffe diese Aufnahmeprüfung.

Ich war so fixiert darauf, dass ich mich praktisch gar nicht mehr auf die Matura konzentriert, sondern nur noch Klavier geübt habe. Ich wollte diese Prüfung unbedingt schaffen. Bis der Klassenvorstand irgendwann meine Eltern in die Schule zitiert hat. Da habe ich gemerkt: So kann das nicht weitergehen. Ich war immer gut – und plötzlich werden die Noten schlecht. Da habe ich mir gesagt: Jetzt musst du zuerst einmal die Matura ordentlich machen.

1983 habe ich mich dann zunächst für Musikwissenschaft und Philosophie eingeschrieben, einfach um mehr Zeit zu haben und mich gezielter auf die Kompositionsaufnahmeprüfung vorbereiten zu können. In Musikwissenschaft habe ich Tonsatz belegt, und ich konnte jeden Tag bei einer befreundeten Volksschullehrerin üben. Später durfte ich sogar zu ihr ziehen, damit ich mich wirklich konzentriert vorbereiten kann. Musiktheorie habe ich mir damals großteils selbst beigebracht – mit Handbüchern. Internet gab es ja nicht. Ich habe Dreiklänge und Blattlesen geübt … und ich hatte natürlich den Vorteil, dass ich sehr musikalisch bin und ein absolutes Gehör habe. Trotzdem: In meiner Familie gab es keinerlei Vorbilder in diese Richtung – keine Akademiker:innen, keine Künstler:innen. Ich musste mir das alles selbst erschließen.

Gabriele Proy bei Klangrecherchen in Saskatchewan, Kanada
Gabriele Proy bei Klangrecherchen in Saskatchewan, Kanada © Charles Fox

Und wie verlief dann die Aufnahmeprüfung?

Gabriele Proy: Da sind wahnsinnig viele angetreten. Und mein Nachname, „Proy“, ist im Alphabet eher weiter hinten – das heißt, wir standen schon am Vormittag im Gang in der Seilerstätte, und ich habe irgendwann einen Assistenten gefragt: „Wann komme ich denn dran?“ Er meinte nur: „Proy, das wird sicher erst am Nachmittag.“

Und weil wir am Vortag schon Gehörbildung gehabt hatten und an diesem Tag Klavier dran war, habe ich gleich nachgehakt: „Was wird denn da geprüft?“ Und er antwortete: „Na ja – Bartóks Mikrokosmos.“ Es war ungefähr zehn Uhr. Ich wusste: Ich bin erst am Nachmittag dran. Also bin ich zur Dorotheergasse ins Musikhaus Doblinger gelaufen und habe mir sofort den Bartók gekauft.

Das Absurde war: Ich hatte danach keine Möglichkeit, das am Klavier zu probieren. Also habe ich mir eine ruhige Parkbank im Stadtpark ausgesucht und dort jeweils die ersten fünf Takte der diversen Bartók Stücke auf den Knien geübt – nur vom Notenbild her, mental. Am Nachmittag, als ich endlich dran war, konnte ich diese Bartók Stücke gut anspielen.

Ich habe die zweistimmige Bach-Invention perfekt gespielt, eine Haydn-Sonate mit den ganzen Trillern, und dann das zeitgenössische Stück. Damit war die Klavierseite im Grunde abgedeckt.

„Von rund 110 Kandidat:innen wurden am Ende nur zehn aufgenommen – und ich war eine davon. Ich war unglaublich glücklich, weil ich damit endlich die Chance hatte, genau das zu lernen, was ich wirklich lernen wollte. “

Im Herbst 1984 bin ich zu Semesterbeginn gleich zu meinem Kompositionsprofessor gegangen – das war damals Friedrich Neumann. Ich habe an seine Tür geklopft und gesagt: „Entschuldigen Sie, ich habe mich für Komposition angemeldet. Ich habe die Aufnahmeprüfung zwar nicht geschafft … dürfte ich trotzdem bitte einfach zuhören?“

Und er schaut mich an und sagt: „Was wollen Sie denn? Sie sind doch meine Studentin!“ Für mich war das wirklich eine unglaubliche Nachricht.

Plötzlich wurde mir dieses Wissen einfach zugänglich – ohne, dass ich dafür ständig bezahlen musste. Davor war es ja so: Jede Klavierstunde musste ich selbst finanzieren, und mein Lehrer konnte mir natürlich nur einen kleinen Ausschnitt vermitteln. Aber ich wollte viel mehr. Ich wollte das ganze Handwerk, all die Zusammenhänge, all diese Dinge wirklich verstehen.

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Sie waren in Friedrich Neumanns Kompositionsklasse an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst die einzige Studentin. Wenn Sie heute zurückblicken: Hatten Sie das Gefühl, dass es für Sie anders war als für Ihre männlichen Kollegen? Sind Ihnen bestimmte Situationen begegnet, die Ihre Kommilitonen vielleicht so nicht erlebt haben?

Gabriele Proy: Ich muss ehrlich sagen: Manchmal wundere ich mich selbst, dass ich diesen Weg tatsächlich geschafft habe. Wirklich. Ein großer Teil davon hat sicher damit zu tun, dass ich das unbedingt machen wollte – weil ich einfach wahnsinnig musikalisch bin. Das klingt vielleicht ein bisschen seltsam, wenn ich das über mich selbst sage, aber: Ich kann das einfach.

Gleichzeitig hat das enorm viel Resilienz verlangt. Ich musste im Laufe der Jahre viele Ausgrenzungen, Beleidigungen und Verletzungen einstecken. Und ich bin im Nachhinein vor allem froh, dass ich immer wieder darüber hinwegsehen und weitermachen konnte – und nicht daran zerbrochen bin.

Wie haben Sie das verarbeitet? Wie sind Sie damit umgegangen? Hatten Sie jemanden an Ihrer Seite, mit dem Sie das verarbeiten konnten?

Gabriele Proy: Zum Glück habe ich seit 1989 eine sehr stabile, schöne Partnerschaft. Das macht wirklich einen großen Unterschied. Entscheidend ist, dass man eine Vertrauensperson hat, die einen begleitet.

Jemanden, der ehrlich mit einem ist. Der auch mal sagt: „Da ist ein wahrer Kern drin – schau dir das an.“ Oder genauso: „Lass das bitte, nimm dir das nicht zu Herzen. Das ist einfach nur gemein, da steckt nichts Tieferes dahinter.“ Allein kann man eben nicht alles ständig analysieren und einordnen. Manchmal braucht es eine andere Perspektive, eine andere Situation – oder einfach einen Menschen, der von außen draufschaut.

Und bei mir waren das über die Jahre dauernde kleine Ausschlussmechanismen, die sich summiert haben. Zum Glück habe ich das heute nicht mehr. Und ich bin wahnsinnig froh darüber – auch, weil ich trotz allem sehr viel erreichen konnte.

Wie haben Sie Ihr Studium damals finanziell und organisatorisch bewältigt?

Gabriele Proy: Mein Studium habe ich mir weitgehend selbst erarbeitet. Ich hatte ein Stipendium, suchte mir eine kleine Wohnung, musste nebenbei arbeiten (etwa als Saisonarbeiterin in Bädern der Stadt Wien) und mehrere Tage pro Woche unterrichten. Manche Lehrveranstaltungen konnte ich dadurch nicht besuchen, aber ich habe mir Inhalte selbst angeeignet, in Museen recherchiert, Bücher ausgeliehen und Prüfungen auf diesem Weg gemacht. Diese Erfahrung prägt auch mein Verständnis von Lehre: Eigenständigkeit ist zentral, aber die Rahmenbedingungen sind heute oft anders.

Mein eigener Ausbildungsweg war ohnehin ungewöhnlich. Nach dem Gitarrendiplom ging ich in Richtung Elektroakustik, damals als Lehrgang geführt. Parallel entwickelte ich ein „Studium irregulare“, in dem ich ein eigenes Curriculum entwarf und durch die Gremien brachte. Damit konnte ich als erste Studentin in dieser Form ein Kompositionsdiplom mit Schwerpunkt Klangkunst abschließen. Das war mit vielen Widerständen verbunden, auch weil es für Frauen im Kompositionsbereich insgesamt noch viel weniger selbstverständlich war.

Ich habe zusätzlich Philosophie studiert, und meine Diplomarbeit verband Klangzeichen und Klangsprache mit semiotischen und kompositionstheoretischen Ansätzen. Für das Philosophiestudium musste ich Latein nachholen. Das war anstrengend, aber machbar, auch weil ich nicht allein gelernt habe: Gemeinsamkeit und Partnerschaft, im Sinn von „sich gegenseitig motivieren“, kann enorm helfen.

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Sehen Sie sich rückblickend als Vorreiterin?

Gabriele Proy: In Österreich auf jeden Fall. Und ich hatte dabei auch wirklich viel Verantwortung – und habe sie sehr ernst genommen. Ich war zum Beispiel von 2004 bis 2022 im künstlerischen und wissenschaftlichen Beirat des Theodor-Körner-Fonds. Als ich dort angefangen habe, waren wir im Musikbeirat zu dritt: zwei männliche Kollegen und ich. Und ich muss sagen: Die Zusammenarbeit im Musikbeirat als auch im großen Plenum mit allen Disziplinen war wirklich schön und sehr professionell. Meine Analysen und meine Expertise wurden von den Kollegen voll akzeptiert.

Gleichzeitig war mir wichtig, dass wir uns die Einreichungen von Komponistinnen bewusster und auch objektiver anschauen. Da sind die beiden Kollegen im Musikbeirat auch mitgegangen. Entscheidend war am Ende immer die Qualität und die Qualifikation der Einreicher:innen – danach haben wir entschieden, ob wir einen Komponisten oder eine Komponistin fördern. Und für mich war ganz zentral: Es darf bei Komponistinnen nicht nach „Almosen“ aussehen. Das wollte ich unbedingt vermeiden.

Und wenn wir zwei Preise vergeben konnten, haben wir – sofern die Einreichungen wirklich vergleichbar waren – ganz bewusst darauf geachtet, dass einer an einen Mann und einer an eine Frau geht. Aber immer mit dem klaren Bezug auf Qualität und Qualifikation. Und ich bin sehr froh, dass ich dort die Möglichkeit hatte, das mitzugestalten und wirklich mitzuwirken.

„Ich war im ‚Arbeitskreis für Ernste Musik‘ des Österreichischen Komponistenbundes – und das war eine enorme Verantwortung. Für mich war dabei aber immer klar: Ich bin hier als Komponistin. Nicht als jemand, der im Nachhinein die Fehler ausbügelt, die vorher passiert sind, nur weil ich eine Frau bin – und jetzt plötzlich dafür zuständig sein soll, dass alles ‚korrekt‘ oder gegendert ist. Ich war Teil des Teams, Punkt. Als Komponistin.“

Kurz vor meiner ersten Japan-Tournee 2005 bekam ich einen Anruf vom Österreichischen Komponistenbund (heute: ACOM – Austrian Composers). Man fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, im „Arbeitskreis für Ernste Musik“ mitzuarbeiten. Das Gremium bestand aus zehn Mitgliedern – und ich war damals die erste Frau dort.

Ich hatte schon den Eindruck, dass manche glaubten, ich würde jetzt die Dinge geradebiegen, die zuvor schiefgelaufen waren. Aber so habe ich das nicht verstanden: Ich wollte nicht als Reparaturinstanz eingeladen werden, sondern schlicht als gleichberechtigte Komponistin.

Als ich zwei Jahre später wieder gewählt wurde, habe ich mich dafür eingesetzt, dass eine zweite Komponistin aufgenommen wird – damit die Zusammensetzung zumindest ein Stück weit die Realität widerspiegelt. 2016 bin ich dann ausgestiegen. Das ist einfach enorm viel ehrenamtliche Arbeit. Und zu diesem Zeitpunkt waren – wenn ich mich richtig erinnere – von den zehn Arbeitskreismitgliedern vier Komponistinnen.

Zu Beginn Ihres kompositorischen Schaffens lag der Schwerpunkt auf Performance, grafischer Notation und Objekt-Partituren, auch Skulpturen, die klanglich dargestellt wurden – eine Verknüpfung zweier künstlerischer Welten: die bildende Kunst und die akustische Kunst. Wie ging es dann weiter?

Gabriele Proy: Der nächste Schritt war dann für mich die elektroakustische Komposition. In diesem Bereich habe ich über die Jahre hinweg einen ganz eigenen Zugang entwickelt – vor allem in der Soundscape-Komposition – und damit in Österreich auch Pionierarbeit geleistet.

In diesem Zusammenhang war ich von 2001 bis 2013 Präsidentin des Europäischen Forums Klanglandschaft. Der Vereinssitz ist zwar in der Schweiz, aber das Forum ist bewusst auf die vier Länder Deutschland, Italien, Österreich und die Schweiz innerhalb Europas ausgerichtet – daher auch der Name. Und ich war als Präsidentin für alle vier Länder zuständig.

Ich habe den Schwerpunkt ganz bewusst auf Soundscape-Kompositionen gelegt und habe zum Beispiel eine Konzertreihe gegründet und geleitet, die sich genau mit diesem künstlerischen Aspekt von Musik auseinandersetzt. Und ich habe ein Symposium ins Leben gerufen, das im Zwei-Jahres-Rhythmus jeweils in einem unserer Mitgliedsländer stattfand – mit Klanginstallationen, Konzerten und wissenschaftlichen Vorträgen zur akustischen Umwelt, zu Klanglandschaften und zu Komposition, besonders zur Soundscape-Komposition.

Verleihung des Professorinnentitels Gabriele Proy
Verleihung des Professorinnentitels Gabriele Proy © HBP/Peter Lechner

Unsere Mitglieder waren und sind sehr vielfältig: Künstler:innen, Komponist:innen, Klangkünstler:innen, Musikwissenschaftler:innen, Musikpädagog:innen, Musiktherapeut:innen, aber auch einfach Interessierte oder Journalist:innen, die sich mit diesen Fragen der akustischen Umwelt beschäftigen. Und dadurch wurde die Soundscape-Komposition über lange Zeit zu einem zentralen Schwerpunkt meines künstlerischen Arbeitens.

Sie waren die erste weibliche Beirätin für Musik beim „Theodor-Körner-Fonds“, erste Frau im Gremium „Arbeitskreis für Ernste Musik“, Präsidentin eines europäischen Vereines. Was hat Sie dazu motiviert, gezielt in Positionen und Funktionen zu gehen, in denen Sie etwas bewegen können?

Gabriele Proy: Mir war früh klar, dass ich in Funktionen hineinwill, in denen man tatsächlich etwas bewegen kann. Das war ein Wunsch, kein Zufall. Rückblickend sehe ich das ambivalent: Es gab Phasen, in denen ich sehr viel eingesetzt habe und mir durch offenes Ansprechen auch selbst Schwierigkeiten gemacht habe. Über die Jahre bin ich diplomatischer geworden. Meine Haltung hat sich nicht geändert, aber meine Sprache schon. Erfahrung bedeutet auch zu lernen, wie man Themen so formuliert, dass sie ankommen, ohne Türen zuzuschlagen.

Haben Sie den Eindruck, dass sich das Bewusstsein dafür verändert hat, wie Karrieren von Komponistinnen überhaupt möglich werden, dadurch dass sich die strukturellen Hintergründe verändert haben?

Gabriele Proy: Eine Zeit lang war ich ehrlich irritiert. Ein, zwei Generationen nach mir hat sich etwas verschoben: Plötzlich war vieles einfach selbstverständlich. Man bekommt Preise, wird auf Programmen angeführt, tritt nach vorne, und der Blick richtet sich stark auf das eigene Ich: „Ich, ich, ich“. Als wäre das alles ganz natürlich so gekommen.

Was dabei oft fehlt, ist das Bewusstsein dafür, dass es Menschen gegeben hat, die diese Möglichkeiten überhaupt erst erkämpft und ermöglicht haben. Dass jemand Türen geöffnet, Strukturen verändert, Unterstützung organisiert oder sich in Gremien und Institutionen eingesetzt hat – damit andere später dort stehen können, wo sie heute stehen. Dieses Wissen war in manchen Fällen nicht mehr da. Und genau das hat mich wirklich irritiert.

Ich glaube außerdem nicht, dass dieser Ansatz – völlig unabhängig davon, ob wir vom Prinzen oder von der Prinzessin sprechen, der/die überall der/die Beste ist und nach vorne kommt – im Kunstbetrieb dauerhaft trägt. Vielleicht funktioniert er eine Zeit lang. Aber Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum, und sie ist selten ein Solo. Auch hier gibt es Teamarbeit, Austausch, Netzwerke und Menschen im Hintergrund, ohne die vieles gar nicht möglich wäre. Reines „Ich, ich, ich“ bringt uns nirgends hin.

Was mir heute fehlt, ist eine Perspektive der nachfolgenden Generationen, gerade auch von Komponistinnen: Warum haben sie jetzt diese Möglichkeiten in Österreich? Und was wäre, wenn sie sich einmal anschauen würden, welche Komponistinnen sich vor ihnen eingesetzt haben – damit sie heute diese Karriere machen können? Diese Verbindung nach hinten, dieses Wissen um Vorgängerinnen und um die eigenen Voraussetzungen, würde so viel verändern: im Ton, im Denken und letztlich auch darin, wie wir miteinander arbeiten.

Im Kulturbetrieb werden oft sehr junge Künstlerinnen und Künstler gefeiert, weil sich das werbepolitisch gut verwerten lässt. Dabei geraten jene aus dem Blick, die über Jahre kontinuierlich arbeiten, sich entwickeln und nachhaltig etwas aufbauen. Für mich hängt das stark mit unserer Schnelllebigkeit, mit Medienlogiken und mit der Art zusammen, wie Aufmerksamkeit produziert wird. Umso wichtiger ist mir der Gedanke von Kontinuität und Nachhaltigkeit.

Diesen Gedanken von Nachhaltigkeit möchte ich gerne vertiefen. In welchen Bereichen in Ihrer Arbeit spielt er auch eine Rolle?

Gabriele Proy: Was mir am wichtigsten ist: Werke sollen nicht nur einmal uraufgeführt werden und dann verschwinden. Nachhaltig ist, wenn ein Ensemble, ein Orchester oder eine Solistin so überzeugt ist, dass ein Stück wieder gespielt wird und fix ins Repertoire wandert. Das ist mein Ziel und ich bin sehr froh, dass dies bei vielen meiner Werke der Fall ist.

Ich schreibe aber nicht gefällig, damit es „gut ankommt“. Ich schreibe das, was ich selbst gut und schön finde. Ich bin dabei streng und gebe ein Werk erst her, wenn es meiner eigenen Vorstellung entspricht. Und ich möchte in meiner Klangsprache weitergehen, in einer Linie, die Hand und Fuß hat und in einer Tradition steht, statt nur „irgendetwas“ für den nächsten Auftrag zu liefern.

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Wenn Sie jetzt nochmals abschließend auf Ihre Studienzeit und vor allem die erste Zeit danach zurückblicken: Sie waren ja an der Hochschule in Ihrer Kompositionsklasse die einzige Frau. Wie ist es Ihnen gelungen, in den Konzertbetrieb hineinzukommen, wahrgenommen zu werden und Uraufführungen realisieren zu können?

Gabriele Proy: Dass ich in den Konzertbetrieb hineingekommen bin, hatte viel mit der Zeit zu tun, in der ich enorm viele Performances gemacht habe. Über meinen Schwerpunkt in elektroakustischer Musik und Soundscape entstand eine starke internationale Vernetzung. Ich bekam Einladungen zu Konzerten und Vorträgen, war als Klangkünstlerin weltweit unterwegs, hatte Aufträge und Aufführungen. International war das für mich überraschend normal: Dass ich arbeite, dass ich auftrete, dass ich präsent bin.

Diese internationale Rückendeckung war entscheidend. Als ich nach Österreich zurückkam, hatte ich bereits einen Namen im Ausland, und dadurch wurde der Name auch hier wahrgenommen und ich erhielt große Aufträge. Wäre ich nur in Österreich geblieben und hätte mich nicht für Tourneen und Festivals geöffnet, hätte ich meinen Weg hier vermutlich nicht in dieser Form gehen können.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Nicola Benz

Die Komponistin Gabriele Proy wurde am 25. März 1965 in Wien geboren. Im Jahr 1983 legte sie in Wien ihre Matura ab und absolvierte im Anschluss ein Einführungspraktikum für Musiktherapie. Von 1983 bis 1985 studierte sie Philosophie an der Universität Wien. Parallel dazu begann sie 1984 ihr Studium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien im Fach Komposition bei Friedrich Neumann und Erich Urbanner, das sie bis 1987 absolvierte. Von 1987 bis 1992 studierte sie zudem Instrumental- und Gesangspädagogik (IGP) mit Schwerpunkt Gitarre bei Gunter Schneider und Hans Hein und schloss dieses Studium mit Auszeichnung ab.

Von 1992 bis 1996 vertiefte sie ihre Auseinandersetzung mit Kompositionstechniken und -stilen an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien im Studium Computermusik/Elektronische Medien und Elektroakustik bei Dieter Kaufmann und Tamas Ungvary, das sie ebenfalls mit Auszeichnung abschloss. Den Abschluss ihrer akademischen Ausbildung bildete ein Studium irregulare „Klangkunst & Instrumentalpädagogik“ (Kombination der Studien in Komposition, Instrumentalpädagogik und Philosophie), das sie 1997 mit dem Grad Magistra artium (Mag.art.) mit Auszeichnung beendete.

Seit 1992 arbeitet sie kontinuierlich freiberuflich als Komponistin, künstlerische Leiterin und Kuratorin und verbindet ihre schöpferische Tätigkeit eng mit Lehre, Forschung und internationaler Vernetzung. Ebenfalls seit 1992 unterrichtet sie in Wien Konzertgitarre und ist seit 2006 zusätzlich als freiberufliche Instrumentalpädagogin an der Albertus Magnus Schule tätig. Ihre pädagogische Arbeit reicht dabei von Schulprojekten – etwa einem Klangwelt-Kompositionsprojekt mit Schüler:innen im Auftrag des Österreichischen Kulturservice (1995) – bis hin zu universitärer Lehre im In- und Ausland (in Europa, Australien, Kanada und Japan).

Neben ihrer künstlerischen Arbeit übernahm sie zahlreiche Funktionen in Lehre, Forschung und in Kulturorganisationen. Von 1996 bis 2017 war sie Mitglied der Gesellschaft für Elektroakustische Musik Österreich. 1997 trat sie als Referentin beim Symposium „Ohrenbetäubendes Wissen – Augenblickliches Gedächtnis“ an der Universität für angewandte Kunst Wien auf und arbeitete von 1997 bis 1999 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsforum Medien-Welten derselben Universität. Es folgten Lehrtätigkeiten unter anderem an der Donau-Universität Krems (1998–2001, 2008), am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien (2000–2001) sowie von 1999 bis 2013 an der ARD.ZDF medienakademie in Nürnberg mit den Schwerpunkten Klangkomposition und Sound Design. Seit 2011 ist sie Professorin in Komposition an der IES Abroad Vienna.

Ein zentrales Feld ihrer Arbeit bildet die Auseinandersetzung mit Klanglandschaften, akustischer Ökologie und Medienkunst. Von 2001 bis 2013 stand sie dem international ausgerichteten Forum Klanglandschaft als Präsidentin vor und war in zahlreichen internationalen Konferenzkomitees tätig.

Darüber hinaus engagiert sie sich seit Jahrzehnten in Fachgremien und kulturpolitischen Zusammenhängen. Von 2004 bis 2022 war sie Mitglied des Künstlerischen und Wissenschaftlichen Beirats des Theodor Körner Fonds. Innerhalb der Austrian Composers Association war sie zunächst im Arbeitskreis Ernste Musik (2005–2016) aktiv und ist seit 2011 Mitglied der Fachgruppe Film- und Medienmusik.Im Auftrag des Bundesministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten war sie 2009 im Redaktionsteam der Publikation „frauen/musik – österreich“. Darüber hinaus wirkte sie mehrfach als Jurymitglied, etwa für das Startstipendium Musik des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (2011), den „Österreichischen Komponistinnenwettbewerb“ im Rahmen von Wien Modern (2018) sowie für Diagonale-Dokumentarfilmmusik (2024, 2025 & 2026) und NASOM (2026).

Neben ihrem kompositorischen Schaffen und ihrer Lehr- und Gremienarbeit übernimmt sie regelmäßig die künstlerische Leitung anspruchsvoller Konzert- und Austauschprojekte, darunter internationale Festkonzerte zwischen Österreich und Japan, Jubiläumskonzerte im Ausland sowie thematisch ausgerichtete Benefizveranstaltungen.

Unter ihren zahlreichen Auftragswerken seien hier nur zwei hervorgehoben: 2019 erhielt sie den Jubiläumsauftrag zu 150 Jahre diplomatische Beziehungen Österreich-Japan und 2025 den Jubiläumsauftrag der Republik Österreich, vertreten durch die Präsidentschaftskanzlei zum Staatsakt 80 Jahre Unabhängigkeit Österreichs.

Als Komponistin richtet sie ihren Schwerpunkt heute vor allem auf Orchesterwerke (über 10 Orchesterwerke), Chorkompositionen und Kammermusik. Themen wie Soundscapes und die Sensibilisierung des Hörens begleiten sie weiterhin, stehen jedoch nicht mehr im Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. Gleichwohl prägen bestimmte klangliche Fragestellungen ihre Arbeiten bis heute. Insbesondere interessiert sie das intensive Hineinhören in den Klang, das Ausloten feinster Nuancen und deren behutsame Gestaltung. Ihre Kompositionen arbeiten häufig mit wiederkehrenden Patterns, rhythmischen Verschiebungen sowie dem Spannungsverhältnis zwischen geraden und ungeraden Taktarten. Subtil variierte Motive verdichten sich zu sich stetig wandelnden Strukturen, die bis in Bereiche der Minimal Music reichen und schwebende, vielschichtige Klanglandschaften entstehen lassen.

Neben dem mica-Lexikon von 1997 konnte Gabriele Proy in folgenden im Rahmen des Projekts „frauen/musiklexika“ eingesehenen Lexika und Publikationen aus dem 20. Jahrhundert gefunden werden:

  • 1997 Günther, Bernhard (Hg.): Proy Gabriele. In: Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich: Komponisten und Komponistinnen des 20. Jahrhunderts. Wien: music information center austria, S. 864–866.
  • 2001 Proy Gabriela. In: Marx, Eva / Haas, Gerlinde (Hg): 210 österreichische Komponistinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Wien/Salzburg: Residenz Verlag, S. 513–515.
  • 2009 Gabriele Proy. In: Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten (Hg.): frauen/musik – österreich. Wien: Brandstätter Verlag, S. 20, S. 204.
  • Rausch, Alexander: Proy, Gabriela (Gabriele). In: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 15.5.2005, abgerufen am 18.2.2026), https://dx.doi.org/10.1553/0x0001ddfd

Mehr Informationen über Gabriele Proy findet man in der Musikdatenbank von mica – music austria: Biografie Gabriele Proy. In: Musikdatenbank von mica – music austria. Online abrufbar unter: https://db.musicaustria.at/node/70848