Motsa (c) Julian Mullan

„Ich reise für den Weitblick“ – MOTSA (VALERIO DITTRICH) im mica-Interview

MOTSA aka VALERIO DITTRICH ist ein österreichischer Elektronik-Musiker, Produzent und DJ, der 2016 mit seiner vierten EP „Petricolour“ (Petricolour) in der heimischen Club-Landschaft reüssierte und vom österreichischen Kultur- und Musikmagazin THE GAP auf die Liste der „Talents to watch“ gesetzt wurde. Am 7. Juni 2019 erschien sein Debütalbum „Perspectives“ („Petricolour”). Im Zentrum stehen dabei die Hommage an die Tanz-, Pop- und Clubkultur und die Auseinandersetzung mit westlichen Gesellschaften, emotionaler Kälte und Vergletscherung. Mit Julia Philomena sprach der Musiker über die Notwendigkeit von Empathie, über Jamsessions und Social Media.

 Dein Debütalbum „Perspectives“ erschien am 7. Juni 2019. Warum hat es so lange gedauert?

 MOTSA: Es sind ein, zwei Nummern auf dem Album, die schon 2016 mehr oder weniger fertig waren. Sehr viel, eigentlich das meiste, ist aber in meinem neuen Home-Studio entstanden, also ab Ende 2017. Ich habe sehr intensiv daran gearbeitet, viele Nummern produziert und dann die Anzahl der Nummern wieder reduziert. Dafür war ein Album-Format schon sehr stimmig.

Du hast dein eigenes Label – „Petricolour“ gegründet, produzierst selbst und hast deine Finger beim Artwork im Spiel. Hat das mit Kontrolle oder Emanzipation zu tun?

MOTSA: Ich mag das Wort Kontrolle nicht. Ich bin eher gerne involviert und habe eine Vorstellung davon, wie das Endergebnis sein soll – nur fehlt mir das nötige Know-how, was Photoshop, InDesign etc. betrifft. In die Musikvideos war ich am wenigsten involviert – hauptsächlich in die Konzeptfindung und Produktion. Die Hauptarbeit kommt aber definitiv vom Regisseur Rupert Höller, den Darstellern sowie dem super Team!

Was war der Ausgangspunkt für die Single „No Fear“?

MOTSA: Man kann die Message „No Fear“ unter anderem auch politisch interpretieren. Generell soll die Nummer verkörpern, keine Angst vor dem Ungewissen zu haben, sich Neues zuzutrauen und nicht aufzugeben.

Hat das Album einen inhaltlichen Leitfaden?

MOTSA: Das Album ist definitiv kein Konzeptalbum! Jedes Lied hat einen Vibe, eine eigene Geschichte. Der Leitfaden ist vielleicht am ehesten noch die Idee, mit dem Album eine generelle Vision zu vermitteln.

„Die Empathie geht verloren, das Mitgefühl und das Verständnis.“

Und welche Vision ist das? Wie kann man den Titel „Perspectives“ verstehen?

MOTSA: Der Titel „Perspectives“ bezieht sich darauf, wie unterschiedlich Menschen ein und dieselbe Situation wahrnehmen, was in vielen Fällen zu Konflikten führen kann – in zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Politik, in unterschiedlichen Kulturen etc. Es geht mir um eine Kritik daran, wie egozentriert unsere Gesellschaft ist. Die Empathie geht verloren, das Mitgefühl und das Verständnis. Dabei könnten wir Konflikte viel schneller lösen, wenn wir einander zuhören würden, versuchen würden, andere Perspektiven zu verstehen, emphatisch zu reagieren und nicht immer auf unseren Argumenten und Wahrnehmungen zu beharren.

Gab es für die Auseinandersetzung mit diesem Thema einen Auslöser?

MOTSA: Ja, zum Teil die Social-Media-Blase. Dort brüllen mittlerweile ja wirklich viele blind ihre Meinungen hinaus. Im echten Leben würden sich die meisten Hater gar nicht trauen, den Mund aufzumachen. Außerdem sind das keine sinnvollen und spannenden Diskurse oder Diskussionen. Hate Speech führt höchstens zu mehr Hass und sonst nirgendwo hin.

Motsa (c) Julian Mullan

Verwendest du selbst viel Technik?

MOTSA: Ja! Wir leben in einer Welt der Widersprüche. Ich habe meinen Laptop selbst im Urlaub immer dabei. Ich surfe aber nicht stundenlang im Internet, sondern mache Musik. Ich wünschte, ich könnte auch meine Arbeit ohne die sozialen Medien machen, aber das scheint im Moment leider keine Option zu sein.

Wie gehst du in einer Welt der Widersprüche vor?

MOTSA: Ich versuche, in der Arbeit so unabhängig wie möglich zu sein. Im Allgemeinen versuche ich, über Systeme, Politik, Ernährung, Gesundheit etc. zu reflektieren. Ich finde, gefährlich wird es dann, wenn man dabei andere zurechtweisen möchte, wenn man glaubt zu wissen, wie es richtig geht. Das würde ich mir nie anmaßen. Die Menschen sind verschieden …

„Ich würde zwar nicht sagen, dass ‚Perspectives‘ ein Pop-Album geworden ist, aber es hat auf jeden Fall Pop-Elemente.“

Du meintest in einigen Interviews, dass dich die Popkultur sehr anspricht. Liegt das vielleicht auch daran, dass die Popkultur und die Popmusik in den meisten Fällen die Menschen verbinden?

MOTSA: Ja, voll. Bei dem Album habe ich sehr bewusst beschlossen, dass ich mich auch auf den Aspekt des Tanzens fokussieren will, auf eine Energie, die im Club funktioniert. Ich will kein Sitz-Konzert. Ich will, dass die Leute loslassen können und Spaß haben. Der Hintergrund ist, dass ich selbst mit der elektronischen Musik angefangen habe, weil mir das Tanzen immer Spaß gemacht hat. Tanzen war für mich Freiheit. Oder fast Meditation. Tanzen und Singen verbinden extrem. Man vergisst kurz seinen 9-to-5-Job, genießt das Wochenende zusammen, grenzt einander nicht aus. Ich würde zwar nicht sagen, dass „Perspectives“ ein Pop-Album geworden ist, aber es hat auf jeden Fall Pop-Elemente.

„Rolling back“ heißt die zweite Single auf deinem Album, zu hören ist dabei Madeline Kenney. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der amerikanischen Sängerin?

MOTSA: Eigentlich durch meinen Manager. „Rolling back“ war lange eine Instrumental-Nummer, bis mir eben Madeline vorgeschlagen wurde. Und mit ihr hat es auf Anhieb gestimmt. Für mich ist die Nummer eine sehr besondere und emotionale, das heißt, es war ganz wichtig, dass wir einander gut verstehen, dass es einen Flow gibt. Wir haben mehrmals geskypt und haben die Thematiken des Albums und der Nummer besprochen, sie hat das dann auch mit ihrem Zugang großartig umgesetzt!

Was für Thematiken waren das?

MOTSA: Schwerelosigkeit war als Stimmung sehr zentral. Angst, Manipulation etc. Die erste Skizze zu der Nummer ist 2016 entstanden, als Trump gewählt wurde. Der Vibe, den ich damals verspürt habe, hat zu der Nummer geführt. Seither hat sich natürlich einiges getan. Vor allem hat Madeleine zu der Nummer eine sehr spezielle, eigene Note beigetragen.

MOTSA ist zwar ein Solo-Projekt, du arbeitest aber sehr oft mit Kolleginnen und Kollegen zusammen. Zufall oder nicht?

MOTSA: Zusammenarbeit ist mir sehr wichtig! Andere Leute bedeuten andere Inputs, andere Inspirationen. Man lernt auch voneinander und findet neue Freundinnen und Freunde!

Gibt es neben MOTSA die Idee, vielleicht wieder mal eine ganz andere Musik zu machen?

MOTSA: Ich probiere viel aus! Ich jamme viel, ganz losgelöst von MOTSA. Mir geht das Projekt manchmal auch total auf die Nerven, weil es ein unglaublich zehrender Prozess ist, jahrelang allein so einem Projekt zu arbeiten, an seinem Sound zu feilen, ihn weiterzuentwickeln. Losgelöst Musik zu machen und zu experimentieren ist da eine super Ablenkung und Anregung. Nachdem ich das Klavier aufgegeben hatte, war für mich die Jamsession – neben dem Tanzen – die Definition von leidenschaftlicher Musik. Ähnlich wie das Tanzen versetzt dich das in eine Trance.

Du hast deine Jugend in Schottland verbracht, in einem Umfeld, in dem es keine Clubs gab.

MOTSA: Ja, zwischen 16 und 18 war ich in Schottland die ganze Zeit auf Home-Partys, bei Jamsessions, bei Open Mics. Meinen 18. Geburtstag haben wir in einem alten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg mitten in den Dünen gefeiert.

Du meintest, dass dich die Natur, die Weite des Meeres und die schroffen schottischen Küsten sehr stark inspirieren.

MOTSA: Ja, total. Generell inspiriert mich nicht nur Musikalisches, sondern auch Visuelles stark. Ich liebe weite, melancholische Bilder. In Schottland hat mich aber eigentlich noch mehr als die Landschaft die DIY-Partykultur geprägt. Es gab dort einen großen Freundeskreis, eine Crew eigentlich, die gemeinsam gearbeitet und etwas aufgebaut hat. Ich habe unglaublich schöne private Mini-Festivals in den Highlands erleben können. Man hat einander neue Musik nähergebracht. So eine Form der Gemeinschaft vermisse ich im Moment in Wien.

Reist du nach wie vor oft nach Schottland?

MOTSA: Ich reise generell gerne und viel. Ich reise für den Weitblick. Reisen bedeutet, immer neue Erfahrungen zu sammeln. Erfahrungen erweitern den Horizont. Deswegen finde ich auch, dass die Kids in der Schule, sofern sie die Möglichkeit dazu haben, viel wegfahren und möglichst früh mit anderen Kulturen in Kontakt kommen sollten. Dann wären die Probleme vielleicht schon weniger.

Verwendet du Englisch, damit möglichst viele angesprochen werden können? Oder ist die Motivation praktischer, persönlicher?

MOTSA: Mir steht Englisch persönlich einfach sehr nah, deswegen habe ich mir nie ernsthaft überlegt, in einer anderen Sprache Musik zu machen – zumindest nicht als MOTSA.

Auch auf anderen Ebenen hat sich bei dir viel entwickelt. Vor zwei Jahren meintest du in einem Interview mit Katharina Seidler auf FM4, dass du dein DJ-Dasein mit dem Live-Solo-Set getauscht hast. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

MOTSA: Ja, ich habe mich nicht ewig im Club um 06:00 Uhr in der Früh auflegen sehen. Meine Musik hat sich in eine Richtung entwickelt, die nicht mehr zu meinen DJ-Sets gepasst hat. Gleichzeitig wollte ich, dass man meine Musik auch außerhalb des Clubs hören kann und ich nicht mehr so mit Vollgas unterwegs bin. Ich hatte Lust, auf der Bühne nur eigene Musik zu präsentieren. Da hat sich die Entscheidung, ein Live-Set zu machen, einfach angeboten, zumal es einen anderen Raum für Improvisation und Überraschungen gibt.

Wenn du dich nicht in einem Club siehst, wo dann?

MOTSA: Die Sonnenuntergangsstimmung gefällt mir gut. Ich will zwar nach wie vor meine  Musik im Club präsentieren, weil sie ja dort auch zum Teil hingehört, aber ich finde Open-Air-Veranstaltungen zum Beispiel extrem cool, im besten Fall auch noch am Meer.

Motsa (c) Julian Mullan

Gab es in letzter Zeit Konzerte, die in einem ungewöhnlichen Setting stattgefunden haben und dich besonders begeistert, vielleicht auch motiviert haben?

MOTSA: Soap&Skin im Wiener Konzerthaus war sehr stark. Das war wirklich super! Ihr neues Album ist toll und sie hat es großartig auf die Bühne gebracht. Außerdem ist Anja [Anja Plaschg; Anm.] eine große Performerin, eine große, starke Persönlichkeit. Sie live zu sehen war inspirierend.

Abschließend: Was wünscht du deinem Album?

MOTSA: Mein Wunsch ist, dass das Album die richtigen Leute erreicht und ihnen lange Freude bereitet, sie vielleicht zum Nachdenken anregt. Es wäre schon, wenn das Album manchen Menschen so viel gibt, wie mir selbst das Musikmachen gegeben hat.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

 

Termine:
20. Juni 2019 – Springfestival, Graz
26. Juli 2019 – Poolbar Festival, Feldkirch

Links:
Motsa (Facebook)
Motsa (Bandcamp)
Motsa (Website)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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