Der Wiener Recordstore Substance ist 25 Jahre alt. Ein guter Grund zum Feiern. Denn auch wenn die Zeiten für den Verkauf von Tonträgern dank Streaming und steigender Kosten schon einmal besser standen, ist das Team rund um Konstantin Drobil und Thomas Gebhart zuversichtlich. Man hat mit dem alteingesessenen Plattenladen noch viel vor: Als musikalischer Nahversorger, als Mailorder und als sozialer Ort. Mit einer erlesenen Auswahl, guter Beratung und vollem Einsatz. Ein Gespräch über geändertes Konsumverhalten und Musik, die einem die Ohren schlackern lässt.
Substance Records wurde 2001 aufgesperrt, vor mittlerweile fünfundzwanzig Jahren also. Aber deine musikalische Reise begann schon viel früher, Anfang der 1990er, als du Trost Records gründetest. Wie ist das damals abgelaufen?
Konstantin Drobil: Angefangen hat es im alten Flex. Ich war Musikfreak, habe dort gearbeitet und Alexander de Goederen und Andreas Höllering kennengelernt, die dort mit ihrem Bauchladen CDs und Kassetten verkauft haben. Mit Bands, die im Flex gespielt haben, verschiedenste Musik von weirdem Pop bis hartem Punk. Da sind wir ins Reden gekommen, und weil ich im hauseigenen Fanzine, dem Flex’s Digest mitgemacht habe, dachten die beiden, der kennt Journalisten, der kennt sich aus in der Szene… So hat sich das ergeben. Aber meine Bedingung, wenn ich mitmache, war von Anfang an, dass ich nicht nur Promo-Mensch bin, sondern genauso mitentscheiden und Bands rausbringen kann. Und dann waren wir halt plötzlich zu dritt.
Wie ging es mit der Dreierband weiter?
Konstantin Drobil: De Goederen ist ausgestiegen und Höllering wollte das irgendwann nur noch nebenbei machen, als Liebhaberei sozusagen. Ich aber wollte das zu einem Business entwickeln. Nebenbei habe ich Politik und Publizistik studiert und auch absolviert. In dieser Zeit, während der Studienzeit also, habe ich schon an drei Nachmittagen in der Woche Ladendienst in der WG gemacht. Man konnte also dreimal die Woche vorbeikommen, Platten hören und kaufen. Gerhard Stöger, der jetzt für den Falter schreibt, hat damals mit mir in einer WG gewohnt, und mitgeholfen.
Die Gründung eines Plattenladens war also keine spontane Idee, sondern eine organische Entwicklung. Kann man das so sagen?
Konstantin Drobil: Das war zwingend, ja, weil irgendwann bist du heimgekommen und da sind Leute bei dir am Bett gesessen. Meine damalige Freundin hat das nicht mehr ausgehalten. Es waren immer irgendwelche Leute da. Da dachte ich: Es geht so einfach nicht mehr! Es muss jetzt mal ein Plattenladen her.
Wie hast du den Laden damals bei dir zuhause beworben?
Konstantin Drobil: In den Fanzines, vor allem dem Chelsea Chronicle und dem Flex’s Digest oder auf Flugzetteln. Und ich hab´ mir gleich mal gedacht, einen Mailorder dazu zu machen. Der Shop kam erst viel später.
Was war das z.B., was du verkauft hast?
Konstantin Drobil: Z.B. die Flying Luttenbachers oder solche Sachen. Da haben wir damals 30 Stück verkauft – in einer Woche. Heute verkaufen wir das vielleicht in einem Jahr. Das ging schon.
Wie kamt ihr zu den Bands, die ihr zunächst auf dem Label Trost herausgebracht habt und deren Platten ihr dann natürlich auch im hauseigenen Shop verkauft habt, Valina, Bulbul, Kurort, Snakkerdu Dansk uvm. War das der erweiterte Freundeskreis?
Konstantin Drobil: Ja, das hat sich so ergeben, auch durch das Flex. Im Großen und Ganzen waren das die Bands, die im Chelsea, Flex und Bach gespielt haben. Wenn es einem gefallen hat, hat man gesagt: „Hei, wir machen ein Tape!“ Irgendwann hab´ ich meine ganzen Jobs gekündigt und einen Vertrieb gegründet, damit ein bisschen Geld reinkommt, und hab´ begonnen, diese ganzen Sachen an andere Geschäfte zu liefern – ich hatte ja noch kein eigenes Geschäft. Soundtracks an Satyr, Indie-Platten in ganz Österreich vom Rave Up bis zum MediaMarkt usw.

Da hast du sicher auch Lehrgeld bezahlt, oder?
Konstantin Drobil: Und ob. Durch die Libro-Pleite habe ich ca. 100.000 Schilling verloren, was damals eine ganze Menge Geld war. Durch die Insolvenz des Virgin Megastore habe ich auch einiges verloren. Das war damals unser bester Kunde. Dann ist mir noch der Bus, den ich gekauft hab, um die Bands gut rumzuführen, nach einem Konzert in der Stadtwerkstatt auf dem Weg nach Wien in Flammen aufgegangen.
Jede Menge Rückschläge also.
Konstantin Drobil: Ja, aber nichtsdestotrotz habe ich mir so um das Jahr 2000 herum gedacht: „So, jetzt ist es Zeit für einen Shop!“ Es war gar nicht so leicht, jemanden als Partner zu finden, aber Alfi Glück (zuvor Verkäufer bei Why Not und Libro Mania; Anm.) hatte Lust.
Lustigerweise brauchst du, wenn du einen Universitätsabschluss hast – und sei es auch nur in Publizistik – keinen Gewerbeschein. Du bekommst ihn auf Nachsicht und damit ohne jegliche buchhalterischen oder wirtschaftlichen Kenntnisse. Nach dem Alfi ist dann ziemlich bald der Thomas (Gebhart; Anm.) gekommen. Ein Jahr hat er mitgearbeitet, dann ist er als dritter Gesellschafter eingestiegen.
Das war eine andere Zeit damals, oder?
Konstantin Drobil: Das war eine andere Epoche. Damals hat es noch kein Internet gegeben.
Habt ihr immer schon Vinyl gemacht?
Konstantin Drobil: Ja, bei mir daheim hauptsächlich Vinyl. Das war das, was uns gefallen hat. Das war, was wir gesammelt haben. Viel später erst ist dieser komische Vinyl-Hype gekommen, und ich habe plötzlich Interviews in Wirtschaftssendungen dazu geben müssen. Für uns war das gar nicht so toll, denn die Preise stiegen und die Pressen waren auf Monate hinaus ausgebucht, weil die Majors jeden Blödsinn pressen ließen.
Und dann kam 2001 der Shop. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich an einem der ersten Abende nach der Arbeit hinpilgerte, um einzukaufen. Was hat sich seit damals geändert?
Konstantin Drobil: Viel. Ein Plattenladen war damals ein sozialer der Ort, an dem Leute etwas über neue Musik erfahren – das fällt halt mittlerweile total weg. Jetzt kommen die Leute und haben das alles schon im Internet gehört. Die wissen oft schon vor uns, dass von ihrer Lieblingsband was Neues rauskommt und wann es rauskommt. Die hören eine erste Kostprobe auf FM4 oder Spotify – da gibt’s die Platte noch gar nicht – dann kommen sie zu uns, und wenn du ihnen erklärst, dass es die Platte noch nicht gibt, sind sie verwundert und denken du kennst dich nicht aus. Dabei gibt es jetzt erst den digitalen Release, und die Platte kommt Wochen bis Monate später. Und die Leute waren früher auch experimentierfreudiger und weniger zielgerichtet: Viele haben sich Platten einfach mal angehört, weil sie ein schönes Cover haben, der Name cool klingt oder ähnliches. Das passiert auch fast gar nicht mehr. Die meisten, die zu uns kommen, wissen genau, was sie wollen, und dann kommen sie rein und kaufen’s. Wir haben auch zwei Hörstationen im Laden. Die waren früher manchmal, gerade am Wochenende voll besetzt. Da gab es Warteschlangen vor den Plattenspielern. Jetzt ist meistens eine frei.
Ich schau´ mir eigentlich immer die auf eurer Homepage publik gemachten Neuerscheinungen an und komme dann mit einer Wunschliste zu euch, die ich vor Ort eingrenze oder erweitere.
Konstantin Drobil: So ist es super, so soll’s auch sein. Was sich aber auch verändert hat, ist, dass lustigerweise wieder mehr CDs gekauft werden.
Wie kommt´s?
Konstantin Drobil: Durch die Preisgestaltung. Vor allem die Jungen kaufen wieder viel CDs. Nimm Klassiker wie Pixies oder Nirvana: Da kostet die CD heute 10 oder 11 Euro, während man für ein Vinyl schon zwischen 29 und 35 Euro hinlegen muss. Da kaufen sich die Jungen natürlich die CDs. Ich glaub, das wird sich wieder verstärken.
Wann kam der Jazz beim Label dazu? Und: Heute habt ihr auch im Shop erstaunlich viele Jazz-Platten im Angebot. Wie kam es dazu?
Konstantin Drobil: Das begann tatsächlich mit Peter Brötzmann. Der Schlagzeuger Michael Wertmüller hat einmal bei mir geschlafen und mir da eine Kassette in die Hand gedrückt: Peter Brötzmann. Das hat mir die Ohren schlackern lassen. Ich kannte seinen Sohn und dessen Band, das Caspar Brötzmann Massaker – das hat mir schon gefallen – aber mit Jazz hatte ich nicht viel am Hut. Ich kam eher aus der Rock-, Hardcore-, Indie- und Postpunk-Ecke. Die Leute vom Welser Schlachthof haben mir dann eine Connection zu Peter gelegt und dann hab´ ich ihn einfach angerufen und später getroffen. Natürlich waren er und die ihn umgebenden Label-Menschen erst mal skeptisch, was dieser Noiserock-Typ da will.

Und was wolltest du?
Konstantin Drobil: Seine ersten Platten wieder auflegen. Darum ging es am Anfang. Und das habe ich dann auch gemacht und die Lizenz dafür gezahlt, pro Platte um die 1000 Euro vorab. Aber es hat funktioniert und sie haben schnell gemerkt: Der Typ macht, was er sagt. Mit dem arbeiten wir zusammen. Später ist daraus eine Freundschaft entstanden und hat er uns auch immer wieder neue Aufnahmen zum Veröffentlichen gegeben.
Hat sich das rentiert oder nicht?
Konstantin Drobil: Schon, ja. Meine meistverkaufte Platte überhaupt ist sicher die Machine Gun von Peter Brötzmann. Thomas (Gebhart; Anm.) hat sich dann reingetigert und angefangen, das ganze Bluenote- und Verve-Repertoire durchzuhören und die guten Sachen von klassischen Jazz-Labels zu bestellen. Heute haben wir eine gute Auswahl im Jazz. Das Hauptding ist zwar immer noch Rock, Alternative und Elektronik, aber dann folgen Jazz, Hip-Hop und Soundtracks
Wie schwer ist es, einen auf Tonträger spezialisierten Shop über Wasser zu halten?
Konstantin Drobil: Leicht ist es nicht. Wir haben eine gewisse Größe und dadurch auch gewisse Kosten, die nicht so leicht zu schupfen sind. Wenn du dich umschaust, sind die meisten Plattenläden – ob Lindys Plattenladen, Fritz mit dem Market oder Silvia vom Recordbag Ein-Mann- bzw. Ein-Frau-Betriebe. Die stehen dann halt fast immer den ganzen Tag selbst drin. Wir wollten das irgendwie größer machen und daneben auch noch anderen Sachen nachgehen. Aber: Keiner hat geglaubt, dass es uns lange geben wird. In der Szene und auch bei den Freunden hielt man das Unterfangen für mehr als gewagt. Die meisten meinten „super, und cool, dass ihr das macht“, um gleich darauf zu relativieren: „Aber glaubt ihr wirklich, dass sich das rentieren kann?“ Länger als zwei drei Jahre hat uns kaum jemand gegeben. Dafür sind die jetzt gefeierten fünfundzwanzig Jahre aller Ehren wert, finde ich.
Was macht einen guten Plattenladen für dich aus?
Konstantin Drobil: Das Rough Trade in London war schon mit 17 mein Lieblings-Plattenladen, eigentlich ein Vorbild – persönlich ausgewählte gute Musik aus verschiedenen Genres, starke Berücksichtigung der lokalen Szene und Instore-Konzerte gehören für mich unbedingt dazu.
Es gibt ja auch die schönen Substance-Shirts, die als Motiv eine Menschentraube vor dem Shop während eines solchen Instore-Gigs zeigen…
Konstantin Drobil: Die versuchen diese Stimmung einzufangen, ja. Das haben wir auch immer gern gemacht. Und dass man nicht nur auf ein, zwei Genres spezialisiert ist, sondern eine gewisse Bandbreite an verschiedensten Sachen hat.
Was mir nie gefallen hat, war eine gewisse Arroganz, die manche Plattenverkäufer gerne an den Tag legten, weil sie glaubten, besonders cool zu sein. Das fand ich immer extrem unsympathisch. Ich glaube, das kriegen wir gut hin. Zu uns kommen auch viele Frauen, die sich oft beklagten, in Plattenläden schlecht behandelt zu werden.
Was sich aber geändert hat: Man darf halt nicht mehr rauchen und trinken. Früher war das Freitag abends oft eine richtige Party. Die Leute kamen nach ihren Bürojobs, hörten Musik, rauchten ein, zwei Zigaretten, tranken und redeten miteinander. Die soziale Komponente war mir immer wichtig und es ist schade, dass es nicht mehr so ist. Aber für meine Gesundheit ist es natürlich besser.
Vielen Dank für das Gespräch.
Markus Deisenberger
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Eine Playlist der Substance-Crew (die Titel erschienen alle im Oktober 2001), die noch immer gut zum Programm des Substance-Shops passt:
APHEX TWIN – drukqs
FUGAZI – argument
MISS KITTIN – or
A SILVER MT ZION – born into trouble
THE NATIONAL – s/t
LIARS – they threw us all…
EYEDEA & ABILITIES – first born
TOMAHAWK – s/t
LE TIGRE – Feminist sweepstakes
LALI PUNA – scary world theory
GODFLESH – hymns
PULP – we love life
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