„HÖFLICHES KÜNSTLERISCHES FORSCHEN“ – BARBARA MARIA NEU IM MICA-INTERVIEW

Die performende Komponistin und Klarinettistin BARBARA MARIA NEU ist heuer bei WIEN MODERN mit der Uraufführung von „Tierweisen. Performative Lieder über Tierschicksale aus den Alpen“ vertreten (16. November 2026, Das LOT; Folgeaufführungen am 17. und 18. November). Michael Franz Woels hat BARBARA MARIA NEU noch im Hochsommer mit ökologischen Fragen zum „Großen und Ganzen“ konfrontiert, der Ökophilosoph Timothy Morton war bei der Generierung der Fragen dank seiner inspirierenden Publikationen mit Titeln wie „Ökologie ohne Natur. Eine neue Sicht der Umwelt“ und „Ökologisch sein“ von zentraler Bedeutung. BARABARA MARIA NEU hat über die Ungebräuchlichkeit des Begriffes „Euthenik“ nachgedacht, sich an unnötige körperliche und mentale Verletzungen durch kämpferisches Kunstschaffen erinnert und die Natur und ihre Lebewesen als Impuls für Zuversicht erkundet.

Nach dem Interview mit Pia Palme handelt es sich um Teil 2 einer Serie, in der Komponierende Auskunft für ihre Werke in Zusammenhang mit Ökologie geben.

Der Ökophilosoph Timothy Morton, der sich als Leitdenker durch dieses Interview ziehen wird, stellt zu Beginn seines Buches „Ökologisch sein“ die Fragen, bezugnehmend auf die oft fatalistisch beängstigenden ökologischen Faktoide, mit denen wir täglich konfrontiert sind: „Wie halten wir ökologische Daten aus? Können wir damit leben? Wenn nicht, was sollen wir damit anfangen?“ Welche Strategien zur Bewältigung hast du gefunden, sowohl in psycho-hygienischer Hinsicht als auch auf kreativ-künstlerische Art?

Barbara Maria Neu: Durch meine Familie und den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, sowie auch jetzt durch dieses Projekt, habe ich das Glück, immer wieder vereinzelt mit Menschen in Berührung zu kommen, die mir in dieser Hinsicht Hoffnung geben. Manchmal treffe ich Leute, die auf sehr ehrliche Art und Weise mit ihrem ökologischen Umfeld bzw. mit Natur und Tieren umgehen und geschwisterlich daran interessiert sind. Bäuer:innen, die nicht nur wegen der sich gut anhörenden Plakette bio arbeiten, weil diese vielleicht etwas mehr Geld fürs Projekt einbringt. Sondern die wirklich aus tiefster Überzeugung in ihrer Arbeit weit über irgendwelche Anforderungen hinausgehen, weil alles andere gegen ihr Wesen sprechen würde. Oder Jäger:innen die hauptsächlich daran interessiert sind, die Tiere zu pflegen, vor dem Hochwasser zu retten und zu schauen, dass im Wald alles in Ordnung ist. Ökolog:innen, die nicht auf eine überflutende, nichts sagende und anklagende Weise sprechen, sondern gezielt scharfsinnig formulierten Klartext bringen, genau im richtigen Moment und an die richtige Stelle adressiert. Oder Konzepte von Ferienappartements, die auf Nachhaltigkeit fokussieren, den großen Hotelanlagen ein Gegenbeispiel setzen und damit dennoch viele Leute unterbringen und sehr erfolgreich sind.

Manchmal habe ich das Gefühl, in Medien, Politik und Aktivismus wird bewusst überfordernd formuliert und inszeniert. Das ist durchaus nachvollziehbar, denn sonst ist es mittlerweile kaum mehr möglich, irgendwie Aufmerksamkeit für wichtige Themen zu erlangen. Dennoch bewirkt es vielleicht das Gegenteil: Die Leute sind genervt, sogar die oben genannten Hoffnungsträger:innen, die eigentlich der gleichen Meinung sind. Vielleicht müssen wir uns viel mehr auf die Menschen und Institutionen konzentrieren, die jetzt schon eine gute und nachsichtige Richtung eingeschlagen, diese Stärken, als Vorbilder inszenieren und allen anderen Mut geben, auch diesen Weg zu gehen.

Da unser Projekt ja eine Uraufführung für Wien Modern ist und es sich um eine Stückentwicklung handelt, sind wir zurzeit noch in der – fortgeschrittenen – Entstehungsphase. Dennoch kann ich sagen, auch wir werden versuchen, vielleicht Aussicht auf Alternativen anzubieten. Natürlich befassen wir uns mit einem recht radikalen Thema: dem Aussterben von Tieren. Gleichzeitig haben wir selbst im Prozess immer wieder Zuversicht gefunden und bemühen uns, diese auch künstlerisch zu vermitteln. Und möglicherweise geht es darum, neben der regelmäßigen Überflutung zuerst wieder einen Raum zu schaffen, um das Stadium des Zuhören-Könnens zu ermöglichen und sich für die Schicksale und Geschichten der Tiere zu öffnen.

Das Hören und Erleben von interdisziplinären Musikprojekten und sogenannter Neuer Musik ändert ständig meinen menschlichen Hörhorizont. Eine durch und durch ökologische Erfahrung im Sinne des Autors und Philosophen Timothy Morton: „Denn ökologisch zu sein heißt, sich über die seltsam-verwickelte Einbindung in das, was ich erfahre, bewusst zu sein; es handelt sich eben ganz und gar nicht um eine unmittelbare, direkte Erfahrung.“
Im November wird im „das LOT“ im Rahmen des Festivals
Wien Modern das Stück „Tierweisen. Performative Lieder über Tierschicksale aus den Alpen“ uraufgeführt. Kannst du uns etwas zur Entstehung und zu den Besonderheiten dieses Stückes erzählen?

Barbara Maria Neu: Wie man sich Tieren auf respektvolle und höfliche Art nähern kann, besonders im künstlerischen Kontext, ist wohl ein Kernthema unserer Herangehensweise. Der Ausdruck „höfliches Forschen“ und die Frage danach, wie das umgesetzt werden kann, besonders eben in künstlerischer Hinsicht, bringen immer wieder Schlüsselmomente. Bei der performativ-musikalischen Beschäftigung mit Tieren streift man an manchen Stellen naturgemäß rasch so etwas wie den Versuch der Imitation. Dennoch versuchen wir, uns immer wieder irgendwie die Warum-Fragen dahinter zu stellen. Also warum bewegt sich dieses Tier so, auf körperlicher, jedoch auch auf so etwas wie einer charakterlichen Ebene. Charakterlich beschreibt in dem Fall einfach das Verlangen, die Stimmung oder das Ziel. Jede Art hat das so in sich, oder vielleicht auch speziell eben dieses eine angenommene Wesen dieser Art.

Barbara Maria Neu

„WIR NEHMEN JEDOCH AUCH GRENZEN WAR UND RESPEKTIEREN DIESE.“

Wir nehmen Abstand davon zu glauben, wir könnten unsere menschliche Ebene auslassen und erlauben uns gleichzeitig den Versuch den Tieren möglichst genau zuzuhören, um dann in eine Spekulation zu gehen und diese künstlerisch abzubilden. Höfliches künstlerisches Forschen bedeutet für uns, uns so nahe wie möglich auf die beschriebenen Arten einzulassen, was bei vom Aussterben bedrohten Alpentieren ja mitunter herausfordernder ist als beispielsweise bei Ziegen. Eine respektvolle Annäherung heißt also für uns: Wir besuchen Orte, an denen „unsere“ Tiere leben, versuchen das Umfeld zu verstehen, ohne die Wesen unbedingt sehen – oder gar verfolgen – zu müssen. Wir sprechen mit Menschen, die Erfahrung mit diesen Tieren haben, die vielleicht viel im Wald sind und ihnen demnach naturgemäß öfter begegnen und Geschichten dazu erzählen können. Wir sprechen mit Forscher:innen, die uns Fakten dazu erzählen. Wir lesen und hören zu. Wir nehmen jedoch auch Grenzen wahr und respektieren diese.

Diesen Zugang versuchen wir künstlerisch umzusetzen: Es geht nicht um eine Imitation, weder musikalisch noch performativ. Es geht um den Versuch, den poetischen Rhythmus des Wesens verstehen und diesen durch unsere naturgemäß persönliche und individuelle künstlerische Sprache wiederzugeben und dadurch vielleicht so etwas wie Empathie, Verständnis und Aufmerksamkeit für die Schicksale der Wesen zu ermöglichen.

Der Ökophilosoph Timothy Morton fasst seine Gedanken über den Begriff des Horizonts im Buch „Being oecological“ so zusammen: „Wir hingegen sollten uns wieder der Idee zuwenden, dass ein Genre einen Erwartungshorizont darstellt, und uns ernstlich mit dem Element des Horizonts befassen. Von einem Horizont umschlossen zu sein bedeutet, dass man sich an einem bestimmten Ort befindet. Man bezieht diese Baumreihe, jenen Bergzug, diese Wolken auf den eigenen Körper, auf seine Position. Wenn man sich so innerhalb eines Horizonts befindet, nimmt man einen bestimmten Standpunkt ein, und dies ist eine Metapher für eine bestimmte Haltung. Ideen entstehen zusammen mit Haltungen.“
Deine (interdisziplinären) Stücke scheinen immer auch neue H
örhorizonte zu erforschen. Hast du bereits Ideen für weitere (ökoakustische) Grenzarbeiten?

Barbara Maria Neu: Sich in einen Raum einzufügen oder einen Standpunkt einzunehmen und gleichzeitig zu beobachten, was dann geschieht, ist ja auch Teil der Tierweisen. Die Wesen können bekanntlich nie abgetrennt von ihrem Umfeld gesehen werden und haben immer Wirkung, die vielleicht auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. In letzter Zeit interessiert mich, vielleicht aus privaten Gründen, das Thema Architektur vermehrt. Die Fragen, wie fügen sich Gebäude, Elemente, die von uns Menschen gemacht sind, in einen eigentlich unberührten Raum ein. Und wie fügen uns Menschen wiederum in diesen Raum ein. Es gibt von Menschen gemachte Orte, bei denen man das Gefühl hat, sie fügen sich so gut in das jeweilige Umfeld ein, dass irgendwie eine gemeinsame Komposition daraus entsteht, also zwischen Natur und Gebäude oder bei einem neuen Gebäude in der Stadt mit dem, was rundherum schon da war. Auch das hat ja mit Respekt und Höflichkeit zu tun.

Um auf die Frage zurückzukommen: Vielleicht hat sich die Idee, skulptural-performative Elemente in Kompositionen zu verweben, irgendwie als Teil meiner Sprache entwickelt. Das in einen Kontext von Architektur zu setzten und zu fragen: „Wie fügen wir uns in einem Raum ein? Wie erweitern wir diesen vielleicht durch uns selbst?“ Vielleicht auch sogar in Form einer musikalisch-performativen Ensemblearbeit, in der ich selbst nicht immer (mit-)performe. Benachbart dazu habe ich das Gefühl, die Beschäftigung mit Tieren wird zu weiteren Überlegungen führen. Denn wir Menschen machen das Leben für viele Tiere zunehmend herausfordernder. Das Thema bewirkt bei mir schon einen sehr brennenden Zug. Wir beginnen mit dem Stück Tierweisen, eine konkrete Form der Annäherung zu entwickeln.

„MIR GEFÄLLT DIE IDEE, DASS WIR WANDELNDE MINERALIEN SIND.“

Aus einer Sonic-Lecture aus dem Jahr 2021 mit dem Titel „Who owns the land?“ von Ludwig Berger stammt folgendes Zitat: „Der Klang kann uns lehren, wie jeder Teil unserer Welt auf seine ganz eigene Weise lebendig ist. Vielleicht brauchen wir eine neue Definition dessen, was Leben ist, und die Aufmerksamkeit für diese Lebendigkeit kann neue Türen öffnen. Sie kann dazu beitragen, ein tiefes Verständnis für dieses anorganische Leben zu entwickeln, und vielleicht führt dies in diesen Krisenzeiten sogar zu substanzielleren Formen der Fürsorge, die über die Logik von Praktiken wie Klima-Ausgleichszahlungen hinausgehen. Wer sind wir eigentlich? Der russische Wissenschaftler Wladimir Wernadski wies darauf hin, dass wir Menschen aus denselben Elementen bestehen wie der Planet. Er sagte, wir seien wandelnde, sprechende Mineralien, die Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Kohlenstoff, Schwefel, Phosphor und andere Elemente der Erdkruste in zweibeiniger, aufrecht gehender Form umverteilen. Was bedeutet es für uns, eine geologische Kraft zu sein, Teil der vielfältigen lebenden Materie in der Biosphäre? Können wir der ökologischen Krise anders begegnen, wenn wir uns nicht von ihr abgrenzen – wenn wir erkennen, dass wir nicht auf der Erde sind, sondern aus der Erde sind?“

Kannst du etwas mit dieser Vorstellung eines Animismus, wie ich es bezeichnen würde, anfangen?

Barbara Maria Neu: Auch hier geht es um das Umfeld, wie wir darin wirken, welche Auswirkungen unser Tun und das Tun (oder das Fehlen dessen) darauf hat, so würde ich das verstehen. Um damit noch viel deutlicher zu hören, dass wir ja nicht abgegrenzt davon sind. Mir gefällt die Idee, dass wir wandelnde Mineralien sind. Manchmal denk ich mir, irgendwie ist es doch auch eine Illusion zu glauben, wir könnten den Planeten zerstören. Irgendwann wird der Planet uns halt das Wasser abdrehen, das wir als menschliche Mineralien zum Leben brauchen, oder ähnliches. Das beginnt ja jetzt schon manchmal. Die Erde selbst wird sich, wenn es auch vielleicht viele, viele Jahre dauern wird, regenerieren, da bin ich mir sicher. Allerdings halt ohne uns. Und wir brauchen nicht glauben, dass wir aufgrund irgendwelcher Methoden davonkommen könnten. Für mich hat dieser Gedanken tatsächlich ebenfalls etwas Hoffnungsvolles. Wenn wir das jedoch vermeiden wollen, hilft uns vielleicht nur eben das oben beschriebene Verständnis für unser Umfeld und der Versuch, sich diesem (wieder) anzunähern und freundschaftlich damit zu leben.

Ich bin in einem editorischen Text mit dem Titel: „Cocooning. Environment and Gender. Introduction.“ auf den veralteten Begriff der Euthenik gestoßen. Aber warum ist er so ungebräuchlich heutzutage? Und trifft der Begriff des Cocoonings – das Produzieren von akustischen Umwelten – auch auf einige deiner Arbeiten zu?

Barbara Maria Neu: Tatsächlich musste ich beide Begriffe erst mal nachschlagen. Euthenik, wenn ich es richtig verstehe, ist die Theorie oder Sicht, dass Menschen sich dadurch verbessern, dass sich die Umwelt verbessert. Also vielleicht auch irgendwie die Idee, dass wir immer schlauer, gesünder und besser werden. Ich kann mir die Ungebräuchlichkeit dieses Begriffs vielleicht so erklären, dass es ja nicht nur unsympathisch ist, zu glauben wir sind besser als Menschen vor uns, sondern auch irgendwie schon recht hochnäsig. Vor allem in unseren liberalen oder künstlerischen Kreisen ist es ja sehr gebräuchlich und modern, sich ‒ manchmal vielleicht etwas zu viel ‒ ständig zu hinterfragen und zu reflektieren. Ich habe einmal die Aussage gehört, dass Menschen beispielsweise Wein heute ganz anders vertragen als noch vor mehreren hundert Jahren. Wein wirkte demnach auf die Menschen früher wie Essig auf uns heute und Wasser mit Essig ist ja ein bekanntlich sanftes und hilfreiches Mittel für den Stoffwechsel. Ob das wissenschaftlich tragbar ist, kann ich klarerweise nicht validieren, dennoch könnte ich mir schon vorstellen, dass dem Gedanken eine wahre Richtung zu Grunde liegt. Dieses Beispiel hat jedoch weniger mit besser oder „weiter entwickelt“ zu tun, sondern es ist einfach nur anders.

Der Begriff akustische Umwelt könnte in meiner Arbeit bzw. in den Tierweisen als bezeichnende Stille wiedergefunden werden, die sich als Teil der Musik versteht. Gerade bei den „Stalltänzen“ war es manchmal im Publikumsraum wirklich ganz still, sodass es im Grunde unangenehm war. In der Komposition zu den „Tierweisen“ gibt es immer wieder Stellen, die neben Melodien so etwas wie ein Umfeld, eine Landschaft bauen wollen. Akustische Umwelten zu bauen, ist natürlich besonders bei performativen Ensemblearbeiten im Raum interessant, auch daran denke ich.

Wieder ein längeres Zitat von Timothy Morton: „Wenn wir also heute über Umwelt nachdenken, geschieht etwas Interessantes. Sucht man jenseits der Lebensformen nach Umwelt, wird man sie nicht finden. Sogar die Felsen und selbst die Luft, die man atmet, sind Teil eines Phänotyps einer Lebensform. Wir atmen aufgrund einer Umweltkatastrophe namens Sauerstoff. Die Sauerstoff-Katastrophe trat ein, weil Sauerstoff, wenn man so will, ein Exkrement von Bakterien ist. Im Grunde vergifteten anaerobe Bakterien als unabsichtliche Folge ihres Erfolgs ihre eigene Umwelt, lange bevor dem Menschen das Gleiche unterlief. Sie entwickelten sich schließlich so, dass sie sich in anderen einzelligen Organismen einnisteten und zu Mitochondrien, den Energieorganellen bei Tieren, und zu Chloroplasten, den Energieorganellen bei Pflanzen, umbildeten. Das wir atmen, ist also auch in gewisser Hinsicht Teil eines bakteriellen Phänotyps. Und auch, dass alles so wunderbar grün ist in unserem idyllischen Bild, das wir von einer paradiesischen ökologischen Utopie hegen, ist Teil eines bakteriellen Phänotyps. Das Ganze ist so erstaunlich, dass man im Nachdenken darüber seinen Kopf versehentlich gegen ein Eisengeländer stoßen könnte, und da Eisen auch zu einem bakteriellen Phänotyp gehört, trotzdem nicht frei von unseren Freunden und Feinden, unseren Wirten und Parasiten, den Bakterien, sein würde.“

Welche Vorstellungen, Bezeichnungen, Definitionen von „Umwelt“ findest du für dich angemessen? Und bei welchen erstaunlichen Erkenntnissen, Entdeckungen oder „musikalisch-performativen Forschungsexpeditionen“ hattest du dir schon mal fast (oder wirklich) den Kopf wo angestoßen?

Barbara Maria Neu: Dass wir, wie in dem, wie ich finde berührenden Text von oben beschrieben, unsere Umwelt sind, dafür ist der vergangene Sommer ein gutes Beispiel. In der Hitze funktionieren wir nicht mehr richtig, nicht nur rein körperlich, sondern auch psychisch. Es waren wirklich Extremzustände für viele Menschen, beispielsweise auch für mich. Womöglich ist dann unter anderem der Sauerstoff irgendwie einfach ein anderer, wenn die Pflanzen aufhören, satt grün zu sein. Das hat Auswirkungen. Als ich dann während dieser Zeit etwas höher oben war, wo die Blätter noch grüner und saftiger waren, merkte ich, wie plötzlich mehr Entspannung da war, obwohl es auch dort noch fordernd war. Für mich war dann wichtig zu erkennen: Bis wohin kann ich noch „wie gewohnt“ arbeiten und wann muss ich einfach vor der Hitze kapitulieren. Ich glaube, wir können nicht von uns ‒ politisch und auch persönlich ‒ erwarten, dass unter diesen Umständen das Leben gleich funktioniert wie bei anderen Temperaturen.

Früher hatte ich noch die Idee, ein Kunstprojekt zu produzieren, müsse so passieren, als würde man ständig irgendwie kämpfen müssen. Da kam es schon öfter einmal zu der einen oder anderen wirklich unnötigen körperlichen oder mentalen Verletzung. Heute sehe ich das etwas distanzierter, jedoch mit der gleichen Energie, und bemerke, das Ergebnis wird viel umfangreicher, ausgefeilter ‒ wenn man so will: besser ‒, wenn die Kraft fokussiert und an der richtigen Stelle eingesetzt wird. Das ist, so würde ich behaupten, auch einfach ein Erfahrungswert, den man bekommt, sobald man mehrere Projekte hinter sich hat und für mich mittlerweile ein Zeichen von einer gewissen professionellen Kompetenz ist, die ich an Kolleg:innen sehr schätze. Im Grunde hat das ja auch irgendwie mit dem Thema „Umwelt“ zu tun und mit der Frage, wie sehr ich mich darauf etwas einlassen kann. Dazu im Gegensatz würde ein stures Durchbringen irgendwelcher Vorstellungen, wie etwas passieren muss, stehen.

Barbara Maria Neu: Stalltänze
Barbara Maria Neu: Stalltänze © Laura Ettel

Kompositionen gestalten beim Hören einen Zeitausschnitt unseres Lebens. Sie entsprechen akustisch vermutlich dem, was ein Bild oder ein Foto ausmacht: eine gerahmte, ästhetische Erfahrung. Timothy Morton hat einen interessanten Vergleich zu modernen Kameras, die versuchen, unsere Umgebung, unser Environment, einzufangen, gefunden: „Das Pendant des achtzehnten Jahrhunderts zur heutigen iPhone-Kamera und zum Selfie-Stick – in dem Sinne, dass man es auf Reisen mit sich führte – war das sogenannte Claude-Glas. Dabei handelt es sich um ein halbkugelig gewölbtes, sepiafarben getöntes Glas; man begab sich in eine spezielle Position, um die Landschaft auf vorgeschriebene Weise zu betrachten, und blickte auf das Glas. Man sah nun die zu betrachtende Landschaft umgekehrt gespiegelt und wie in Sepiatinte gemalt. Im Unterschied zum Claude-Glas lässt das Vergrößerungsglas, da es unsere anthropozentrischen Anforderungen an einen hübschen Hintergrund nicht erfüllt, die Gesteinsoberfläche ziemlich seltsam aussehen (und unterscheidet sich damit völlig von unserem Selfie).“

Claude nennt sich auch ein von Anthropic entwickelter KI-Assistent. Wie siehst du in deinem Bereich, im Bereich der Neuen Musik oder auch der Bioakustik die Verwendung von diesen Tools? Wie werden sie unsere Wahrnehmungen unserer Umwelt(en) verändern?

Barbara Maria Neu: Die Natur oder Umwelt neutral abbilden zu können, ist für mich eine Täuschung. Selbst bei wissenschaftlichen Fotografien, die Natur im Grunde so getreu wie möglich abbilden zu wollen, ist immer etwas, wenn auch minimal, Persönliches ‒ und wenn man so will: Künstlerisches ‒ dabei. Die Entscheidung des Winkels, des Ausschnitts oder wie etwas gelegt wird. Und wenn es, wie beispielsweise in der Biologie, Standards gibt, sind auch diese eine Aussage an sich und ein Abbild der Zeit, weil sich die Standards ja auch ändern.

Es gibt großartige Künstler:innen, die Ausschnitte von Steinen bzw. Natur und deren Vergrößerungen immer wieder verwenden und verfremdet in ihre Kunst einbauen. Julischka Stengele gelingt das, wie ich finde, ganz fantastisch. Die Ausschnitte sind nicht mehr als Steine erkennbar und dennoch sehr ästhetisch in ihrer Ablösung. Bei Julischka ist der Kontext natürlich wichtig, mich fasziniert jedoch bei Julischkas Arbeit schon allein die Ästhetik und der künstlerische Umgang mit Naturfotografie sehr.

Manchmal frage ich mich, ob früher, als es noch keine Fotografie gab, den Leuten nicht viel bewusster war, dass Kunst, in dem Fall eben besonders Malerei, sich eben nicht der Illusion hingibt, Natur realistisch abbilden zu können. Vielleicht war selbst im Realismus den Leuten klar, dass es immer die eine Person ist, die das anfertigt und eine andere Person würde es ganz anders machen. Also auch den Versuch, etwas realistisch darzustellen. Es gibt Orte, die sich niemals in einem Foto einfangen lassen, ein Foto ist da immer irgendwie eine Enttäuschung. Und dann gibt es Fotos, die nicht so ganz schöne Orte besser machen, weil der Ausschnitt so toll ist oder die Stimmung auf dem Foto irgendwie berührend. Das sind dann die, die man vielleicht in der Wohnung aufhängen möchte. Ich finde beides gut und gleichermaßen wichtig.

Ob nun die typischen, heute herkömmlichen Filter für eine tiefgehende musikalisch-performative Arbeit wirklich interessant sind, hängt vom Kontext ab. Im Fall von Tierweisen, würde ich sie nicht verwenden wollen. Ich glaube jedoch, dass wir uns die Freiheit nehmen dürfen, Natur als Impuls zu sehen und uns dann vielleicht sehr weit davon weg zu bewegen. Das ist ja manchmal gerade das Interessante.

Termine:

BARBARA MARIA NEU: TIERWEISEN
Das LOT, Absberggasse 31, 1100 Wien
Montag, 16. November 2026, 20:00 Uhr
Dienstag, 17. November 2026, 18:00 Uhr
Mittwoch, 18. November 2026, 20:00 Uhr

BARBARA MARIA NEU IM GESPRÄCH
Das LOT, Absberggasse 31, 1100 Wien
Mittwoch, 18. November 2026, 21:15 Uhr

Link:
Barbara Maria Neu
Barbara Maria Neu (music austria Datenbank)