Herbert Willi und der Weg zum Wesentlichen

Zahlreiche Aufführungen zeigen ein schillerndes Panoptikum des kompositorischen Schaffens.

Herbert Willi hat im Jänner 2026 seinen 70. Geburtstag gefeiert. Dies gibt dem Symphonieorchester Vorarlberg, dem Klangkollektiv Wien im Rahmen der Abonnementreihe DornbirnKlassik sowie dem Hochschulsinfonieorchester der Stella Vorarlberg die Gelegenheit, den im internationalen Musikbetrieb viel beachteten Künstler auch hierzulande vor den Vorhang zu holen. Gleich zwei Konzerte aus dem Zyklus „Montafon“ mit dem international gefeierten Flötisten Karlheinz Schütz, dem Oboisten Hansjörg Schellenberger und der Klarinettistin Sharon Kam sind in Dornbirn sowie Feldkirch und Bregenz zu erleben. Auch das Hochschulsinfonieorchester Stella Vorarlberg unter der Leitung von Benjamin Lack widmet sich Herbert Willi und interpretiert drei Teile aus dem 10-teiligen Werk „Celebrate“. 

Zur Eröffnung der diesjährigen Bregenzer Festspiele präsentierten die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Robert Jindra den ersten Teil, „Jubilo“, aus der Komposition „Celebrate“. In Hiroshima (Japan) sowie in Schweden und Finnland finden im Herbst und Winter weitere Konzerte statt. In diesem Rahmen wird das derzeit entstehende Konzert für Piccolo und Orchester uraufgeführt.

Hoffnung gebende Lebenserinnerungen

Am 26. September erscheint im Schott-Verlag das Buch „Mein zweites Leben“. Der Musiker, Musikwissenschaftler und Komponist Martin Skamletz hat jahrelang die Erinnerungen von Herbert Willi aufgezeichnet und in eine schriftliche Form gebracht. Das Buch stellt keine musikalische Monografie dar, sondern der Komponist erzählt aus seinem Leben. Wie durch ein Wunder in seiner Jugendzeit von einer Krebserkrankung geheilt, erzählt Herbert Willi in diesem Buch davon und über viele inspirierende Erlebnisse und interessante Begegnungen. Er möchte den Leserinnen und Lesern Hoffnung geben. „Wir alle kennen schwierige Situationen im Leben – privat, beruflich oder gesundheitlich. Dann plötzlich eine unerwartete Begegnung mit einem Menschen, einen Gedanken von jemandem, der Kraft gibt, um weiterzugehen. Im Buch kommen solche Momente vor, Herbert Willi gibt einen Einblick.

Inspirierende Erlebnisse

Der Komponist stammt aus dem Montafon und lebt auch dort. Seine Werke wurden und werden von namhaften Orchestern und Dirigenten gespielt. Wichtig ist dem sensibel beobachtenden Künstler einerseits die Natur als Inspirationsquelle und andererseits die Begegnung mit Menschen. Sie bestimmen den Werdegang zahlreicher Kompositionen sehr wesentlich.

Im Jahr 2007 vollendete Herbert Willi den Zyklus „Montafon“, er beinhalten vier Solokonzerte für Trompete, Flöte und Oboe, Klarinette sowie Horn. „… geraume Zeit …“, ein Konzert für Flöte, Oboe und Orchester, ist 2002/2003 entstanden und erklingt nun in Dornbirn. Als Solisten musizieren der Oboist Hansjörg Schellenberger und Karl-Heinz Schütz. Er hat unter anderem bei Eva Amsler am Vorarlberger Landeskonservatorium Flöte studiert und ist seit 2015 Soloflötist der Wiener Philharmoniker.

Die Inspirationsquelle für „… geraume Zeit …“ stellt ein eindrückliches Naturerlebnis im Gletschergebiet der Silvretta dar. Die Musik beschreibt unter anderem auch einen spezifischen Daseinszustand. „Du bist noch nicht dort, aber du bist auch nicht mehr da, wo du gestartet bist. Das ist eine Zwischenphase, wo du noch nicht dort bist, was immer das auch sein mag, das geht über eine Lebenssituation hinaus, erklärt der Komponist.

In engem Kontakt mit den Musiker:innen

Auch das Klarinettenkonzert „Ego eimi “ zählt zum Zyklus „Montafon“. Das im Jahr 2006 komponierte Konzert wurde im Rahmen der Salzburger Festspiele mit Sharon Kam als Solistin präsentiert. Nun wird die Klarinettistin das Werk mit dem Symphonieorchester Vorarlberg zur Aufführung bringen. „Die Art, wie Sharon Kam Klarinette spielt, ist unverwechselbar – und gibt der Musik enorme Lebendigkeit“, freut sich Herbert Willi über die erneute Zusammenarbeit. 

Mit diesen Worten kommt ein bedeutender Wesenszug des Schaffens von Herbert Willi zum Ausdruck. Er komponiert stets für Menschen und mit Menschen. Die Solist:innen seiner Werke hat er während des Entstehungsprozesses bereits im Ohr. In der Entwicklung eines Stücks dürfe alles vorkommen, aber es dürfe nie zum Selbstzweck werden, betont der Komponist. „Ich frage mich immer wieder: Wo hat die Musik ihren Ort?“. Der erste Ort bin natürlich ich selbst, wenn ich die Musik in mir höre. Der zweite Ort ist für mich der Spieler oder die Spielerin. Wenn jemand alle Noten richtig spielt, hat die Musik noch lange keinen Ort – er oder sie muss der Musik Zeit geben, bis sie in ihm oder ihr zum Erleben kommt. Und der dritte Ort ist natürlich das Publikum.“

Fasziniert von afrikanischen Rhythmen

Herbert Willi benötigt für seinen individuellen Schaffensprozess meditative Ruhe, die er oft in der freien Natur findet. Doch hinter seinen individuellen Klangbildungen oder den expressiven rhythmischen Passagen stecken auch intensive Forschungen. Rhythmische Studien machte er während seiner Studienzeit, anhand praktischer Erfahrungen. Als Studierender leitete Herbert Willi einen Chor, in dem einige indische und afrikanische Studierende mitwirkten. „Jedes Mal, wenn die Studierenden aus den Sommerferien in ihren Heimatländern zurückkamen, hatten sie Aufnahmen von der Musik aus ihren Dörfern mitgebracht. Diese habe ich damals – das ist jetzt fast 50 Jahre her – sehr ausgiebig analysiert. Ich habe viele Aufnahmen transkribiert und war auch selbst immer wieder in Afrika. Mich hat fasziniert, wie dort, etwa in Simbabwe, komplexe Rhythmen getrommelt werden.“ Spannend war dabei die Beobachtung, dass durch bestimmte Verhältnisse zwischen zwei Rhythmen zusätzlich neue Rhythmen hörbar werden. „Das ist auch bei Klängen so: Wenn man zwei Dinge in bestimmter Weise kombiniert, entsteht etwas Neues, Zusätzliches. Genau das interessiert mich.“

Die Kunst der Reduktion

Die Musik in Klangblöcken zu denken, erinnert an die Kompositionstechnik von Anton Bruckner. Faszinierend findet Herbert Willi in diesem Zusammenhang, wie Bruckner die Zuhörenden sofort in einen Sog hineinzieht, ohne gleich eine Antwort zu geben. Ebenso schätze er Bruckners große Kunst der Reduktion. Diese sei auch ein zentrales Anliegen seines eigenen Schaffens, betont Herbert Willi. Er vergleicht seine Arbeit am musikalischen Werk mit dem Holzschnitzen: „Ich habe ein Stück Holz vor mir, und die Frage ist, was ich weglasse. Ich vermute manchmal, dass manche Komponisten deshalb nichts weglassen, weil sie sich dann nicht outen müssen. Je mehr ich weglasse, desto mehr muss ich mich selbst zeigen.“

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im September 2026 erschienen.

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Termine:

Samstag, 26. September 2026, 19:30 Uhr, Montforthaus Feldkirch
Sonntag, 27. September 2026, 17:30 Uhr, Festspielhaus Bregenz
Sharon Kam (Klarinette); Leo McFall (Dirigent)
Herbert Willi, „ego eimi“ u.a.
Gespräch mit Herbert Willi, Leo McFall und Sharon Kam eine Stunde vor Konzertbeginn.

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Link:
Herbert Willi Society