Seit mittlerweile 23 Jahren steht Georg Weckwerth mit seinem Namen kuratorisch hinter dem Projekt „TONSPUR für einen öffentlichen raum“ im Wiener MuseumsQuartier (MQ). Das Gespräch zwischen ihm und Sylvia Wendrock wurde zu einer langen Zeitreise in einen immer ausladenderen Projektkosmos. Schon das Treffpunkt nahe des Architekturzentrum Wien verwies darauf: Eine goldfarbene Plakette, sogenannter TONSPUR_klangpunkt. Der Schweizer Klangkünstler Andres Bosshard bemerkte dort die unter dem MQ ein- und ausfahrende U-Bahn, als er 2011 den „Klanghimmel MQ“ für die TONSPUR gestaltete. Dazu kamen böiger Wind, Motorengeräusche immer wieder durchfahrender Lastkraftwagen und ein heftiges Sommergewitter.

TONSPUR für einen öffentlichen raum war nicht sofort in der mittlerweile weithin bekannten barocken Passage im Außenraum des MuseumsQuartiers angesiedelt. Wo begann diese Idee zum Projekt zu werden?
Georg Weckwerth: Die Anfänge der TONSPUR gehen zurück auf das Jahr 2003. Da war das MuseumsQuartier noch ganz jung, es wurde zwei Jahre zuvor eröffnet, heuer feiert es seinen 25. Geburtstag. Ulrich Kurt Kühn, damals Student an der Universität für angewandte Kunst Wien, suchte im MQ-Areal nach einem passenden Ort, um eine Mehrkanal-Installation zu präsentieren. Er stieß dabei auf einen noch nicht in Betrieb genommenen, tunnelartigen Eventraum des historischen Fischer-von-Erlach-Traktes.
Wie geht die Geschichte weiter?
Georg Weckwerth: Kühn fragte sich durch und kam in Kontakt mit dem Kurator Vitus Weh, der Konsulent des MQ war. Weh besprach sich mit dem befreundeten Klangkünstler Peter Szely, meinem Projektpartner bis heute. Peter machte mich mit Vitus bekannt. Gemeinsam wollten wir mit der Installation von Kühn etwas Dauerhaftes zum damals noch immer neuen Feld der Klangkunst in Wien etablieren. Die Erste Bank Arena – heute Arena 21 – wurde so zum Schauplatz der TONSPUR 1 von Ulrich Kurt Kühn. Seine Klangarbeit „Organic Movement“ steht am Beginn der Reihe TONSPUR für einen öffentlichen raum – unbedingt mit kleinem r – in der Acht-Kanal-Klangarchitektur von Peter Szely und mit mir als Kurator.
Und wann kam die TONSPUR nach draußen in die Passage?
Georg Weckwerth: Nach nicht ganz drei Jahren ging es mit Miki Yuis TONSPUR 16 im Mai 2006 aus dem Innenraum raus in den Hof. Aus der anfänglich täglichen Bespielung der Arena rund um die Uhr wurde schon nach wenigen Monaten die Bespielung auf den Tag reduziert. Ein Grund war, dass zu viele Menschen im MuseumsQuartier und besonders gern in unserem Klangraum nächtigten. Am Beginn war das MQ ja ein offener Ort ohne verschlossene Durchgänge. Seither und bis heute ist unsere Spielzeit also täglich von 10 bis 20 Uhr. Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Arena für Veranstaltungen jeder Art gemietet werden konnte. Nun mussten wir der vereinbarten Auflage gerecht werden, zwar hörbar, aber sonst unsichtbar zu sein. Größere Auf- und Abbauarbeiten für Installationen waren deshalb von Beginn an ausgeschlossen, damit Vermietungen schnell umgesetzt werden konnten. Diese Vorgabe webten wir zu unserem Konzept, nur mit Lautsprechern zu arbeiten. Und die langgestreckte Arena brachte uns darauf, den Raum mit Lautsprechern auf jeder Seite auch akustisch abzubilden. Der Grundriss der Arena hat mich übrigens auch auf das Logo von TONSPUR gebracht.
Das Logo bildet im doppelten Sinne den Weg der TONSPUR ab: die Entwicklung des Projekts und den Weg, der in der Arena durch den Klang genommen werden konnte.

Georg Weckwerth: Das kann man gern so sehen. Es passt aber auch zu unserer Passage, in der sich die TONSPUR seit Langem befindet. Die Proportionen müssten leicht anders sein, aber sei’s drum. Zur Arena hat das Logo, das auf einem Artwork und gleichzeitig Hochzeitsgeschenk von Martin Breindl basiert, eins zu eins gepasst. Breindl hat seine Grafik „Endless Love Song“, bestehend aus einem Notensystem mit zentralem Unendlichkeitssymbol, eingefasst in Wiederholungszeichen aus der Musiknotation, auf meine Bitte hin für unser Projektvorhaben adaptiert und um den in Film und Medien gebräuchlichen Terminus „Tonspur“ erweitert. Dieser ist jedoch – und das ist mir ganz wichtig – gesetzt in Versalien. In „Tonspur“ erkenne ich mich nicht wieder. In „TONSPUR“ sehr wohl. Anschließend hat er ihn durch doppelte Blank Spaces in T O N und S P U R gedehnt und in einen angedeuteten Magnettonband-Streifen montiert und darunter klein und fein und lang gestreckt „für einen öffentlichen raum“ gesetzt. Das kleine r stammt also von Martin Breindl. Diese Grafik begleitet mich persönlich nun schon 25 Jahre und erfreut immer wieder auf’s Neue meine Augen und Ohren. Ich bin Martin so dankbar für diese sich jedem sofort einprägende Verbildlichung von Klang, der nie ausklingt, nie endet. Sein wunderbares Logo ziert auch seit vielen Jahren als großes Neonkunstwerk die TONSPUR_passage und dient seither unzähligen Selfies als Hintergrund.
Und dass ihr gerade mit acht Lautsprechern arbeitet?
Georg Weckwerth: Das hatte einfach damit zu tun, dass es in der Arena acht Wandöffnungen, sogenannte Versorgungsschächte für Verkabelungen gab, vier auf der linken, vier auf der rechten Seite des Raums, schön aufgeteilt. In diese haben wir unsere Lautsprecher unsichtbar verbauen und miteinander verkabeln können. Die 25 Meter lange und zwölf Meter breite Arena hatte durch einen speziellen Akustikputz in ihrem Gewölbe eine richtige Wohnzimmerakustik: Man konnte ganz ruhig und ganz ohne Nachhall sprechen. Es gab darin noch zwei große, auf Rollen montierte und damit verschiebbare begehbare Stauraum-Elemente – spezielles, eigens für das MQ angefertigtes Mobiliar für die bereits geplante Eventnutzung der Arena. Diese haben wir zu einer Handbibliothek und einem Workspace mit Schreibfläche und Stromanschluss umfunktioniert. Unsere Idee war, dass Passanten dort arbeiten und recherchieren und Fachliteratur lesen können. Die Bücher waren anscheinend beliebt, denn sie sind nach und nach abhanden gekommen. 2011 haben wir dann mit der Buchhandlung Walther König im MuseumsQuartier für eine erstmalige Sichtbarkeit von Klangkunst-Literatur in ihrem Sortiment kooperiert, die TONSPUR_library. Dazu ist eine Literaturliste mit über 200 Titeln entstanden. Leider haben wir versäumt, die Bibliografie fortzuschreiben. Seither sind unzählige Titel erschienen, die den weitverzweigten Komplex Klang und Kunst berühren.
Peter Szely ist laut Impressum verantwortlich für die Klangarchitektur.
Georg Weckwerth: Die Verteilung von Klang auf mehrere Kanäle und Lautsprecher ermöglicht es, zu einer Raumwirkung zu gelangen. Anders als mit Stereo kann man Räume mit vielen Kanälen akustisch konstruieren. Solche Klangarchitekturen sind Peter Szelys Steckenpferd. Als Klangkünstler und Musiker hat er selbst bei Performances gern mehrkanalig gespielt und sich mit entsprechender Software auseinandergesetzt. Er ist folglich der Klangarchitekt der TONSPUR und arbeitet mit den Künstlerinnen und Künstlern eng für die technische Realisation ihrer Werke zusammen. Seine Erfahrung ist unverzichtbar.
Und deine kuratorische Arbeit ist grundlegend von Klangkunst und Klanginstallationen inspiriert?
Georg Weckwerth: Ich hatte bereits Projekte wie die SoundArt ’95 in Hannover und ein Jahr später das sonambiente–festival für hören und sehen 1996 in Berlin initiiert, die Klangkunst im großen, bis dahin noch nicht dagewesenen Stil vor allem auch im öffentlichen Raum sichtbar machen sollten. Damals war der Begriff „Klangkunst“ noch nicht sehr gebräuchlich. Die Musikwissenschaftlerin Helga de la Motte-Haber, 1996 unsere Partnerin bei sonambiente und als Herausgeberin für das Katalogbuch zum Festival verantwortlich, wollte den Begriff „Klangkunst“ aber unbedingt als deutsches Äquivalent zum bis dato verwendeten Begriff „Sound Art“ etablieren. Ihr folgend benannten wir daher den im Prestel-Verlag erschienenen Katalog genau so: KLANGKUNST. Das großformatige Buch, unterteilt in Künstlerkatalog und Kompendium mit einer detaillierten Chronologie zur Geschichte der Klangkunst im 20. Jahrhundert, galt sogleich als Standard- und bis heute als Referenzwerk und ist sehr rar. Als wir 2003 hier in Wien mit TONSPUR begannen, war ich sozusagen noch in dieser Spur und von der Überzeugung getragen, der Klangkunst mit eigenen Projekt- und Vermittlungsformaten zu immer mehr Präsenz zu verhelfen.
Führte diese Spur zum Terminus Tonspur? Klangkunst beinhaltet ja viel mehr als nur den Ton.
Georg Weckwerth: Der Begriff kam mir relativ schnell in den Sinn, als ich die Arena im MuseumsQuartier betrat, um unser Projektvorhaben zu konzipieren. Ich hatte zu der Zeit die Hoffnung schon fast aufgegeben, in Wien überhaupt mal etwas machen zu können. Ich war ja schon ein paar Jährchen hier und hatte doch gewisse Erwartungen, als ich Berlin nach sonambiente 1996 den Rücken kehrte. Dort war mein sonambiente-Partner Matthias Osterwold mit seinem Verein Freunde guter Musik Berlin äußerst aktiv. Und mein Kuratorenkollege Carsten Seiffarth startete 1996 zusammen mit Markus Steffens die Klangkunstgalerie singuhr.
Wien kannte ich schon aus meiner Zeit als Bühnenbildner am Burgtheater. Damals habe ich auch meine spätere Frau kennengelernt. Also wollte ich hier meine Arbeit mit Klangkunst fortsetzen, womit ich in Hannover und Berlin begonnen hatte. Die Welthauptstadt der Musik sollte in meiner Vorstellung zu einer Metropole auch des Klangs werden.
Das Hören stand also im Vordergrund?
Georg Weckwerth: Richtig. Durch die beschriebene, erforderliche Reduktion auf den Lautsprecher als „Fenster zu einer imaginären Welt“, war die Produktion und Präsentation einer Kunst zum Hören quasi vorgegeben. Und der Begriff „Tonspur“ vermittelt das unmissverständlich. Die faszinierenden Möglichkeiten interdisziplinärer Klangkunst in all ihren Formaten konnte ich in diesem Kern unseres Konzept noch nicht anbringen. Sie spielen im späteren Projektverlauf ab 2008 eine Rolle. Da begann ich in Ausstellungen und mit audio-visuellen Interventionen im öffentlichen Stadtraum von Wien erneut die ganze Bandbreite von Klangkunst und von bildnerischem Arbeiten mit Klang in den Blick zu nehmen und tue das bis heute.
„Nun schlägt die Stunde der Rezeption.“
Und die Ohren der Passanten und Flaneure rücken dabei unmittelbar in den Fokus.
Georg Weckwerth: Ja, diese möchte ich erobern.Man passierte die Arena und passiert heute die TONSPUR_passage automatisch auf seinen Erkundungszügen durch die Metropole Wien. Übrigens hatten wir auch für einige Jahre Dependancen in Berlin, 2009–2012, und in Maribor in Slowenien, 2016–2020. Doch zurück zu unserer Passage in Wien: Der Schriftsteller und Publizist Florian Neuner umschrieb sie kürzlich in seinem TONSPUR-Porträt im Deutschlandfunk poetisch mit „Dem Klang eine Gasse“. Eigens für diesen transitorischen Ort realisieren unsere internationalen KünstlerInnen aller Gattungen computergesteuerte Klangarbeiten. Ihre mehrkanaligen, das übliche Stereobild aufhebenden Kompositionen erschaffen dabei faszinierende Klangarchitekturen und begehbare Tonräume. Diese müssen sich die Menschen erschließen. Das Angebot ist gemacht – übrigens erweitert um großformatige Bildstrecken in früher mit Werbeplakaten gefüllten, beleuchteten Posterboxen. Nun schlägt die Stunde der Rezeption.
Die kuratorische Idee der TONSPUR war zwar ursprünglich Klangkunst, hat sich aber im Laufe der Jahre Richtung bildende Kunst geöffnet, obwohl Visuelles, wie du gerade beschrieben hast, in den erstes Jahren ausgeklammert war. Worin liegt diese Verlagerung begründet?
Georg Weckwerth: In meiner Karriere als Bühnenbildner, die ich mir autodidaktisch und in wenigen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes bis hin zum Burgtheater erarbeitet habe, wollte ich noch einmal einen Schritt zurück – eigentlich aber nach vorn gehen und mich verstärkt künstlerisch ausbilden. Ich hatte über das Theater den Maler und Theatermacher Achim Freyer kennengerlernt und wurde kurzzeitig sein Assistent. Er war aber auch Professor für Bühnenbild an der Hochschule der Künste in Berlin. Freyers Theaterarbeit ist stark von der bildenden Kunst, insbesondere der Malerei und dem Raum geprägt. Auch das Studium bei ihm war entsprechend ausgerichtet. Der Besuch von Kunstausstellungen wurde obligatorisch. Hier und auch schon zuvor begegnete ich zudem verschiedenen Theaterformen wie dem Tanztheater von Pina Bausch und Hans Kresnik, dem Bildertheater von Robert Wilson und den Theaterwelten von Peter Brook und Ariane Mnouchkine mit ihrem „Théâtre du Soleil“. So bestärkte ich mein stetes Interesse an experimentellen Theaterformen und erweiterte es um eine große Neugierde auf bildende Kunst, zu der ich auch die Klangkunst rechne – auch wenn diese gern stärker in der Musik verortet wird.
Es gibt im MuseumsQuartier Passagen zu Literatur, zu Typografie, zu Cartoon und Comic und einige mehr. Aber am Anfang stand die dem Klang gewidmete TONSPUR_passage.
Georg Weckwerth: So ist es. Nach unserem Umzug nach draußen entstanden sukkzessive, initiiert durch den schon genannten Vitus Weh, weitere bestimmten Kunstfeldern gewidmete Themenpassagen. Später entstand sogar ein eigener Folder zu allen sieben Passagen. Einige davon sind heute verschwunden, wie die zur Street Art oder die sogenannte Brückenpassage. Andere wie die Sternenpassage und die Performance Passage, initiiert durch das Tanzquartier Wien, sind hinzugekommen. Und die MQ-Administration vermarktete diese Passagen dann nach einigen Jahren und viel geleisteter programmatischer Arbeit jeder einzelnen Passage als Mikromuseen. Unter der jetzigen MQ-Leitung wurde diese wertschätzende Bezeichnung leider wieder getilgt. Ich habe darauf beharrt, das die TONSPUR_passage weiterhin das „Micro Museum for Sound“ bleibt. Sie verdient diesen Namen. Es macht keinen Sinn, Begriffe anlasslos zu ändern. Nicht nach 2015, als wir zu einer Körperschaft wurden, nämlich TONSPUR Kunstverein Wien mit dem Mikromuseum der TONSPUR_passage als Hauptschauplatz unserer Aktivitäten. In den ersten Jahren war TONSPUR das Projekt von zwei Einzelpersonen, Peter Szely und mir. Wir haben unsere Initiative zu Beginn eher als klangkünstlerische Setzung verstanden.
Im Laufe der Zeit wurde aber dazu dann eine siebenteilige Bildstrecke in der zwischen Hof 7 und Hof 8 gelegenen Passage entwickelt, sodass sich die Verweildauer der Passierenden womöglich verlängert.
Georg Weckwerth: Seit wir die TONSPUR_passage sozusagen audiovisuell bespielen können, wurde eine schöne Verbindung zwischen Auge und Ohr geschaffen, die die Wahrnehmung der Passage verändert. Dass wir sogar über eine Sitzgelegenheit in diesem Durchgang verfügen, in dem sich aus feuerpolizeilichen und sicherheitsrechtlichen Gründen eigentlich kein Mobiliar befinden darf, haben wir Friederike Mayröcker zu verdanken, für die ich übrigens in den nächsten Jahren ein akustischen Denkmal in Wien realisieren möchte. Sie hatte mir 2009 gesagt, sie macht nur was zum Hören für uns, wenn sich das Publikum auch hinsetzen kann. Aufgrund ihrer Prominenz habe ich dann noch in der ersten Direktion von Wolfgang Waldner durchsetzen können, dass in diesem Durchgang eine von mir selbst gebaute exakte Replik der MQ-Steinbänke aus Holz platziert werden konnte, die ich später mit schwarzem Nadelfilz tapeziert habe. Unsere Passage ist damit die einzige, in der man sitzen und verweilen kann. Sie verfügt über eine entsprechende Nische in der Architektur – das war unser Glück.
Wie ging es dann weiter?
Georg Weckwerth: Der Künstler William Engelen fragte, ob er eigene Plakatmotive passend für seine TONSPUR 32 vorschlagen könne, in der es um seine „Klavierlehrerin Fräulein Grosch“ ging. Gefragt, getan. Bald darauf kam dann John Oswald aus Kanada für die TONSPUR 34, dem ich gesagt habe, dass er diese drei Posterboxen auch noch gestalten müsse – und seine Antwort war: „Drei Plakate machen überhaupt keinen Sinn. Entweder gestalte ich etwas für alle sieben Posterboxen oder für gar keine!“
„… der Bekanntheit der TONSPUR hat die Passagengalerie enorm genützt …“
Oh! Was ist daraus geworden?
Georg Weckwerth: Naja, ich war wieder vor eine Herausforderung gestellt. Ich musste erneut bei der Administration vorsprechen und mit den Entwürfen dieses sehr prominenten Künstlers dessen Wunsch vermitteln. Die Genehmigung ist aus heutigem Blickwinkel erstaunlich, denn es waren nackte Menschen inklusive Kinder zu sehen. Seitdem gibt es unsere Passagengalerie, die siebenteilige Bildstrecke, die jeweils zu den Klangarbeiten entsteht. Oftmals stellt diese Aufgabe für die Klangkünstler auch eine Herausforderung dar, wenn sie hauptsächlich mit akustischem Material zu arbeiten geübt sind. Dann unterstützt sie unser genialer Grafiker Dieter Auracher. Aber der Bekanntheit der TONSPUR hat die Passagengalerie enorm genützt, da das Auge doch immer noch aufmerksamer ist als das Ohr. Passenderweise liegt die TONSPUR_passage in direkter Nachbarschaft zum Volkstheater Wien und wird passiert, wenn man von dort in den Haupthof gelangen will. Es ist die zweitfrequentierteste Passage in diesem großen Kulturareal nach der Haupteingangspassage im Zentrum des MQ. Trotzdem war bei Entstehen der Passage im Jahr 2006 die MQ-Leitung der Meinung, die Passage bräuchte neben den TONSPUR-Arbeiten auch eine permanente visuelle Komponente – die Posterboxen waren ja damals der Werbung vorbehalten – sonst würde sie übersehen und überhört. Vitus Weh machte dann entsprechende Vorschläge.
Und so kam es zu Esther Stockers Bearbeitung der Wände?
Georg Weckwerth: Von KÖR – Kunst im öffentlichen Raum Wien wurden drei Künstler mit Entwürfen für die TONSPUR_passage beauftragt. Wir durften dann zum Glück auch mitentscheiden und wählten das „Wandbild Nr. 10“ von Esther Stocker, einer gebürtigen Südtirolerin, die heute zu den bekanntesten österreichischen Künstlerinnen gehört. Ihr Entwurf hatte einfach den offensten Charakter. Sie hat auf die weiß ausgemalte Passage schwarze Rasterelemente aufgemalt, und ja, wer sich jetzt ein bisschen auskennt, assoziiert das relativ schnell mit einer Notation – und das hat gut gepasst. Ich habe auch durchsetzen können, dass nur das Gewölbe gestaltet wurde und die Wände rechts und links, auf denen unsere weißen BOSE-Lautsprecher installiert sind, weiß blieben. Esther Stockers Mural ist die nicht wegzudenkende visuelle „Signation“ der TONSPUR_passage.
Aktuell entsteht eine Großproduktion in der Reihe der TONSPUR_interventions.
Georg Weckwerth: Das stimmt. Für und mit Gerhard Rühm, dieser Legende der österreichischen Nachkriegs-Avantgarde, konnte ich „wort für wort – totale rezitation der allgemeinen erklärung der menschenrechte“ realisieren. Es handelt sich um die aufwendige Bearbeitung einer achtstündigen Tonaufnahme vom 22. Februar 2025, als über 1.000 Menschen Wort für Wort „dieses bedeutendste Manifest der Menschheit“, so Rühm, vor dem Volkstheater Wien in ein Mikrofon einsprachen, im Bewusstsein demokratischer Werte, die es mehr dann je zu verteidigen gilt. Diese gemeinsame Produktion von TONSPUR Kunstverein Wien und Ö1 Radio, ermöglicht durch KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien und dem Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Medien und Sport (BMWKMS), wurde am 10. August 2026 im Radio uraufgeführt und ist im Format der Acht-Kanal-TONSPUR als Weltpremiere noch bis Mitte September vor dem Weltmuseum Wien auf dem Heldenplatz zu hören – ein Platz größter Ambivalenz und bedeutender Ort österreichischer Erinnerungskultur. Am 19. und 20. September steht dann bereits dessen Deutsche Erstaufführung zur Wiedereröffnung des Schauspiel Köln an. Und für den Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember erhielten wir gerade eine Einladung für „wort für wort“ nach Frankfurt am Main, vielleicht auf den Vorplatz der Frankfurter Paulskirche. Das wäre nach dem Heldenplatz in Wien und dem Offenbachplatz in Köln eine mehr als angemessene Fortführung.

„Der betriebene Aufwand steht ja nicht im Verhältnis zum Finanziellen.“
Die Grundidee der TONSPUR hat sich über die zwei Jahrzehnte zu einem Organismus entwickelt, von drinnen nach draußen, von der Reihe zu einem Geflecht von Kooperationen und Initiationen sowie regelmäßigen Sammlungspräsentationen über Österreich hinaus.
Georg Weckwerth: Mir war und ist wichtig, diese Offenheit zu bewahren und programmatische Arbeit nicht zu scheuen. Peter Szely, der gerade den österreichischen Filmemacher und Künstler Edgar Honetschläger wieder sehr engagiert für die aktuelle TONSPUR 97 unterstützt hat, in der es um das massenhafte und rasante Sterben von Insekten aufgrund verschwindender Lebensräume geht, ist da vorsichtiger, oft zu Recht: Der betriebene Aufwand steht ja nicht im Verhältnis zum Finanziellen. Klar muss man die Wirtschaftlichkeit auch sehen, aber das ist nicht vordergründig mein Verständnis von kuratorischer Arbeit. Die ist anstrengend, aber macht mir eben auch nach über 30 Jahren noch immer Freude. Ich habe noch so einiges vor: in den nächsten Wochen eine Gedenkinstallation für den in diesem Frühjahr verstorbenen Totalkünstler und Freund Timm Ulrichs, der übrigens 2012 für unseren temporären Spielort auf dem Schlossplatz zu Berlin, die TONSPUR 55 „Einigkeit und Recht und Freiheit“ gestaltet hat; die TONSPUR für und mit Laurie Anderson anlässlich Ihres 80. Geburtstags 2027; ein Festival in der Weltkulturerbe-Region Wachau in Niederösterreich; und die Schaffung des „Max Neuhaus Awards“ im schweizerischen Lugano, dem Sitz der gerade entstandenen Max Neuhaus Association, in enger Zusammenarbeit mit Neuhaus’ Witwe Silvia Cecere-Neuhaus. Und dann habe ich da noch die Vision der „23 Sound Works for the City of Music Vienna“ – permanent installiert in je einer Passage in den 23 Wiener Gemeindebezirken.

Und es gibt eine weitere Reihe mit Stücken, die in Solidarität für die Ukraine entstehen.
Georg Weckwerth: Das ist ein trauriges Kapitel. Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine bereits im Jahre 2014 und die weitere Eskalation mit der Vollinvasion der Ukraine durch Russland im Februar 2022 haben auch uns Kulturakteure herausgefordert, sich mindestens solidarisch mit der Ukraine zu zeigen. So entstand noch im Frühjahr 2022 „Together Together Together“ von Robin Rimbaud aka Scanner als TONSPUR FOR UKRAINE. Kuratorisch war mein Plan – sollte die Aggression Russlands und damit der Krieg vor unserer Haustür in der Ukraine anhalten –, dieser fürchterlichen Trägödie jährlich ein Stück zu widmen. Ganz bewusst habe ich mich entschieden, Künstler:innen anderer Nationalitäten zu diesem Akt der Solidariät einzuladen – zuletzt Studierende der Klasse von Ursula Neugebauer an der Universität der Künste in Berlin. Diese bereits fünfte TONSPUR FOR UKRAINE ist ein eindrucksvolles zweiteiliges Werk mit dem Titel „Klavierkonzert“. Während das entstandene Video in unserem Showroom TONSPUR_display ohne Ton auf die beiden großen Glasflächen projiziert wird, ist in der TONSPUR_passage der Sound zu hören, ergänzt durch die obligaorische siebenteilige A1-Bildstrecke, die Objekte zeigt, mit denen die Studierenden Klänge auf dem verwendeten Steinway-Flügel produziert haben, darunter eine Axt, die gleichzeitig auch das Hauptsujet zu dieser TONSPUR ist und wie bei jeder Produktion als Postkarte publiziert wurde. Nach den fünf entstandenen Stücken „FOR UKRAINE“ habe ich mir vorgenommen, im nächsten Jahr ein Stück „FROM UKRAINE“ zu produzieren und dafür eine:n ukrainische:n Kunstschaffende:n nach Wien einzuladen. Ich wünsche mir so sehr, dass das eine einmalige Produktion bleibt!
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Sylvia Wendrock
Link:
www.tonspur.at
