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doppelfinger (c) Rea Von Der Liszt

„Die Unsicherheit ist aber trotzdem immer noch da“ – CLEMENS BÄRE (DOPPELFINGER) im mica-Interview

Ein Liedermacher der stillen und in sich gekehrten Art, der seine musikalischen Geschichten auf eindringliche Art zu vermitteln weiß – DOPPELFINGER aka CLEMENS BÄRE versteht Musik als Zufluchtsort und wählte seine Songs als Weg aus, mit der Welt zu kommunizieren. Mit seinen Singles a place to go“ und „Trouble“ gelang es ihm auf Anhieb, Aufmerksamkeit zu erregen und sich als echter Geheimtipp zu etablieren. Ein Album ist für den nächsten Winter geplant. Der Liedermacher sprach im Interview mit Michael Ternai über die große Bedeutung, die Musik für ihn hat, die Unsicherheit, die er immer noch verspürt, Bob Dylan und seine Abkehr vom Ich-bezogenen.

Über dich steht geschrieben, dass du anfangs Musik eigentlich nur für dich selber geschrieben hast und sie nicht wirklich dafür gedacht war, veröffentlicht zu werden. Was bedeutet Musik für dich? 

Clemens Bäre: Musik war für mich eigentlich immer eine Art Therapieform. Sie gab mir die Möglichkeit, die Dinge auszudrücken, die ich in normalen Konversationen nicht ausdrücken konnte. Ich habe entdeckt, dass ich Musik für mich als Kommunikationsmittel nutzen kann. Wobei das schon ein wenig gedauert hat, bis mir das wirklich klar geworden ist. Davor habe ich Lieder hauptsächlich für mich geschrieben, zu Hause alleine im Zimmer. Und allzu viele fertig bekommen habe ich auch nicht. Aber es hat mir gereicht, einfach Musik zu machen. Irgendwann wuchs in mir dann natürlich schon auch der Wunsch, aufzutreten und die Sachen  jemanden vorzuspielen, nur fühlte ich mich diesbezüglich lange sehr unsicher.

„Ich versuche, diesen glücklichen Zufall herbeizuführen.“

Was hat dir letztlich die Unsicherheit genommen?

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doppelfinger (c) Rea Von Der Liszt

Clemens Bäre: Es ist nicht so, dass die Unsicherheit jetzt weg wäre. Die verspüre ich immer noch. Aber ich denke, das ist okay. Es hat schon was, sich selbst auch einmal ins kalte Wasser zu stoßen. Ich dachte mir irgendwann einfach, wenn ich eh schon Lieder schreibe und Musik mache, warum sollte ich die nicht auch live spielen. Ein Grund, warum ich Respekt davor hatte und immer noch habe, ist, dass ich mir nie sicher bin, ob die Leute mit meinen Songs etwas anfangen können, ob diese sie überhaupt interessieren.
Mir ist aber oft schon aufgefallen, dass mich Musik eher zufällig trifft, gerade dann, wenn ich am wenigsten damit rechne. Sie passt einfach gerade in die jeweilige Situation und spiegelt genau das wider, was ich fühle. Und genau das will ich mit meinen Songs auch erreichen. Ich versuche, diesen glücklichen Zufall herbeizuführen. Vielleicht bekommt jemand meine Songs genau dann zu hören, wenn er wirklich etwas mit ihnen anfangen kann und berührt wird. Dieser Gedanke ist es, der mich Konzerte spielen lässt. Es ist also etwas leichter geworden, auch weil das Feedback eigentlich immer positiv war. Die Unsicherheit ist aber trotzdem immer noch da.

Ich nehme einmal an, dass du in deinen Liedern sehr persönliche Themen behandelst.

Clemens Bäre: Ich bin mehr und mehr draufgekommen, dass Themen wie Depression oder Probleme nicht immer ausreichen, um aus diesen etwas Kreatives zu formen. Man braucht schon auch Input von außen. Ich merke, dass ich mich im Moment – auch aufgrund der derzeitigen Krise – schon etwas von meinen eigenen Topics distanziere und neue Themen aufnehme. Eben auch Dinge, die mich beschäftigen, weil ich mich mit ihnen beschäftigen muss. Früher waren meine Texte noch sehr selfcentered und – man kann es durchaus so sagen – eigentlich egoistisch geschrieben. Jetzt versuche ich aber, schon auch anderen Themen Raum zu geben.

Und welche Dinge beschäftigen dich?

Clemens Bäre: Ich wähle eigentlich nur Themen aus, über die ich auch singen kann. Es muss mich mit diesen schon etwas verbinden, sonst wäre es für mich komisch. Wenn ich mich aber für etwas zu interessieren beginne oder mich etwas beschäftigt, dann gibt es ja schon einen Grund, warum es das tut.  Und so ist dieses Thema dann eigentlich schon gar nicht mehr so weit weg von mir.
Was mich lange beschäftigt und auch immer ein wenig frustriert hat, war, dass meine Texte immer sehr selfcentered waren. Was ja auch okay sein kann. Meine Songwriter-Heroes waren ja alle sehr Ich-fokussiert. Nur beginnt man sich irgendwann einmal die Frage zu stellen, ob man selbst und die Geschichten, die man über sich erzählt, überhaupt interessant sind. Oder, ob man es überhaupt will, dass andere einen so interessant finden. Aber am Ende des Tages geht es mir eigentlich nicht darum.
Ich kommuniziere sehr ehrlich und teilweise auch sehr düster. Und bei den Konzerten habe ich gemerkt, dass die Leute von meinen Geschichten angesprochen wurden und sie sich in ihnen auch gespiegelt haben. Daher kann ich noch so unsicher sein, es gibt anscheinend doch den Punkt, der manche trifft.

„Ich mag einen Klang, der auf der einen Seite schön ist, auf der anderen aber auch ein komisches Gefühl auslöst.“

Das Schöne an deinen Songs ist, dass sie zwar nachdenklich schwingen, aber im Klang einfach voller Schönheit sind. Du verfällst mit deinem Sound nicht in die komplette Traurigkeit.

Clemens Bäre: Ich selber bin jetzt nicht unbedingt ein Fan davon, wenn sich traurig klingende Musik mit traurigen Lyrics zu noch etwas noch Traurigerem verbindet. Damit komme ich nicht wirklich klar. Ich finde es interessanter, wenn vermeintlich Gegensätzliches aufeinandertrifft und sich verbindet. In diesem Zusammenhang ist mir der Begriff bittersweet hängengeblieben. Ich mag einen Klang, der auf der einen Seite schön ist, auf der anderen aber auch ein komisches Gefühl auslöst. Ich glaube, Kunst ist erst spannend, wenn sie Kontraste herausbildet.

Wie bist du musikalisch eigentlich aufgewachsen. Wer inspiriert dich?

Clemens Bäre: Im Grunde genommen ist es die klassische Geschichte. Ich komme aus einem sehr musikalischen Haushalt, in dem Sinn, dass sich alle in ihrer Freizeit mit Musik beschäftigt haben. Mit elf, zwölf habe ich über meinen Onkel Bob Dylan entdeckt. Der hat meiner Schwester eine seiner CDs geschenkt, die ich mir dann gleich gekrallt habe. Ich empfand meine Schulzeit als schwierig und da war Bob Dylans Musik für mich wie eine Art Anker. Ich hörte seine Songs auf dem Weg zur Schule im Bus rauf und runter und dachte mir immer, dass ich auch so eine Musik machen will. Ich war so beeindruckt von dem Umstand, dass ich mich alleine deswegen besser fühlte, weil es da jemanden gegeben hat, der vor fünfzig Jahren ein Lied aufgenommen hat. Das war eigentlich der Startpunkt dafür, dass ich selber mit dem Musikmachen begonnen habe. Über meinen Vater bin ich dann noch auf so großartige Songwriterinnen und Songwriter wie Tracy Chapman, Bruce Springsteen und Randy Newman gestoßen.
Was mich vor allem in den letzten Jahren wirklich gefreut hat, ist zu bemerken, dass sich in der Welt des Folk doch noch so viel tut. Ich dachte lange, dass diese Szene eigentlich im Sterben begriffen ist, bis ich unter anderem Acts wie z.B. Aldous Harding entdeckt habe. Die bewundere ich sehr. Adrianne Lanker finde ich auch großartig. Im Moment höre das Album „Beginners“ von Christian Lee Hutson, das unglaublich schön ist. Ich finde es einfach schön, dass es genug Leute gibt, die in eine ähnliche Richtung denken wie ich.

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doppelfinger (c) Manuel Hauer

„Der Gedanke war aber naiv und eigentlich unrealistisch […]“

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass du bald ein Album herausbringen wirst?

Clemens Bäre: Das habe ich mich ganz ehrlich in den letzten Tagen auch ein paar Mal gefragt. Von der Timeline her hat alles vor etwa drei, vier Jahren begonnen. Ich lebte damals noch in Oberösterreich und musste zu der Zeit gerade eine Trennung verarbeiten. Mir kamen in dieser Zeit immer wieder meine Teenager-Jahre in den Sinn und wie mir die Musik damals geholfen hat. Eines Tages sagte ich zu meiner Schwester, dass ich den Versuch wagen und ein Album machen möchte. Ich wollte Songs machen, die ausdrücken, wie ich mich fühlte, auch in der Hoffnung, dass Leute, die dasselbe durchmachen, sich mit diesen identifizieren können. Der Gedanke war aber naiv und eigentlich unrealistisch, da ich eigentlich überhaupt keine Möglichkeit hatte, dieses Vorhaben zu realisieren. Ich kannte keine Leute, die mir da irgendwie dabei helfen hätten können.
Ich bin dann nach Wien gezogen und habe begonnen, Konzerte zu spielen. Und dann haben sich die Dinge begonnen, glücklich ineinanderzufügen. Ich lernte über einen Freund Jakob Herber kennen. Der ist Teil der Band Flut und hat unter anderem Acts wie z.B. Culk und Anger produziert. Mit ihm begann ich, erste Demos aufzunehmen. Parallel dazu habe ich begonnen, regelmäßig zu spielen, so alle zwei Wochen, einfach nur um ein wenig mehr Routine hineinzubringen. Danach durfte ich dann z.B. für Anger ihre Album Release Show im B72 eröffnen, oder durch den netten Veranstalter des Welser Schlachthofs vor dem Nino aus Wien auftreten. Es hat sich in schöner Weise eins nach dem anderen so ineinandergefügt. So ist es dazu gekommen, dass aus dem unrealistischen Traum, ein Album zu machen, ein Album geworden ist.

Und wann wird das Album erscheinen?

Clemens Bäre: Das Ding ist, dass wir im Winter kurz mit dem Gedanken spielten, das Album relativ low key zu veröffentlichen. Dann hat sich aber das mit dem Label ergeben, was gewisse Änderungen unserer Pläne bedeutete. Wir haben jetzt beschlossen, die Veröffentlichung um ein Jahr zu verschieben. Hätte ich das Album bereits zum früheren Termin veröffentlicht, wäre ich auch mit dem Charakter der Songs wahrscheinlich nicht ganz zufrieden gewesen. Ich möchte das ganze einfach noch ein wenig überarbeiten. Wir waren im letzten Sommer in Graz im Studio und jetzt bin ich eigentlich dabei, alle Aufnahmen zusammenzusuchen, um sie fast komplett wieder neu zu machen. Ein Album zu machen, ist ein Prozess. Und wenn man das noch nie davor gemacht hat, merkt man erst später, was man anders machen hätte können.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

 

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