„Die dunklen Gassen sind nur noch Nebenwohnsitz!“ – ERNST MOLDEN im mica-Interview

Ernst Molden und Ursula Strauss haben gemeinsam ein neues Album aufgenommen. „Nochdvegl“ (bader molden recordings; VÖ: 18.9.) heißt es und bietet zeitlose, sehr reduziert nur von akustischer Gitarre begleitete Songs über die wilden Jahre, Liebe und Verlust. Mit Markus Deisenberger sprach Ernst Molden über die Zeit, bevor er sich von der Nacht verabschiedete, das Lachen in schwermütigen Momenten und die gelebte Antithese zur KI.

„Nochdvegl“ ist bereits das dritte Album, das Ursula Strauss und du gemeinsam eingespielt habt. Zehn Jahre schon arbeitet ihr miteinander, und es klingt, als wäre es noch viel länger, so vertraut wirkt ihr beide. Wie seid ihr eigentlich zusammengekommen?

Ernst Molden: Das war vor vierzehn Jahren bei einem Charity-Event zugunsten der VinziRast im Stadtsaal. Da waren Schauspieler, Kabarettisten und Musiker. Ich war quasi das Streichquartett, das dazwischen musiziert hat. Und als ich mich backstage warmgespielt habe, kam die Ursula vorbei, die ich damals noch nicht kannte, und meinte: Da würde ich gern mal mitspielen. Sie erinnert es anders. Sie sagt immer, sie habe damals gesagt: „Das würde ich auch gern können“. Ich habe es aber jedenfalls so verstanden, als würde sie gern mitspielen wollen. Eine Woche später wurde ich dann vom Gerald Votava gefragt, ob ich nicht bei der Festwocheneröffnung mitmachen wolle. „Ja, gern.“ „Und mit wem willst du spielen?“ „Ja, natürlich mit dem Willi, Walther und dem Hannes“ (Resetarits, Soyka und Wirth, Anm.). Und dann fiel mir ein, dass ich zwei Wochen vorher die Ursula Strauss kennengelernt hatte. Also sagte ich: „Und die Ursula würde auch gerne mitspielen.“

Was habt ihr dann bei der Festwocheneröffnung gespielt?

Ernst Molden: Eine Maly Nagl-Nummer: „Ich hab´ kan Zins noch zahlt“ und von mir den „Flagduam“. Und seit damals sind wir quasi ein Gespann. Ich hatte dann eine Show mit dem Titel „Wien Mitte“.

In der es um die gleichnamigen Kolumnen für den Kurier ging, wenn ich mich recht erinnere?

Ernst Molden: Genau. Ursula hat die Texte gelesen, und Walther Soyka und ich haben gemeinsam musiziert. Das haben wir jahrelang so betrieben und die Ursula hat immer mehr gesungen, d.h. immer mehr Parts übernommen. Und irgendwann haben wir auf die Lesung verzichtet und ich hab´ einen Zyklus geschrieben, und wir haben diese Lieder gemeinsam erarbeitet. Anfang 2020 gingen wir dann ins Studio, nahmen ein Album auf, und veröffentlich haben wir es dann eine Woche nach dem Lockdown. Das war die erste Platte. Der Nebeneffekt des Lockdowns war, dass wir in den Ö3-Charts auf einmal in den Longplayer-Charts auf Platz zwei waren, weil so wenig los war. Vor uns nur die Amigos.

Echt?

Ernst Molden: Ja. Dabei war die Platte damals so wie die jetzige: Nur Gitarre und zwei Stimmen.

Wie ging es weiter?

Ernst Molden: Danach haben wir oft gemeinsam gespielt. Und 2022 gingen wir mit dem Herbert Pixner ins Studio und haben mit einer größeren Band unser zweites Album aufgenommen – entgegen meiner Gepflogenheiten, nur analog aufzunehmen, im Studio vom Herbert. Dann haben wir zwei Touren mit dieser größeren Band gespielt, was extrem schwierig zu organisieren war, weil Pixner & Co so viele Konzerte spielen. Das war sehr schwer unter einen Hut zu bekommen, und da reifte der Gedanke, es nächstes Mal – das Zusammenspiel wurde über die Jahre auch viel besser – wieder nur zu zweit zu machen.

Das heißt, es war von vorneherein klar, dass das neue Album wieder so reduziert wird wie das erste?

Ernst Molden: Ja, und es ist eigentlich noch reduzierter, weil ich noch weniger spiele als auf dem ersten Album. Wir haben nur eineinhalb Tage gebraucht. Wir haben uns hingesetzt und in einer Carter-Family-ähnlichen Selbstverständlichkeit des Musikzierens eigentlich immer den ersten oder zweiten Take genommen.

Während einer Nummer lacht Ursula Strauss mal. War das Absicht oder war es aus Versehen und ihr habt es dann absichtlich drin gelassen?

Ernst Molden: Letzteres. Das war bei „Heldenplatz“. Sie hat gelacht, weil sie fast weinen hat müssen. Sie war so berührt vom Text und hat sich selbst dabei ertappt, so gerührt zu sein und hat spontan darüber lachen müssen. Und genau das hat uns so wahnsinnig gut gefallen. Dass ihr in diesem dunklen, fast sechsminütigen Lied beim Wort „Heldenplatz“ ein Lacher auskommt. Ja, und heuer spielen wir das Album zehnmal, bevor ich ein reines Solo-Jahr einlege.

Ein Solo-Jahr? D.h. du trittst ein ganzes Jahr nur solo auf?

Ernst Molden: Ja. Das habe ich mir schon lange überlegt. Ich werde sechzig, mein dreißigstes Album erscheint, und ich mache das jetzt 32 Jahre lang.

D.h. du gehst in dich?

Ernst Molden: Nein, ich gehe nicht in mich, sondern ich gehe aus mir heraus, aber allein. Weißt du: Ich habe sieben Formate, die aktiv sind. Zwei größere Bands und etliche Duos und Trios. Jedes dieser Formate hat ein festes Set und ich hüpfe alle zwei Tage hin und her. Es geht, aber es ist anstrengend. Deshalb möchte ich ein Jahr haben, in dem ich auf die Bühne gehe und mir erst zehn Minuten vorher einen Zettel schreibe, auf dem steht, welche von den dreihundert Nummern ich heute spielen werde. Das geht vom Waldviertler Wirtshaushinterzimmer bis in die Elbphilharmonie. Kein Release, nur die Gigs. Vierzig, maximal fünfzig. Zurück zu den Ursprüngen. Allein mit der Gitarre und einfach Songs spielen. Die Ur-Antithese zur KI. Jeden Abend andere Songs, jeden Abend andere Hocker. Unvorhersehbar, soweit es geht. Aber zugleich die archaische Urform unseres Berufs: Man ist mit einem Instrument unterwegs, und wo sie einen hören wollen, bleibt man stehen und spielt

Bild von Ernst Molden & Ursula Strauss
Ernst Molden & Ursula Strauss © Daniela Matejschek

Und man weiß nicht unbedingt, wo es einen hintragen wird?

Ernst Molden: Genau. Wir haben nur ein paar fixe Gigs, lassen uns aber auch viel offen. Bis dahin aber machen wir noch zehn Auftritte mit den Nochdvegln, u.a. im Konzerthaus.

Wie kams zum Titel des Albums bzw. und zum Titelsong

Ernst Molden: In meinem schreiberischen Werk sind Nachtvögel ein Synonym für das, was ich die ersten dreißig Jahre meines Lebens auch war – bevor ich mich von der Nacht verabschiedete, weil ich den Tag zu lieben begann. Mit meiner Frau hat es sich verändert, weil ich plötzlich keinen Grund mehr hatte, abends auf der Jagd zu sein. Ich hatte ja schon jemanden gefunden. Ich habe immer noch Phasen, in denen ich ein paar Wochen lang in der Nacht arbeite. Aber das Herumfliegen, das auf Jagd sein, hab´ ich nicht mehr. Der Song handelt davon, worum es damals ging.

Grenzen ausloten, dunkle Gassen besuchen?

Ernst Molden: Ja.

Von Zeit zu Zeit macht man das aber doch immer noch, oder?

Ernst Molden: Ja, aber nicht mehr als Hauptwohnsitz. Die dunklen Gassen sind nur noch Nebenwohnsitz. Als ich Single war, habe ich in der Köllnerhofgasse gewohnt, im einzigen hässlichen Haus dort, und so bin ich zwischen Café Engländer, der Bar in der Sonnenfelsgasse und dem Alt Wien oszilliert.

Wann war das?

Ernst Molden: Zwischen 1988 und 1996. Jeden Abend. Geschlafen hab´ ich bis um eins, und dann bin ins Prückl frühstücken gegangen. Nicht falsch verstehen: Ich habe schon gearbeitet damals, ich frag mich heute nur, wann. Ich habe damals einen Roman geschrieben und mein erstes Album aufgenommen. Wie das gegangen ist, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.
Ich war immer unterwegs und habe viel lustige Leute kennengelernt. Wenn´s ist, kannst auch drei Tage durchmachen. Heute kuriere ich mich nach so einer Nacht drei Wochen lang aus. Aber das ist nur ein Aspekt des Albums, es sind auch Love-und Lost Songs auf dem Album.

Aber alles ist von einer gewissen melancholischen Grundstimmung getragen. Kann man das so sagen?

Ernst Molden: Ja, schon. Aber ein paar Wuchteln haben wir auch. Das Hundsviech, das in die Kuchl kommt zum Beispiel.

Und zwei Covers, wobei ich die Jerry-Garcia Nummer besonders lustig fand.

Ernst Molden: „Oh the wind and rain”.

Ihr macht „Ollawäu dea regn“ draus.

Ernst Molden: Ich habe übrigens erst nachher rausgefunden, dass das eine Nummer von den Grateful Dead war. Ich habe das Lied über Gilian Welch kennengelernt. Und es gibt auch Bands, die die Uralt-Version dieses Lieds, das es ja schon lange gibt, spielen.

Warst du Deadhead (Bezeichnung für die Fans von Grateful Dead, Anm.)?

Ernst Molden: Ich hatte eine Phase, ja, war mit Hardcore-Deadheads zusammen, die ständig Live-Tapes von ihnen gehört haben. Aber nach drei, vier Wochen kam da der Moment, an dem ich mich fragte: „Das ähnelt sich schon sehr, oder?“ Aber ich bewundere den Ansatz bis heute: Das Leben eine endlose Session.

„Ollawäu dea regn“ ist eine düstere Nummer geworden.

Ernst Molden: Ja, über zwei Schwestern, die sich bekämpfen, eine andere Mörder-Ballade. Und die zweite Cover-Version „Vire bis zua müü” („Banks of the Ohio”) auch. Meine Frau meinte: „Bitte nicht schon wieder eine Femizid-Nummer!“ Aber: Die alten Mörderballaden sind fast alle Femizid-Nummern. Das waren halt Arschlöcher. Ich bin allerdings draufgekommen, dass es auch weibliche Versionen dieser Nummer gibt, die schönste von Gangster Grass. Und auch Olivia Newton John sang das Lied, bevor sie ihre Hollywood-Karriere startete. Da ist sie die Böse. Und so ist es auch bei uns: Wir machten einen Homizid draus.

Siehst du das Album auch ein wenig nostalgisch?

Ernst Molden: Nostalgisch? Eigentlich nicht, nein. Die Lebens- und Kunstform, die das Album zeigt, ist immer gegenwärtig. Immer vergangen und immer zukünftig. Das hat es immer gegeben. Ganz gesittet mit der Gitarre wie die Maybelle Carter und die Carter-Band. Klassisches Format.

Bild von Ernst Molden & Ursula Strauss
Ernst Molden & Ursula Strauss © Daniela Matejschek

Aber du bist nicht der Typ, dem es darauf ankommt, einen Algorithmus zu bedienen, weil ihm das helfen könnte und deshalb Single auf Single veröffentlichst. Bei dir steht immer noch das Album als Kunstform im Zentrum deines Schaffens, und um dieses Album herum gibt es dann Konzerte, oder?

Ernst Molden: Das stimmt. Als Labelchef diskutiere ich viel mit meinen Künstler:innen, mit der Anna Mabo, dem Schottischen Prinzip, Belle Fin oder den Gravögeln darüber. Ich glaube nicht an das Algorithmus-Ding. Ich kenne keine einzige Geschichte aus meinem näheren Bekanntenkreis, wo das funktioniert hätte, wo jemand über Bedienung von Algorithmen reich oder berühmt geworden wäre. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass ein Album etwas ist, was Menschen wie mich erfreut. Ich brauche vorab kein Kapitel des neuen Romans von Stephen King. Ich vertraue ihm schon, dass das wieder spannend sein wird. Diese Playlists und der Versuch da reinzukommen – ich sehe es einfach nicht. Ich kenne keine österreichische Erfolgsgeschichte, die so zustande gekommen wäre. Die größte Erfolgsgeschichte auf unserem Label ist Anna Mabo. Und die hat sich über vier Alben eine steigende Bekanntheit erarbeitet, indem sie viel spielte. Die war sich für nichts zu gut. Die spielt auch in der Fußgängerzone, wenn es sein muss. Es hat nichts mit dem Netz zu tun. Das Netz hat sie begleitet, weil sie brav gepostet hat. Aber zentral war, dass sie spielte, spielte und spielte. Viele Labels in Österreich bauen Künstler:innen auf, die dann einmal im Jahr in Wien ein episches Konzert spielen, das sie ausverkaufen. Das restliche Jahr machen sie dann was anderes. Die Medienmanufaktur hat da einen anderen Zugang. Unsere Artists spielen dort, wo sie gefragt sind. Dann passiert das, was bei mir in zehn Jahren passiert ist.

Was ist dir passiert?

Ernst Molden: Zum ersten Gig kamen zwanzig Freunde, zum zweiten fünfzehn, und zum dritten nur noch zehn. Aber diese zehn brachten zwei Leute mit, die ich nicht kannte. Und an dem Punkt dreht sich das Ganze mit viel Glück. Und nach zehn Jahren waren es dann ein paar hundert. Aber die Arbeit ist dieselbe geblieben, und das ist die Arbeit, von der man gut wird: „I´m a song and dance man”, wie Bob Dylan einst sagte. Das Urding. Mach dir einen Karl!

Der Text von „Nochdvegl“ klingt nach eine lakonischen Lebensmotto: „Nochdvegl fliagn mit da Kirchn ums Kreiz. Da grodare Weg hot nua sötn sein Reiz.“

Ernst Molden: Das Lob des Umwegs. Ich habe schon Missionen zu erfüllen, aber oft und grundsätzlich versuche ich oft, Wege künstlich zu verlängern, in dem ich eine Stunde vorher losfahre, mit der Bim quer durch die Stadt, oder zu Fuß gehe. Und schaue mir was an, warte auf neue Bilder oder lausche in der Straßenbahn Leuten. Ich brauche gesprochene Sprache.

Ganz viele meiner Songs entstanden aus Wortfetzen, die ich bei so einer Fahrt oder am Sonntag beim Spazierenggehen im Prater aufgeschnappt habe. Da kommen Leute und man hört einen Halbsatz. Da macht es Klick und ich sample das dann. Ich habe ein eigenes Büchlein mit solchen Satzfetzen. „Ho Rugg“ ist so entstanden. Das waren Fetzen solcher Spaziergänge.

Erinnert mich an „Die letzten Tage der Menschheit“.

Ernst Molden: Das war im Grunde genommen nichts anderes, ja. Karl Kraus ging einfach hellwach herum und sampelte. Es ist ja alles da. Bevor du etwas erfindest, was nur mittelgut ist, klaust du doch besser das zusammen, was eh am Gehsteig herumliegt und montierst es
Der alte Bahnhof Wien Mitte, bevor er zu Mall wurde, war so ein Ort. Da gab es vom Sandler bis zum Geschäftsmann alles. Da muss man heute schon schauen, wo man das findet.
Wenn ich dann genug Fetzen habe, dann brauche ich eine ruhige Zeit z.B. in Litschau in der absoluten Abwesenheit aller Reize, um das, was ich gesammelt habe, zu montieren.

Lass uns noch über die „Die schwarze Tramway“ reden.

Ernst Molden: Der Song war eigentlich auf dem Best of-Album, wo wir was draufgeben wollten, was noch nie irgendwo oben war. Mir hat es aber der Version nie so richtig gefallen. Deshalb haben wir´s umgearbeitet
Ein alter Blues, ein Aberglauben-Blues. Never drink blackhouse milk, never eat a blackhands egg. Was man alles nicht machen soll, weil es Unglück bringt. Bei mir ist es dagegen ein Bekenntnis zur Farbe Schwarz, zu Tod, Depression und Finsternis. Ein wichtiges Lied für mich. Aber das wichtigste Lied ist „Nochdvegl“. Ich war damals mit den Kindern in Sizilien. Es war ein stürmischer Tag. Ich saß am Balkon und fing zu schreiben an. Und wie es oft so ist: Man beginnt zu schreiben und man weiß gar nicht genau, worüber. Der Groove stimmt einfach, es reimt sich, und man macht erst mal einfach weiter. Nach drei, vier Stunden war ich in der Nacht angekommen und in meinem einem alten Leben gelandet. Dieses alte Leben erklärt mir, warum das jetzige Leben so ist, wie es ist. Ich hab´ den Song in einer Nacht durchgeschrieben, und was soll ich sagen: Er macht mich glücklich. Aber auch „Doe goedana Schdod“ über die Frau, die Mann und Kinder verlässt und in die Stadt geht…

… weil sie´s kann.

Ernst Molden: Weil sie´s kann. Ich mag sie alle gern, aber das sind die zwei Knopferl in der Mitt´n.

Wir haben über den Blues und seine Themen gesprochen. Auch „Doe goedana Schdod“ fällt da rein. Hast du denn deine Helden im alten Blues?

Ernst Molden: Total. Wenn ich daheim für mich Musik höre, ist kaum was nach 1957 dabei. Clifton James, der Shakespeare des Genres, der frühe elektrische Muddy Waters, Memphis Minnie, Bessie Smith, Lonnie Johnson, Victoria Spivey. Das sind meine Stars.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

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