Wie klingt das Streifen von Haut auf dem Bühnenboden? Welchen Klang erzeugt ein tanzender Körper? Mit der Uraufführung von „BUZZ” will tanz.sucht.theater im Rahmen von imagetanz (19./20./21. März 2026) Antworten finden. Dabei richtet sich das Stück an „Menschen jeglichen Sehvermögens”. Das heißt: „BUZZ” ist mehr als eine reine Tanzperformance. Es ist eine Einladung an alle Sinne, wie Komponistin VERENA ZEINER zu mica sagt. Eine, die Barrierefreiheit weder als Buzzword noch als Begleitprogramm verstehen will, sondern als zentrales künstlerisches Element. Wie das auf der brut-Bühne funktioniert, hat ZEINER mit Christoph Benkeser besprochen.
Text: Christoph Benkeser
Verena, was ist eigentlich ein Körperkonzert?
Verena Zeiner: Ein Tanzstück, das in einem Konzertformat aufgebaut ist. Es gibt einzelne Stücke oder Lieder. Wir agieren auch wie eine Band. Nur dass ich ein Musikinstrument bediene, während die Tänzerinnen mit den Klängen ihrer Körper arbeiten – allerdings nicht im Kontext von Body Music, sondern in einem tänzerischen Sinne. Also: Welche Geräusche macht Tanz? Wie klingt Kostüm oder Haut? Schließlich führen wir ein Tanzstück auf, das auch für Menschen funktionieren soll, die eingeschränkt oder nicht sehen können.
Damit denkt ihr die Einschränkung und damit die Barrierefreiheit schon vor der Aufführung mit?
Verena Zeiner: Oft gibt es im Tanz die zusätzliche Audiodeskription, das heißt: Ein Stück steht, die Erklärung für die Einschränkung kommt erst später. Für viele Menschen mit Seheinschränkung ist das aber eine zusätzliche Anforderung, weil die Audiodeskription ständig ein wenig hinter dem eigentlichen Stück ist. Sie hören also, was auf der Bühne passiert, und gleichzeitig einen Text, der gar nicht mehr dazu passt. Für „BUZZ” arbeiten wir zwar auch teilweise mit Deskription, aber kreativ. Es geht nicht um die Beschreibung der Bewegung. Wir bauen sie in die Komposition ein, was eine durchgehende sinnliche Wahrnehmung ermöglicht.
„Körper werden zu Instrumenten, Klänge zu Berührungen”, heißt es dazu. Das setzt diese Synchronizität voraus, oder?
Verena Zeiner: Genau. An jenen Stellen ohne Beschreibung geht es nicht darum, dass sich alle dieselbe Bewegung vorstellen. Manche Klänge leiten die Vorstellung viel eher an. Man hat keine Sehnsucht zu wissen, wie die Bewegung konkret aussieht, weil der Klang genug Geschichte erzählt, um die Wahrnehmung anzuleiten.

Wir haben letztes Jahr über dein Album „Radical Care” und den Sinn hinter dem Titel gesprochen. Zieht sich das hier weiter?
Verena Zeiner: Ja, ich merke dadurch aber auch, wie einfach es wäre, Prozesse barrierefreier zu gestalten. Nicht, indem man sie komplizierter gestaltet, sondern einfach, indem man daran denkt.
Was fällt dir ein?
Verena Zeiner: Wenn eine Location barrierefreies Programm anbieten möchte, müssen bestimmte Rahmenbedingungen zur Verfügung gestellt werden. Um es wiederum Menschen mit Einschränkungen zu ermöglichen, an den Ort zu gelangen oder sich dort zurechtzufinden. Für „BUZZ” gibt es deshalb einen Audioflyer als auditive Ergänzung zur visuellen Gestaltung. Das signalisiert dem Publikum, dass man dorthin kommen kann und sichere Orientierung vorfindet. Das brut arbeitet daran schon einige Jahre und bringt viel Erfahrung mit.
„WIR STELLEN MANCHE DINGE INFRAGE, DIE SONST VIELE MENSCHEN ALS SELBSTVERSTÄNDLICH WAHRNEHMEN.”
In der Musik geht es oft um Berührung. Andererseits sagt man im Sprachgebrauch: Man geht heute ins Konzerthaus und sieht diesen oder jene Künstler:in.
Verena Zeiner: Das ist interessant. Manche Menschen mit Einschränkungen haben sich sprachlich angepasst, weil man es einfach so sagt. Andere sagen: „Nein, ich habe diesen oder jene Künstler:in nicht gesehen, überleg dir, was du sagst!” Gleichzeitig sage ich zum Stück: Es geht deswegen nicht darum, künstlerische Abstriche zu machen. Oder etwas zu entwerfen, das sperrig wirkt. Wir stellen nur manche Dinge infrage, die sonst viele Menschen als selbstverständlich wahrnehmen. Für „BUZZ” heißt das: Es gibt vor der Vorstellung eine sogenannte Tast-Tour. Menschen können die Bühne ertasten, die Kostüme, teilweise die Instrumente. Dadurch können sich auch Menschen mit Seheinschränkung örtlich auf der Bühne orientieren.
Der Titel „BUZZ” suggeriert ein Summen. Ist das die Sprache, in der sich Tanz und Musik treffen?
Verena Zeiner: Ja, der Titel funktioniert auf körperlicher und musikalischer Ebene. Da ist ein Vibrieren, ein Ineinandersprudeln. Bewegung und Musik treffen sich hier. Wie klingt es, wenn Haut auf Boden trifft? Wie passt das Klavier dazu?

Das Klavier ist ein eher statischesInstrument. Wie mobil wird dein Sound in diesem Setting, wenn er auf die Tänzerinnen reagiert?
Verena Zeiner: Ich hätte tatsächlich noch weniger mit dem klassischen Klavier gearbeitet. Von den Tänzerinnen kam aber, dass das Stück durchaus das klassische Klavier verträgt, das wir kennen. Ich trickse zwar herum, arbeite also mit präpariertem Klavier. Aber für sie ist es wichtig, dass hier ein Klavier steht. Schließlich ist Live-Musik im Tanztheater nicht mehr üblich, es ist kostspielig …
Deshalb ist das Klavier der Mittelpunkt auf allen Fotos. Das Geschehen dreht sich um das Instrument.
Verena Zeiner: Ich fühle mich gut eingebettet, ja. Außerdem bin ich auch während des Stücks Teil des Bühnenbilds. Und: Ich komme aus dem Bereich Musik und Bewegung. Die Verbindung von Klavier und Tanz ist mir also vertraut.
Ermöglicht es das „experimentelle Multispektrum”, von dem in der Ankündigung die Rede ist? Oder was ist das für dich?
Verena Zeiner: Es ist die Vielfalt der Klangquellen. Deshalb strukturieren wir das Stück in einzelnen Liedern. Eben um diese Vielfalt zu ordnen. Gleichzeitig versuchen wir, als bewegende Körper nicht in die Body Music überzugehen. Dort steht der Rhythmus im Vordergrund, man arbeitet mit Body Percussion. Wir wollen im Tanz bleiben und herausfinden, wie er hörbar gemacht werden kann.
Dahinter steckt aber keine Glaubensrichtung?
Verena Zeiner: Für manche vielleicht. Ich sehe jedenfalls verschiedene Möglichkeiten, wie ich mit Tanz als Musikerin umgehen kann. Es gibt auch eine Art „Micky Mousing”, in der die Musik jede Bewegung nachzeichnet. Oder Tänzer:innen benutzen Musik, um sie in Bewegung umzusetzen. Dazwischen gibt es aber viele Nuancen. Zum Beispiel: Wir führen Choreografie und Musik zusammen und schauen, wie sie reagieren.
Wir haben vorhin über „BUZZ” als Ineinandersprudeln gesprochen. Fällt dir dafür ein Begriff ein, der nicht visuell ist?
Verena Zeiner: Wir sprechen oft von Erleben. Es geht uns darum, dass Menschen – egal ob sie sehen oder nicht – sinnlich eintauchen können. Wenn sie sich zusätzlich etwas mitnehmen können: Yeah!
Danke für deine Zeit!
Christoph Benkeser
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Das Stück „BUZZ” kommt am 19., 20. und 21. März 2026 im brut nordwest zur Aufführung.
Alle Informationen, Tickets sowie ein Hörflyer mit Audiobeschreibung zu Stück und Anfahrt finden sich auf der Homepage.
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Links:
brut wien (Homepage)
tanz.sucht.theater (Instagram)
Verena Zeiner (Homepage)
