„ICH MACHE DAS NICHT, UM DIE WELT ZU VERÄNDERN” – VERENA ZEINER IM MICA-INTERVIEW

VERENA ZEINER veröffentlicht mit „Radical Care” (22.5.2025) erstmals auf dem Schweizer Label Unit Records. Eigentlich eine Jazzadresse, aber ihr Album, das sei vielleicht gar kein Jazz, so die Pianistin. Was es jedoch sicher ist: ein Zusammentun mehrerer Menschen, allen voran Ziv Ravitz, der schon auf dem Vorgänger „The Sweetness of Finitude” hinter Schlagzeug und Reglern saß. Nun erscheint die Fortführung – eine wunderbare. Denn „Radical Care” ist tatsächlich so etwas wie Sorge, Fürsorge, das Sorgen um etwas und allenfalls sich selbst. Auch wenn es da bald schwierig wird, wie ZEINER im Gespräch erklärt.

Christoph Benkeser

„Radical Care” ist der Titel deines neuen Albums. Ist Musik caring?

Verena Zeiner: Ja, Musik kümmert sich um mich. Und ich kümmere mich um mich, wenn ich Musik mache. Sie kann – auch wenn es ein bisschen komisch klingt – Geborgenheit stiften. Wenn ich das beitragen kann, ist das schön.

Lassen sich dadurch die sogenannten Räume öffnen?

Verena Zeiner: Das ist ein überstrapazierter Begriff, aber die Idee, sich durch die Musik einen Moment zu beschäftigen – mit der Musik oder sogar mit sich –, kann etwas auslösen, das tatsächlich umsorgt.

Ist Sorge eine gute Übersetzung für Care?

Verena Zeiner: Auf Deutsch ist es schwierig. Fürsorge oder Kümmern trifft es nicht ganz. Im Englischen gibt es neben taking care of auch caring for. Damit steht das Gegenüber im Fokus, also: Was brauchst du, damit du das Gefühl hast, dass du dich gesehen und gehört fühlst? 

Im Sorgen klingt die Sorge durch. Im Kümmern der Kummer. Nicht gerade … positiv, oder?

Verena Zeiner: Außerdem schwingt im Kummer das Kümmern um etwas mit. Das suggeriert eine emotionale Schieflage. Mit radical care meine ich viel eher ein gegenseitiges Verständnis, ein Füreinander. Das ist komplex und verlangt in der Praxis mehr ab als in der Phrase.

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Sind wir aktuell so weit von radical care entfernt wie noch nie?

Verena Zeiner: Na ja, es lenkt uns einfach sehr viel davon ab. Die Hälfte von dem, was tagtäglich als Information auf uns einprasselt, brauchen wir ja nicht. Es zieht aber Energie, die uns für caring fehlt. Im Idealfall wäre ein Austausch nämlich kein Verlust, sondern ein Gewinn – zum Beispiel durch einen Moment, in dem man sich mit einem Menschen verbindet.

Ein kurzes Gespräch, ein besonderer Blick, so was?

Verena Zeiner: Ja, ich suche mir diese Momente ganz bewusst, denn: Wo die Aufmerksamkeit ist, ist die Energie. 

Wo suchst du?

Verena Zeiner: Gute Frage. Es ist weniger ein aktives Suchen als ein Offen-Sein für den Moment. Also, zum Beispiel: In eine Straßenbahn einsteigen und nicht instinktiv das Handy rausholen, um offen zu sein für die Möglichkeit einer Begegnung oder einer Entdeckung. 

Du bist permanent offen?

Verena Zeiner: Nein, ich liebe auch meine Noise-Cancelling-Kopfhörer. Das heißt: Man muss nicht die ganze Zeit offen sein. Manchmal ist es sogar unmöglich, offen durch die Welt zu gehen, und das ist absolut legitim. 

Weil Care mehr ist als die Verantwortung für das Andere?

Verena Zeiner: Weil es nicht nur um den Menschen geht, ja. Care heißt zum Beispiel auch: Ich komponiere etwas und versenke mich in Details und kümmere mich also um sie – mit einer Sorgfalt

Die deine allumfassende Präsenz verlangt?

Verena Zeiner: Genau, denn die Frage ist: Mit wie viel Präsenz widme ich mich einer Tätigkeit, damit ich sie ausschöpfe? 

ild der Musikerin Verena Zeiner
Denkt gerne nach: Verena Zeiner © Roland von der Aist

Du komponierst und improvisierst, worin steckt mehr Präsenz?

Verena Zeiner: Für mich ist Improvisieren: Echtzeit-Komponieren. Der Unterschied ist also die zeitliche Komponente. Echtzeitkomponierte Momente haben eine wahnsinnige Intensität, weil sie nur funktionieren, wenn ich hundertprozentig anwesend bin. Was ich erfinde, kommt zwar aus dem Moment, aber es ist nie unbedacht.

Weil dem Moment eine Vorsorge vorausgeht?

Verena Zeiner: Absolut. Damit der Moment funktionieren kann, muss ich ihn üben und mich mit Skills füttern, die ihn begünstigen. Im Komponieren kommen hingegen Fragen auf, die eine andere Intensität haben als Echtzeit-komponierte Momente.

Sie verlangen nach einer Dauer, nehme ich an.

Verena Zeiner: Ja, und weil sie mir Zeit geben, andere Überlegungen anzustellen. Die Ideen für Kompositionen mögen locker daherkommen, also in einer Echtzeit-Komponier-Qualität. Die Frage ist aber: Wie behalte ich diese erste, zündende Qualität, wenn ich wochenlang daran arbeite?

Und, wie?

Verena Zeiner: Die Anfangsidee ist für mich oft ein Anstoß. Sagen wir, mir fällt zuerst das Ende eines Stückes ein. Dann komponiere ich den Rest und mir fällt auf: Das Ende passt nicht mehr. Allerdings war es unbedingt notwendig, um das restliche Stück zu komponieren, auch wenn es am Ende nicht bleibt. 

„WIE KANN MAN VERÄNDERUNG ZULASSEN, OHNE DASS ES DAS EIGENE VERLIERT?”

Die Dauer setzt also Veränderung voraus?

Verena Zeiner: Sie setzt voraus, dass es dazu kommen wird. Das Album ist beispielsweise ganz anders geworden, als es ursprünglich geplant war. Denn die Praxis, mit vielen Menschen ein Werk zu schaffen, lässt immer neue Situationen entstehen. Deshalb ist es wichtig, sich die Frage zu stellen: Bin ich offen dafür, dass sich etwas verändern darf

Welche Antwort findest du darauf?

Verena Zeiner: Na ja, dieser Prozess verlangt viel Flexibilität – von mir und in der Vision –, um sich neu auszurichten. Er bringt aber auch etwas mit sich, weil man gemeinsam in neue Situationen kommt.

Wie ist es am Ende trotzdem deines?

Verena Zeiner: Das ist die wichtigste Frage, also: Wie kann man Veränderung zulassen, ohne dass es das Eigene verliert? Von Unit Records kommt da viel Vertrauen in meine künstlerische Verantwortung. Das verlangt vom Label vor allem Offenheit dafür, wie sich Musik verändern kann. „Radical Care” passt in viele Schubladen, ist vielleicht nicht einmal Jazz-Album, auch wenn einige der Musiker:innen dahinter dezidiert aus dem Jazz kommen.

Bild der Musikerin Verena Zeiner
Im Dazwischen © Theresa Pewal

Und wie ist das bei dir, wie lässt du Veränderung zu?

Verena Zeiner: Es ist nie einfach. Veränderungen kommen mit ständigen und großen Fragen, die auch zum Zweifel führen. Aber: Wenn ich schließlich dahinter stehen kann, halte ich es aus, wie andere damit umgehen. Manche mögen sagen, dass es ihren Geschmack nicht trifft, aber sie die Qualität anerkennen. Andere nehmen sich erst gar nicht die Zeit. Damit kommen wir zum Anfang zurück. Die Informationen prasseln so schnell auf uns ein, dass wir kaum noch Zeit haben, sich mit einer Sache auseinanderzusetzen. Das ist schade, weil wir immer mehr übersehen.

Ein Übersehen, das Veränderung verhindert?  

Verena Zeiner: Na ja, ich mache das nicht, um die Welt zu verändern. Ich möchte auch gar nicht den Anspruch erheben, dass es mein Ziel ist. Ich bin aber ein Mensch in einer privilegierten Bubble. Ich habe eine Ausbildung, ich bin gesund, ich lebe in einem Land, in dem ich nicht von Krieg betroffen bin. Diese Privilegien bringen eine gewisse Macht mit sich, und Macht bringt Verantwortung mit sich. Mir fällt es schwer, mich aus dieser Verantwortung zu stehlen. Also versuche ich, einen Weg zu finden, einen Beitrag zu leisten. Auch, um meinen privilegierten Beruf zu rechtfertigen.

Ja? 

Verena Zeiner: Ja, unbedingt. Ich handle also auch extrem egoistisch, weil ich mich mit Musik beschäftige. Mir geht es dadurch besser. Ich fühle mich stabiler, bin gesünder. Deshalb steht dahinter auch ein Eigennutzen. Das setzt aber voraus, dass ich dadurch nicht ständig aufmerksam sein kann für die restliche Welt. 

Danke für deine Zeit!

Christoph Benkeser

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