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„CHOR IST MEHR ALS DIE SUMME DER EINZELNEN.“ – KARL-GERHARD STRASSL (PRÄSIDENT DES CHORVERBANDES ÖSTERREICH) IM MICA-INTERVIEW

Der CHORVERBAND ÖSTERREICH (ChVÖ, früher Österreicher Sängerbund) ist seit 70 Jahren als Dachverband der österreichischen Chorverbände und Chöre aktiv. Was sich der Präsident des ChVÖ, der Dirigent, Organist, Jurist, Kulturwissenschaftler und Kulturmanager DR.DR. KARL-GERHARD STRASSL speziell für dieses Jubiläumsjahr einfallen hat lassen, hat er Isabella Klebinger und Michael Franz Woels in seinem Büro an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, erzählt. 

Im Fokus des ChVÖ stehen Anliegen wie das Lobbying für Chöre, die Förderung der Jugend und der zeitgenössischen Chormusik. Wenn im November 2019 mit der „CHOR:sinfonie“ das 70. Geburtstagsfest des ChVÖ gefeiert wird, so ist das auch eine Demonstration der Zusammenarbeit mit den Landesorganisationen, aber auch mit Komponistinnen, Komponisten und Chören. Welche Vorlaufzeit hatte dieses Großprojekt der „CHOR:sinfonie“?

Karl-Gerhard Straßl (c) Sabine Hauswirth

Karl-Gerhard Straßl: Der Dachverband der Landeschorverbände und Chöre, der Chorverband Österreich, ist heuer 70 Jahre alt. Vor mehr als zwei Jahren haben wir begonnen zu überlegen, was wir zu diesem Jubiläum machen. Ich wollte keinen klassischen Festakt mit Festrede und Festschrift, sondern eine Veranstaltung, die die Größe, Aktualität und Vielfalt der österreichischen Chorlandschaft aufzeigt und verbindet. Bei einer Klausur ist die Idee entstanden, ein österreichweites, umspannendes Projekt zu organisieren. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Musikausschusses, Herrn Mag. Andreas Salzbrunn, wurde die Idee weiterentwickelt und vertieft und dann gemeinsam mit den Landeschorverbänden festgelegt.

Es gibt über 3.500 Chöre in Österreich. Wie ich immer als Vergleichszahl erwähne: Wir haben um 50 Prozent mehr Chöre als Fußballvereine in Österreich. Diese Botschaft streue ich mit Freude seit dreieinhalb Jahren. Wir wollten neue Texte und neue Kompositionen, gerade weil von den unterschiedlichsten Chören auch sehr viele neue Kompositionen aufgeführt werden. Das sage ich sehr bewusst, weil Chor oft für etwas sehr Konservatives, Volkskulturelles steht. Ich zitiere dann gerne Arnold Schönberg: „Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt“. Um die Vielfalt der Bundesländer und der unterschiedlichen Chöre abzubilden, haben wir den Schriftsteller Franzobel gebeten, Texte zu schreiben. Er hat dann interessante Persönlichkeiten oder Begebenheiten für jedes Bundesland ausgewählt und mit seiner gut vertonbaren, süffisanten Sprache mit vielen Wortspielen, beschrieben.

„WIR HABEN IM CHORVERBAND ÖSTERREICH EINEN GELEBTEN FÖDERALISMUS IM BESTEN SINNE.“

Um die beeindruckende Vielfalt der Interpretinnen und Interpreten der „CHOR:sinfonie“ zu veranschaulichen hier eine Aufzählung der Mitwirkenden: Pizzicanto Kinderchor, Neue Wiener Stimmen, Klangscala, Vox Cantabilis, CantAnimaSteirischer Landesjugendchor, HOUs, Singkreis Porcia, Burgenländischer Landesjugendchor, ViP – Voices in Progress, Bertha von Suttner-Chor, ein Blechbläserensemble unter der Leitung von Leonhard Paul. Komponiert wurden die zehn Chorstücke von Günther Mohaupt, René Schützenhofer, Thomas Thurnher, Willi Spuler, Katharina Eidher-Rutkowski, Anselm Schaufler, Thomas Michael Zdravja, Thomas Mandl, Andreas Gassner und Christian Dreo. Welche Personen und Begebenheiten hat Franzobel thematisch für die Chortexte ausgewählt?

ViP – Voices in Progress (Oberösterreich) (c) ViP

Karl-Gerhard Straßl: In Wien den Lieben Augustin, den Tiroler Extrem-Bergsteiger Peter Habeler, in Vorarlberg den Gründer der SOS-Kinderdörfer Hermann Gmeiner, im Burgenland die Begebenheit in Oberwart, dieses furchtbare Rohrbomben-Attentat. Wobei er es in den Kontext gestellt hat, dass er es als Ausnahme einer generell funktionierenden Integration sieht. In Niederösterreich hat er Berta von Suttner ausgewählt, in der Steiermark Franz Gsellmann, diesen Landwirt, der dreißig Jahre lang eine Weltmaschine gebaut hat. In Kärnten hat er wieder eine tragische Begebenheit thematisiert: die sogenannte „Faschaunerin“, sie war das letzte hingerichtete Folteropfer in Österreich, eine Frau im 18. Jahrhundert, die beschuldigt wurde, ihren Mann vergiftet zu haben. In Oberösterreich wählte er den Kriegsverweigerer Franz Jägerstätter aus, in Salzburg Josef Mohr, den Autor von „Heilige Nacht“. Dann gibt es noch einen zehnten Teil der „CHOR:sinfonie“, mit dem Titel „Helden“, in dem Franzobel darstellt, dass Österreich zwar klein ist, aber sich etwas zutraut, weil sich die Leute etwas zutrauen. Er hat Beispiele ausgewählt, die man vielleicht gar nicht so kennt, wie einen Schneider in Wien, der den ersten Fallschirm konstruiert hat.

Wir haben ja im Chorverband einen gelebten Föderalismus im besten Sinne. Die Anerkennung und Wertschätzung der Tätigkeiten der Landeschorverbände in den einzelnen Bundesländern hat sich bei dieser dezentralen „CHOR:sinfonie“ widergespiegelt. Wir haben auch alle Typen von Chören integriert; es gibt im November im Musikverein einen Kinderchor, drei Jugendchöre, einen Frauenchor, einen Männerchor und drei gemischte Chöre zu erleben. Mitte März bis Ende September haben neun Konzerte der „CHOR:sinfonie“ in den Bundesländern stattgefunden. Wir wollten auch alle neun Teile zusammenführen und haben den Ländern offengelassen, wo das Abschlusskonzert stattfinden soll. Wien war dann der Wunsch-Ort. Alle neun Chöre bilden nun gemeinsam den zehnten Chor für den zehnten Teil der „CHOR:sinfonie“. Insgesamt sind das über 380 Sängerinnen und Sänger! Wir haben uns für den Goldenen Saal des Musikvereins entschieden, trotzdem werden wir aus Platzgründen die Sängerinnen und Sänger zum Teil auch im Publikumsraum unterbringen müssen. Zwischen jedem Chorstück gibt es improvisierte Blechbläser-Töne als Überleitung. Am Schluss singen alle neun Chöre das zehnte Stück gemeinsam.

Wenn man auf 70 Jahre Chorverband zurückblickt oder auch einen Ausblick wagt, was waren maßgebliche Entwicklungen?

Vox Cantabilis und KlangsCala im Carabinieri-Saal (Salzburg) (c) Moser Albert

Karl-Gerhard Straßl: Der Dachverband ist 1949 von den bereits bestehenden Landeschorverbänden gegründet worden, damals hießen sie noch Sängerbünde. Auch der Chorverband Österreich hieß bis 2004 Österreichischer Sängerbund. Das heißt, die Landeschorverbände gibt es schon viel länger, teilweise seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Chorsingen erreichte die Bürgerlichkeit; und Liedertafeln und Chorvereinigungen wurden gegründet. Anfangs primär Männerchöre, dann Frauen- und gemischte Chöre. Es bestand der Wunsch nach Vereinigungen auf Länderebene, um sich gegenseitig zu unterstützen, Noten auszutauschen und so weiter. 1949 wurden etliche Institutionen gegründet, unter anderem auch die Jeunesse, der Internationale Musikrat, etc. Nach der Beseitigung der Kriegsschäden ist man auch auf anderen Ebenen aktiv geworden. Die damals sieben Landeschorverbände wollten sich unter einen gemeinsamen Dachverband stellen, um mehr zu erreichen. (Wien und Niederösterreich waren gemeinsam, sowie Oberösterreich und Salzburg. Rund um das Jahr 2000 haben sie sich getrennt, so dass wir jetzt neun Landeschorverbände haben.) Der Dachverband betreibt Lobbying und repräsentiert auch international die österreichische Chorlandschaft, er fördert das Singen als gemeinsames, sprachliches Wirken – nicht nur regional, sondern österreichweit.

„JEDES JAHR GIBT ES IN EINIGEN LÄNDERN EINE GROSSE VERLEIHUNG FÜR SCHULEN MIT REGELMÄSSIGEN CHORISCHEN AKTIVITÄTEN.“

Wie kann man sich die Lobby-Arbeit vorstellen? Welche aktiven Bestrebungen haben Sie, wo können Sie dieses Ziel der kulturellen Verankerung und Stärkung des Chorsingens dann einbringen?

Pizzicanto Kinderchor (Vorarlberg) (c) CVV

Karl-Gerhard Straßl: Das ist eine Mischung an Vorhaben. Mein Präsidium hat zwei Schwerpunkte gesetzt. Ein Projekt war die „CHOR:sinfonie“ mit all ihren Wirkungen, auch international. Der zweite Schwerpunkt ist ein inhaltlicher, und zwar das Singen in der Schule – vor allem in der Volksschule. Wir haben ja gute Verbindungen zu den Bildungsdirektionen, etwa zu den Fachinspektorinnen und -inspektoren für Musik.. Wir stellen fest, dass das Singen in der Schule immer weniger wird. Das ist aus unserer Sicht eine Katastrophe. Es gibt dafür mehrere Gründe, leider auch sachpolitische. Von ministerieller Seite gibt es nur vereinzelt Personen, die sich für Musik zuständig fühlen und Musik nicht in dem Ausmaß fördern, wie wir es gerne hätten. Die musikalische Bildung der Volksschullehrerinnen und –lehrer beziehungsweise Pädagoginnen und Pädagogen wurde so zurückgefahren, dass man gar nicht mehr von einer fundierten Musikausbildung sprechen kann. Und wenn Lehrende nicht mehr singen können, werden sie es auch mit den Kindern nicht machen. Im Kindergarten ist ja das Singen für Kinder noch so natürlich wie das Sprechen. Da funktioniert es noch.

Wir haben eine Arbeitsgruppe mit Expertinnen und Experten eingerichtet und eineinhalb Jahre daran gearbeitet, um Bewusstsein zu schaffen und konkrete Forderungen aufzustellen. Diese werden wir dann faktengestützt an die Politik herantragen. Für chorferne Personen wollen wir anhand von Studien die positiven Auswirkungen des Singens auf Kinder nachweisen, von der schnelleren sprachlichen Entwicklung, der Förderung der Intelligenz durch Vernetzungen zwischen den Gehirnhälften bis zu sozialen Aspekten und besserer Integration. Wenn Kinder miteinander singen, bauen sie Vorurteile ab. Warum wird in Deutschklassen nicht gemeinsam gesungen, das wäre ein einfacher Weg, Kinder zusammen zu bringen? Auch sprachliche Merkfähigkeiten lassen sich dadurch verbessern. Das ist alles durch wissenschaftliche Studien nachgewiesen.

Landesjugendchor Burgenland (c) BSB

Wir haben einen Bottom-up-Prozess gestartet und sind in den Bundesländern unterwegs, um Unterstützerinnen und Unterstützer für unsere Forderungen zu finden. Erst dann werden wir an eine breitere Öffentlichkeit gehen und zur Bundespolitik. Der Arbeitstitel des Positionspapiers und des Dossiers heißt „Raus aus der musikalischen Wüste“. Da er doch provokant ist, werden wir ihn vielleicht noch abändern. Wir haben auch viele Best-Practice-Beispiele gefunden, in England, in Deutschland, in Finnland. Die Leistung der Kinder, auch in anderen Bereichen wie Lesen und Rechnen, nimmt erwiesenermaßen zu, wenn sie mehr Musik machen. Das ist faszinierend! Unser Wunsch ist, dass sich jeder Volksschullehrer, jede Volksschullehrerin traut, mit den Kindern zu singen – und zwar am besten jeden Tag ein paar Minuten. Wenn man zehn Minuten singt, ist sogar eine Mathematikstunde danach leichter. Das ist neurologisch erwiesen. Wir müssen die Personen unterstützen, die sich noch nicht trauen oder zu wenig Material zu diesem Thema haben.

Wir müssen in die Ausbildung wieder mehr musikalische Inhalte hineinbringen. Es muss Platz geschaffen werden für das Singen in Ganztagsschulen. Dann fordern wir auch ein österreichweites Gütesiegel für Schulen, die das Singen in Chören fördern. Es gibt diese Gütesiegel mittlerweile in fünf Bundesländern, aufgrund von Initiativen der Landeschorverbände gemeinsam mit der jeweiligen Bildungsdirektion. Angefangen hat das in der Steiermark unter der Bezeichnung „Meistersinger-Schule“. Dann gibt es diese Gütesiegel mittlerweile auch in Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich und Salzburg. Jedes Jahr findet eine große Verleihung für Schulen mit regelmäßigen chorischen Aktivitäten statt. Singen mit Kindern in einer Gruppe soll nicht ein Fach sein, wo eine schulfremde Person kommt, sondern es soll etwas ganz Natürliches in der Schule sein. Das Singen würde gut einbettbar sein und würde auch keinen Mehraufwand bedeuten. Das ist ein ganz aktuelles Thema von uns, mit dem wir nächstes Frühjahr an die breitere Öffentlichkeit treten werden. Mit sachpolitischer und auch künstlerischer Unterstützung in den Ländern werden wir unser Anliegen an das Ministerium und die Regierung herantragen.

Neue Wiener Stimmen (c) Stefan Knittel
Neue Wiener Stimmen (c) Stefan Knittel

Wie ist denn Ihrer Einschätzung nach die öffentliche Sicht auf das Chorwesen in Österreich? Wird dem Chorwesen ausreichend Aufmerksamkeit zuteil?

Karl-Gerhard Straßl: Da bin ich vielleicht ein bisschen provokant: Ich vergleiche Zahlen von den Dachverbänden Österreichischer Fußballbund (ÖFB) und Chorverband Österreich (ChVÖ). Wir haben pro Jahr mehr als eine Million mehr Besucherinnen und Besucher als in den österreichischen Bundesligen. In Kärnten gibt es zum Beispiel mehr Männerchöre als Fußballvereine.

Nur sind die Aktivitäten der Chöre allgemein kleinteiliger. Wir haben kein Stadion, in das an einem Abend 15.000 Menschen zu einer Veranstaltung kommen. Aber wir haben an einem Abend 150 Konzerte in ganz Österreich, zu denen mindestens 200 Leute pro Konzert kommen. Das ist schlechter wahrnehmbar und vermarktbar. Man bekommt auch viel weniger Sponsoren. Wir haben zehntausende Chorproben pro Jahr .Es werden Räume gemietet, Noten und Kleidung werden gekauft, da werden Getränke konsumiert, es werden abertausende Konzerte organisiert, da fließt viel Geld in die Wirtschaft. Ich vergleiche das alles gerne mit dem ÖFB, weil ich Fußball mag. Die Subvention des Bundes für den ÖFB ist das 300-fache im Vergleich zum ChVÖ. Das ist keine passende Relation. Ich weiß schon, dass der ÖFB auch Infrastrukturen wie Stadien hat, die etwas kosten. Aber wie alles in Österreich: Es hat eine Geschichte, eine Entwicklung, eine Verortung und es gibt Politikerinnen und Politiker, die sich für etwas einsetzen oder auch nicht. Wir sind als österreichumspannende Bewegung systembedingt leider nicht so gut greifbar.

„EIN CHOR IST MEHR ALS DIE SUMME DER EINZELNEN. GERADE IN ZEITEN DER DIGITALEN MEDIEN IST DIE PERSÖNLICHE INTERAKTION IMMENS WICHTIG.“

Was wären weitere wichtige „weiche Faktoren“, die man bündeln könnte? Sie haben schon Stärken im Sinne der Wirtschaftsförderung und quantitative Aspekte benannt, auch soziokulturelle, neurologische Aspekte haben Sie ja bereits angesprochen.

Singkreis Porcia (Kärnten) (c) photo-baurecht

Karl-Gerhard Straßl: Das ist eine gute Frage. Gehen Sie zu Chören und fragen Sie die Leute dort. Die Menschen fühlen sich wohl, es gibt ein Gemeinschaftsgefühl. Das Alter und die Herkunft sind irrelevant, es ist ein Miteinander, vergleichbar mit einer Sportgruppe ist das gemeinsame Erreichen eines Zieles, wenn man konsequent arbeitet. Ein Chor ist mehr als die Summe der Einzelnen. Gerade in Zeiten der Digitalen Medien ist die persönliche Interaktion immens wichtig. Ein anderes Beispiel: Es gab von der Oxford University vor einigen Jahren eine Studie, bei der festgestellt wurde, wie Erwachsene, die sich nicht kennen, am schnellsten in Kontakt zu einander finden. Mit Abstand am schnellsten geht es über das Singen. Es gibt außerdem Studien in den USA und in Schweden, die belegen, dass sich der Atem der Sängerinnen und Sänger während einer Chorprobe relativ schnell angleicht. Es gibt im Speichel Enzyme, die Krankheitserreger abwehren. Bei einer Aufführung des Mozart-Requiems in Los Angeles vor ein paar Jahren wurde die Konzentration dieser Enzyme bei den Sängerinnen und Sängern vor der Aufführung und nach der Aufführung gemessen. Danach war die Konzentration der Enzyme um 220 Prozent höher. Das ist neben der Ausschüttung von Glückshormonen wie Serotonin auch ein interessanter Aspekt.

Sie haben eine Dissertation zum Thema „Staatsziel Kultur“ verfasst. Vom Status quo ausgehend, wo liegen die Differenzen zum Möglichen beziehungsweise zu Ihren damaligen Forderungen?

CantAnima (Steiermark) (c) Lena Prehal

Karl-Gerhard Straßl: Ja, das ist ein Thema, das mir wichtig ist. Ich bin ja auch Jurist und leite an der mdw die Abteilung für „Organisationsrecht und Berufungsmanagement“. Juristisch betrachtet hat die Verfassung grundlegende Spielregeln, jetzt salopp gesagt. Es sind auch Staatsziele enthalten, das sind Wertungsentscheidungen des Staates. Diese Staatsziele müssen bei den Tätigkeiten des Staates, in der Exekutive, der Legislative und der Judikative, berücksichtigt werden. Wir haben schon über zehn Staatsziele in der Verfassung und es sind in den letzten Jahren immer wieder welche dazu gekommen.

Österreich sieht sich zu Recht als Kulturnation. Man darf das aber nicht nur historisch sehen, sondern sollte das auch zeitgenössisch betrachten. So gesehen wird die Kultur aber in der Verfassung nachrangig behandelt. Kultur ist immer noch kein Staatsziel in der Österreichischen Verfassung. Bei meiner Arbeit bin ich am Anfang ergebnisoffen herangegangen und habe die Österreichische Verfassung auch mit anderen Ländern verglichen. In Frankreich oder auch in China ist das anders, dort ist auch Kultur als Staatsziel festgelegt. Wobei man sagen muss, Kultur kann natürlich auch instrumentalisiert werden und hat oft auch mit reiner Repräsentation zu tun.

Wenn Kultur nun in Österreich verfassungsrechtlich verankert werden würde, dann müsste die Kultur in Relation zu den anderen Staatszielen mitbedacht werden. Dann kann es nicht passieren, dass das Kulturbudget unverhältnismäßig stark gekürzt wird. Es würde einen Einfluss auf die Verteilung der Mittel haben, bei der Bedeutung dieser Thematik, bei der realen Tätigkeit des Staates im Nationalrat, im Bundesrat und im Bundesministerium. Diese Maßnahme würde auch nichts kosten. Ich habe es schon einmal probiert, dieses neue Staatsziel ins Parlament einzubringen. Ich sage es einmal vorsichtig: Eine Partei hat sich dafür interessiert, aber leider wurde der Antrag von der juristischen und nicht von der kulturellen Seite her eingebracht und ist im Verfassungsausschuss und nicht im Kulturausschuss gelandet. Man müsste zuerst von der inhaltlichen Seite her kommen. Mir wäre es ein großes Anliegen, weil es die Kultur in Österreich juristisch stärken würde, auch bei dem zunehmenden Verteilungswettbewerb für Staatsgelder.

Was würden Sie sich da konkret wünschen?

Bertha von Suttner-Chor (NÖ)

Karl-Gerhard Straßl: Interesse am Chor. Wien verfügt nominell und prozentuell über das größte Kulturbudget aller Bundesländer und gibt am allerwenigsten für Chorbelange aus. Die Säle für Chöre in Wien, die man für Konzerte mieten muss, sind teilweise nicht leistbar. Es gibt hingegen Bundesländer wie Vorarlberg oder Tirol, in denen es eine institutionelle Förderung von Chören gibt. Und die Vergabe dieser Förderungen wird von Expertinnen und Experten aus dem Chorverband vorgenommen. Laut einer europäischen Studie ist Österreich das Land in Europa mit den meisten Menschen, die in Chören singen – etwa 11 Prozent der Bevölkerung singt in Gruppen. Das ist mehr als in bekannten Chorländern im Baltikum und in den nordischen Ländern wie Schweden.

Singen kann wirklich jede und jeder. Und richtiges Singen braucht manchmal nur etwas Unterstützung. Ich hatte einmal in einem Chor einen jüngeren Sänger, der wollte unbedingt das Singen lernen, konnte aber keinen einzigen Ton treffen. Er konnte beim Intonieren nicht einordnen, ob er richtig oder falsch lag, auch nicht, wenn rund um ihn richtig gesungen wurde. Aber er war so konsequent und hat alle Proben besucht und die Texte gelernt. Wir haben dann auch einzeln mit ihm gearbeitet und ihn mit auf die Bühne genommen. Und nach einem Jahr hat er dann richtig mitsingen können. Er hat es durch aktive Beschäftigung und zuhören gelernt und dann jahrelang mit Freude mitgesungen. Jeder kann singen, man braucht nur ein bisschen Mut.

Seit 2016 sind Sie im Ehrenamt Präsident des Chorverbandes Österreich. Was ist Ihr Resümee bis jetzt?

HOUs (Tirol) (c) Hitpolt
HOUs (Tirol) (c) Hitpolt

Karl-Gerhard Straßl: Ich bin angetreten und habe Ziele formuliert, die ich in den vier Jahren erreichen wollte. Ich möchte nicht nur verwalten, ich möchte gestalten. Der Dachverband darf kein Selbstzweck sein. Mir ging es stark um Inhalte und die Aktivierung der Kommunikation und der Zusammenarbeit mit den Ländern. Und aus meiner Sicht sind wir auf einem guten Weg, auch wenn wir noch nicht alles erreicht haben. Ich habe immer dieses schöne Diktum von Herbert von Karajan im Hinterkopf, der gesagt hat: Wer alle seine Ziele erreicht, hat sie wahrscheinlich zu nieder gewählt.“ Mein Präsidium entwickelt also gerade weiterführende Themen für die nächsten vier Jahre, ein Schwerpunkt ist wie gesagt das Singen in den Schulen.

Herzlichen Dank für das Interview!

Isabella Klebinger und Michael Franz Woels

Termine:
CHOR:sinfonie
Sonntag, 3. November 2019, 15:00 Uhr
Musikverein
Musikvereinsplatz 1, 1010 Wien

Links:
Österreichischer Chorverband