Fast zehn Jahre nach dem Debüt meldet sich das Wiener Projekt IRIS ELECTRUM rund um den Schlagzeuger, Komponisten und Produzenten JOHANNES WAKOLBINGER mit dem Album „Invitation to my tears” (VÖ: 2. Oktober 2026, introvert utopia) zurück. Ein Gespräch über patriarchale Prägungen, Protest gegen TikTok-Hektik und Zusammenarbeiten wie jene mit Anja Plaschg.
Text: Christoph Gleich
Johannes, wann hast du das letzte Mal geweint?
Johannes Wakolbinger: Das ist tatsächlich schon circa fünf Jahre her. Tränen sind etwas, zu dem ich ganz schwer einen Zugang finde.
„Invitation to my tears” heißt jedenfalls das neue Album. Das klingt erst mal groß, fast wie ein Schild an einer Tür, die man eigentlich lieber zugesperrt lässt. Warum entscheidet man sich trotzdem dafür, alle reinzubitten?
Johannes Wakolbinger: Für mich ist der Titel sehr intim und Ausdruck eines Wunsches. Weinen gehört ja zu den Dingen, die man nicht tun und auch nur begrenzt lernen kann, bei der es also nicht um eine Intention oder um Aktivität geht, sondern ums Loslassen. Und ja, ich möchte da schon auch alle reinbitten und ermutigen, auch ihre Tränen einzuladen – als Ausdruck eines gesunden Umgangs mit der eigenen Verletzlichkeit.
Fast zehn Jahre sind seit dem Debüt von iris electrum vergangen. In der Zeit bauen andere Leute Häuser, kriegen Kinder oder wechseln dreimal den Beruf. Was hast du gemacht, während du nicht an „Musik einer anderen Dimension” gefeilt hast?

Johannes Wakolbinger: Ja, es ist echt lange her. Einiges was du aufzählst, fällt bei mir wirklich in diesen Zeitraum, also zum Beispiel ein Kind kriegen und eine Wohnung umbauen. Den Beruf gewechselt habe ich zwar nicht, aber sozusagen erweitert, indem ich die Pandemiejahre genützt habe meine Recording- und Audio-Produktionsskills auszuweiten. Das vorliegende Album ist sozusagen meine Visitenkarte als Produzent. Außerdem habe ich noch ein kollektiv betriebenes Tonstudio mitaufgebaut, indem auch der Großteil des Albums aufgenommen wurde.
Schlagwerker haben in meiner Erfahrung oft einen völlig anderen Blick auf Harmonie und Melodie als Melodieinstrumentalist:innen – viel mehr vom Impuls gedacht. Hörst du deine Songs im Kopf primär als rhythmische Skelette, über die du später Melodien legst, oder denkst du sofort in Streicher-Akkorden?
Johannes Wakolbinger: Ich denke schon, dass meine Art zu komponieren stark von meinem Hauptinstrument Schlagzeug beeinflusst ist. Jedoch hat sich auch das seit dem letzten Album etwas verändert, hin zu viel Experiment mit Synthesizern, samplebasiertem also „digitalem Instrumentenbau” und Software wie Ableton Live. Meistens beginnen meine Songs aber entweder mit den Lyrics oder mit Akkordfolgen, die ich improvisiere. Im nächsten Schritt, also wie das harmonische Material umgesetzt wird, kommt meine rhythmische Seele ins Spiel. Die Drum-Grooves kommen tatsächlich oft als Allerletztes, wenn es überhaupt noch welche braucht.
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Du schreibst über „Verwundungen durch das Patriarchat”. Wo wird es für dich persönlich konkret und schmerzhaft?
Johannes Wakolbinger: Diese Zeile habe ich über unsere Single „into dust” geschrieben. Ich meine damit den Umstand, dass ich als Kind und Jugendlicher gespürt habe, dass es für den Ausdruck vieler Gefühle wie zum Beispiel Trauer eigentlich keinen Platz oder kein Verständnis gibt. Männlich sozialisierte Personen betrifft das oft noch mehr und somit auch mich. Es geht auch um die „father wound”, also wie sich Kinder fühlen, wenn ihre männlichen Bezugspersonen emotional nicht erreichbar sind. Wie auch beim Albumtitel, geht es mir aber in gleichem Maße um das Benennen gesellschaftlicher Tendenzen, als um das Teilen persönlicher Erfahrungen.
„Release your reason with your heart / learn to trust or we are lost”. Wie schafft man es, so eine Zeile zu schreiben, ohne dass sie komplett in den Kitsch abrutscht?
Johannes Wakolbinger: Da bewegt man sich auf einem sehr schmalen Grat. Ich nähere mich dieser Grenze ganz bewusst an und ob es sich noch ausgeht, kann ich nur von Fall zu Fall intuitiv entscheiden.
Fast das gesamte Album stammt von dir, aber den Song „call me out” hat Friede Merz geschrieben. Wie viel Überwindung kostet es ein Kontrollgenie, mitten in ein so durchkonzipiertes Werk ein Stück zu lassen, das nicht aus dem eigenen Kopf stammt?
Johannes Wakolbinger: In dem Fall war das nicht schwer, da ich Friede zu 100 Prozent vertraue und sie mir auch, sodass ich den Song nach meinen Vorstellungen arrangieren und so ins Album integrieren durfte.
Beim Opener „into dust” hat Anja Plaschg mitkomponiert und die Gesänge produziert. Wenn zwei Menschen im Studio aufeinanderprallen, die beide für dichte Arrangements stehen: Wie klingt es, wenn ihr euch uneinig seid?
Johannes Wakolbinger: Vorweg möchte ich sagen, dass ich sehr glücklich bin über diese Kollaboration. Anja hat ihre Stimme zu „into dust” komponiert, in ihrem unverwechselbaren Still produziert und dem Song damit noch mehr Tiefe gegeben. Meine Produktion des Stücks war zu dem Zeitpunkt aber schon weit fortgeschritten, also gab es dieses Aufeinanderprallen zweier Soundwelten in dem Fall nicht. Ich wäre aber neugierig darauf und hoffe, dass es in Zukunft noch dazu kommt.

Kein Song auf dem Album liegt unter vier Minuten, die meisten ziehen weit darüber hinaus. Im Zeitalter von Anderthalb-Minuten-TikTok-Tracks ist das eine Art Statement. Ist diese Länge sture Verweigerung des aktuellen Aufmerksamkeitsmarktes?
Johannes Wakolbinger: Ja, es ist schon auch ein bissl Protest dabei. Es entspricht meiner Persönlichkeit, eher in die Tiefe zu gehen als sehr viele verschiedene Dinge zu suchen. Und das ist auch, was mich an Musik und Kunst am meisten interessiert. Ich empfinde die Menschen und das Leben als ziemlich komplex und es ist logisch für mich zu versuchen, das abzubilden, was jenseits von Hektik und Dopaminsucht liegt.
„ICH FÜRCHTE MICH IMMER ZIEMLICH, WENN ICH EINE PRODUKTION AUS DER HAND GEBE.”
Ein Elf-Personen-Ensemble im Jahr 2026 ist finanziell und logistisch ein ziemlicher Wahnsinn. Ist dieses Riesensetup ein echter künstlerischer Drang oder auch ein bisschen die Sucht nach dem Moment, wenn elf Leute gleichzeitig genau das tun, was du aufgeschrieben hast?
Johannes Wakolbinger: Der Aufwand ist schon groß. Ich versuche in dem Projekt aber eine meiner Stärken auszuleben, nämlich strukturiert zu arbeiten und lange vorauszuplanen. Künstlerisch finde ich es jedenfalls als erfüllend. Außerdem ist wohl auch hier eine Portion Protest dabei, nämlich etwas zu machen, das eigentlich zu aufwendig ist und sich laut vielen Musikbusiness-Leuten nicht verkaufen lässt. Und natürlich sind die Momente, in denen alle zwölf Musiker:innen in einem Raum sind und zusammen spielen, sehr erhebend.
Max Walch hat gemischt, Mischa Janisch gemastert – beide stehen für einen klaren, teils physischen Sound im österreichischen Popkosmos. Gab es einen Punkt im Mixdown, an dem dir die Akustik-Instrumente plötzlich zu poppig oder zu glattgezogen klangen?
Johannes Wakolbinger: Ich fürchte mich immer ziemlich, wenn ich eine Produktion aus der Hand gebe. Und: Ich hätte das Album auch gerne selbst gemischt, habe aber zum Glück die richtige Entscheidung getroffen und es rechtzeitig aus der Hand gegeben. Da ich stark von Bands wie Son Lux beeinflusst bin, bei denen Audio-Produktion offensichtlich ein gleichwertiger Teil oder eigentlich die Verlängerung der Komposition ist, war mir bei dem Album von Anfang an klar, dass ich auch in diese Richtung gehen will. Die Arbeit mit Max (Walch, Anm.) hat mir die Entscheidung schnell bestätigt, da er sich sehr feinfühlig um alle Details gekümmert hat. Das Mastering von Mischa (Janisch, Anm.) finde ich auch exzellent.
Zum Abschluss: Wenn am 30. September im Radiokulturhaus der allerletzte Ton verklungen ist – bist du dann erleichtert, dass du die anfangs bemühte Tür zu deinen Tränen geöffnet hast? Oder ziehst du diese Tür hinter dir wieder leise zu?
Johannes Wakolbinger: Diese Tür ist gerade erst dabei aufzugehen.
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