Seit 35 Jahren steht skug für kritische Musikkultur jenseits des Mainstreams. Das Wiener Magazin hat früh verstanden, dass Klang auch Denken ist – und dass Subkultur mehr bedeutet als Stilfragen. Statt Trends hinterherzulaufen, widmet sich skug jenen Stimmen, Sounds und Szenen, die sonst leicht überhört werden. Ob experimentelle Elektronik, politische Kunst oder lokale Avantgarde – hier wird über Musik als gesellschaftlichen Prozess gesprochen. Zum Jubiläum am 7. November feiert das Magazin im Rhiz mit einem Salon skug: einer Mischung aus Diskussion, Konzert und Clubnacht, die einmal mehr zeigt, dass Underground immer auch von Leidenschaft und Engagement lebt. skug-Gründungsmitglied und Herausgeber Alfred Pranzl und Chefredakteur Frank Jödicke sprechen im Interview mit Michael Ternai unter anderem über die Anfänge des Magazins, das aufregende an der Nische und welche große Herausforderungen Musikjournalismus bevorstehen.
Das skug ist in der österreichischen Musikbranche fast allen ein Begriff. Und das nicht nur als Magazin. Es legt seinen Fokus nicht nur auf Musik, sondern agiert interdisziplinär. So widmet es sich auch dem Film und biete auch gesellschaftlichen Diskursen Raum. Alfred, du bist ja seit Anbeginn mit dabei. Wie sahen die Anfänge aus?
Alfred Pranzl: Es gab damals einen Koordinator, der hieß Rupert Heim. Er schrieb – wie ich – im Fanzine Chelsea Chronicle. Irgendwann kamen wir jedoch zu dem Schluss, dass das Chronicle unseren Ansprüchen nicht mehr genügte. Wir wollten ein Medium, das – wie du gesagt hast – interdisziplinärer und breiter aufgestellt ist.
Rupert Heim, ein Tiroler, arbeitete auch bei der Extraplatte. Um die passenden Leute für das neue Projekt zu finden, reiste er durch Österreich und gewann einige für die verschiedenen Lokalredaktionen. In Salzburg war das zum Beispiel Didi Neidhart, in Innsbruck – wenn ich mich richtig erinnere – Eva Rottensteiner. In Linz waren Johnny Pichler und Fadi Dorninger als Autoren tätig. Die beiden bildeten damals quasi das Rückgrat von skug. Ich selbst schrieb nur, wie Rupert, der auch viel koordinierte.
Aus dem Medium skug heraus entstand dann skug Research. Die Idee dahinter war, Subventionen zu generieren – was damals etwas Neues war. Ziel war es, Subkultur digital aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Tatsächlich konnten damit viele Förderungen eingeworben werden. Das Printmedium skug selbst hatte allerdings wirtschaftliche Schwierigkeiten und war im Grunde ein Minusposten im Gesamtprojekt. Als den anderen das Magazin irgendwann keine Freude mehr machte, sagten sie zu mir: „Entweder du übernimmst es – oder wir lassen es eingehen.“
Und du hast dich breitschlagen lassen.
Alfred Pranzl: Genau. Ich übernahm die Leitung des skug, obwohl mich das völlig überforderte und in Folge sogar eine Beziehung daran zerbrach. Mein Dayjob ist immer noch bei den Wiener Linien, Ende der 1980er, Anfang der 1990er schrieb ich außerdem für die Arbeiter-Zeitung und die Wiener Zeitung. Eigentlich war mein Ziel, Kulturjournalist zu werden – und skug war mir dann doch so wichtig, dass ich die Verantwortung dafür übernommen habe.

Das war eine große Herausforderung. In der Anfangszeit hat mir Roland Schöny sehr geholfen. Er hatte damals das Artfile ins Leben gerufen und dafür gesorgt, dass aus dem Kunstsektor auch Inserate zu uns kamen – etwa von der Secession und der Kunsthalle Wien. Das half uns, skug auf breitere Beine zu stellen. Ein damaliger Inserent war auch der Linzer Independent-Vertrieb Ixthuluh, dessen Gründer Werner Ponesch später den Posthof Linz leitete. Aus all dem heraus bildete sich schließlich eine feste Redaktion. Mit dabei waren unter anderem Gerhard Stöger, der heute beim Falter ist, oder Thomas Unger. Damals gab es übrigens, vereinfacht gesagt, einen Streit zwischen Gitarren- und Elektronikfraktion. Im Großen und Ganzen aber lief alles recht gut. Von 1999 bis zur Einstellung der Printausgabe 2015, lag skug Dank Deutschlandvertrieb sogar an allen wichtigen Bahnhofskiosken in Deutschland auf.
Was uns auch jetzt in der Gegenwart zu Gute kommt, ist, dass wir einfach unbelastet sind von dem Druck, dass wir irgendetwas publizieren müssen. Wir müssen jetzt nicht, für den oder den etwas schreiben, dass ein Inserat reinkommt. Wir schreiben über Themen, weil sie interessant sind. Einen Artikel zum Beispiel über Sonic Territories findet man im Standard nicht. Bei uns schon.
Frank Jödicke: Was Alfred aus seinem eigenen Leben und aus den 35 Jahren, in denen er die ganze Zeit bei skug dabei war, sehr gut deutlich macht, ist, dass es eigentlich eine bedeutsame, subkulturelle Nische in Österreich gibt, über die es zu schreiben gilt – aber in der leider kein Geld zu verdienen ist. Das ist das Problem. Wenn du das machst, steckst du da Leidenschaft hinein. Das sind wirklich bemerkenswerte künstlerische Positionen im Land, da sind Ideen, da ist eine Art von Aktivismus, dem eine Bühne gebührt. Aber wenn man diese Bühne bereiten will, sei es, weil man als Magazin drüber schreibt oder weil man veranstaltet, dann muss man viel investieren: Zeit, Ideen und eben auch Geld.
Alfred Pranzl: Aber es gibt schon kluge Köpfe, die verstehen, so etwas erfolgreich aufzuziehen Mimie Maggale von Sonic Territories oder Shilla Strelka zum Beispiel. Die wissen schon, wo sie Geld abholen können, auch aus EU-Töpfen. Das machen sie wirklich gut, sonst könnten sie ihre Festivals nicht in der Größe veranstalten, wie sie es in den letzten Jahren getan haben. Sie leisten großartige Arbeit, agieren sehr professionell – und sie leben auch davon. Sie machen wirklich Gegenwartsbezogenes und Zukunftsträchtiges daraus.
Und was Frauen in diesem Betrieb betrifft, lässt sich zum Glück sagen, dass der Anteil an Veranstalterinnen insgesamt gestiegen ist.
Frank Jödicke: Das ist sehr richtig, was du sagst. Aber man muss schon auch sehen, dass das natürlich Teil der Eventkultur ist. Das heißt: Politische Stellen lieben es, wenn einmal groß auf die Pauke gehauen wird – wir kommen alle zusammen, es gibt ein kurzes Blitzlichtgewitter, und dann ist alles wieder vorbei.
Das sieht ja auch Shilla, die inzwischen selbst ein Musikmagazin herausbringt. Und skug ist da eigentlich total unsexy, weil es jeden Tag weitergeht. Wir haben jetzt am 23. Oktober bereits 32 Artikel allein in diesem Monat veröffentlicht.
Das ist wirklich beachtlich …
Frank Jödicke: Dieser Gedanke, dass wir kontinuierlich weitermachen, Phänomene beobachten und innerhalb von skug auch wieder zurückverlinken und zeigen können, dass es bereits vor 15 Jahren einen Artikel zu einem Thema gab – das ist nichts, worauf fördergebende Stellen besonders anbeißen.
Ich finde das aber großartig und möchte das auch mit einer Zahl untermauern: Stand jetzt sind auf skug.at 9.896 Texte online. Das sind natürlich vor allem jene der letzten 15 Jahre. Wir haben uns auch schon einmal um eine Förderung bemüht und gesagt: „Hey, lasst uns doch die alten Hefte alle einscannen und mit entsprechender Software zugänglich machen, damit sie Teil eines skug-Diskurses werden.“ Ein Diskurs, an dem natürlich alle Leser:innen eingeladen sind, teilzunehmen und nachzuschauen – denn es gibt eine ganze Menge österreichische Bands, über die nur skug geschrieben hat.
Es gibt zum Beispiel Performerinnen, die später ins Marketing oder in andere Bereiche gewechselt sind. Aber sie hatten diesen einen Moment, in dem sie etwas gemacht haben, wo man sagen muss: Hey, das war eigentlich gar nicht so schlecht. Und genau davon kann ein Diskurs leben – von einer freien, öffentlichen, diversen und politischen Gesellschaft. Das ist auch das, was Sandro Barberi damals so schön „linke Archive“ genannt hat.
Wir wollen ja einen emanzipatorischen Diskurs fördern – einen, hinter dem weniger Geld steckt. Wenn ich das jetzt einmal im Schema „links – rechts“ sagen darf: Auf konservativer Seite gibt es immer Thinktanks, die genügend Mittel haben, um alles aufzubewahren.
Die linken, inspirierenden Gruppen sind hingegen meistens kurzlebiger, die streiten eine Zeit und lösen sich wieder auf – dabei geht viel Wissen verloren. Und dann kommen wieder neue Leute mit neuem Furor und Begeisterung, was großartig ist und wie wir es ja immer wieder erleben. In letzter Zeit sind neue Magazine entstanden, wie zum Beispiel Unter Palmen, Einige von diesen Autor:innen schreiben jetzt auch bei uns.
Wunderbar, dass es immer wieder neues gibt. Aber ich finde es zugleich auch wichtig, wenn man einen Blick zurückwirft und sieht, was frühere Generationen schon gemacht haben – um dann sagen zu können: „Wir haben vor 15 Jahren schon einmal ein ähnliches Projekt gehabt, aber ihr macht das jetzt genauso großartig. Vielleicht können wir gemeinsam aus diesen Erfahrungen lernen.“ Das wäre das Ideale.
In den letzten 20 Jahren hat sich – was Subkulturen betrifft – sehr, sehr viel verändert. Als ich begonnen habe, gab es natürlich schon Subkulturen, aber sie fanden nur an bestimmten Orten statt. Jetzt habe ich das Gefühl, dass alles diverser und offener geworden ist. Queerness zum Beispiel war damals kein großes Thema – heute schon.
Alfred Pranzl: Also das Queere war zum Beispiel für den Didi Neidhart immer schon sehr wichtig. Der war ja lange Zeit Chefredakteur bei skug.
Habt ihr das Gefühl, dass sich skug schon viel früher bestimmten Themen angenommen hat, die Jahre später eine viel größere Bedeutung erlangt haben?
Alfred Pranzl: Ja, das stimmt. Da waren wir bestimmt Vorreiter.
Frank Jödicke: Die gesellschaftliche Entwicklung – vor allem was soziale Themen betrifft – ist ja insgesamt positiv. Ich finde, Österreich hat sich in den letzten 35 Jahren wirklich entstaubt. Wie sehr skug daran „schuld“ war, lassen wir mal dahingestellt (lacht). Aber wir bemühen uns jedenfalls.

Ich möchte aber noch auf etwas Praktisches hinweisen: Wir können unseren Autor:innen leider kein Honorar zahlen – und das ist wirklich schlimm. Aber wir können etwas bieten, das ich die Solidarität einer Redaktion nennen würde. Man kann uns Texte schicken, die vielleicht noch nicht ganz ausgereift sind. Man kann Fragen stellen, und wir erarbeiten gemeinsam einen Beitrag. Der Text wird korrigiert, redigiert, von unserer Redakteurin Mio Obernosterer professionell lektoriert, mit Bildern und Links versehen – und er erscheint in einem Magazin, das seit gut 25 Jahren online ist. skug ging im Jahr 2000 online, und es ist immer noch da. Es wird gelesen, darauf wird reagiert – und so bleibt es Teil einer größeren Erzählung.
Und das, obwohl wir uns in einem großen medialen Wandel befinden.
Frank Jödicke: Der ist enorm. Früher konnten wir beobachten, dass sich alle fünf Jahre etwas verändert hat. Heute würde ich sagen, ändert sich alles alle fünf Monate. Und dass wir da sagen: „Okay, wir haben noch dieses „alte“ Ding, das ist eine Webpage – aber an die kann man andocken, und dort bleiben die Geschichten auch auffindbar.“ Das ist vielleicht nicht besonders sexy, aber ich finde, das ist eine wichtige Sache.
Alfred Pranzl: Wir sind teilweise eigentlich das komplette Gegenteil von sexy. Wir haben echte Longreads mit 30.000 Zeichen und so – aber die haben wirklich Substanz. Wie gesagt, das kann variieren: Es gibt auch kompakte Artikel mit 3.000 bis 4.000 Zeichen.
Frank Jödicke: Wenn wir jetzt bei diesem as Thema sind, müssen wir einräumen, der mediale Wandel ist durchaus auch eine riesige Misere. Ich denke, sie betrifft euch von mica, sie betrifft uns, sie betrifft aber auch in hohem Maße die Musikerinnen und Musiker.
Und da sind wir wieder bei der zuvor erwähnten Solidarität der Redaktion – oder sagen wir: der Solidarität der Menschen, die künstlerisch aktiv sind, die schreiben usw. Wir alle sind mit einer riesigen Sauerei konfrontiert: Die Arbeit, die wir ins Netz hinausgegeben haben – mit der Hoffnung der 1990er-Jahre: „Lasst uns Hypertext machen, lasst uns die Dinge verlinken, lasst uns sie auffindbar machen, lasst uns weltweit connecten – nach Brasilien, nach China“ – das wird jetzt alles von der KI gestohlen. Es wird einfach abgefischt, und milliardenschwere Konzerne machen daraus eine Bullshit-Bingo-Maschine. Du kannst jetzt mit einem Drei-Wort-Prompt einen leidlich guten Country-Pop-Hip-Hop-Song erzeugen – nur dahinter steckt ja die Arbeit von Menschen. Die ursprünglich mit Hand- und Kopfarbeit Songs gemacht haben! Und diejenigen die per Reinforcement Learning den KI-Blödsinn korrigieren mussten. Davon reden die Tech-Bros nie.
Und jetzt werden mit KI-Songs und KI-Texten die Kanäle völlig zugespült. Hinzu kommt noch, dass Musiker:innen, die sich brav mit ihrem Synthi hinsetzen, komponieren und etwas aufnehmen um es auf YouTube hochladen – und dann erkennt der Algorithmus das als Copyright Infringement, weil fünf Takte irgendwie ähnlich sind wie bei Taylor Swift. Das System ist im Moment verdammt gegen uns aufgestellt, und die Frage ist: Wie reagieren wir darauf?
Hier sucht die ganze Gesellschaft gerade nach Antworten …
Frank Jödicke: Ja, klar. Du merkst schon, wenn ich zu diesen Themen komme, werde ich emotional. Wir haben ja bei skug gemeinsam mit internationalen Kolleginnen und Kollegen etwas entwickelt – das digitales Spiel „Kollektive Intelligenz“, in dem es darum geht, die KI in ihrer Zweigesichtigkeit zu nutzen.
Mehr oder weniger zufällig kommt zur medialen Krise ja auch die Demokratiekrise. Besonders zu Anfang des Jahres 2025 haben wir uns in Österreich große und berechtigte Sorgen gemacht. Dank einer Förderung durch die „Initiative Offene Gesellschaft – Faktor D“, war es skug möglich gemeinsam mit Schweizer Spieleentwickler:innen von Mira LUX Creations und den KI-Entwickler:innen von Artifact ein gemeinsames Medienprojekt zu machen. Die Aufgabe an die KI: Durchsucht doch mal sämtliche online verfügbaren Parlamentsdebatten des österreichischen und des Berner Parlaments. Denn die, seien wir uns ehrlich, liest ja niemand. Aber die KI kann sie für uns lesen – und sucht uns packende Zitate zu bestimmten politischen Themen heraus, zugleich erfindet sie aber noch eines dazu. Dieses Spiel führen wir jetzt im Rahmen der Demokratiewoche, die derzeit im Wiener MuseumsQuartier stattfindet, durch. In einem bestimmten Setting schauen wir dann, was Imagination oder Halluzination der Maschine ist – und was echt.

Ich denke, das ist jetzt die Aufgabe, vor der wir stehen: dass wir gemeinsam schauen, wie wir uns wehren können. Und eines ist klar – wir von skug und unsere Kooperationspartner:innen sind keine Elefanten, sondern eher so etwas wie eine Elefantenfliege. Aber wir wehren uns.
Das Angebot von skug ist: Du kannst auf die Seite skug.at gehen und Texte lesen, die ein Mensch geschrieben hat. Ich schwöre es, ich garantiere es dir.
Du kannst in einen Salon skug kommen, wo du Menschen begegnest – niederschwellig. Du kannst mit ihnen reden, wir können gemeinsam einen Diskurs führen. Du hast etwas im Netz gelesen? Dann lass uns treffen. Lass uns vielleicht ein kurioses, digitales Spiel machen und dann gemeinsam über Demokratie reden.
Siehst Du da eine besondere Aufgabe von skug?
Frank Jödicke: Durchaus. Es geht um diese Begegnung von Leuten in Real World, die sagen: Wir machen Kunst, wir machen Aktivismus, wir machen Journalismus – der meines Erachtens unbedingt dazugehört, denn zu künstlerischen Äußerungen gehört eben auch die journalistische Reflexion oder, von mir aus, auch eine hochtragende 30.000-Zeilen-Analyse – und wir stützen uns dabei gegenseitig, weil ich weiß, dass viele Leute im Netz versinken.
Das ist auch ein Angebot, bei dem ich sage: Wenn sich junge Autorinnen und Autoren, oder auch nicht mehr ganz junge, für etwas interessieren – schreibt uns unter kontakt@skug.at. Da sind Menschen, die sich auf Euch freuen! Und lasst uns vielleicht gemeinsam etwas machen.
Wobei ich zugeben muss: Wir bekommen am Tag 100 bis 150 Mails. Und das ist etwas, woran zum Beispiel John Peel psychisch beinahe zerbrochen ist – weil er gesagt hat: Da sind so viele großartige Bands, aber es tut mir leid, es geht sich einfach nicht mehr aus.
Ich habe auch manchmal Leuten zurückgeschrieben, dass sie ein tolles Projekt hätten und ich mich bei ihnen melden würde – und habe es dann nicht mehr geschafft. Der Tag hat nur 24 Stunden, und dann nehmen wir noch die Nacht dazu.
Ich möchte also einerseits sagen: Bitte, lasst uns gemeinsam etwas machen! Kommt zu den Salons, kommt zu den digitalen Spielen, lasst uns in der echten Welt vernetzen. Arbeitet mit skug, lasst uns das gemeinsam multiperspektivisch am Leben halten.
Aber ich sehe natürlich auch: Manchmal können wir einfach nicht mehr. Und das, obwohl wir in den verschiedensten Bereichen von Mio Michaela Obernosterer, Michael Zangerl, Christoph Benkeser und Ania Gleich hervorragend unterstützt werden.
Das skug ist ja als Kulturmagazin gegründet worden. Im Vergleich zu früher ist es aber auch viel politischer geworden.
Alfred Pranzl: Ja, es ist politischer geworden. Das finde ich auch gut und richtig so, weil die Weltlage einfach so schief geworden ist, dass man sich aus Interesse an den Themen auch damit beschäftigen muss. Von der Grundidee her ist das skug weiterhin ein Kulturmagazin, nur dass wir insgesamt mehr sozialpolitische Theorieartikel veröffentlichen. Aber schon früher haben wir auch politische Inhalte gebracht, wie etwa Rezensionen von politischen Büchern – nur war das früher vielleicht stärker mit der Materie verknüpft. Wir hatten schon immer Artikel über beispielsweise Foucault.
Frank Jödicke: Wenn ich das mal kurz, hochtrabend zusammenfassen darf: An dem Abend, als Jimmy Kimmel abgesetzt wurde, ist Jimmy Fallon aufgetreten und hat gesagt: „Ich weiß nicht, was hier abgeht, und ich glaube, niemand weiß, was hier abgeht.“ Ich denke, das ist ein richtiger Satz. Wir stehen vor gesellschaftlichen, medialen und technologischen Veränderungen, bei denen mir täglich der Mund offensteht und ich denke: Okay…wtf.
Aber ich glaube, eine Möglichkeit, das zu verstehen, sind künstlerische Äußerungen. Es gibt diesen Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Kunst. Und der macht die besondere Nische von skug aus.
Das heißt, wir können jetzt hingehen und sagen wir schreiben große politische Analysen und tun so, als wären wir die New York Review of Books. Sind wir aber nicht und werden auch nicht so gesehen. Wir können aber sagen: „Schau, ich habe diese Performance in einem Hinterhof gesehen, ich habe diese Singer-Songwriterin gesehen.“ Und ich denke sie hat etwas begriffen – vielleicht etwas, das sie nicht explizit politisch ausdrücken wollte, nicht so nach dem Motto: „Ich finde Trump echt doof.“ Sondern sie hat eine bestimmte Lebenswelt, ein besonderes Empfinden abgebildet, und ich kann versuchen dies als Autor zu entschlüsseln. Die Autor:innen von skug versuchen, das transparent zu machen.
Der Grundgedanke stammt dabei noch immer aus jenen kulturkritischen Zeiten, in denen Ernst Bloch sagte: „Akzeptiere nicht, dass die Kunst die Kunst ist und der Krieg der Krieg.“ Überall gibt es Zusammenhänge, die aufgezeigt werden müssen. Dankenswerterweise ist ja der Name Foucault schon gefallen: Schon in den 1980er-Jahren sagte er, der Faden ist gerissen. Wir können nicht mehr erkennen, was die Macht ist, wir können nur die Widersprüche aufzeigen, die sie hinterlässt.
Das ist nicht einfach. Dafür braucht man manchmal 30.000 Zeichen. Aber hey, wir bemühen uns – und laden hier natürlich zu einem machtkritischen, ideologiekritischen Diskurs ein, anhand von so etwas wie scheinbar läppischen Hip-Hop-Songs oder Fernsehserien.
Wobei wir uns immer wieder auch ganz dezidierte politische Kommentare erlauben – zum Beispiel zur Razzia am Peršmanhof. Da sagen wir dann auch: Okay, das ist jetzt nicht irgendetwas mit Kunst, sondern das ist einfach unmittelbar ein politischer Kommentar zu der empörenden Entwicklung, dass plötzlich gegen Antifaschismus in Österreich wieder polizeilich vorgegangen wird. Geschrieben hat den Artikel übrigens eine skug-Autorin, die ihre eigenen kärntnerisch-slowenischen Erfahrungen miteinbringt.
Wie seht ihr die Zukunft des skug? Wie stellt ihr es an, dass es auch in Zukunft Bestand haben wird?
Frank Jödicke: Wir haben dieses Bündnis Alternativer Medien – mit dem Anschläge, dem Augustin, you name it. In gewisser Weise stehen wir alle, die journalistisch arbeiten – und ich arbeite ja auch für andere Magazine, wodurch ich meine Tätigkeit bei skug querfinanziere – vor der Situation, dass wir nicht sagen können, wie es weitergeht. Wir wissen nicht, ob es in fünf Jahren zum Beispiel den Standard noch gibt.
Also lautet die – und das ist eine unmittelbar brennende politische – Frage:
Wollen wir als Gesellschaft, dass es noch Menschen gibt, die professionell schreiben? Die sich ausschließlich mit Journalismus beschäftigen dürfen? Und welches Finanzierungsmodell haben wir dafür?
Eingedenk dessen, dass Blogs und Kommentare ja ganz wunderbar sind – es gibt manchmal Postings unter meinen Artikeln: da hat jemand kritisch zusammengefasst, was ich gesagt habe und ich denke mir, diese Person hat die Problematik eigentlich besser verstanden als ich selbst.
Und wir wollen ja keine Hierarchien, alle sollen ihre Meinung sagen dürfen und ins Internet tippen. Allerdings erlaube ich mir auch all den – manchmal durchaus gehässigen – Schreiber: innen von Posts die Frage zu stellen: Soll es Leute wie mich und meine Kolleginnen und Kollegen in fünf Jahren überhaupt noch geben? Oder sagen wir: Nö, das macht alles der Elon Musk.
Das ist wirklich eine Frage, von dem ich sagen würde: Bei all den Themen, die im Moment brennen, ist das eines der zentralen.
Herzlichen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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7.11.2025, 19:30
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