„Wir vermissen das gemeinsame Unterwegssein.“ – SONJA MAIER und CHRISTOPHER HERNDLER (BAITS) im mica-Interview

Mit „Never Enough“ veröffentlicht die Wiener Band BAITS ihr Debütalbum auf NUMAVI RECORDS. Über zehn Songs ziehen SONJA MAIER, CHRISTOPHER HERNDLER, FAZO und JULIAN WERL den MTV-Vibe der 1990er auf, um ihn mit vier Füßen am Fuzz-Pedal auf die österreichische Indie-Szene zu rotzen. Damit das Ganze – jo eh – auf der safen Seite bleibt, schwirren statt viralen Aerosolen Banger-Riffs herum. Diagnose: Ohrwurm-Potenzial im kritischen Zustand. Heilung verspricht nur Überaffirmation. Noch mehr Hymnen, noch mehr Hooklines, bei denen man während der Ausgangsbeschränkung durchs Wohnzimmer eiert wie ein Hustinettenbär auf Speed. Wie man mit wenig Geld ein Blockbuster-Musikvideo dreht, warum dafür die Feuerwehr ausrückt und was zu einer Horrorfilm-Karriere fehlt, haben SONJA MAIER und CHRISTOPHER HERNDLER im Gespräch mit Christoph Benkeser erklärt. 

Was habt ihr heute schon erledigt?

Christopher Herndler: Ich war arbeiten.

Sonja Maier: Ich habe Ferien. Mein Freund richtet sich gerade sein eigenes Tattoo-Studio ein, wir haben uns Vintage-Möbel angesehen.

Damit sitzt du an der Tattoo-Quelle. 

Sonja Maier: Solltest du dir mal eins stechen lassen sollen …

Komm ich zu ihm. Die Band ist schon durchtätowiert, oder? 

Christopher Herndler: Ein paar habe ich schon.

Sonja Maier: Ich habe mich nur im Studio pecken lassen. Fazo hat eine lustige Mischung, weil er’s schon selber gemacht hat.

Christopher Herndler: Der hat einen Tisch, von dem ein Hut runterfällt.

Sonja Maier: Man weiß zuerst nicht genau, was es ist. Ich habe ihm mal als Dankeschön fürs Produzieren von einem meiner Nebenprojekte ein Tattoo-Set gekauft. Mittlerweile hat er es seiner Freundin geschenkt, die jetzt tätowiert – und das schaut sehr cool aus!

Wann habt ihr euch zum ersten Mal tätowieren lassen? 

Sonja Maier: Das ist schon lange her, mit 21! Christopher, bei dir war das Erste der Roboter, oder?

Christopher Herndler: Na, der Charles Bradley.

Sonja Maier: Zu der Zeit warst du schon in der Band!

Christopher Herndler: Ja, vor drei Jahren. Irgendwann hatte ich so viele Ideen für Tattoos, also habe ich mir gedacht: Jetzt bin ich alt genug, scheiß drauf.

Sonja Maier: Man braucht ein Scheiß-Drauf-Gefühl dafür. Mein erstes Tattoo entstand nach einer Trennung. Inzwischen muss ich mir gut überlegen, was ich noch mach.

Wegen fehlendem Platz – oder dem Motiv? 

Sonja Maier: Wenn’s geil ausschaut, danke, passt! Da steckt keine Geschichte mehr dahinter. Es sind eher ewig währende Momentaufnahmen.

Christopher Herndler: Ich schneide gerade eine Doku über einen Aussteiger aus der Neonazi-Szene. Der hat am ganzen Rücken ein Hakenkreuz …

Da kannst dann nur noch drübertätowieren …

Christopher Herndler: Du kannst daraus einen schwarzen Kreis machen. Wenn ich mir ab und zu ein Katzerl tätowiere, muss ich mich nicht drum kümmern.

Ja, es gibt einen Unterschied zwischen einem Tattoo und einem scheiß Nazi-Tattoo.  

Christopher Herndler: Vor allem wenn es der ganze Rücken ist!

Sonja Maier: Immerhin siehst du es dort nicht selbst. Bei mir ist das Problem genau umgekehrt: Ich habe eine superschöne Tätowierung am Rücken – und kann sie nie sehen.

Dafür kannst du es herzeigen, ohne dich für den Rest deines Lebens zu schämen. Das richtige Wetter hätten wir heute ja.  

Sonja Maier: Ich hatte nichts von der Sonne, weil ich E-Mails beantworten musste … 

Von euch bekomme ich wahrscheinlich die schnellsten E-Mail-Antworten aller Bands aus Wien. 

Sonja Maier: Obwohl oder gerade, weil alle Zugriff auf die Mails haben.

Trotzdem schreibst nur du, Sonja. 

Sonja Maier: Ich schreib sehr viel, sitze aber mit Distance Learning sowieso vor dem Computer.

Christopher Herndler: Wer die Mail zuerst sieht, antwortet.

Sonja Maier: Demokratische Arbeitsteilung funktioniert bei uns gut.

So wie euer Internetauftritt. Ich habe vorhin eure MTV-trifft-Meme-trifft-Gaga-Videos gesehen. Die machen was her! 

Sonja Maier: Und entstehen in der Gruppe. Wir haben eine Idee, der Rest passiert organisch. Fazo braucht Material und fragt, wer Lust hat, etwas zu machen. Alle schicken ihre Videos. Fazo editiert. That’s it. Dafür fragen uns manche schon mal, welches Marketing-Genie hinter diesen Videos steckt. Tja, niemand. Das sind wir und der Humor, den wir alle haben.

Christopher Herndler: Gleichzeitig ist es die Weiterentwicklung unserer Memes. Das passiert aus einer Spielerei heraus, wir schicken uns viel Zeug zu. Bei Fazo denkt man sich manchmal, der schaut die ganze Zeit nur ins Handy. In Wirklichkeit bastelt er schon am nächsten Video.

Sonja Maier: Fazo ist der größte Hustler der Band. Schließlich betreibt er zusätzlich sein eigenes Projekt DeathDeathDeath, macht viel für andere Bands, zum Beispiel Videos für Zinn – oder die holländische Band Charlie & the Lesbians. Überhaupt ist Baits gut aufgestellt. Christopher ist Video-Spezialist, Julian hat gerade einen 18-stündigen Soundtrack für das Grazer Performancekollektiv Das Planetenparty Prinzip produziert.

Christopher Herndler: Da hat Fazo auch einmal gespielt, oder?

Sonja Maier: Genau, mit Melt Downer. Jedenfalls haben wir überall unsere Stärken. Ich mach gerade auch ein Nebenprojekt mit Marten von Kids N Cats.

Etwas Neues? 

Sonja Maier: Ja, das wird ein bisschen poppiger. Er war damals bei einer unserer Live-Shows, hat mich gefragt, ob wir was machen wollen und ich: Why not? Für mich ist das eine Challenge und es macht Spaß, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten.

Bei euch entsteht viel aus Nebenprojekten, oder? 

Sonja Maier: Man fängt an, merkt, dass es gut geht, auf einmal bekommt die Sache eine Eigendynamik. So wie bei unserem Black-Metal-Video. Das schaut nach einer riesigen Produktion aus, tatsächlich waren wir zu fünft.

Ja, das sieht nach Kurzfilm im Blockbuster-Format mit Mega-Budget aus. Wie viel war’s wirklich?

Sonja Maier: 2000 Euro und ein paar Zerquetschte für Outfit und Make-up. Der Rest kommt von uns: Wir haben das Drehbuch geschrieben, die Produktion, Kamera und den Drucker organisiert.

Christopher Herndler: Den haben wir in Klosterneuburg gratis abgeholt.

Sonja Maier: Gestern bin ich durch den 17. Bezirk spaziert – da stand ein Drucker einfach auf der Straße.

Hast du ihn, wie im Video, abgefackelt? 

Sonja Maier: Na, geh! 

Christopher Herndler: Übrigens: Falls jemand das niedergebrannte Ding aus dem Video haben will, das steht noch bei mir in der Garage!

Haben sich nach dieser rituellen Druckervernichtung nicht sofort zehn Umweltorganisationen bei euch gemeldet? 

Sonja Maier: Wir haben den sogar unter der Aufsicht eines erfahrenen Pyrotechnikers abgefackelt! Der hat schon Pyro für Kiss in der Stadthalle und bei Dancing Stars gemacht.

Aber nicht der Christian Sturtzel?

Sonja Maier: Jaaa! Der war so witzig.

Da schau! Als Assistent habe ich mal eine Zeitlang in der Unterhaltung für den ORF gearbeitet, unter anderem beim Musikantenstadl. Dort hatte der Sturtzel immer die größte Freude, weil er gefühlt drei Tonnen Konfetti verschießen durfte. 

Sonja Maier: Er liebt, was er macht, oder? Deshalb hat sich seine Freude auf uns übertragen – und unsere Freude auf ihn. Das war gute Energie.

Christopher Herndler: Ursprünglich haben wir uns bei ihm nur nach ein paar Fackeln erkundigt.

Sonja Maier: Und am Schluss waren es sechs Meter hohe Feuerbälle. 

Christopher Herndler: Obwohl wir ihn nur gefragt haben, wie man einen Drucker anzünden kann, ohne, dass etwas passiert. Deshalb kann ich wegen der Umwelt auch entwarnen: Der Drucker ist nicht wirklich abgefackelt, weil er ihn mit einer speziellen Paste eingeschmiert hat. Dafür ging im Nebenort der Feueralarm los.

Sonja Maier: Da habe ich mir schon gedacht, jetzt brenn’ ma uns aus.

Die Feuerwehr rückte wegen euch aus? 

Christopher Herndler: Das Video spielt fast komplett in einem Ort. Ich habe davor alle Stellen abgeklappert, also mit der Feuerwehr Schönberg, der aus Langenlois und mit dem dortigen Detektiv- und Polizeibüro telefoniert. Deshalb war alles super safe, auch weil ich ihnen versprochen habe, dass wir anrufen, bevor wir loslegen. Nachdem ich Bescheid gab, hörten wir einen Alarm. Ich rufe also nochmal an. Aber die haben nur gesagt: „Na, des ist nicht wegen euch, es brennt nur im Ort!“

Sonja Maier: Für einen kurzen Moment waren wir deshalb am Rande des Wahnsinns! Nachdem wir das Video fertig gedreht hatten, waren wir so erledigt.

Christopher Herndler: Nach zwei durchgetakteten Drehtagen!

Sonja Maier: Außerdem haben wir alles selber gemacht, das ganze Make-up … Man muss sich vorstellen: Wir standen im Wald, es war Sommer und um uns herum schwirrten Millionen von Mücken! Du merkst, wie sie dir ins Gesicht fliegen und picken bleiben. Aber du kannst sie nicht angreifen, weil du sonst alles verschmierst. Seitdem habe ich noch mehr Respekt vor Black-Metal-Bands, die mit Corpse-Paint auftreten.

Christopher Herndler: Ja, das Zeug pickt. Bis man das wieder runterbekommt …

Sonja Maier: Auch weil wir Spray verwendeten, damit es pickt. Wir hatten das schließlich für alle Szenen drauf.

Christopher Herndler: Am heißesten Wochenende im September!

Sonja Maier: Am Tennisplatz hat es runtergebrannt … Trotzdem war es ein Spaß für alle. Genauso das Video zu „Liberate You“, das Kurdwin Ayub gemacht hat. Eigentlich wollten wir letztes Jahr im Mai drehen, aber: Lockdown. Wir organisierten einen neuen Termin, wieder: Lockdown. Wir haben dann gesagt: Lass es uns mit dem geringstmöglichen Aufwand umsetzen. Kurdwin, ich und unsere Partner haben uns im Haus der Oma von Kurdwins Freund getroffen. Sie war Religionslehrerin, deshalb hängen dort Poster mit Päpsten. Wir haben zwei Flaschen Rotwein getrunken und die Sache Kurdwin-Style umgesetzt, sind also in den Keller runter und haben unseren Boys gesagt, dass sie uns angehen und anfassen sollen – weil es echt ausschauen muss! Erster Durchgang, wir hetzen die Stiegen hoch, schreien rum, unsere Freunde hinter uns her. Im Wohnzimmer bin ich ausgerutscht und bekam eine Beule. Als wir uns das Material mit Ton angesehen haben, war es wirklich grausig. Sogar der erste Cut, den Kurdwin später gemacht hat, war zu arg. Deshalb mussten wir entschärfen. Schließlich wollen wir den Pop-Glanz behalten.

Die Uncut-Version könnte es dann in euren Newsletter schaffen. 

Christopher Herndler: Oder wir schicken es zum Slash Filmfestival ein.

Die Parallelen wären da. 

Sonja Maier: Ja, Kurdwin hat 2018 den Trailer für das Slash gemacht. Damals haben wir den Mayhem-Spielfilm gesehen.

„Lords of Chaos“ war das, oder? Was habt ihr euch nach dem Film gedacht? 

Sonja Maier: Ich bin großer Black-Metal-Fan, aber schon lange weg von diesem Kult, den man Bands zugeschrieben hat. Deshalb machen wir uns über die Ästhetik lustig. Liest man sich zum Beispiel Darkthrone-Interviews durch, merkt man schon, dass sie einen guten Sinn für Humor haben – im Gegensatz zu anderen Bands, die alles viel zu ernst nehmen …

Der Film ist von Vice mitproduziert, ich habe damals für die gearbeitet, musste den also mitpromoten. Mein Gedanke: Sie wollten unbedingt einen lustigen Film produzieren, das kam so …

Sonja Maier: Hollywood-lustig rüber! Dass sich manch richtige Black-Metaller dadurch richtig ans Bein gepisst fühlen, hat es für mich noch unterhaltsamer gemacht. Man nimmt sich nach dem Film nicht mehr so ernst!

Damals habe ich auch gemerkt, dass man der Black-Metal-Community nichts vormachen kann. In einem Posting auf Facebook verwechselte ich einen Mayhem-Fakt. So viel Postings wie in der folgenden Stunde, hatte die Seite seit Jahren nicht mehr …  

Sonja Maier: Wir waren nach unserem Video auf viel Hate von Black-Metallern eingestellt. Aber es kam nichts – bis auf einen Kommentar, den wir humorvoll rumbekommen haben.

Weil ihr das ganze zwar lustig meint, aber immer auch ein bisserl Ernst mitschwingt? 

Sonja Maier: Fazo und ich mögen Black Metal. Julian überhaupt nicht. Der hatte nicht mal eine schwarze Hose. Er musste für das Video – er war ja gerade erst neu in der Band – ins eiskalte Wasser springen. Und Chrisi, du bist ja auch kein Black-Metal-Fan, oder?

Christopher Herndler: Ich interessier mich schon dafür. Aber ich hör andere extreme Musik.

Was heißt andere extreme Musik? 

Christopher Herndler: In meiner Gymnasiumzeit spielte ich Schlagzeug. Ich kam von Tool über The Mars Volta bis The Dillinger Escape Plan. Mir ging es dabei um arge Rhythmusverschiebungen. Um aber zurückzukommen auf die Frage nach dem Ernst: Mir machte der Dreh Spaß. Er fand in jenem Ort statt, in dem ich während meiner Kindheit die Sommer verbracht hatte. In dieser Aufmachung dort aufzutauchen hat mir – trotz des Stresses während des Drehs – eine Gaude bereitet. Die Leute haben mich erkannt – und haben es auch lustig gefunden.

Sonja Maier: Es gab nur einen Radlfahrer, der uns angestänkert hat.

Das war sicher ein Wiener.

Christopher Herndler: Ja, wahrscheinlich so einer mit Zweiwohnsitz. Bis auf den Typen fanden das aber alle gut! Dem Mann von der Tankstelle hatte so viel Spaß, jedes Mal, wenn ich dort vorbeikomme, ist das Video Thema. Für ihn war es das Highlight der letzten 30 Jahre!

„WAS IST WEIRDER ALS EINE CORPSE-PAINT-BAND IN EINEM RUHIGEN WALDVIERTLER ORT?“

Nach dem Motto: Endlich passiert was!

Sonja Maier: Wir wollten es optisch absurd und weird haben. Klar, der Drucker musste fackeln, das stand fest. Aber: Was ist weirder als eine Corpse-Paint-Band in einem ruhigen Waldviertler Ort? Mit sonnigen Bildern, im Schwimmbad, am Tennisplatz – das geht sich normalerweise nicht aus. Es ging uns um den Kontrast, um die Provokation, ums Anecken.

Und der Drucker steht metaphorisch für die Arbeit, und den Struggle, den sie bereitet. 

Sonja Maier: Ja, und für den Zwang, arbeiten zu müssen, um sich das Musiker-Dasein leisten zu können. Ich spiele seit zehn Jahren in Bands. Man sollte glauben, ich könnte mir davon was leisten. Tatsächlich stecke ich mein erarbeitetes Geld hinein. Dabei kann ich froh sein, dass ich meinen Job habe. Ursprünglich wollte ich mich Anfang 2020 mit der Musik selbstständig machen.

Die Entscheidung dagegen wirst du mit dem Wissen um die letzten Monate nicht bereut haben. 

Sonja Maier: Genau. Fazo wollte sich auch selbständig machen. Beim AMS-Programm haben sie ihm gesagt: „Machen’s des jetzt net.“ Das spiegelt meine Wahrnehmung wider. Ich kenne kaum Bands, die von ihrer Musik leben können – vor allem jetzt.

Sandro Nicolussi, ein Wiener Produzent, hat zuletzt zu mir gesagt: Den Underground muss man sich leisten können.

Sonja Maier: Absolut. Wenn alle arbeiten müssen, fehlt die Zeit, kreativ zu sein. Außerdem kostet Qualität bei Aufnahmen einfach Geld.

Das merkt man bei euch: Zwischen ersten Demo-Tapes und der Platte liegen drei Galaxien. 

Sonja Maier: Für uns auch! Am Anfang nahmen wir im Proberaum mit einem 8-Track-Bandmaschine auf. Für den Aufwand sind die Aufnahmen noch heute cool. Trotzdem klang es irgendwann nicht mehr so, wie ich es gerne gehabt hätte.

Christopher Herndler: Wobei wir die Pre-Production für „Never Enough“ auch im Proberaum aufnahmen.

Sonja Maier: Und später mit Fazo im Studio. Er arbeitet im LW Sonics Studio in Wien. Dort mussten wir uns keine Gedanken machen, wie teuer der Aufnahmetag ist. Das kann arg stressen!

Der Druck, im richtigen Moment zu funktionieren. 

Sonja Maier: Ja, voll. Außerdem hat man Zeit herumzutüfteln. Zum Beispiel konnten wir den Amp in den Gang stellen und voll aufdrehen. Weil das quasi eine Lagerhalle ist, war der Hall ein Wahnsinn.

Dadurch lassen sich happy accidents provozieren. 

Christopher Herndler: Genau, davor war das bei uns anders. Ich kam nach der Arbeit ins Studio, mit dem Schädel ganz woanders. Gleichzeitig hat man einen Stress, weil man schon an den nächsten Arbeitstag denkt. In dem Moment, wo wir anfingen, bei Fazo aufzunehmen, war das weg.

Sonja Maier: Ja, wir haben inzwischen schon neue Songs aufgenommen, das passiert ganz organisch – Christopher und ich bringen die Ideen, im Dropbox-Ordner suchen sich alle ihre Favorites aus und dann treffen wir uns im Studio. Dort steht alles bereit, wir nehmen die Jams einfach auf. Das funktioniert ohne Stress. Zeitdruck würde den kreativen Prozess zerstören.

Weil man nicht auf Knopfdruck kreativ sein kann? 

Sonja Maier: Es geht auch um die Stimmung. Manche Demos funktionieren nicht, wenn wir sie einspielen. Zwei Wochen später versuchen wir es noch einmal – und es passt.

Christopher Herndler: Das Herumdoktern passiert auch im gechillteren Setting. Wir wissen aber, dass wir uns die Zeit nehmen können. Zu sagen, dass der Vibe grad nicht passt, ist ein Luxus.

Bild Baits
Baits (c) Katharina Schmalzhofer

Und trotzdem steht das Album mit seinen zehn Tracks jetzt. 

Sonja Maier: Wir sind gefühlt zehn Kilo leichter! Ich habe das in einem anderen Interview mit einer zweijährigen Schwangerschaft verglichen. It happened, das Kind ist wohlauf. Danke, next!

Schön, dass es so fertig rauskam. 

Sonja Maier: Eigentlich war der Release für September 2020 geplant. Wir haben wegen Corona verschoben. Jetzt ist es auch nicht besser. Wir freuen uns drauf, es irgendwann live zu spielen. Aber die Platte ist abgehakt.

Klar, die Tour fehlt. Ihr hattet Live-Streams, aber das ist wieder was anderes.

Christopher Herndler: Es hört sich live auch anders an als auf Platte.

Sonja Maier: Unser Booker schiebt alle Termine in den September. Wenn’s dann nicht geht, machen wir in einem Jahr eine Anniversary-Re-Release-Party. Ich versteh, wenn Leute wieder auf Konzerte wollen. Aktuell geht es halt nicht.

Die neverending sameness geht weiter. Jeder Tag ist Groundhog Day.

Sonja Maier: Genau, du arbeitest von zu Hause, isst zu Hause, trinkst Kaffee zu Hause, um später weiter von zu Hause zu arbeiten, danach einen Film zu schauen und ins Bett zu fallen.

Das ist auf Dauer nicht erfüllend.  

Sonja Maier: Wir vermissen das gemeinsame Unterwegssein. Die Grenzen sind dicht, Julian sitzt sogar in Tschechien fest. Das ist eine besondere Situation. Schließlich sehe ich die Band normalerweise häufiger als meine Familie. Das Aufeinanderpicken fehlt.

Und das Reiben?

Sonja Maier: Bei uns wird es schon laut. Fazo und ich schreien uns regelmäßig an.

Christopher Herndler: Schlimmer wäre es, wenn es nicht so wäre.

Sonja Maier: Mir ist lieber, man sagt mir „Bist du deppert“ ins Gesicht, als unterschwellige, passiv-aggressive Konflikte brodeln. Nachtragend ist bei uns niemand, oder?

Christopher Herndler: Immer Recht zu haben, ist auch fad.

Das sagt sich so leicht!

Christopher Herndler: Aber es ist so. Damit habe ich lange gehadert. Trotzdem gehört es dazu.

Sonja Maier: Wir haben unsere eigenen Zugänge, bleiben aber konstruktiv.

Würdet ihr gerne mehr streiten?

Sonja Maier: Dafür seh ich keinen Grund, weil wir keine streitlustigen Egos haben. Am ehesten passiert noch ein Auszucker im Chat.

Im Chat?

Sonja Maier: Weil irgendjemand etwas missversteht.

Ich habe gedacht, ihr schickt euch nur Memes hin und her.

Sonja Maier: Das ist prinzipielle Baits-Kommunikation!

Christopher Herndler: Es gibt Memes, von denen man überzeugt ist, dass sie lustig sind – aber die anderen finden es dann nicht so cool oder verstehen den Zusammenhang nicht.

Sonja Maier: Trotzdem entstehen aus solchen Konflikten immer positive Dinge. Man lernt sich besser kennen, baut Vertrauen auf, kann sich zunehmend mehr auf die anderen verlassen. Das braucht auch den Streit.

Christopher Herndler: Man müsste erst mal definieren, ab welchen Punkt ein Streit ein Streit ist.

Die Bandbreite geht von Missverständnissen durch unlustige Memes bis Teller als Wurfgeschosse, glaub ich. 

Christopher Herndler: Bei uns passieren Streits nicht absichtlich. Wir drücken uns nichts rein, das ist wichtig. Streits entstehen eher, weil man von der eigenen Idee, vom eigenen Anliegen überzeugt ist.

Sonja Maier: Wenn es hitzig wird, zeigt sich auch, wie wichtig es ist, was wir machen. Es darf nicht jeder Schas akzeptiert werden, sonst gäbe es keine Entwicklung mehr.

Kein Streit wäre Stillstand. 

Sonja Maier: Genau, alle bringen unterschiedliche Ideen ein, wir diskutieren. Dadurch bleiben wir auf einer Wellenlänge.

Und der Organismus Baits lebt. 

Sonja Maier: Wir denken dabei an die Hip-Hop-Crews von früher. Alle bringen was mit. Auf alle kann man sich verlassen. Und jede einzelne Person profitiert von den anderen. Das ist der Crew-Effekt, auf den wir immer hinarbeiten.

Das wirkt nicht nur ehrlich, man nimmt es euch sofort ab. Dabei hast du vor einem Jahr noch gesagt, dass alles schief gehen werde, was schief gehen könne. 

Sonja Maier: Das trifft trotzdem zu. Die Platte ist zwar draußen – aber noch nicht da, weil es Probleme mit dem Presswerk gibt. Spotify zeigt an, dass die Platte 2020 rauskam. Die Tracklist stimmt nicht. Deshalb nehme ich den Satz auch nicht zurück.

Christopher Herndler: Immerhin hat der Stream zum Release-Termin wunderbar funktioniert.

Sonja Maier: Trotz des Aufwands! Wir haben ja gerechnet, dass wir irgendwann nur noch Instagram Live machen werden, weil nichts mehr funktioniert. Das hat aber echt gut gepasst.

Das heißt, die Twitch-Karriere als zweiter Bildungsweg ist möglich. 

Sonja Maier: Wenn die Tiroler Mutation zuschlägt, sitzen wir noch länger zu Hause. Dann müssen wir wohl einen Twitch-Kanal von Baits machen.

Herzlichen Dank für das Interview!

Christoph Benkeser

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Links:
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