Bild Die Gewürztraminer
Die Gewürztraminer c Dominik Essletzbichler

„Wir probieren einfach alles aus […]“ – GIDON OECHSNER und DANIEL SCHOBER (DIE GEWÜRZTRAMINER) im mica-Interview

Die Wiener Truppe GEWÜRZTRAMINER lebt die musikalische Freiheit, sie spielt Musik, die sich in keiner Weise in eine Kategorie hineinzwängen lässt, und spannt den Bogen von der Unterhaltung hin zum Anspruch auf wirklich mitreißende Art und Weise. Das im April erscheinende vierte Album der Band A bissl übertrieben” (VÖ: 17.4.) zeigt sich einmal mehr als ein wunderbar mitreißender Mix aus Gypsy-Swing, Balkansounds, Soul, Klezmer, Hip-Hop, Rock und Reggae, es lässt die HörerInnen ausgelassen abtanzen und abfeiern, gleichzeitig lädt es aber auch zum intensiven Hinhören ein. GIDON OECHSNER und DANIEL SCHOBER, zwei der sechs Köpfe der GEWÜRZTRAMINER, sprachen mit Michael Ternai über die musikalische Entwicklung der Band, den Sound, den sie immer verwirklichen wollten, und die große Mühe, die man sich dieses Mal gegeben hat.

Euer neues Album „A bissl übertrieben” ist stilistisch einmal mehr unglaublich vielfältig ausgefallen. Lässt sich das auf den Umstand zurückführen, dass ihr zu sechst in der Band seid und jeder kreativen Input liefert?

Albumcover A bissl übertrieben
Albumcover “A bissl übertrieben”

Gidon Oechsner: Das kann man in etwa so sagen. Aber auch nicht ganz. Bei uns ist es so, dass jeder einmal eine Idee mitbringt, die wir dann zusammen arrangieren und weiterentwickeln. Dass wir wirklich als Sextett etwas komponieren, kommt eigentlich kaum vor. Ich glaube, die erste Nummer unseres „Tanzverbot“-Albums, „Nackte X“, war eine, die wir zusammen gemacht haben. Das war wirklich eine komplett konstruierte Nummer. In der Regel ist es so, dass eine Nummer immer auf einen Einzelnen zurückgeht. Mit Atanas [Dinovski; Anm.] und Julian [Wohlmuth; Anm.] haben wir auch zwei super Komponisten am Start, die ihr Handwerk wirklich verstehen. Sie haben für das neue Album jeweils zwei Nummern beigesteuert.

Daniel Schober: Jeder, der mit einer Idee ankommt, kann diese auch umsetzen, vorausgesetzt, wir finden sie alle leiwand. Theoretisch probieren wir immer alles aus und meistens entwickelt sich aus einer Idee auch etwas, was uns allen taugt.

„Man kann nur mit akustischen Instrumenten auch richtig Rock machen.“

Hört man sich durch eure neuen Nummern, bekommt man schnell den Eindruck, dass ihr so wirklich absolut keine musikalischen Berührungsängste zu haben scheint.

Daniel Schober: Ja, das stimmt. Grenzen im musikalischen Sinne kennen wir echt keine.

Gidon Oechsner: Man kann auf jeden Fall sagen, dass es bei uns nicht immer klassisch popartig abläuft. Die Nummern, die ich schreibe, spiegeln im Grunde genommen auch meine Hörgewohnheiten wider. Privat höre ich von Gypsy-Swing und Jazz über Hip-Hop bis zu Heavy Metal alles. Und das, glaube ich, hört man. Es kommt einfach alles mit rein, was mir taugt. Und ich denke, dass ist bei den anderen auch so.

Daniel Schober: Wir probieren einfach alles aus, worauf wir Bock haben. Wir sind bei dem Album zum Beispiel draufgekommen, dass man die Kombination aus Gypsy-Gitarre und Akkordeon fast wie eine E-Gitarre klingen lassen kann. Die Kombination ergibt einen richtig schönen rockigen Sound, den wir auf dem Album ziemlich oft verwenden. Man kann nur mit akustischen Instrumenten auch richtig Rock machen.

Was, würdet ihr sagen, ist der größte Unterschied zwischen dem letzten und dem neuen Album?

Gidon Oechsner: Ich denke, ein großer Unterschied ist, dass sich das Team um uns weiter geformt hat und ein Haufen neuer Leute hinzugekommen ist. Ich finde, das hat uns geholfen, musikalischen nochmal einen wahnsinnigen Schritt nach vorne zu machen. Vor allem der französische Gitarrist Olivier Kikteff hat uns viel weitergebracht. Er hat nochmal irrsinnig viel an Feinheiten in die ganze Sache hineingebracht und uns, was Arrangements und Melodien betrifft, für wirklich viel Neues die Augen geöffnet. Darüber hinaus haben wir mit Martin Schiske einen Produzenten mit an Bord gehabt, der sich unglaublich engagiert hat. Ebenso wie David Furrer, der das Album abgemischt hat. Die ersten Alben sind alle noch eher in eine jazzige Richtung gegangen. Wir haben praktisch live eingespielt und erst dann geschaut, was man soundmäßig machen kann. Dieses Mal ist von der Produktion her alles am Punkt. Wir haben geschaut, dass wir die Sachen wirklich perfekt auf die Aufnahme bringen.

„Ich hatte eigentlich schon zu ‚Tanzverbot‘-Zeiten die Idee, etwas mit einem nicht so jazzigen Soundkonzept zu machen.“

Hattet ihr für euer neues Album eigentlich so etwas wie eine musikalische Grundidee? Wo wolltet ihr dieses Mal hin?
Gidon Oechsner: Ich hatte eigentlich schon zu „Tanzverbot“-Zeiten die Idee, etwas mit einem nicht so jazzigen Soundkonzept zu machen. Ich empfinde unsere Musik generell als sehr tanzbar und eigentlich auch als poppig. Ich hatte immer eine gewisse Soundvorstellung, die wir aber aus verschiedenen Gründen nicht hinbekommen hatten. Mit dem neuen Album aber sind wir dieser, glaube ich, sehr nahe gekommen.

Bild Gidon Oechsner Daniel Schober Atanas Dinovski
Gidon Oechsner, Daniel Schober, Atanas Dinovski

Daniel Schober: Wir haben davor zwei Alben gemacht, bei denen wir mit dem Sound nicht so zufrieden waren. Was natürlich auch dadurch bedingt war, dass immer alles sehr eng geplant war. Wir betreiben ja selber ein Label, was bedeutet, dass wir auch immer die vollen Kosten tragen. Daher ist für die Aufnahmen, das Mixen und Mastern bisher immer nur ungefähr ein Monat geblieben. Dieses Mal hatten wir – auch wegen der Crowdfunding-Aktion, die doch etwas eingebracht hat – drei Monate Zeit, was es uns ermöglichte, die richtigen Leute zu finden und uns für unsere Verhältnisse extrem viel Zeit zu nehmen. Unsere Crowdfunding-Aktion war also durchaus erfolgreich. Wir hatten ein paar Großspender und natürlich auch kleinere Spenden. Aber natürlich haben wir auch einiges aus unserer eigenen Tasche gezahlt. Aber wir wollten das Album so machen, wie wir es immer machen wollten, daher spielte das Geld jetzt auch keine große Rolle [lacht].

Gidon Oechsner: Das ist auch ein Grund für den Titel. Wir wollten versuchen, vom Sound her eine richtige Pop-Produktion zu schaffen, was früher gar nicht zu uns gepasst hatte. Aber jetzt haben wir es halt einmal wirklich übertrieben und geschaut, was geht und was wir alles machen können. Und das spiegelt sich natürlich auch in der Musik wider, weil wir auch spielerisch absolut an unsere Grenzen gegangen sind. Wir haben uns wirklich tief reingekniet, um so viel wie irgendwie möglich herauszuholen.

„Es scheint auf jeden Fall so, als wäre unser Publikum für alles aufnahmebereit, auch für komplizierte Instrumentalstücke.“

Das Spannende an eurer Musik ist, dass sich in ihr Unterhaltungsfaktor und Anspruch wirklich wunderbar ergänzen. Es passiert in den Stücken musikalisch unglaublich viel und dennoch gehen sie ab wie die Post. Vor allem live.

Daniel Schober: Wir sind halt eine Live-Band. Wenn wir auf der Bühne stehen, geht es uns darum, dass die Leute ab der zweiten Nummer dabei sind und herumspringen wie die Blöden und den größten Spaß ihres Lebens haben. Letztes Jahr haben wir Supportshows für die deutsche Blasmusikgruppe LaBrassBanda gespielt. Da standen wir dann vor 1.500 Leuten, die eigentlich auf Blasmusik warteten und dann uns vorgesetzt bekamen. Die flippten voll aus, obwohl sie uns eigentlich gar nicht kannten. Nach unserem Auftritt im Saarland sind einige aus dem Publikum zu uns gekommen und haben gefragt: „Wieso kennt man euch nicht?“ Das Schöne ist, dass es fast immer so ist, auch wenn wir vor nur zwanzig Leuten spielen.

Bild Marco Filippovits, Daniel Neuhauser, Julian Wohlmuth
Marco Filippovits, Daniel Neuhauser, Julian Wohlmuth

Gidon Oechsner: Es ist eine große Herausforderung und eine Art fünffacher Spagat, anspruchsvolle Musik mit unterhaltsamen Texten – die aber auch nicht nur Schwachsinn sind – auf eine tanzbare Ebene zu bringen, die dann live auch noch funktioniert.

Daniel Schober: Es scheint auf jeden Fall so, als wäre unser Publikum für alles aufnahmebereit, auch für komplizierte Instrumentalstücke. Wir können den Song „Tanzverbot“ spielen und gleich anschließend eine ruhige Instrumentalnummer. Die Leute bleiben trotzdem bei uns, weil sie einfach auch anspruchsvolle Musik mögen. Man muss die Musik halt auch richtig präsentieren, sprich mit Elan und ausgelassen. Viele Bands sind auf der Bühne oft sehr verkopft oder kommen sehr künstlerisch rüber. Man kann auch Kunst machen, ohne dass man so verkopft und verkünstelt wirkt.

Weil eben das Stichwort Text gefallen ist: Worum geht es in den Texten?

Gidon Oechsner: Ich habe erst heute drüber nachgedacht. Bei „Ode an das Verlieben“ zum Beispiel ist es wirklich ein bisschen schwierig, etwas hineinzuinterpretieren. Es geht eigentlich um die Band und die Idee des Übertreibens. Da geht’s wirklich nur um Schmarrn. Bei „Zwefendi“ dagegen handelt es sich um die Fortsetzung von „Efendi“ vom „Tanzverbot“-Album. Und da geht es schon um eine ernstere Thematik. Es geht um einen Waffenhändler, der entspannt von seiner Insel aus seinen Geschäften nachgeht und in Saus und Braus lebt, während sich irgendwo anders die Menschen die Schädel einhauen.

Daniel Schober: Die Conclusio ist jetzt nicht der wahnsinnig große Wurf, aber es ist trotzdem ein Thema, über das man sich mal Gedanken machen kann, gerade in Zeiten, in denen Menschen vor dem Krieg davonrennen.

„Uns geht es darum, die Band konstant größer zu machen.“

Was sind jetzt die Erwartungen mit dem neuen Album? Und wie sieht es mit einer Tour aus? Eine solche wir jetzt wohl schwierig?

Daniel Schober: Schauen wir mal. Wir starten mit der Tour erst im Mai so richtig und werden fast jedes Wochenende zwei, drei Gigs spielen. Ab Mitte April gibt es auch ein paar Konzerte. In diesem Jahr sind bisher ungefähr dreißig Gigs geplant, was voll in Ordnung ist, weil wir für das Booking selbst verantwortlich sind. Und ja, die Hoffnung ist, dass uns auch irgendwann einmal irgendwelche Radiosender spielen.

Gidon Oechsner: Ich glaube, unsere Erwartungen sind grundsätzlich recht realistisch. Bei uns glaubt jetzt keiner an ein One-Hit-Wonder oder einen YouTube-Hit. Uns geht es darum, die Band konstant größer zu machen. Und das haben wir bis jetzt ziemlich gut geschafft. Und von dieser Stetigkeit profitieren wir sehr viel, weil wir dadurch auch eine Fangemeinde haben, die auch grundsätzlich wächst. Was wir auch an den Venues sehen, die langsam größer werden. Es ist halt ein stetiges Wachstum. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum wir davon ausgehen können, dass es uns noch sehr lange geben wird.

Daniel Schober: Da wir uns nicht explizit in eine Schiene reinpositionieren, müssen wir auch nicht in der Schiene weiterkomponieren. Wir sind weder ein Gypsy-Jazz-Act noch ein World-Balkan-Act, weder eine Hipster-Band noch eine Jazz-Truppe. Wir machen halt das, was uns Spaß macht. Und das ist irgendwie alles. Wir haben halt einfach Spaß daran, Musik zu machen, und ich glaube, das merken die Leute auch.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

//Die Albumveröffentlichung wurde auf Herbst verschoben.//

 

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