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Willkommen im Prekariat!

Wie viel verdienen Musiker*innen eigentlich? Wie lange müssen sie dafür arbeiten und wie geht es ihnen dabei? Was uns eine aktuelle Studie über die soziale Situation von Musikerinnen und Musikern erzählt.

Schon im Jahr 2008 wurde die Studie „Zur sozialen Lage der Künstler*innen in Österreich“ publiziert. Ihre Ergebnisse gaben wenig Anlass zur Freude. Genau deshalb wurde 2018 neuerlich eine Studie zur sozialen Lage von Kunstschaffenden und Kulturvermittelnden in Österreich vom Bundeskanzleramt beauftragt und unter anderem von L&R Sozialforschung . Im Wesentlichen handelt es sich dabei um das Update zur bereits zehn Jahre vorher durchgeführten Studie. Das Gute daran ist: Dadurch ergeben sich Vergleichsmöglichkeiten. Hat sich die soziale Situation nun verbessert oder verschlechtert?
Im Abschlussbericht der aktuellen Studie heißt es dazu ein wenig kompliziert formuliert, aber durchaus zutreffend: „Ausgangspunkt für eine neuerliche Studie war der Umstand, dass die häufig vorfindlichen Beschäftigungsverhältnisse bezüglich der Arbeits- und Entgeltbedingungen, hinsichtlich der aus ihnen resultierenden erwerbsbiografischen Perspektiven sowie betreffend der Einbindung in die sozialen Sicherungssysteme vielfach zu Prekariat tendieren.”

Daran hat sich, so viel kann man vorwegnehmen, auch in den letzten zehn Jahren nichts Entscheidendes verändert. Ein guter Teil der österreichischer Künstlerinnen und Künstler lebt (immer noch) in prekären Verhältnissen. Punkt. Der alte Musikerwitz, den Christiane Rösinger in ihrem Buch „Das schöne Leben“ zitiert, hat daher, so scheint es, nichts von seiner Aktualität verloren: „Kommt eine Musikerin zum Arzt. Sagt der Arzt: ‚Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie. Sie haben nur noch zwei Wochen zu leben.‘ Ruft die Musikerin erbost: ‚Und wovon bitte?‘“

Was wurde untersucht?

„Im Kern umfasst die aktuelle Untersuchung die Aufarbeitung der sozio-ökonomischen Situation der Kunstschaffenden und die Entwicklung der sozial- und arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen.“ Insgesamt wurden im Zuge der aktuellen Studie 1.757 Fragebögen ausgewertet. Der Anteil an Musikschaffenden betrug 2018 gute 22,8 % und lag damit deutlich über den 14,3 % aus 2008. Im Ergebnis ist die aktuelle Studie daher für MusikerInnen durchaus repräsentativer als jene aus dem Jahr 2008.

Dabei entschied man sich für eine denkbar breite Definition des Künstlerbegriffs: Als „Kunstschaffende bzw. Künstler/innen werden all jene Personen gefasst, die (auch) professionell Kunst schaffen. Sie können zugleich auch in der Kunst- und Kulturvermittlung, weiteren kunstnahen Tätigkeiten etc. aktiv sein.“ „Parallel zur Herangehensweise der Studie aus dem Jahr 2008 wurde [und auch für die Definition der Kunst- und Kulturvermittler, die in diesem Artikel der Einfachheit halber oft ausgespart wurden, für die in sozialer Hinsicht aber im Wesentlichen, wenngleich ein wenig abgeschwächt, Ähnliches gilt] ein breiter Zugang gewählt, der vor allem auf die Selbstdefinition der künstlerischen Tätigkeit setzt.“

Wie haben sich die Rahmenbedingungen seit 2008 geändert?

Zunächst einmal sei das letzte Jahrzehnt „durch die Finanz- und Wirtschaftskrise und ihre Folgengeprägt gewesen. Auch die „international ubiquitäre Sparpolitik“ wird in der Studie ausdrücklich erwähnt. „Eine zentrale Schlussfolgerung“, das hält der aktuelle Abschlussbericht gleich zu Beginn fest, „aus den Befunden der Studie von 2008 bestand darin, dass die soziale Situation der Kunstschaffenden eingebettet ist in ein breites und von mehrfachen Faktoren geprägtes Setting, das nicht alleine durch kulturpolitisches Handeln im engen Sinn bewältigt werden kann, sondern die Kooperation verschiedener Ressorts und Akteure verlangt.“ Klingt ein wenig nach Entschuldigung, nach dem Motto: „Na ja, allein können wir‘s halt nicht richten.“ Aber mit solch einer voreiligen Schlussfolgerung würde man der Politik unrecht tun, denn der politische Wille, an den Bedingungen, die in der Studie 2008 aufgezeigt wurden, etwas zu verändern, war durchaus erkennbar. So wurden nach Bekanntwerden der Ergebnisse von 2008 mehrere interministerielle Arbeitsgruppen gegründet, die in unterschiedlichen thematischen Zusammenhängen versuchten, Lösungsvorschläge zu erarbeiten, etwa im Bereich der Sozialversicherung. Und auch neue Förderinstrumente wurden entwickelt. Von durchschlagendem Erfolg waren aber alle diese Initiativen nicht gekrönt. Der aktuelle Abschlussbericht fasst es so zusammen: „Insgesamt führten die Bemühungen zu einigen kleineren Verbesserungen in der Durchführungspraxis und brachten ergänzend Informationsaustausch auf allen beteiligten Seiten, hatten aber keine größeren strukturellen Veränderungen zur Folge. Die letzte Sitzung fand 2014 statt.” Man kann es ein wenig ernüchternd zusammenfassen mit: Bemüht hat man sich, bewirkt aber nur wenig.

Anlass zur Freude könnte vielleicht geben, dass „die jährlichen nominalen Gesamtausgaben [in der betreffenden Periode] für Kunst und Kultur von Bund, Ländern und Gemeinden zusammengenommen […] von knapp 2,3 Mrd. Euro auf 2,6 Mrd. Euro anstiegen, was einer prozentuellen Steigerung um ca. 12,6 % entspricht“. Aber letztlich klingt das alles, aus dem Gesamtzusammenhang gelöst, besser, als es tatsächlich ist, denn „im gleichen Zeitraum stiegen die gesamten Staatsausgaben um ca. 23 %. Die kumulierte jährliche Inflation belief sich im selben Zeitraum auf insgesamt 16,8 %“. Im Verhältnis zu den Gesamtstaatsausgaben wurde das Kulturbudget daher unterproportional erhöht. Und diese Erhöhung liegt auch unter der Inflationsrate. Die Ergebnisse im Einzelnen:

Einkommen und Sozialversicherung

Für einen Großteil der Kunstschaffenden ist das Einkommen aus künstlerischer Tätigkeit „unregelmäßig, schwer planbar und von geringer Höhe“. Die Hälfte der Befragten (aller Sparten) nennt für das Erhebungsjahr 2017 ein Einkommen aus künstlerischer Tätigkeit von unter 5.000 Euro. Es liegt in der Natur der Sache, dass deshalb andere Tätigkeiten ausgeübt werden müssen, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Die gesamten persönlichen Einkommen fallen daher höher, aber nicht viel höher aus. Unter Einbeziehung aller ausgeübten Tätigkeiten liegt das persönliche Netto-Jahreseinkommen im Mittel bei 14.000 Euro. Zum Vergleich: Der „Mindestlohn” in Österreich kann je nach Branche unterschiedlich hoch ausfallen, in der Regel beläuft sich die Lohnuntergrenze jedoch auf mindestens 1.500 Euro brutto im Monat. Sehr niedrige Einkommen liegen 2018 zwar anteilsmäßig seltener vor als noch 2008, dafür gibt es aber auch weniger Ausreißer nach oben. An der Gesamtsituation, wonach die Einkommen überwiegend niedrig sind, hat sich in den letzten zehn Jahren aber kaum etwas verändert.

„Die aktuellen Ergebnisse zeigen, dass der Großteil der Kunstschaffenden (70 %) auch in kunstnahen und/oder kunstfernen Feldern tätig ist“, um insgesamt das Auslangen zu finden. Dieses Tätigkeitsspektrum hat sich seit 2008 insgesamt nur geringfügig verändert. Für die Musik gilt, dass nur 16 % der Befragten einer rein künstlerischen Tätigkeit nachgehen. 51 % üben dazu eine kunstnahe Tätigkeit aus, 11 % eine künstlerische und kunstferne und 22 % eine künstlerische, kunstnahe und kunstferne Tätigkeit.
Da „an Österreichs Schulen durchaus ein Mangel an qualifizierten Musiklehrer/innen herrscht, [wurde 2018], basierend auf einer Kooperation der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, PH Niederösterreich, PH Wien und KPH Wien/Krems ein Masterstudium ‚Quereinstieg Musikerziehung‘ entwickelt, welches in Form eines zweijährigen Aufbau-Studiengangs [konzipiert ist].“ Inwiefern es hilft, Musikerinnen und Musikern zu einem regelmäßigen Nebeneinkommen zu verhelfen, wird erst die Zukunft zeigen.

„Wie bereits in der Studie 2008 zeigt sich ein deutliches Auseinanderdriften des ideellen und des finanziellen Schwerpunktes […].“ Für die Musik bedeutet das in Zahlen: 85% der Befragten empfanden die Musik als ihren ideelen Schwerpunkt, finanziell betrachtet ist aber nur für 48% der Schwerpunkt in der Kunst zu verorten. Gekämpft wird auch mit dem schlechten Ruf kunstnaher Tätigkeiten, die vom Umfeld oft als „mindernd für die künstlerische Arbeit angesehen werden.

„Die Ergebnisse der Studie 2008 zeigten, […] dass die künstlerische Tätigkeit häufig durch Mehrfachbeschäftigung, hohe Selbstständigkeitsraten und fragmentierte, wenig planbare Erwerbsverläufe gekennzeichnet ist.“ 76 % waren 2008 mehrfach beschäftigt, im Jahr 2018 waren es noch immer 73 %. Was allerdings bemerkenswert ist, dass, „fasst man alle Personen mit mehrfachen Tätigkeitsfeldern […] über alle diese Felder zusammen, […] die relative Mehrheit [….] im Referenzjahr sowohl unselbständig als auch selbständig tätig war. Diese Kombination […] war bereits 2008 von hoher Relevanz […]“, sie hat aber noch mehr zugenommen, was für die KünstlerInnen zusätzliche Komplikationen (Mehrfahrversicherungen etc.) mit sich bringt.

Das zeitliche Ausmaß ist im Vergleich zu 2008 (damals waren es durchschnittlich 50 Stunden in der Woche, die wöchentlich gearbeitet wurden) zurückgegangen: 2018 waren es „nur noch“ 45 Stunden, wobei Frauen ein geringfügig niedrigeres Stundenausmaß angaben. Die Studie macht dafür den steigenden Anteil Teilzeitbeschäftigter verantwortlich, der nun bei knapp einem Drittel liegt. Insgesamt – auch das ist interessant – arbeitet jene Gruppe, die unterschiedliche Tätigkeitsarten miteinander kombiniert, am zeitlich intensivsten, nämlich wöchentlich in etwa 51 Stunden.

Übergreifend über alle Sparten zeigt sich eine zunehmende Belastung und es zeigt sich auch, dass Frauen (wiederum in allen Sparten) ein etwas höheres Belastungsniveau (ausgenommen des zeitlichen, siehe oben) angeben als Männer. Die große Mehrheit der Befragten sieht sich mit sozialversicherungsrechtlichen Problemen konfrontiert. Nur 15 %, überproportional ältere Befragte, geben an, keine Probleme zu haben. Zusätzlich dazu wurde die Förderlandschaft von den aktuell Befragten deutlich asymmetrisch wahrgenommen, d. h., „gegenüber den Subventionen großer Institutionen […] wurden die Förderbudgets für zeitgenössische Kunst und die Freien Szene als unverhältnismäßig klein wahrgenommen“.

Mobilität und Mobilitätshindernisse

Jeder Künstlerin und jeder Künstler braucht Publikum. Da dieses nicht immer vor der eigenen Tür zu finden ist bzw. da das vor der eigenen Tür meist nicht ausreicht, ist Mobilität wichtig. 86 % der befragten MusikerInnen gaben an, bereits Mobilitätserfahrungen im internationalen Kontext gemacht zu haben. Der Wert ist seit 2008 leicht gestiegen. Offenbar macht sich hier die Arbeit von Austrian Music Export bezahlt, einer gemeinsamen Initiative von mica und dem Österreichischen Musikfonds, aber auch jene anderer auf internationalen Austausch abzielender Initiativen wie etwa von Kick Jazz. Auch Artist-in Residence-Programme wurden in den letzten Jahren vehement ausgebaut, was sich scheinbar lohnt. Demgegenüber gaben rund drei Viertel der Befragten ein oder mehrere Hindernisse für die Mobilität an, d. h. Dinge, die sie daran hindern, künstlerisch noch mobiler zu sein. Keine große Überraschung ist nun, was als das größte Hindernis empfunden wird: die finanziellen Ressourcen nämlich (für 79 % der Befragten). Wer im Schnitt nur 15.000 Euro verdient, kann sich eben keine großen Sprünge leisten. Aber auch Fördermöglichkeiten (39 %) und steuer- und sozialrechtliche Fragen werden als beschränkend erlebt.

Persönliche Sichtweise und wahrgenommene Fremdsicht

Nur 28 % der MusikerInnen empfinden sich selbst als gut etabliert. Spannend ist, dass dieser Wert im Vergleich mit allen anderen Sparten sogar der höchste ist. Interessant ist auch die eklatante Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung: Während man aus Musikersicht häufig gefragt wird, welche künstlerische Ausbildung man abgeschlossen habe und ob man von der Kunst leben könne, finden KünstlerInnen spartenübergreifend ganz andere Merkmale einer Künstlerin bzw. eines Künstlers wichtig, etwa regelmäßig künstlerisch tätig zu sein etwa (84 %) oder die reflexiv-künstlerische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Gegenwart (67 %). Im Vergleich dazu sind der Umstand, von der Kunst allein leben zu können, für nur 34 % der Befragten wichtig, der erwähnte Abschluss bzw. die künstlerische Ausbildung gar nur für 17 %.

Die Stellung der Frau

„Die letzten zehn Jahre waren“, so der Endbericht, „auch durch die Zielsetzung der Erreichung von mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Kunst und Kultur“ dominiert. So wurde etwa im „Regierungsprogramm 2008–2013 explizit festgehalten, dass ‚im Rahmen der Kunstförderung des Bundes … der Frauenförderung besonderes Augenmerk geschenkt werden‘ soll“.

Mission accomplished? Nicht wirklich. Musik ist weiterhin – das zeigen die Zahlen – deutlich männlich dominiert: Einem prozentuellen Frauenanteil von 32 % steht ein Männeranteil von 67 % gegenüber. In der Musik, aber auch spartenübergreifend ist der Frauenanteil leicht gestiegen (zehn Jahre zuvor betrug das Verhältnis in der Musik noch 26 : 74). Ob dieser steigende Anteil als ein Indikator für einen insgesamt zunehmenden Frauenanteil gesehen werden kann, ist laut Studie allerdings fraglich. Fakt ist, dass in der Musik weiterhin unterdurchschnittlich viele Frauen vertreten sind. Dem gegenüber ist etwa die Kunstvermittlung mit einem Frauenanteil von 70 % weiblich dominiert. „Insgesamt deuten die Zahlen darauf hin, dass es Frauen nach wie vor in geringerem Ausmaß gelingt, dauerhaft im Kunstbereich Fuß zu fassen und sich zu etablieren“ heißt es im Bericht.

Familiäre Stellung, Elternschaft, Entgrenzung

Eine der prägnantesten Aussagen der Studie aus dem Jahr 2008 lautete: „Das Recht auf Familie ist für Kunstschaffende nicht lebbar.” Wie gestalten sich Lebensformen ein Jahrzehnt später? Im Grunde genommen hat sich auch hier nicht viel geändert. Knapp die Hälfte aller Befragten lebt als Single, also nicht gemeinsam mit Kindern und/oder einer Partnerin bzw. einem Partner, wobei augenscheinlich ist, dass Frauen öfter als Singles leben als Männer.

In der Studie 2008 stellte Entgrenzung das wesentliche Lebensführungskonzept dar, das heißt in den Lebensrealitäten der Kunstschaffenden verschwimmt die berufliche und die private Sphäre überwiegend. „Dies gilt auch zehn Jahre später: Für die relative Mehrheit der Befragten gehen berufliche und private Aufgaben ineinander über. […]  Entgrenzung hat vor allem in der Darstellenden Kunst zugenommen.“  In der Musik hat die Entgrenzung (2008: 60 %, 2018: 52 %) hingegen leicht abgenommen. Der Wert ist trotzdem alarmierend. „Das Konzept der Segmentation schließlich, der gegenseitigen Trennung und Vermeidung der Beeinflussung beider Bereiche, trifft mit knapp 10 % für vergleichsweise wenige Befragte zu. Wie 2008 zeigen sich zwischen Frauen und Männer bei der Abstimmung der beruflichen und privaten Sphäre keine grundlegend unterschiedlichen Zugänge. Von Relevanz ist jedoch die Lebensform. Es sind vor allem Alleinlebende, die dem Konzept der Entgrenzung folgen, während jene, die gemeinsam mit Kind/ern und/oder Partner/innen leben, verstärkt eine Integration der beiden Bereiche anstreben.“ Das zeigt die Studie ganz deutlich.

Kontext und Konsequenzen

Die genannten Zahlen sind ernüchternd. Im Wesentlichen hat sich für Kunstschaffende im Allgemeinen und für Musikschaffende im Speziellen in den vergangenen zehn Jahren wenig bis gar nichts zum Guten gewendet. Dem steht nun die hohe volkswirtschaftliche Relevanz der urheberrechtsrelevanten Wirtschaft gegenüber. Diese sichert im weiteren Sinn – von Kreativen, Produzenten und Darstellern über Medien und Handel bis hin zum Endkonsumenten – in Österreich mehr als 293.000 Arbeitsplätze und löst in der heimischen Volkswirtschaft mittel- wie unmittelbar einen Produktionswert von 34,12 Mrd. Euro aus. Zudem stärken die Werke von Kreativen und Kunstschaffenden aller kulturellen Genres das Image Österreichs als Kulturnation und lösen auf diesem Weg zusätzlich mehr als eine Mrd. Euro an Produktion aus Tourismuseffekten aus. Diese Zahlen stammen aus einer Studie des Industriewissenschaftlichen Institutes, die im November 2018 für die unabhängige Plattform austria creative erstellt wurde.

Das heißt, selbst wenn einem Kunst und Kultur – aus welchen Gründen auch immer – nicht nahestehen sollten, ist es schon aus rein volkswirtschaftlicher Sicht nicht sinnvoll, Kreative an der ausgestreckten Hand verhungern zu lassen. Setzt man die Zahlen zur sozialen Situation österreichischer Kunstschaffender in Verhältnis zur wirtschaftlichen Relevanz urheberrechtsrelevanter Wirtschaft, gewinnt man den Eindruck, dass diese Bedeutung nicht wegen, sondern trotz der herrschenden Rahmenbedingungen gegeben ist.

„Zusätzlich dazu ist Kreativwirtschaft in hohem Maße kleinbetrieblich strukturiert“, wie die BKA-Studie festhält, „und die wirtschaftliche Tätigkeit erfolgt in großem Ausmaß projektförmig, was zu nichtlinearem Wachstum führt.“ Rund 54 % aller Kreativwirtschaftsunternehmen weisen einen Jahresumsatz von weniger als 10.000 Euro auf. Die Mehrheit klagt über Hemmnisse beim Zugang zu externer Finanzierung.

Wie geht es weiter? Wie kann es weitergehen? Im europäischen Zusammenhang wurden durch die Schaffung der Richtlinie über das Urheberrecht und die verwandten Schutzrechte im digitalen Binnenmarkt die Voraussetzungen geschaffen, Unternehmen wie YouTube, Spotify und andere zu Lizenzvereinbarungen mit Urheberinnen und Urhebern bzw. deren Vertretungen (Verlagen, Verwertungsgesellschaften) zu zwingen. UrheberInnen sollen so endlich in die Lage versetzt werden, an den Millionenerträgen dieser Unternehmen auf faire Art und Weise zu partizipieren. Aus der Sicht von Musikschaffenden ist das erfreulich. Es ist aber höchste Zeit, diesen europäischen Maßnahmen endlich auch auf nationaler Ebene politische Maßnahmen folgen zu lassen, die faire bzw. fairere Arbeitsbedingungen ermöglichen. Mit Arbeitsgruppen, die wohlgemeint sind, deren Arbeit aber der aktuellen Studie zufolge irgendwann im Sand verläuft, wird es nicht getan sein. Es braucht Verbindliches, und zwar rasch.

Markus Deisenberger

Link:
Artikel: Prekäre Perspektiven? Zur Sozialen Lage von Kreativen (2009)