Zwischen Digital Detox, Alltagsbeobachtungen und nächtlichen Gedankenflügen bewegen sich KOBRAKASINO auf ihrem neuen Album „ALARM FÜR KOBRAKASINO“ zunehmend weg vom verträumten Indie-Pop ihrer Anfangstage, hin zu einem direkteren Sound und Pathos. Die aus Graz stammende Band spricht im Interview über echte Momente in einer überwiegend digital wahrgenommenen Gegenwart sowie über ihre Form der Rebellion. Dabei geht es ebenso um Selbstzweifel im Songwriting wie um die Frage, weshalb man nicht auch die schönen Seiten des Lebens besingen sollte. Trotz aller Ernsthaftigkeit bleibt dabei stets Platz für Humor, Widersprüche und verspielte Absurditäten. Im Gespräch mit Dominik Beyer von mica – music austria erzählen Sebastian Hiti, Benno Hiti und Christian Schöttel außerdem, welchen Nutzen ein Label für sie hat – und weshalb Minimalismus vielleicht der nächste logische Schritt für die Band sein könnte.
Meine Verehrung! Darf ich euch vorab um eine kurze Vorstellungsrunde bitten?
Benno Hiti: Ich bin Benno, spiele Schlagzeug und Keys.
Sebastian „Cosbo“ Hiti: Ich bin Cosbo, spiele Gitarre und singe meistens die zweite Stimme.
Christian Schöttel: Und ich singe und schreibe hauptsächlich die Texte. Live spiele ich auch ein bisschen Keys.
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Sehr schön. Zuerst einmal Gratulation zum neuen Album „Alarm für Kobrakasino“! Wer wäre die eine Person, der dieses Album gewidmet wäre?
Christian Schöttel: Ganz vielen vermutlich. Ich widme das Album dem Prozess.
Ein großes Thema darauf scheint die Sehnsucht nach echten Momenten zu sein. Wie gelingt euch eigentlich die Gratwanderung zwischen Präsenz auf Social Media und dem Bedürfnis nach Rückzug und echten Erfahrungen?
Benno Hiti: Ich glaube, wir haben mittlerweile einen ganz gesunden Zugang dazu gefunden. Wir waren nie eine Band, die ständig alles von sich preisgibt oder jeden Alltagsschritt dokumentiert. Es gibt Künstler:innen, die wirklich alles mitfilmen – das waren wir nie. Wir versuchen eher, ein bisschen weniger zu zeigen als zu viel.
Christian Schöttel: Es hilft sicher auch, dass wir zu dritt sind und uns Dinge aufteilen können. Ich mache gerade eher Social-Media-Detox, dafür übernimmt Cospo viel Editing – was sehr zeitintensiv ist.
Sebastian Hiti: Die echten Momente liegen wahrscheinlich tatsächlich eher abseits der digitalen Welt. Genau daraus entstehen oft auch die Songs.
„Ich widme das Album dem Prozess” – Christian Schöttel
Muss man diese Momente gezielt suchen oder einfach nur zuhören?
Christian Schöttel: Ich glaube eher: hinschauen und zuhören. Beobachten, was Leute erzählen, was Freund:innen beschäftigt. Und das dann irgendwie verarbeiten.
Euer Debüt hatte noch mehr etwas Tagträumerisches. „Alarm für Kobrakasino“ wirkt dichter und direkter. Was ist in den 3 Jahren dazwischen passiert?
Christian Schöttel: Wir wollten eine direktere Sprache finden.
Das Fragezeichen ist ein bisschen verschwunden oder zumindest verblasst.
Christian Schöttel: Wobei ich es gut finde, wenn immer noch Raum bleibt, Dinge selbst zu interpretieren.
Benno Hiti : Wir bewegen uns gerade generell in Richtung mehr Direktheit – musikalisch und textlich. Es ist eigentlich schwieriger, konkret zu sein. Früher haben wir uns manchmal hinter Arrangements oder Effekten versteckt. Mein Traum wäre irgendwann etwas ganz Minimalistisches zu machen, mit wenigen Elementen, die dafür richtig treffen.
Rebellion muss nicht immer Aktivismus sein
Im Pressetext heißt es: „Eure Rebellion beginnt im Morgenmantel.“ Was bedeutet Rebellion für euch?
Christian Schöttel: Es gibt viele verschiedene Formen davon. Für manche ist es schon rebellisch, sich vom Elternhaus zu distanzieren – also nicht exakt das Leben weiterzuführen, das einem vorgelebt wurde. Das sind kleine Rebellionen, die ich stark finde.
Sebastian Hiti: Wir wollen nicht mit politischen Botschaften auf Menschen einschlagen. Wenn man sich mit uns beschäftigt, merkt man eh ungefähr, wo wir stehen. Aber dieses Gefühl, sich zu jedem geopolitischen Thema äußern zu müssen, erzeugt auch Druck.
Christian Schöttel: Wichtiger finde ich, wie wir im Alltag miteinander umgehen. Gerade als reine Männerband beschäftigt uns schon, wie man über Feminismus oder Geschlechterrollen spricht, ohne toxische Muster zu reproduzieren.
Manch einer mag das vielleicht schon als rebellisch empfinden, als männliche Popband nicht Chaos oder Selbstzerstörung zu romantisieren, sondern die positiven Momente hervorzuheben.
Christian Schöttel: Danke. Aber das ist einfach unsere Sicht aufs Leben. Ich finde schon, dass es wichtig ist, sich auf die positiven Dinge zu fokussieren. Warum sollte man das nicht besingen?
Sebastian Hiti: Natürlich gibt es auch Songs über Eskapismus oder Nächte, die ausarten. Aber meistens eher aus einer reflektierten Perspektive und nicht als Aufruf dazu.
„Die wirklich peinlichen Sachen entstehen meistens dann, wenn man krampfhaft versucht, einen Text zu schreiben.” – Christian Schöttel
Ihr habt einmal gesagt, „Mut zur Blamage“ sei wichtig. Gibt es Momente oder Textzeilen, für ihr Mut aufbringen musstet?
Christian Schöttel: Die wirklich peinlichen Sachen entstehen meistens dann, wenn man krampfhaft versucht, einen Text zu schreiben. Gute Texte passieren eher in Momenten, in denen plötzlich etwas Natürliches kommt.
Sebastian Hiti: Der Vorteil bei uns ist, dass wir zu dritt sind. Da schützt man sich gegenseitig ein bisschen davor, vorschnell Dinge rauszuhauen.
Christian Schöttel: Und bei Songs hat man zum Glück genug Zeit, Dinge wieder zu hinterfragen. Man merkt meistens eh irgendwann: „Nein, das ist noch nicht gut.“
Von wem kommt eigentlich der Albumtitel „Alarm für Kobrakasino“?
Christian Schöttel: Der kommt von jemandem externen. Eigentlich war er zuerst für eine Tour gedacht. Dann fanden wir, dass er mit Songs wie „Zentrale“ und dem ganzen Albumkosmos gut zusammenpasst.
Sebastian Hiti: Der Titel nimmt auch ein bisschen die Ernsthaftigkeit raus. Die Songs sind teilweise eher ernst – da tut es gut, wenn der Titel etwas Spielerisches reinbringt.
Wenn ihr heute mit eurer früheren Band-Version sprechen könntet – worüber würdet ihr wahrscheinlich diskutieren?
Benno Hiti : Dass man weniger egozentriert arbeitet und mehr gemeinsam auf ein Ziel hinsteuert.
Christian Schöttel: Am Anfang glaubt man oft, man weiß genau, wie alles funktionieren muss. Mit der Zeit merkt man erst, wie schwierig vieles eigentlich ist. Und dann beginnt man mehr zu reflektieren.
Ist „Keep It Cool“ eher eine Anweisung oder mehr eine versteckte Kritik?
Christian Schöttel: Beides vielleicht. Cool sein kann Gelassenheit bedeuten, aber auch Gefühllosigkeit. Ich denke schon, dass man cool und real zu gleich sein kann. Im Song geht es viel darum, Gefühle wegzusperren und sich nicht verletzlich zu zeigen. In der zweiten Strophe wird es etwas Kafkaesk – „Dann lieg ich nackt im Gras und bin mit Flügel aufgewacht“ . Da spielt auch diese Angst vor dem Endlichen oder die Ungewissheit vor dem, was nach dem Tod kommt mit rein.
Da könnte man sich jetzt auf philosophischer Ebene richtig austoben. Wir bleiben bei diesem Gespräch bei den musikwirtschaftlichen Themen. Ihr habt inzwischen euer eigenes Label gegründet. Warum?
Sebastian Hiti: Vor allem aus rechtlichen Gründen, aber auch als Statement. Wir wollten unsere Anteile nicht abgeben.
Christian Schöttel: Man unterschätzt, wie viel man selbst machen kann. Gerade in unserer Größenordnung funktioniert unglaublich viel DIY.
Benno Hiti: Natürlich bedeutet das auch mehr Arbeit und mehr eigenes Risiko. Aber dafür bleibt alles in unserer Hand. Unser Label hat beim ersten Album schon viel gemacht. Gerade am Anfang ist das auch wichtig. Manche Bereiche wie PR lagern wir aus.

Ich bin gespannt, um welche Erfahrung ihr beim nächsten Album reicher seid. Ich freu mich schon darauf. Vielen Dank für das Gespräch.
Dominik Beyer
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Live:
2. Juli 2026 @ Flucc Wien
4. Juli 2026 @ Parkhouse Graz
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Links:
Kobrakasino
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