„Wenn Lippenstift bei Männern immer noch schockiert, haben wir noch sehr viel zu tun“ – Verena Giesinger (Schmusechor & femchor) im mica-Interview

Der Wiener SCHMUSECHOR ist wohl der berühmteste Pop-Chor Österreichs – und das zurecht. Der SCHMUSECHOR steht nämlich nicht nur für hervorragende stimmliche Leistungen und schöne Arrangements, die gleichzeitig berühren und inspirieren, sondern auch für einmalige Kostüme – zu sehen beispielsweise bei der Eröffnung der wellenklaenge 2021 mit Violetta Parisini. Auch die Zusammenarbeiten mit dem immersiven Theater-Kollektiv Nesterval sind sehens- und erlebenswert, wovon man sich ab 17. Mai 2022 im brut Wien überzeugen kann. Die Frau hinter – oder besser: vor – dem SCHMUSECHOR ist VERENA GIESINGER, Musiktherapeutin, Musikerin, Kulturmanagerin und badass extraordinaire. Im Gespräch mit Itta Francesca Ivellio-Vellin erzählt VERENA GIESINGER von ihrem zweiten Chor, dem femchor, welche Rolle Gender beim Singen spielt und wo die Kunstfreiheit aufhört.

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Du bist ausgebildete Musiktherapeutin.

Verena Giesinger: Ja, ich habe drei Jahre in der Erwachsenenpsychiatrie als Musiktherapeutin gearbeitet, sowohl mit Gruppen als auch im Einzelsetting. Mit der Zeit ist mir das System im städtischen Krankenhaus jedoch zu rigide geworden. Es herrscht meiner Erfahrung nach noch immer ein starres, patriarchales System mit einer klar geführten Hierarchie: Zunächst kommen Ärzt*innen, relativ weit unten dann Pfleger*innen und eben – noch weiter unten – die Therapeut*innen und Psycholog*innen. Es mangelt an einer engen Zusammenarbeit auf Augenhöhe, weshalb es schwierig war, den progressiven Therapieansatz unseres Studiums im Krankenhaus anzuwenden. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich Musik wieder in einem anderen Kontext als in meiner Arbeit als Therapeutin erleben wollte. Das war einer der Gründe, weswegen ich kurz nach Beginn meiner Anstellung den Schmusechor gegründet habe. Ein paar Jahre späte habe ich in meiner Bildungskarenz berufsbegleitend begonnen, Kulturmanagement in Hamburg zu studieren und hab dann länger als Kuratorin und Projektmanagerin in einer Kreativagentur in Wien gearbeitet. Momentan bin ich auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Du leitest den Schmusechor und den femchor – Chorleitung und Dirigieren hast du aber nicht gelernt, oder?

Verena Giesinger: Nein, das habe ich mir selbst beigebracht. Wenn man mir vor acht Jahren gesagt hätte, dass ich irgendwann Dirigentin von meinem eigenen Chor sein werde, hätte ich dieser Person niemals geglaubt. Chöre zu leiten war nie eine dezidierte Sehnsucht von mir. Ich habe zwar immer gerne selbst gesungen, jedoch in Wien keinen Chor gefunden, der mich konzeptuell angesprochen hätte. Also habe ich in meinem damaligen WG-Schlafzimmer gemeinsam mit meinen Freund*innen begonnen zu singen. So bin ich zum Dirigieren und Arrangieren gekommen – eigentlich wollte ich doch nur singen! [lacht]

„Wenn man mir vor acht Jahren gesagt hätte, dass ich irgendwann Dirigentin von meinem eigenen Chor sein werde, hätte ich dieser Person niemals geglaubt.“

Hast du auch mal daran gedacht, eine Band zu gründen?

Verena Giesinger: Oft. Ich habe es mit meiner engen Freundin und kreativen Partnerin der ersten Stunde Mave Venturin immer mal wieder versucht. Wir können nicht genau sagen, warum es bislang noch nicht geklappt hat. Hinter verschlossener Tür experimentieren wir jedoch viel und gerne, aber den Schritt nach außen haben wir bisher nicht gewagt. Mit dem Schmusechor sind wir viel schneller und mutiger, vielleicht weil wir so eine große Gruppe an Menschen sind. Zu zweit, so intim, ist man natürlich um einiges vulnerabler.

Natürlich, da ist der Fokus auch konzentrierter.

Verena Giesinger: Genau, da achten die Leute dann auf unsere Stimmen, auf das, was erzählt wird. In einem Chor können wir uns in den Rückhalt der Gruppe fallen lassen und in einem gemeinsamen Raum explorieren. Zeitgleich hat man immer das unmittelbare Feedback und Unterstützung von einem größeren Ganzen.

Wo siehst du dann auf der anderen Seite einen potenziellen Nachteil an großen Gruppen wie dem Schmusechor? Mal ganz davon abgesehen, dass alle gleichzeitig für die Proben Zeit haben müssen…

Verena Giesinger: [lacht] Ja, die Organisation von so einer großen Gruppe an Menschen kann ziemlich herausfordernd sein. Wobei sich im Schmusechor schnell genügend Sänger*innen finden, sodass wir Konzert- oder Projektanfragen zusagen und auch auftreten können. In einer Band wiederum müssen ja tatsächlich immer alle vier oder fünf Mitglieder Zeit haben, um Anfragen annehmen zu können. Beides kann seine Tücken mit sich bringen.

„Immer wieder leisten wir Aufklärungsarbeit darüber, dass das, was wir machen, nicht nur ein Hobby ist, sondern von jeder Person viel Zeit und Arbeit abverlangt.“

Was ich als allerdings als Nachteil von dieser Art von musikalischem Ensemble erlebe, liegt eher auf der Booking-Seite. Wir werden gerne gebucht, unter anderem auch weil wir mit unserer Form von Popchor in der österreichischen Musiklandschaft auf verschiedenen Ebenen einzigartig sind. Das bedeutet aber auch, dass wir sehr viel Pionier*innenarbeit leisten – zum Beispiel, wenn es um die Verhandlung fairer Bezahlung geht. Wir sind nun mal eine sehr große Gruppe, das heißt, es fallen dementsprechend Kosten für Anfahrt, Unterkunft und Verpflegung an. Da reden wir noch gar nicht einmal von Gage. Immer wieder leisten wir Aufklärungsarbeit darüber, dass das, was wir machen, nicht nur ein Hobby ist, sondern von jeder Person viel Zeit und Arbeit abverlangt. Und auch die Tontechnik ist eine herausfordernde Angelegenheit. Wir spielen meist auf Bühnen, auf denen selten bis nie Chöre performen, weshalb die Tontechniker*innen vor Ort in der Regel nicht mit den Anforderungen und dem Live-Abmischen von Chören vertraut sind.

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Ihr singt ausschließlich Covers bzw. eben eigene Arrangements von bestehenden Songs. War es mal eine Überlegung, eigene Songs zu singen?

Verena Giesinger: Das ist tatsächlich ein Wunsch, der bereits vor der Pandemie im Schmusechor aufkam und seit jeher wächst. Wir haben auch schon einmal darüber nachgedacht, ein Schmusechor-Album aufzunehmen, wofür es natürlich auch eigene Werke braucht. Es gab auch schon Überlegungen, wie sich so ein Schmusechor-Album anhören könnte. Die Frage nach unserer musikalischen Identität ist natürlich äußerst spannend. Bei Cover-Songs bedient man sich ja immer des Ausdrucks oder der Lyrics von jemand anderem. Das ist eine andere Art von musikalischer Erzählung, als wenn wir unsere eigenen Geschichten musikalisch vertonen würden. Über was würden wir singen, wie würde unser großes Ganzes aussehen und klingen? Das sind ganz neue Prozesse, Fragestellungen und auch Konzepte, die wir vorab gerne gemeinsam entwickeln wollen.

Ein Album klingt auf jeden Fall großartig. Es gibt zwar die Kollaborationen von euch mit anderen Künstler*innen, aber ansonsten habt ihr keine Songs aufgenommen. Ich würde euch gerne über Streaming-Plattformen hören!

Verena Giesinger: Ja voll! Ich auch! Es gibt bereits einige Musikvideos von uns auf YouTube zu hören, aber du hast recht, auf Streaming Plattformen gibt es den Schmusechor noch nicht. Das war aber tatsächlich keine bewusste Entscheidung, sondern eher ein Mangel an Zeit. Für Streaming Plattformen würden wir die eben genannten Eigenkompositionen releasen. Dass das noch nicht passiert ist, war weniger eine bewusste Entscheidung, sondern mehr dem Mangel der Zeit und den letztjährigen Umständen geschuldet. Wir haben uns vor 2020 tatsächlich von Projekt zu Projekt bewegt und waren so durchgebucht, dass wir für Recordings wenig Zeit hatten. Dann kam die Pandemie und tja, schauen wir, was die Zukunft bringt!

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Ich bin gespannt. Anderes Thema: Backstreet Boys…?

Verena Giesinger: [lacht] Ja! Backstreet Boys im Schmusechor zu singen, ist die Erfüllung unserer aller 90er Jahre Träume. Wenn man uns bei einer Afterparty antrifft und uns ungezwungen singen hört, kann man sich darauf verlassen, dass immer irgendwann Backstreet Boys, Britney oder No Angels zu hören sein werden. Wir sind einfach fast alle in den 90ern aufgewachsen. Die Backstreet Boys waren für mich tatsächlich das allererste Live-Konzert zudem ich mit 8 Jahren von meiner Mutter mitgenommen wurde. Ohne zu wissen, was auf mich zukommen wird. True Story: Die Backstreet Boys haben kurz vor ihrem großen Fame in dem kleinen Dorf in Vorarlberg, in dem ich aufwuchs, ein Konzert im Fußballstadion gespielt. Und jetzt kommt’s: Mein Bruder hat mit seiner damaligen Rockband Dig Dog einfach als Vorband gespielt. Für mich waren sie also das viel größere Highlight, erst später habe ich begonnen zu verstehen, dass ich Nick und die Boys längst schon getroffen hab. Von da an haben sich die BSB’s in mein junges Pop-Herz gebrannt – und diese Leidenschaft ist, wie man sieht, niemals erloschen!

Nein! Wie cool!

Verena Giesinger: [lacht] Ja! Am Zaun des Fußballstadions hat meine Mutter damals in letzter Sekunde noch Tickets für uns beide ergattert. Ob mit Bestechung des Securities oder nicht, weiß ich bis heute nicht. Mit 8 Jahren habe ich damals nicht verstanden, was da gerade Großes passiert.

Das war ein Erlebnis, oder?

Verena Giesinger: Ja, aber ganz einordnen konnte ich es, wie gesagt, damals noch überhaupt nicht [lacht]. Erst Jahre später als die Backstreet Boys Plakate in meinem Zimmer hingen, begann ich zu realisieren. Im Schmusechor war aber immer schon klar, dass wir eines Tages Backstreet Boys singen müssen. Einer von uns, Sebastian, genannt Puddel, kam irgendwann einfach mit einem Arrangement an. Er war es, der uns diesen nie ausgesprochenen Wunsch also erfüllt hat.

Der Song ist ja mittlerweile Kult. Alle können ihn mitgrölen.

Verena Giesinger: Voll, er kommt auch anscheinend gerade wieder. Die Boys hatten vor kurzem ja die große Reunion – mit ihren 40 Jahren.

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Ein Schmusechor-Feature wäre großartig. Auf jeden Fall ist das Video zu „I want it that way“ der zweite Teil einer Serie. Der erste kam Ende 2020 raus, das war „Heavenly Father“ von Bon Iver.

Verena Giesinger: Das berührt mich selbst auch immer noch sehr, wenn wir das singen.

Wie viele seid ihr im Chor?

Verena Giesinger: 35.

„Heavenly Father“ singt ihr aber zum Beispiel nur zu neunt. Wie entscheidet ihr, wer da singen darf?

Verena Giesinger: „Heavenly Father“ ist der erste und bisher einzige Song, bei dem ich selbst mitsinge. Vor ein paar Jahren habe ich darüber reflektiert, weshalb ich den Chor ursprünglich gegründet habe: Um mit anderen gemeinsam zu singen. Aber nachdem ich in der Rolle als künstlerische Leiterin und Dirigentin immer nur vor dem Chor stehe, habe ich mir mit diesem Song eine Sehnsucht erfüllt. Zum ersten Mal bin ich hier gesanglicher und performativer Teil des Ensembles und kann es genießen mittendrin zu stehen. Gemeinsam zu singen ohne Dirigat geht in einem kleinen Ensemble leichter, deswegen singen wir diesen auch nur zu 9. Jede Stimme ist nur mit einer Person vertreten, was natürlich ein großer Unterschied zum Chorsingen darstellt. Die Songauswahl führt auf eine für mich wichtige Reise nach Israel zurück, und ist für mich von ganz persönlicher, essentieller Bedeutung.

Wenn ihr auf der Suche nach neuen Leuten für den Schmusechor seid, macht ihr da Auditions? Kann man einfach bei euch mitmachen? Wie läuft das ab?

Verena Giesinger: Wir bekommen tatsächlich jede Woche E-Mails von Personen, die gerne bei uns mitsingen wollen. Seit drei Jahren sind wir allerdings in sehr konstanter Besetzung und haben seit dem kaum neuen Stimmen aufgenommen. Bisher haben wir zu offenen Proben eingeladen, wo alle kommen konnten, die Teil vom Schmusechor sein wollten.

„Castings spiegeln für mich ein Konzept von Musikmachen wider, einen Anspruch an Musik, den ich nicht unterstützen und reproduzieren will.“

Im Juni 2022 haben wir allerding geplant endlich wieder ein paar neue Stimmen aufzunehmen. Da wir als Chor mittlerweile an einem anderen Punkt stehen, gewachsen und uns professionalisiert haben, insgesamt höhere Ansprüche an uns haben und die Projekte immer größer und diverser werden, wird es dieses Mal erstmalig eine Form von Casting geben – so sehr ich dieses Wort auch hasse. Wir möchten uns aber etwas Cooleres als ein Vorsingen im klassischen Sinne eines Castings überlegen. Castings spiegeln für mich ein Konzept von Musikmachen wider, einen Anspruch an Musik, den ich nicht unterstützen und reproduzieren will. Es geht nicht ausschließlich darum, auf eine bestimmte Art gesanglich zu brillieren und ich beurteile dann anhand von gut oder schlecht. In unserem Chor gibt es so viel anderes, zusätzliches, was wichtig ist; fügen sich die Menschen zu unserer Gruppe ein, teilen sie für unsere Werte, trauen sie sich in Kostüm zu performen, tanzen sie gerne, was sind ihre Ziele, haben sie Zeit für das Probenpensum bzw. Kapazitäten für alles was unser Chor mit sich bringt, etc. Und die musikalischen Ansprüche wie z.B. Notenlesen oder Chorerfahrung sind einfach ein Teil der Aufnahmekriterien. Wir freuen uns alle schon sehr darauf, wieder mit neuen Stimmen zu singen.

Bild Schmusechor
Schmusechor (c) Nina Keinrath

Ist bestimmt auch schön, jetzt überhaupt wieder in der Lage zu sein, so etwas zu planen. Chor während Corona – war bestimmt furchtbar?

Verena Giesinger: Well,… richtig beschissen. Singen galt während den Anfängen der Pandemie als eine der gefährlichsten Gruppentätigkeiten, bei denen laut verschiedensten Studien besonders viele Aerosole ausgestoßen werden. Plötzlich barg das, was für uns jahrelang Ausgelassenheit, Freude, Psycho-Hygiene und essenziell für die mentale aber auch für die körperliche Gesundheit war, ein hohes Risiko in sich. Das war ein großer Happen, den es zunächst für uns alle zu verdauen galt.

„Es ist eine Pandemie passiert. Die Leichtigkeit fehlt an vielen Ecken und Enden, viele sind sehr erschöpft und haben merklich weniger Ressourcen als davor.“

In 2020 wurde für Chöre zunächst über ein halbes Jahr lang ein Probeverbot ausgehangen. Für eine Gruppe, wie für unsere, ist das durchaus eine Zerreißprobe. Das für mich Berührende und Schöne allerdings war, dass wir bezüglich der Maßnahmen stets alle an einem Strang gezogen haben. Ich bin mir durchaus bewusst, dass das keine Selbstverständlichkeit der letzten zwei Jahre darstellt. Bei unserem ersten Comeback – das erste von den vielen der letzten zwei Jahre [lacht] – hat sich die Mitgenommenheit und Überforderung der Individuen natürlich auch in der Gruppendynamik, aber auch musikalisch widergespiegelt. Wir mussten durchaus ein paar Schritte weiter vorne beginnen als da, wo wir vor 2020 als Chor bereits waren. Ich leite ja zwei Chöre und kann daraus ableiten, dass man die Betrübtheit, die Betroffenheit und die Herausforderung den Einzelnen sehr anmerkt. Es ist eine Pandemie passiert. Die Leichtigkeit fehlt an vielen Ecken und Enden, viele sind sehr erschöpft und haben merklich weniger Ressourcen als davor. Die Körper drücken sich anders aus, das Erlebte der letzten Jahre hat sich in den Zellen festgeschrieben. Zudem ist die Booking Situation mit wiederkehrenden Stillständen in der Kulturbranche natürlich mehr als schwierig. Gerade für größere Ensembles herrscht eine große Planungsunsicherheit, ständige Spontaneität wird von uns als künstlerisches Kollektiv und von mir als Chorleiterin abverlangt. Das ist tough. Diesem Sog an Beschwerlichkeiten entgegenzuwirken, bzw. eine Energie aufrechterhalten zu halten, die aktuell in Wahrheit kaum vorhanden ist, bleibt herausfordernd. Ich bin sehr froh, dass es den Schmusechor nach den letzten zwei Jahren überhaupt noch gibt.

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Stand das denn zur Frage?

Verena Giesinger: Den Schmusechor aufzulösen, stand für mich nie zur Debatte.
Es gab allerdings schon Wochen und Probeprozesse, die besonders an meinen Kräften gezehrt haben. Wenn beispielsweise nur acht Leute zur Probe erscheinen, weil die anderen entweder Kontaktpersonen sind, selbst mit Corona im Bett liegen, oder einfach Angst oder keine Energie mehr haben, fragte ich mich schon manchmal, was ich eigentlich genau mache und wozu. Wie pushe ich den Chor und vor allem wohin, wenn die einzelnen Sänger*innen de facto keine Kraft mehr haben? Es gab viele Momente, in denen sich für mich die Frage stellte, ob und vor allem wie wir in diesen Zeiten weitermachen können.

Der Schmusechor ist auf jeden Fall eine Bereicherung für Wien! Für ganz Österreich!

Verena Giesinger: Die ganze Welt…?

Schmusechor goes international? Ist das ein Ziel?

Verena Giesinger: Ja! Wir sind bekannt dafür, dass wir immer groß denken! [lacht] „Heavenly Father“ haben wir 2020 beispielsweise deswegen released, weil wir mit Bon Iver bei seinem geplanten Konzert in der Stadthalle Wien singen wollten. Seine Tour wurde leider coronabedingt abgesagt. Intern stand aber fest, dass wir definitiv mit ihm gesungen hätten. [lacht] Aber zurück zu deiner Frage: Es wäre natürlich das Schönste, mit dem Schmusechor auch außerhalb von Österreich zu touren. Dafür bräuchten wir allerdings den Tourbus von Bilderbuch oder Beyoncé! [lacht]

Bild Verena Giesinger
Verena Giesinger (c) Sophie Kirchner

Wieso eigentlich Schmusechor?

Verena Giesinger: Die meistgestellte Frage! Wir sind ja in einem Schlafzimmer entstanden. Die Namensfindung ist schnell erzählt: Als ich 2014 mit meinem damaligen Freund im Bett gelegen und wir gemeinsam Chornamen gebrainstormed haben, war der Name Schmusechor schnell gefunden. Schmusen und Singen sind ja leidenschaftliche Tätigkeiten, für die man beide Mund und Leidenschaft braucht. Ich bin mir relativ sicher, dass wir bestimmt schon mehr als einmal aufgrund unseres Namens gebucht oder Festival Kurator*innen zumindest wegen dem Namen auf uns aufmerksam geworden sind. [lacht]

Marketing-technisch also alles richtig gemacht!

Verena Giesinger: Genau – ohne es geplant zu haben! [lacht]

Der Schmusechor steht ja nicht nur für großartige Musik, sondern auch für fantastische Kostüme. Mave Ventura ist das kreative Genie dahinter – macht sie auch euer Make-Up?

Verena Giesinger: Mave ist definitiv Head of Our Looks, bei vielen mittlerweile auch privat. [lacht] Die Professionalisierung ihrer künstlerischen Konzepte, Ideen und ihr Feingefühl bei der Umsetzung ist mittlerweile ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil von uns als Chor. Gestartet haben wir unsere Kostümideen schon früh mit den „Abschmusen statt Abschieben“ T-Shirts. Mittlerweile wird für nahezu jedes Konzert und Projekt ein eigenes Kostümkonzept entwickelt. Bei der Eröffnung der wellenklängen Lunz am See letztes Jahr war das Outfit zum Beispiel gänzlich an die Umgebung der Seebühne angelehnt. Als „Business Mermaids“ ausgehend von der Fragestellung „Wie würde Arielle im Business Look aussehen“ wurden wir mit unseren Kostümen fast eins mit dem Wasser. [lacht] Mave kreiert im Vorhinein für den Chor ein Sheet aus Mood-Bildern und Ideen woraufhin die einzelnen Sänger*innen auf ihren eigenen (über die Jahre doch schon größerer) Kostümfundus zurückgreifen und aus dem eigenen Kasten mitbringen, was zum Konzept passt. Ein Kostümteam kuratiert, kreiert und setzt zusammen. Diese wuseligen Stunden, in denen alle gemeinsam an Haaren, Make-Up und an Netzstrumpfhosen arbeiten, gehören definitiv zu meinen Lieblingsstunden im Schmusechor.

Die Kostüme sind oft genderqueer. Welche Rolle spielt Gender bei euch?

Verena Giesinger: Eine wichtige und gute Frage. Mit Gender-Stereotypen zu brechen steht im Schmusechor mitunter im Zentrum unseres Handelns. Begonnen haben wir mit einer ganz simplen Idee, nämlich mit dem Lippenstift, den bei uns auch alle – nicht nur die, die sich als Frauen identifizieren – tragen. Obwohl wir uns mittlerweile im Jahr 2022 befinden, sorgt dieser Lippenstift sowohl online als auch direkt bei Konzerten immer noch für viel Furore.

Im positiven oder negativen Sinne?

Verena Giesinger: Beides. Es gibt tatsächlich noch Menschen, die offensichtlich echauffiert über die Tatsache sind, dass auch Männer bei uns Lippenstift tragen. Man würde es nicht für möglich halten, dass damit noch schockiert werden kann.

Spannend, mit was man noch schockieren kann!

Verena Giesinger: Nicht wahr? Zu unserer derStandard–Session ging es in den Kommentaren des Standard-Forums hauptsächlich um den Lippenstift und viel weniger um unsere Musik. Was uns auffällt, ist, dass es durchaus schnell und leicht geht, mit den Gender-Stereotypen zu brechen – sobald ein Mann einen Rock trägt, fällt es auf und ist eine Message. Bei weiblich gelesenen Personen haben wir bislang gemerkt, dass es bezüglich Kostüme noch mehr bedarf um zu brechen. Damit beschäftigen wir uns aktuell viel. Generell ist es uns ein Anliegen, das binäre System in ständiger Reflexion immer mehr aufzubrechen – unter anderem eben auch mit den Kostümen.

Sehr schön! Das binäre System ist ja in der Musik sehr verankert, man hat die Männerstimmen und die Frauenstimmen.

Verena Giesinger: Ich denke, es gibt wenige Musikarten, in denen das binäre System ärger verankert ist als in einem Chor. Rein stimmlich werden die Sänger*innen schnell zugeteilt: Ob man Sopran, Alt, Tenor, Bass oder Bariton ist, entscheidet, ob man „Männer-“ oder „Frauenstimmen“ zugeordnet wird. Auch im femchor beschäftigt uns diese rasche Zuordnung sehr. Nach außen hin würden uns bestimmt viele anhand unserer „Frauen-“ Stimmen als „Frauenchor“ bezeichnen und dabei die nicht-binären Singenden komplett außer Acht lassen. Ich merke hier in der Chorleitung immer wieder, dass auch meine eigene Sprache stete Reflexion und Weiterentwicklung bedarf und ich eben nicht von „Frauen“-Stimmen spreche, sondern unsere Stimme immer mehr befreien will von jeglicher Geschlechterzuordnung. Wir stellen uns als Chöre und Gruppen an Menschen hierzu immer wieder den Diskussionen und auch der Weiterbildung, die es eben bedarf. Hierfür sind viel Awareness und Offenheit zur Veränderung nötig. Im femchor genauso wie auch im Schmusechor. Um unsere blind spots zu erkennen, gönnen wir uns hin und wieder auch Workshops zu den verschiedenen Themen. Das ist natürlich Arbeit – aber eben Arbeit, die wir gerne machen.

Bild Schmusechor
Schmusechor (c) Nina Keinrath

Findest du, dass sich Popmusik im Hinblick auf Gender in den letzten Jahren verändert hat?

Verena Giesinger: Ich kann nur über österreichische Popmusik sprechen. Ad hoc fallen mir Kunstpersonen wie Kerosin95, Elli Preiss und Lou Asril ein. Meine Antwort zu deiner Frage ist definitiv ja. Zumindest in manchen Bubbles, würde ich sagen. Es ist ein langsamer, mühsamer Prozess, die verstaubten, verhärteten Strukturen zu entstauben, und von vielen verlangt dieses entstauben immer wieder extrem viel Mut, das Treffen von risikoreichen Entscheidungen, Energie und Ankämpfen gegen sehr viel Widerstand. Ich hoffe auf eine „wokere“ und viel diversere Zukunft – nicht nur in der Musikwelt. Aber eben, sobald wir die eigene, kleine Bubble verlassen, erschrecke ich immer wieder aufs Neue, wie weit wir von dem Aufbruch von engen Strukturen noch entfernt sind und wie viel Diskriminierung auf den österreichischen Bühnen noch immer stattfindet und vor allem stattfinden darf, ohne, dass die Personen zur Verantwortung gezogen werden.

Als Schmusechor wurden wir vor kurzem für ein Feature von Yung Hurn angefragt. Wir haben die Anfrage einstimmig abgelehnt. Die Entscheidung war für uns aus politischen Gründen unvermeidlich. Musikern, die sexistische und rassistische Lyrics daher rappen, darf einfach keine Bühne mehr geboten werden. Dass wir als Chor in 2022 uns gegen eine Bühne entscheiden und sie jemandem überlassen müssen, der diskriminierende Inhalte verbreitet und reproduziert, hat extrem viel Wut und Frust ausgelöst und hinterlassen. Wir sind offensichtlich ein queerer Chor, der von einer Frau geleitet wird – wie soll das mit Yung Hurn zusammen gehen? Da muss man auch nicht mehr über Kunstfreiheit und ironische Texte diskutieren – die Inhalte sind diskriminierend, extrem verletzende, und greifen sehr viele Menschen an. Hat sich die Musik in Österreich also verändert? Wenn man sich manche Bubbles ansieht, möchte man meinen, dass es so ist, aber ein Blick über den eigenen Horizont hinaus, belehrt einen schnell eines Besseren. Es steht leider noch sehr viel Arbeit an! So viel Arbeit, nicht zuletzt für FLINTA*-Personen. Ich bin dankbar über Musik und Kunst wie die von My Ugly Clementine, und die Pionier*innen Arbeit, die von vielen Künstler*innen noch immer täglich geleistet wird. Auch der Schmusechor wird das weiterhin machen. Denn wenn Lippenstift bei Männern immer noch schockiert, haben wir noch sehr viel zu tun.

Vielen Dank für das schöne und inspirierende Gespräch!

Itta Francesca Ivellio-Vellin