„EIN UNHÖFLICHES ALBUM“ – ULTIMA RADIO im mica-Interview

Die Grazer von ULTIMA RADIO beschreiben sich mittlerweile als Post-Stoner-Band. Über die Entwicklung ihres Sounds, ihr neues Album „Sleep Panic Repeat“ (Panta R&E) als Katharsis und Aufarbeitung psychischer Probleme sowie existenzialistische Themen für Musiker:innen sprach Sebastian J. Götzendorfer mit Sänger ZDRAVKO KONRAD.

Was hat sich seit dem ersten Album – als unser letztes Interview stattgefunden hat – bei euch als Band nun bis zum dritten und neuen Album „Sleep Panic Repeat“ so getan?

Zdravko Konrad: Dazwischen ist unter anderem das zweite Album „Dusk City“ veröffentlicht worden, bei welchem wir einen viel stärkeren konzeptuellen Zugang verfolgt hatten. Da haben wir als Sinnbild die Stadt verarbeitet und diese wirkte gleichzeitig als Instrument, um die Menschen als Parasiten im Kontext des Klimawandels und der Umweltverschmutzung zu thematisieren. Die Stadt als Tumor auf der Welt ein bisschen. Wir versuchten hier aktiv, die Gesellschaft zu kommentieren.

Und was hat sich von „Dusk City“ nun zu „Sleep Panic Repeat“ verändert?

Zdravko Konrad: Es ist mit Abstand unser persönlichstes Album, da wir individuell viele Schicksalsschläge hatten. Unter anderem wegen Corona, aber es ging auch um mental bedingte Probleme und existenzielle Herausforderungen – sehr emotional aufgeladene Themen also. Wir sind also vom Kommentieren der Gesellschaft eher in eine introvertierte Richtung gegangen – das neue Album ist beinahe ein innerer Monolog. Wir wollen auch, dass der Hörer oder die Hörerin selbst beim Hören im Mittelpunkt steht und neben dem Erforschen der eigenen Psyche auch einen Befreiungsschlag aus diesem Loch zu suggerieren.

Was für ein Loch ist das?

Zdravko Konrad: Ich meine das mentale, das psychische Loch. Es ist ein sehr deprimierendes und emotionales Album – vor allem textlich. Der Titel „Sleep Panic Repeat” soll einen Dauerzustand beschreiben aus einem Kreislauf aus Erschöpfung, Taubheit und gleichzeitiger Tatendrang, wodurch Wut und Frustration geschaffen wird. Weder textlich noch musikalisch wollten wir diesmal ausschweifend sein – alles ist ganz klar in ya face konzipiert.

Natürlich kann das auch wieder gesellschaftskommentierend ausgelegt werden, wenn man psychische Erkrankungen als Volkskrankheit sieht oder als Symptom einer Gesellschaft. Aber vordergründig ist das Album wie gesagt sehr persönlich, beinahe wie eine private Studie.

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Fast wie eine psychologische Fallstudie also? Wer ist denn dann der Fall?

Zdravko Konrad: Die Individuen in der Band – also deren Themen und wie man das aufarbeitet. Es geht darum, eine Stimmung und eine Atmosphäre durch diese Aufarbeitung zu erschaffen. Es ist sicher sehr viel unmittelbarer als noch bei „Dusk City“ und auch eine Art Bestandsaufnahme.

Inwiefern hat sich die Covid-Pandemie hier auf euch als Individuen ausgewirkt?

Zdravko Konrad: Es hat schon davor bei manchen von uns angefangen, dass wir mental gebröckelt haben. Die Covid-Pandemie hat das dann beschleunigt. Diese „Downward Spiral“ war bei uns allen eine Parallele und die ist auch gewissermaßen ein Motiv des Albums. Es ist dadurch auch ein brutales und direktes Album geworden. Ein unhöfliches Album.

Hat es für dich einen kathartischen Effekt so ein Album zu schreiben? Löst das bei dir etwas auf, ist man danach befreiter?

Zdravko Konrad: Man hat dadurch sicherlich einen Kanal. Der Sinn der Sache ist sicherlich, die Emotionen rauszulassen. Ich will jetzt nicht sagen, dass das immer zu einer mentalen Reinigung in dem Sinne führt, aber es entlastet auf jeden Fall. Es ist jetzt aber nicht die Therapie an sich.

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Reden wir über euren musikalischen Stil. Im Vergleich zu den Vorgängern wirkt „Sleep Panic Repeat“ weniger eklektisch und es hat weniger von einem Stilmix. Stattdessen hört es sich mehr wie aus einem Guss an.

Zdravko Konrad: Das war ein bewusster Schritt: Wir wollten die eben besprochene Emotionalität und Tristesse auch musikalisch passend untermalen. Wir nennen den Stil selber mittlerweile „Post-Stoner“ – also nicht der klassische Stoner Rock, sondern eine hybride Weiterentwicklung so wie „Post-Hardcore“ oder „Post-Punk“. Diverse Bands wie etwa Tigercub oder Millionaire haben uns hier stark beeinflusst. Für mich persönlich war auch Shame sehr wichtig.

„Gerader, eindeutiger und homogener.“

Auch der Sound des Albums verkörpert weniger einen klassischen Stoner Rock-Sound, sondern hört sich fast mehr wie Nu Metal und Crossover der frühen 2000er an. Wie ist es zu diesem Sound gekommen?

Zdravko Konrad: Das ist viel unserem Gitarristen Julian Jauk geschuldet – der Mastermind hinter dem Album. Er hat in Sachen Songwriting und Produktion eindeutig am meisten gemacht. Erstmals hat er auch ein Album vollständig alleine produziert und gemischt. Nur gemastert wurde es dann von Bernd Heinrauch. Die Basis und der Körper des Albums kommen allerdings völlig von ihm. Dadurch wurde der Sound meiner Meinung nach gerader, eindeutiger und homogener. Er ist eben auch ein 2000er-Kind. Rage Against The Machine, Linkin Park oder Limp Bizkit haben uns ganz einfach geprägt.

Was auch zu diesem homogenen Sound des Albums beiträgt sind die vielen Interludes.

Zdravko Konrad: Die Interludes gab es bereits auch bei „Dusk City“, aber das wollten wir unbedingt weiter machen. Das soll ganz klar eine Stilistik von uns sein. Im Kontext dieses Albums soll den Zuhörenden immer wieder mal eine Pause zum Durchatmen gegeben werden.

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Das ist auch dahingehend interessant, da es im Kontrast zur aktuellen Musikveröffentlichungslandschaft mit Streaming, unendlichen Single-Releases sowie Musik mehr und mehr online zu hören steht. Versteht ihr das als absichtlichen Gegenpol, ist euch dieser Trend egal oder wollt ihr generell das Album als Gesamtwerk hochleben lassen?

Zdravko Konrad: Nein, egal ist uns das nicht. Es ist nicht als bewusste Gegenstrategie geplant. Es geht uns mehr um den Zugang zum Album als Gesamtwerk. Das Album als Ganzes ist uns persönlich wesentlich wichtiger, als mit irgendwelchen modernen Vermarktungsstrategien mitzugehen. Wir sind dahingehend etwas altmodisch. „Sleep Panic Repeat“ funktioniert auf jeden Fall am besten, wenn man es sich als Ganzes anhört.

Trotzdem haben wir mit „Black Swan“ und „Animals“ aktuell zwei Single-Auskopplungen. Hier sehen wir aber auch den Vorteil, dass man etwa mit Musikvideos der Musik auch einen zusätzlichen visuellen Anstrich verpassen kann. Bei den Musikvideos kommt auch alles von der Aufnahme bis zum Schnitt aus unserer eigenen Feder.

„Sleep Panic Repeat“ ist nun eben euer drittes Album. Zu Beginn hast du auch existenzialistische Sorgen erwähnt. Hängt das auch mit dem Dasein als Musiker per se zusammen?

Zdravko Konrad: Ich glaube der Fakt, dass Covid über uns hereingebrochen ist, erübrigt die Frage. Denn alle, die irgendwie in der Musik- und Kulturszene am Werk sind, hatten zu kämpfen.

„Ich konnte mich also weder beruflich noch künstlerisch irgendwie äußern.“

Die Entwicklung dahingehend, dass es immer schwieriger wird sich als Musiker oder Musikerin eine abgesicherte Existenz aufzubauen, gab es aber schon davor, oder?

Zdravko Konrad: Damit hatten wir uns eigentlich schon vor der Pandemie gut arrangiert. Es ist halt wie ein Spiel. Gerade als Rock-Band sind wir natürlich insbesondere in einer Sparte des Musikgeschäftes, wo eine ökonomische Sichtweise auf die Existenz einer Band schlichtweg eine schlechte Idee ist. Das Leben rein als Künstler – davon haben wir uns schon früher etwas verabschiedet. Vielleicht macht uns aber genau das zu umso passionierteren Musikern. Wir haben alle ein zweites Standbein. Und genau hier kommt aber wieder Covid ins Spiel, denn diese Situation hat uns teilweise das zweite Standbein auch weggenommen, bis ich persönlich zum Beispiel absolut in der Schwebe war. Ich konnte mich also weder beruflich noch künstlerisch irgendwie äußern. Das war schon ein Tiefschlag. Solche Kristen hatte in unterschiedlichen Varianten eben jeder in der Band. Und da dann gemeinsam etwas zu erarbeiten und wieder etwas aufzubauen, ist umso herausfordernder, aber kann eben zu so einem Album wie „Sleep Panic Repeat“ führen.

Zum Abschluss noch: Was ist auf diesem Album dein persönlicher Lieblingssong?

Zdravko Konrad: Das ist „Anti-You“. Die Thematik des Songs ist für mich sehr persönlich und ein perfektes Beispiel für die Aufarbeitung von Dingen, die hier passiert sind. Das ist sehr repräsentativ für meine Befreiung.

Und welcher Song ist am besten zum Reinhören für Leute, die noch nie etwas von euch gehört haben? 

Zdravko Konrad: Auf jeden Fall „Black Swan“! Das ist am ohrenfreundlichsten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sebastian J. Götzendorfer

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Ultima Radio live:
13.05.22. – Wien, b72
20.05.22. – Graz, Music-House
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