„WENN ES UM HASS AUF QUEERE MENSCHEN GEHT, GIBT ES VIEL ZU WENIG SCHUTZMECHANISMEN” – COLOR THE NIGHT IM MICA INTERVIEW

Sechs Leute, zwei Gitarren, ein Bass, ein Synth, ein Schlagzeug, eine Trompete – und ein unbedingter Antrieb, Dinge zu verändern: Das sind COLOR THE NIGHT. Die Band, bestehend aus LUKAS MÄRKL, MICHAEL BUCHEGGER, MARCO MRCELA, RAPHAEL KARNER, VALENTIN GOIDINGER und JONATHAN BANHOLZER, macht nicht nur Musik zum Tanzen, sondern auch zum Aufrütteln: Mit „Queer Rage“ (VÖ 7.3. auf Las Vegas Records) bringen sie ihr erstes Album in der aktuellen Konstellation heraus. Im Gespräch mit Ania Gleich erzählen sie, wie sie queere Sichtbarkeit in der österreichischen Musikszene erleben und warum Wut ein notwendiges Ventil sein kann. Sie sprechen über politische Rückschritte, über die Bedeutung von „Male Allies” und darüber, wie Musik zum gemeinsamen Widerstand werden kann. Und natürlich verraten sie, welcher Song für sie die Essenz von COLOR THE NIGHT einfängt – und warum dieses Album jetzt wichtiger denn je ist.

Ihr seid alle von verschiedenen Orten zugeschaltet, oder? Erkenne ich da zwei Leute, die im Zug sitzen?

Valentin Goidinger: Ja, genau. Michael und ich sitzen im Zug von Linz nach Zams in Tirol! 

Apropos unterwegs: Ihr seid als Band in der jetzigen Konstellation noch nicht so lange unterwegs. Wie habt ihr euch gefunden?

Michael Buchegger: Das kann ich am besten beantworten, weil ich eines der Gründungsmitglieder bin. Ursprünglich gab es drei von uns, aber ich bin der einzige, der übrig ist. Ich habe damals unseren alten Sänger Paris (Anm. Zinner) kennengelernt, der ein Singer-Songwriter-Projekt hatte. Wir haben zusammen Musik gemacht, aber irgendwann beschlossen, den Sound komplett zu verändern. So entstand unser erster Song „Eyes off You“, und bald kamen „Take Me Home Boy“ und „Please Talk To Me“ dazu.

Bild der band Color the Night
COLOR THE NIGHT © Elena Aistleitner

Wie seid ihr dann von dieser ersten Besetzung zur heutigen Formation gekommen?

Michael Buchegger: Irgendwann kam der Wunsch, eine Band zu haben, die an einem festen Ort zusammenarbeitet. Wir waren aber verstreut – ich in Oberösterreich, Paris in München. Als sich die Gründungskonstellation aufgelöst hat, wollte ich weitermachen. Damals war ich an der Anton-Bruckner-Privatuniversität und habe angefangen, Leute zu suchen. So kamen nach und nach Vali, Jonathan (unser Trompeter, der heute nicht dabei ist), Luki und unser erster Drummer Jakob (Anm. Gschwandtner) dazu. Jakob hat uns später verlassen, weil er sich mit unserem Genre nicht mehr identifizieren konnte. Also kam Marco als Drummer dazu, und wir sind alle extrem happy mit ihm.

Und warum hat sich euer Sänger Paris verabschiedet?

Michael Buchegger: Paris ist irgendwann nach Berlin gezogen, dann kam Corona – wir hatten eine Tour geplant, die abgesagt werden musste. Das war ein Schlag, weil es gerade sehr gut lief. Danach meinte Paris, dass es ihm zu stressig wird, und er stieg aus.

Aber ihr habt trotzdem entschieden, als Band weiterzumachen?

Michael Buchegger: Ja, weil wir es unfair fanden, dass eine Band auseinanderbrechen soll, nur weil eine Person geht. Zu dem Zeitpunkt hatte Raphi an der Uni angefangen, und wir haben ihn als Sänger angefragt. Es hat von Anfang an super gepasst. Jetzt haben unsere Songs mehr Bedeutung, die Texte sind reflektierter, und wir vertreten Werte, die uns wichtig sind.

Und das reflektiert jetzt „Queer Rage“?

Michael Buchegger: Ganz genau. Das ist unser erstes Album in dieser Besetzung! 

„WIR WOLLTEN UNS MIT JEDEM EINZELNEN SONG IDENTIFIZIEREN KÖNNEN.”

Wie habt ihr denn die Produktion des Albums gestaltet? War das ein gemeinsamer Prozess oder hatte jede:r eigene Aufgaben?

Michael Buchegger: Es war sehr unterschiedlich, aber im Kern haben wir die Songs gemeinsam geschrieben. Wir haben uns im Proberaum getroffen, an den Songs gearbeitet, bis sie für uns wirklich fertig waren – also Form, Text und Melodie standen. Dann sind wir ins Studio gegangen. Wir haben alles selbst aufgenommen, ohne externe Produzent:innen. Das einzige, was wir abgegeben haben, war Mixing und Mastering.

Wie liefen die Studio-Sessions ab? Habt ihr alles zusammen eingespielt oder Spur für Spur aufgenommen?

Michael Buchegger: Wir haben Spur für Spur aufgenommen. Das heißt, wir haben zuerst die Drums aufgenommen, dann den Bass, dann Gitarren, Trompeten und schließlich die Vocals. Alle waren immer anwesend, aber wir haben nicht gleichzeitig eingespielt – das hätte für den Sound, den wir wollten, nicht funktioniert.

Gab es auch Songs, die anders entstanden sind?

Michael Buchegger: Ja, einige Songs wurden nicht im Studio, sondern zu Hause produziert. „Sweaty”, „Puppetmaster” und „Alone” sind zum Beispiel größtenteils in meinem Home-Studio entstanden. Bei „After Midnight“ lief es anders: Raphi hat das Instrumental geschrieben und mir geschickt. Ich habe es mir angehört und dachte sofort: „Das ist cool!“ Ich habe dann ein paar Sounds aufgeblasen, mehr Vibe reingebracht, aber die Grundidee blieb gleich. „Alone” war ursprünglich eine Demo mit unserem alten Sänger Paris. Wir haben später einen kleinen Baustein daraus genommen und den Song komplett überarbeitet.

Also ist euer Arbeitsprozess sehr flexibel?

Michael Buchegger: Ja, total. Manchmal haben wir eine Nummer erst live gespielt und dann ins Studio gebracht. Manchmal hatten wir Stress und ich habe das Grundgerüst in drei Stunden bei mir zu Hause gebaut, bevor wir es gemeinsam fertiggestellt haben.

Wie wichtig war es euch, dass euer Sound wirklich von euch kommt und nicht von externen Produzent:innen geprägt wird?

Michael Buchegger: Das war uns extrem wichtig. In der Popmusik läuft es oft so, dass eine Person eine Idee liefert, aber der Großteil des Songs dann von einem Produzenten oder einer Produzentin kommt. Das wollten wir nicht. Wir wollten uns mit jedem einzelnen Song identifizieren können. Es ging uns nicht nur darum, dass wir den Funken der Idee liefern, sondern dass die Umsetzung auch wirklich aus der Band kommt.

Das heißt, durch diese Arbeitsweise habt ihr auch euren eigenen Sound entwickelt?

Michael Buchegger: Genau. Während der Albumproduktion haben wir uns als Band noch besser kennengelernt und neue Dinge ausprobiert. Deshalb klingen die Songs auch unterschiedlich – weil wir uns selbst weiterentwickelt haben.

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Das ist ein spannender Punkt. Viele Bands halten sich an einen einheitlichen Sound, um ihr Publikum nicht zu „verwirren“. War das für euch kein Thema?

Michael Buchegger: Warum sollte ein Album von Anfang bis Ende gleich klingen? Wir finden es spannend, verschiedene Einflüsse und Sounds zu kombinieren. Klar, manche Leute mögen das nicht. Bestes Beispiel: Linkin Park. Als sie sich musikalisch weiterentwickelt haben, waren viele Fans enttäuscht, weil sie die alten Sachen besser fanden. Aber später hat sich zum Beispiel „A Thousand Suns” als großartiges Album herausgestellt.

Also seid ihr der Meinung, dass eine Band sich stetig weiterentwickeln sollte, auch wenn es manche Fans irritiert?

Michael Buchegger: Ja, genau. Eine Band sollte nicht stagnieren, nur weil das Publikum es so erwartet. Wir wollen Musik machen, die uns wirklich entspricht – und das kann sich von Album zu Album verändern.

Euer Album wirkt inhaltlich und formal stark durchdacht – kurze, prägnante Titel, aber erzählerische Songs. Wie hängt eure Produktionsweise mit den Inhalten zusammen?

Raphael Karner: Die Texte kommen größtenteils von mir. Und klar, dadurch, dass ich genderfluid und gay bin, fließen meine persönlichen Erfahrungen automatisch in die Songs ein. Ich fand es spannend, diese Erfahrungen in einem Popsong – oder was auch immer unser Genre genau ist – zu verarbeiten. Ich habe mir viele verschiedene Storytelling-Techniken angeschaut, aber gleichzeitig immer schon viel Popmusik gehört.

Gab es bestimmte Elemente, die dir beim Songwriting besonders wichtig waren?

Raphael Karner: Ja, zum Beispiel ein bisschen Humor in den Texten. Ich mag es, wenn in ernsten Geschichten kleine Jokes versteckt sind. Das hat für mich auch einen therapeutischen Effekt. Es hilft mir, persönliche Themen aufzuarbeiten.

Wie verbindet sich diese persönliche Ebene mit eurer Arbeitsweise als Band?

Raphael Karner: Es passt gut zusammen, weil in der Queer-Community auch dieses starke Gemeinschaftsgefühl existiert. Das spiegelt sich in unserer Band wider. Oft habe ich zwar meine persönlichen Storys, aber die Herausforderung ist dann, sie so zu formulieren, dass sie auch andere Leute ansprechen können. Ich will nicht zu spezifisch werden, aber gleichzeitig soll meine Geschichte klar erkennbar bleiben.

„IN QUEEREN FREUNDESKREISEN GEHT ES OFT UM FREUDE, FEIERN UND AUSGELASSENHEIT. ABER GLEICHZEITIG TRAGEN VIELE VON UNS SCHWERE THEMEN MIT SICH HERUM.“

Hat sich das auch in der Art widergespiegelt, wie ihr die Songtitel gewählt habt?

Raphael Karner: Ja, das war oft ein lustiger Prozess. Unsere Songs haben meistens zuerst Demo-Titel oder Arbeitstitel, die sich dann mit der Zeit verändern. Intern nennen wir die Songs manchmal auch ganz anders als auf der Bühne. Der finale Titel entsteht oft erst später, wenn der Text wirklich fertig ist.

Der Albumtitel „Queer Rage“ ist ja ziemlich in-your-face. Ich denke, das ist sehr bewusst so gewählt?

Raphael Karner: Ja, total! Und ich finde sogar, dass sich die Wut im Album aufbaut. Am Anfang sind noch viele Dance-Vibes und eher happy Songs, aber in der zweiten Hälfte kommt die Rage langsam durch.

Das heißt, ihr habt die Tracklist gezielt so gestaltet?

Raphael Karner: Teils, teils. Wir haben zuerst einfach Songs geschrieben, ohne eine feste Struktur im Kopf. Aber als es dann darum ging, die Reihenfolge fürs Album zu bestimmen, haben wir bewusst darauf geachtet, dass sich ein Bogen ergibt. Um dem Titel „Queer Rage” wirklich gerecht zu werden, war es sinnvoll, dass die intensiveren Themen gegen Ende kommen.

Euer Album vereint Party-Vibes und tiefere, teils traumatische Themen – spiegelt das bewusst queere Erfahrungen wider?

Raphael Karner: Ja, total. In queeren Freundeskreisen geht es oft um Freude, Feiern und Ausgelassenheit. Aber gleichzeitig tragen viele von uns schwere Erfahrungen mit sich herum. Diese Mischung aus Leichtigkeit und tiefen Emotionen ist etwas, das die Community stark prägt – und genau das spiegelt sich auch im Album wider. Man kann viel Spaß haben, aber man hat eben auch diese andere Seite, die mit all den Erfahrungen verbunden ist, die man gemacht hat. Und das wollten wir musikalisch abbilden.

Gab es einen Song auf dem Album, der euch besonders schwer gefallen ist – entweder emotional oder musikalisch?

Raphael Karner: Eigentlich hat alles ziemlich gut funktioniert, aber es gab definitiv Songs, in denen wir sehr aktuelle Themen verarbeitet haben, die uns wütend gemacht haben.

Bild der band Color The Night
COLOR THE NIGHT © Elena Aistleitner

Könnt ihr ein Beispiel nennen?

Raphael Karner: Ja, zum Beispiel „Agony“. Der Song entstand, als in gewissen US-Bundesstaaten Gesetze eingeführt wurden, die bestimmten, wie sich Männer und Frauen kleiden „dürfen“. Das hat uns so wütend gemacht, dass wir es in den Text einfließen lassen mussten. Eine Zeile aus dem Song lautet: „Call the police. It’s illegal in this state to dress as you please.” Das ist unsere Reaktion auf diese absurden Gesetze. Ein anderes Beispiel ist die Line aus „Alone“: „If you don’t get it, I’m a faggot.“ 

War es euch wichtig, solche Begriffe zurückzuerobern?

Raphael Karner: Ja, das war der Gedanke dahinter. Wenn uns jemand mit solchen Worten angreifen will, sagen wir einfach: „Okay, dann nehme ich das Wort eben selbst an.“

Gab es auch andere politische Ereignisse, die in die Texte eingeflossen sind?

Raphael Karner: Ja, leider gab es einige. Ein Beispiel ist dieser FPÖ-Politiker, der ein Video gepostet hat, in dem er eine Regenbogenflagge zerknüllt und in den Müll wirft. Seine gesamte Rhetorik war einfach reine Hate Speech gegen queere Menschen.

Wie seid ihr damit umgegangen?

Raphael Karner: In meinem queeren Freundeskreis haben damals alle diesen Post gemeldet, weil das einfach nicht akzeptabel war. Und das ist ein gutes Beispiel für die Art von Wut, die wir im Album thematisieren. Viele der Songs sind durch solche realen Ereignisse inspiriert. Oft waren es genau diese Dinge, die wir in unseren Texten verarbeiten mussten, weil sie uns im Alltag begegnen und wütend machen. Aber was war die Frage, die ich jetzt umgangen bin? 

Ob es auch musikalische Hürden bei einigen Songs gab! 

Michael Buchegger: Definitiv! Manche Songs liefen extrem flüssig, zum Beispiel „Drama Drama” oder „Sweaty” – da gab es von Anfang an keine Probleme, die haben sich fast von selbst geschrieben. Dafür war „Egomaniac mein persönlicher Endgegner. Der Song hat mich während der Produktion wahnsinnig gemacht. Ich wusste lange nicht, wie ich ihn auf den Punkt bringen sollte. Am Ende habe ich dann doch eine Lösung gefunden, aber das war echt tricky – doch das wäre jetzt eher so nerdy Producer-Stuff.

Wie sieht es mit den Texten aus? Gab es da Herausforderungen?

Raphael Karner: Beim Texten selbst hatte ich weniger Probleme. Klar, manchmal gibt es die typischen „Was reimt sich darauf?-Momente“, aber thematisch war es für mich immer ein sehr gutes Outlet. Gerade wenn es um intensive oder wütende Themen geht, hat es mir richtig Spaß gemacht, meine Gefühle rauszulassen. Das war ein produktiver Weg, mit dem Hass, den man manchmal spürt, umzugehen, ohne ihn destruktiv nach außen zu tragen.

Gab es einen Song, bei dem die Emotionen beim Recording eine besondere Rolle gespielt haben?

Raphael Karner: Ja, wieder „Egomaniac“! Der war nicht nur produktionsmäßig schwierig, sondern auch stimmlich sehr herausfordernd. Wir haben ihn einige Male neu aufgenommen, weil ich am Ende des Songs richtig hoch rauf muss – das ist stimmlich sehr anstrengend. Auch live ist das ein heftiger Song, aber auf der Aufnahme hatte ich noch mehr Spielraum, um die Emotionen richtig rauszulassen. Im Studio kann man wirklich mal schreien und alles geben, ohne Rücksicht auf Übersteuerung oder dass es live den ganzen Gig überleben muss.

„HASSREDE IST KEINE MEINUNGSFREIHEIT.“

„Egomaniac“ klingt auch schon im Titel nach einer anstrengenden Person. Welche Themen habt ihr darin verarbeitet?

Raphael Karner: Der Song dreht sich um Egoismus und darum, wie viele Menschen einfach nur an sich selbst denken. Es geht darum, wie Leute sich völlig rücksichtslos auf der Straße verhalten und denken, sie hätten keine Konsequenzen für das, was sie sagen oder tun. Und leider ist es oft so, dass es tatsächlich keine Konsequenzen gibt. Gerade wenn es um Hass auf queere Menschen geht, gibt es viel zu wenig Schutzmechanismen. Leute rufen Beleidigungen auf der Straße, aber das fällt dann unter „Meinungsfreiheit“.

Wo hört Meinungsfreiheit für euch auf?

Lukas Märkl: Genau da, wo sie andere Menschen einschränkt. Hassrede ist keine Meinungsfreiheit – das ist einfach ein Problem. Aber rechtlich wird das oft nicht so gesehen, weil es als emotionale Ebene betrachtet wird. Dabei hat es massive Auswirkungen auf die Betroffenen.

Eine gute Überleitung zu meiner nächsten Frage: Wie erlebt ihr queere Sichtbarkeit in der österreichischen Musikszene? Seht ihr eher Support oder ist es ein Kampf um Raum?

Michael Buchegger: Das ist schwer zu sagen, weil wir bei Konzerten und im Radio bisher gemischte Erfahrungen gemacht haben.

Inwiefern hat sich das im Radio verändert?

Michael Buchegger: Seit wir ernstere Themen in unseren Songs haben, haben wir das Gefühl, dass es schwerer geworden ist, Airplay zu bekommen. Der letzte Song von uns, der wirklich oft gespielt wurde, war „Love“ – und der hatte keine tiefere Message. Bei den neuen Songs, die klarere Botschaften haben, hören wir oft: „Ja, wir spielen euch einmal oder zweimal – aber dann lieber wieder ‘Love.“

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Meint ihr, das liegt am Inhalt der Songs oder einfach am Geschmack der Sender?

Michael Buchegger: Wir wissen es nicht. Vielleicht gefallen den Leuten die neuen Songs einfach weniger – das ist ja auch möglich. Aber es fällt auf, dass wir weniger Support bekommen, seit unsere Texte direkter geworden sind.

Wie sieht es mit Konzerten aus? Ist es für euch schwieriger geworden, Gigs zu buchen?

Michael Buchegger: Ja, auf jeden Fall. Marco hat erst kürzlich eine Anfrage für einen Gig in Kärnten geschickt und die Rückmeldung war sinngemäß: „Ihr passt nicht ins Line-Up, weil ihr zu viele Männer in der Band habt.“ Das ist ein schwieriges Thema, weil wir voll verstehen, dass Diversität wichtig ist. Gleichzeitig haben wir das Gefühl, dass wir oft zwischen zwei Stühlen sitzen: Einerseits könnte es sein, dass wir weniger Chancen bekommen, weil unsere Texte queere Themen aufgreifen. Andererseits könnte es auch sein, dass Leute aus der Community denken: „Wir kaufen euch das nicht ab.“ Wir wissen es nicht genau, aber es fühlt sich so an, als wäre es komplizierter geworden.

Ihr habt vorhin über politische Entwicklungen gesprochen, die euch wütend machen. Denkt ihr nicht, dass queere Themen in der Musikszene gerade wichtiger sind denn je?

Raphael Karner: Definitiv. Gerade jetzt, wo rechtspopulistische Parteien wieder stärker und queerfeindliche Narrative lauter werden, ist es wichtig, dagegenzuhalten. Viele aus unserer Generation hatten das Glück, nicht mehr für grundlegende Rechte auf die Straße gehen zu müssen. Aber jetzt sehen wir, dass diese Rechte nicht selbstverständlich sind.

Gibt es konkrete politische Beispiele?

Raphael Karner: Ja, zum Beispiel die FPÖ, die immer wieder droht, Förderungen für queere Kunst- und Kulturprojekte zu streichen. Oder diese grotesken Proteste gegen Drag-Lesungen für Kinder. Da stellen sich irgendwelche Leute hin und behaupten, sie müssten „die Kinder beschützen“, weil Eltern ihre Kinder dorthin schicken – als ob sie besser wüssten, was gut für diese Kinder ist. Und dann natürlich dieser ständige Missbrauch des Begriffs „Meinungsfreiheit“ als Deckmantel für Rassismus, Sexismus und Homo- bzw. Transfeindlichkeit.

Und ihr seid weiterhin der Meinung, dass Kunst und Musik genau der richtige Ort sind, um dagegenzuhalten?

Michael Buchegger: Absolut. Wir sprechen diese Themen in unseren Songs an – aber auch auf der Bühne. Wir spielen diese Songs mit vollem Bewusstsein für ihre Message. Und selbst wenn wir nicht alle persönlichen Erfahrungen gemacht haben, stehen wir solidarisch hinter diesen Themen.

„WIR KÄMPFEN DAGEGEN AN DASS MENSCHEN IN SCHUBLADEN GESTECKT WERDEN. WENN WIR DASSELBE MIT ANDEREN MACHEN, SIND WIR AUCH NICHT BESSER“

Wie macht ihr das sichtbar?

Valentin Goidinger: Ich trage mittlerweile regelmäßig einen Rock auf der Bühne. Beim ersten Mal war das total ungewohnt und ich habe mich unwohl gefühlt – was eigentlich absurd ist, weil es nur ein Kleidungsstück ist. Aber genau das zeigt, wie sehr wir alle in diesen Normen gefangen sind.

Wie seht ihr die Verbindung zwischen Mode und gesellschaftlicher Wahrnehmung?

Valentin Goidinger: Es ist verrückt, wenn man sich anschaut, wie sehr sich das Bild verändert hat. In der Antike trugen alle Männer Röcke oder Gewänder – und irgendwann hat sich das plötzlich gedreht. Wir haben sogar einen Song geschrieben, der sich mit dieser Thematik beschäftigt: „Mona Lisa.“ Der hat es zwar nicht aufs Album geschafft, aber er spielt mit der Theorie, dass die Mona Lisa eigentlich ein Mann ist. Der Songtext beschreibt die Mona Lisa als eine Figur, die sich die ganze Zeit verstecken muss.

Ihr seht euch also nicht nur als Band, sondern auch als eine Art Sprachrohr?

Raphael Karner: Ja, wir wissen, dass wir als Band eine Plattform haben und diese nutzen können. Es gibt immer noch viel zu wenige cis-Männer, die sich aktiv für queere Themen einsetzen. Das ist aber notwendig, wenn sich wirklich etwas verändern soll.

Color the Night als Bildungsauftrag?

Raphael Karner: Genau! Kunst und Musik waren schon immer Vorreiter für den gesellschaftlichen Wandel. Wir wollen Teil davon sein.

Gibt es zu dem Themenkomplex noch etwas, das ihr ergänzen wollt?

Raphael Karner: Ja, eine kleine Kritik an Teilen der Queer-Community – insbesondere unter jüngeren Leuten. Ich spüre oft, dass cis, hetero, weiße Männer pauschal abgelehnt werden. Es gibt diese Haltung: „Du gehörst zur unterdrückenden Gruppe, also lehne ich dich ab.“ Aber das ist eigentlich genau das, was wir nicht wollen. Wir kämpfen ja dagegen an, dass Menschen in Schubladen gesteckt werden. Und wenn wir selbst dasselbe mit anderen machen, sind wir auch nicht besser.

Also sollte der Fokus darauf liegen, diese Menschen einzubinden statt auszuschließen?

Michael Buchegger: Genau! Wir müssen ihnen zeigen, dass es keinen Grund gibt, uns zu hassen – aber gleichzeitig fordern, dass sie uns respektieren. Es geht darum, Brücken zu bauen.

Brücken bauen statt ausgrenzen?

Raphael Karner: Absolut. Es geht um gegenseitiges Verständnis. Natürlich gibt es gute Gründe, warum Misstrauen gegenüber cis-hetero Männern existiert. Aber wenn wir sie pauschal ablehnen, verhindern wir echte Veränderung.

Bild der Band Color The Night
COLOR THE NIGHT © Elena Aistleitner

Ihr habt gerade das Musikvideo zu „The Puppetmaster“ veröffentlicht. Wie habt ihr euch entschieden, genau zu diesem Song ein Video zu machen? Und was war eure Idee dahinter?

Raphael Karner: Bei diesem Song hatte ich sofort ein Bild im Kopf – das war tatsächlich das einzige Mal auf dem Album, dass das so war. Wir haben dann aus diesem Bild heraus den Song entwickelt. Die Grundidee war: Eine queere Person oder eine queere Freundesgruppe tanzt in einem Club. Ein hetero Mann sieht das und versteht nicht, was da passiert. Er fühlt sich unwohl und geht nach Hause, wo er seinem Kind eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt – aber in einer völlig verdrehten Version. Für ihn ist diese queere Person eine Art „Puppetmaster“, der andere Menschen kontrolliert.

Und diese Perspektive des Vaters habt ihr dann im Video umgesetzt?

Raphael Karner: Genau. Im Video sieht man, wie der Vater seinem Kind diese Geschichte erzählt. Er will es davon überzeugen, dass dieser „Puppetmaster“ andere Leute zwingt, zu tanzen. Aber im Verlauf des Videos wird klar: Es geht gar nicht um Kontrolle. Die queere Person strahlt einfach so viel Energie und Lebensfreude aus, dass andere Menschen freiwillig mittanzen wollen.

Das Kind erkennt am Ende, dass die Wahrheit anders ist?

Raphael Karner: Ja, das ist das Schöne am Video. Während der Vater alles aus seiner homophoben Perspektive interpretiert, versteht das Kind schließlich, dass es gar nichts Bedrohliches gibt.

Das passt ja perfekt zu der Diskussion, die wir vorhin geführt haben!

Raphael Karner: Total! Es geht wieder darum, wie Vorurteile entstehen – und dass sie oft aus Angst oder Unverständnis herauswachsen.

Zum Abschluss eine Denkaufgabe: Wenn ihr einer fremden Person nur einen einzigen Song zeigen dürftet, um Color the Night zu repräsentieren, welcher wäre das?

Lukas Märkl: Oha, fiese Frage!

Raphael Karner: „Egomaniac“! Weil er diese zwei Seiten hat – Party und die schweren, wütenderen Themen. Er wechselt zwischen diesen Stimmungen und zeigt gut, was unsere Musik ausmacht.

Lukas Märkl: Ich hätte genau das Gleiche gesagt! Vielleicht noch „Fem Divine“, aber wahrscheinlich auch „Egomaniac“.

Marco Mrcela: Ich würde „Disappointment” nehmen. Der Song hat so eine knackige, rockige Energie – man kann mit dem Kopf mitwippen, aber dann kommt die Message quasi durch die Hintertür dazu. Das finde ich spannend.

Lukas Märkl: Du bist neu in der Band und direkt enttäuscht!

Marco Mrcela: Nein, nein, das nicht! Aber „Disappointment” hat einfach einen coolen Drive.

In jedem Fall: Vielen Dank für eure Zeit und das lange Gespräch! Ich fand es großartig, dass wir so tief in die Themen eintauchen konnten.

Alle: Danke dir für die tollen Fragen!

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Ania Gleich 

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