Ulrich Drechsler (c) Wolf-Dieter Grabner

Vom Cafe in den Konzertsaal – Ulrich Drechsler im mica-Interview

Mit “Humans and Places” veröffentlichte Ulrich Drechsler vor kurzem eine Platte, die viele Hörer überrascht hat. Während der gebürtige Deutsche bei Cafe Drechsler ganz in Rampensau-Qualität und nach allen Regeln der Rhythm and Blues-Tonreiterei das Saxophon würgt, oder vielmehr die in diesen Gefilden nahezu jungfräuliche Bassklarinette, begibt er sich gemeinsam mit dem Norweger Tord Gustavsen in weitaus sinnlichere musikalische Stimmungen.

Du bist deutscher Staatsbürger und seit lange Jahren Wahlwiener. Kannst du kurz die Geschichte deiner “Einbürgerung” erzählen?

Ulrich Drechsler: Mittlerweile fehlt mir eigentlich wirklich nur mehr die Staatsbürgerschaft (lacht). Wobei ich mir ernstlich überlege diese zu beantragen, weil ich nicht glaube, dass ich mich geografisch noch großartig verändern werde.

Den Einstieg nach Österreich war ja aber Graz…

Ulrich Drechsler: Ich habe zu dem Zeitpunkt eigentlich in Hamburg gelebt und wollte ursprünglich auch in Hamburg studieren, aber, ja, ich bin halt damals einfach nicht genommen worden. Die haben nur einen Saxophonisten genommen, ich war der glückliche Zweite…(lacht). Meine Eltern haben dann gemeint, ich soll doch einfach auch noch zur Aufnahmsprüfung nach Graz fahren, um ein bisschen Praxis zu bekommen. Ich wollte es ja ursprünglich einfach ein Jahr später noch einmal in Hamburg zu probieren, also bin ich völlig ohne Plan und ohne mich vorzubereiten nach Graz gefahren, hab’ dort vorgespielt – und bin genommen worden. Das hat mich erstmal schockiert – weil es meine ganzen Pläne durcheinander gebracht hat.

Darauf folgte dann dein Studium in Graz…

Ulrich Drechsler: Ich hab’ darauf hin in Graz zu studieren begonnen – aber nicht abgeschlossen, muss ich dazusagen. Mein Lehrer hat einfach den Standpunkt vertreten, dass ich nicht so spiele wie er sich das vorstellt und wie es für den Studienabschluss seiner Meinung nach gefordert wäre. Die Zeit verging, ich wurde älter, und ich hab mir gedacht, ich muss jetzt irgendwann auch Geld verdienen, wofür Graz einfach zu klein war damals. Also hab’ ich beschlossen, mich noch ein Semester lang voll reinzuhängen – leider mit demselben Resultat bei der Abschlussprüfung. Also war ich nun eben kein Magister der Künste und hab’ beschlossen nach Wien zu gehen, um endlich spielen zu können. Die Kontakte nach Deutschland waren in der Zwischenzeit ja auch größtenteils abgebrochen.

Wann war das genau, und wie ist es dir in deiner ersten Zeit in Wien ergangen?

Ulrich Drechsler: Das war 1998, ich hab’ dann auch recht bald den Oliver (Steger) kennen gelernt, das war mein erster Kontakt in Wien. Mit ihm hab’ ich dann auch meinen ersten Auftritt absolviert – wir haben umsonst gespielt, einen Jazz-Brunch im Cafe Europa. Im Jahr 2000 haben wir dann mit Alex Deutsch Cafe Drechsler gegründet und in einer ersten, spontanen Studio-Session – ganz entspannt und ohne irgendwelche Ansprüche 5, 6 Nummern aufgenommen. Das war schon recht fein, und danach haben wir uns dann eben nach oben gearbeitet mit der Kapelle (lacht).

Deine musikalischen Anfänge liegen ja auch in einer Blasmusikkapelle, soviel ich weiß…

Ulrich Drechsler: Ich hab’ mit neun in der Blaskapelle auf der Klarinette angefangen und wollte ursprünglich auch ein klassisches Studium auf diesem Instrument belegen, hab’ dann aber schnell gemerkt, dass diese Branche so was von super-beinhart, verknöchert, und steif ist, dass ich mir gesagt hab’ okay, da lern ich doch lieber Saxophon und studier’ Jazz. Jetzt im Nachhinein bedaure ich diese Entscheidung fast, weil ich ja mittlerweile fast nur noch Bassklarinette spiele (lacht).

Wobei die Bassklarinette als Hauptinstrument ja eher ungewöhnlich ist…bis auf Louis Sclavis, Michel Portal vielleicht.

Ulrich Drechsler: Das war auch ein Gedankengang von mir…auf dem Saxophon, so toll dieses Instrument auch ist, gibt es einfach Meister ohne Ende – allein in dieser Stadt gibt es großartige Saxophonisten – und es ist halt irgendwie auch schon nahezu alles gespielt worden. Angefangen von Coleman Hawkins, Coltrane, Shorter, Rollins, Evan Parker etc., etc. .Auf der Bassklarinette klingt alles doch irgendwie frischer und unverbrauchter. Was natürlich einen zusätzlichen Anreiz bietet, um selbst noch intensiver zu forschen, was die Ausrucksmöglichkeiten dieses Instrumentes betrifft.

Kommt aus dieser Notwendigkeit heraus auch dein doch recht expressives Spiel, zumindest im Kontext von Cafe Drechsler?

Ulrich Drechsler: Nur zum Teil, würde ich sagen. Als ich angefangen haben zu studieren stand ich sehr auf diese Pop-Saxophonisten – Grover Washinton Jr., David Sanborn, Michael Brecker – und gleich in der ersten Stunde ist mir der Charly Miklin plötzlich mit Dexter Gordon dahergekommen. Innerhalb von fünf Minuten hat er dann alles, was ich musikalisch vertreten habe dem Boden gleichgemacht. Also, ich bin nun mal kein Hard Bop-Saxophonist und werd’ auch nie eine werden – erheb’ auch nicht den Anspruch einer zu werden – ich finde diese Musik super zum Üben, aber ich seh’ keinen Lebensinhalt darin, sie zu spielen. Ich war immer eher Pop-orientiert, zumindest was das Saxophonspiel angeht. Dadurch war das erste Projekt in Wien dann eben auch Cafe Drechsler. Das hat sich dann erst geändert, als ich mich auf der Bassklarinette so sicher gefühlt habe, dass ich mir wirklich überlegen konnte, was genau ich jetzt eigentlich musikalisch ausdrücken möchte.

Das waren dann erstmal deine Thelonious Monk-Interpretationen mit dem Projekt The Monk in all of us…

Ulrich Drechsler: Genau, ich habe einfach festgestellt, dass ich eben doch eine große Affinität zu Monk habe – dabei fasziniert mich eben diese Originalität und der Witz, den diese Musik noch nach 60 Jahren ausstrahlt – und, was ich sehr spektakulär für die Musik aus dieser Zeit finde, eben auch die Emotionalität. Ich kann prinzipiell mit Musik die sehr Technik-orientiert ist, ohne Expressivität, ohne Emotion, relativ wenig anfangen. Da war Monk irgendwie die früheste Musik. in der ich das wirklich gefunden habe. Dann hab’ ich mir eben sehr lange überlegt, was für Musik ich denn nun selber für Musik auf der Klarinette machen möchte. Auf der einen Seite gab es natürlich mit Cafe Drechsler die Pop-Ecke, aber ich hab’ schnell festgestellt, das ist eben nur eine Geschichte, das ist nicht alles, das ist eben nur ein Teil von mir. Zumal ich ja auch älter werde, und ruhiger, und einfach auch stillere Musik machen möchte.

War das dann auch die Geburtsstunde für deine Aufnahme Humans and Places mit Tord Gustavson?

Ulrich Drechsler: Ich hab’ mich vor circa zwei Jahren das erste Mal getraut, Musik auch wirklich zu schreiben, weil ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht das Gefühl hatte, irgendetwas ausdrücken zu müssen oder sagen zu können…

Kanntest du Tord zu diesem Zeitpunkt schon oder hat er dich auch mit zu diesem Projekt inspiriert?

Ulrich Drechsler: Tord war eigentlich der Auslöser, ich wusste zwar, es muss sich irgendetwas ändern, weil ich mich einfach unausgelastet gefühlt habe. Die Musik von Cafe Drechsler bietet eben relativ wenig Möglichkeiten, sich selber zu verwirklichen, weil es eben immer stetige, durchgehende Rhythmen gibt, viele Ostinati – und ein bisschen mehr wollte ich eigentlich schon spielen, als immer nur diese Rn’B-Licks. Ich wusste aber nicht wirklich, wie ich es anlegen sollte und hab’ dann bei meinen wöchentlichen CD-Käufen eine Platte von Tord gehört und sofort gewusst, okay, das ist es. So möchte ich Musik machen. Ich hab’ ihm dann einfach ein E-Mail geschrieben, ob er es denn machen würde – dann kam lange nix (lacht). Irgendwann kam dann die Antwort, ich solle ihm mal eine Demo-Aufnahme schicken und ein paar Noten – dann kam wieder lange nix – und dann hat er eingewilligt.

Bist du prinzipiell ein Fan der ECM-Ästhetik, Gustavsen erscheint ja auf ECM, oder?

Ulrich Drechsler: Ja, ganz klar. Ich gehe immer mehr dazu über, mich auf den kleinsten musikalischen Nenner zu beschränken, also auf den Ton. Wenn jemand einen schönen Ton spielt, dann ist das für mich tausendmal mehr wert als wenn man in Tempo 400 spielen kann oder eben die abgefahrensten Pentatoniken. Also ich total Kang- und Sphären-orientiert und mag es auch, wenn viel Platz ist in der Musik, und viel Raum. Und ich mag es auch, wenn es eine Musik ist, die auch dem Otto Normalverbraucher gefällt. Die Jazz-Polizei hat mir bei der Platte mit Tord ja prompt den Vorwurf gemacht, das ist ja kein Jazz – das ist ja keine Kunst, das ist ja Kommerz (lacht) – dem hab’ ich dann versucht vehement zu widersprechen, dahingehend warum denn Musik immer schräg und dissonant und provozierend sein soll. Ja, ich bin dem schönen Klang, der schönen Atmosphäre und dem schönen Ton schon sehr zugetan und steh’ sehr auf den ECM-Sound.

ECM steht ja irgendwie sinnbildlich für den so genannten europäischen Jazz. Was für einen Standpunkt vertrittst du in dieser Debatte um die Unterscheidung zwischen europäischen und amerikanischen Jazz?

Ulrich Drechsler: Ein Musiker, der auch lange in Amerika gewohnt hat, hat mal zu mir gesagt, der Unterschied zwischen den amerikanische Musikern und den europäischen Musikern ist der, dass die Amerikaner so lange spielen bis es perfekt ist und die Europäer hören so lange bis es perfekt ist. Ich für meinen Teil bin daher klarer Europäer (lacht). Ich denke, dass sich diese ganze Debatte vor allem im deutschsprachigen Raum abspielen. Diese ganzen anderen Länder – Italien, Frankreich, Osteuropa oder eben Skandinavien – die haben ganz eigene, persönliche Stilistiken geprägt, mit großartigen Musikern, die ganz unverwechselbar sind. Ich hab’ irgendwie das Gefühl, gerade in Deutschland und in Österreich weiß die Szene irgendwie nicht wirklich wo sie hin will. Also, wir sind in der Mitte, man hat alle Einflüsse, und klar gibt es dieses übermächtige Amerika, wo diese ganze Musik entstanden ist, und wo auch die ganzen Ikonen herkommen, auf der anderen Seite gibt es auch bei uns eine Tradition, die in meinen Augen viel zu wenig gepflegt wird und auf die die Musiker auch viel zuwenig stolz sind.

Sind wir da in Österreich nicht noch ein wenig besser dran als in Deutschland?

Ulrich Drechsler: Es ist ein bisschen besser, das stimmt. Es gibt schon viele, viele interessante Projekte – was der Wolfgang Puschnig mit der Blaskapelle gemacht hat fand ich zum Beispiel super, das wäre in Deutschland undenkbar gewesen. Aber das war eben nur ein Anfang – es gibt eben noch nicht diesen typischen deutschen Sound, oder österreichischen Sound – den es eben zum Beispiel in Frankreich gibt, oder in Schweden, Norwegen und so weiter. Je eher sich die Musiker dieser Möglichkeiten bewusst werden, dass da sehr viel machbar ist, desto hilfreicher wird es auch für das Fortbestehen und die Weiterkommen dieser Musik sein, weil sie dadurch einfach auch selbstständiger wird und selbstbewusster Auftreten kann. Es ist eben immer so die Sache, dass alles was aus dem Ausland kommt mehr zählt als das, was im Inland passiert. Und hier passieren großartige Sachen – siehe zum Beispiel JazzWerkstatt. Super Sache. Tolle Musiker, super Initiative, aber wird von der Gesellschaft nicht so wahrgenommen, wie es eigentlich wahrgenommen werden sollte.

Zurück zu deinem Projekt mit Tord Gustavsen, das ja unter deinem Namen erscheint. Darauf arbeitest du auch wieder mit Oliver Steger und Jörg Mikula zusammen, die ja auch in deiner neuen Formation Drechsler zu hören sind. Gab es für euch als eingespielte Drechsler-Bande keine Schwierigkeiten bei der Arbeit zu diesem doch sehr andersartigen Projekt?

Ulrich Drechsler: Ich habe versucht, Oliver und Jörg wirklich sehr genau zu erklären, wie ich mir das vorstelle, und das hat dann auch wirklich gut geklappt.

Du hast sie also umfassend instruiert, anders als bei Drechsler, wo die Band ja eher als ganze Einheit agiert…

Ulrich Drechsler: Ich sehe Humans and Places als mein erstes eigenes Projekt an. Das sind meine Kompositionen, ich habe die Musiker ausgesucht und ich hatte eine sehr klare Klangvorstellung und wusste sehr genau, wo ich damit hin will. Die ganze Geschichte hat ja auch einen Haufen Geld gekostet, Tord Gustavsen musste eingeflogen werden, es war ja von Anfang an geplant, eine CD einzuspielen. Das waren eben alles Dinge, die vorher bedacht werden mussten. Wir hatten ja auch keine Möglichkeit zu proben, Tord ist nach Wien gekommen, wir sind ins Studio gegangen und die Musik musste einfach dementsprechend vorbereitet werden. Ich hab’ es jetzt auch ein bisschenschwer, mir mit dieser Musik Gehör zu verschaffen, weil man mich eben in Österreich nur als Saxophonist von Cafe Drechsler kennt – als HipHop- und Drum n’ Bass-Spieler – und jetzt komme ich daher und mache eine schöne, stille Jazz-Platte. Ich glaube man hat von mir alles erwartet, nur nicht das.

Wie ist die Platte bisher aufgenommen worden?

Ulrich Drechsler: Es hat mal ausgereicht, um im Ausland oder auch in einer anderen Szene Notiz von mir zu nehmen. Darauf muss ich jetzt irgendwie aufbauen. Ich sag das mal so: Cafe Drechsler, das ist unser aller Cash-Cow. Davon können wir eigentlich ganz gut leben – jeder von uns kann nebenher noch seine eigenen Projekte machen – das Projekt mit Tord finanziere ich mittlerweile noch über Drechsler. Ich hoffe natürlich, dass sich das irgendwann ändert.

Wie schauen deine Pläne für heuer aus, darf mit neuen CD-Einspielungen gerechnet werden?

Ulrich Drechsler: Wir spielen im Februar wieder zwei Konzerte mit Tord, außerdem bastle ich momentan an einem Projekt mit Bassklarinette, Schlagzeug und zwei Celli. Und dann gibt es da noch die Idee für ein Trio mit E-Gitarre, Bassklarinette und Schlagzeug, also so die Richtung Paul Motian / Frisell / Lovano-Trio. Ja, einfach mal alles ausprobieren, was möglich ist. Die Musik für dieses Cello-Projekt schreibe ich jetzt gerade und das Trio kommt dann eben danach. Ich lauf’ immer lange Zeit mit einer Idee rum, bis ich dann weiß, wie es denn nun klingen soll, und ab da geht das alles dann immer recht schnell. Das heißt, es wird wohl die ein oder andere CD-Einspielung geben dieses Jahr.

Martin Gansinger

Fotos: Makus Rössle

Ulrich Drechsler