
Im Jahr 2008 entstiegen die Sex Jams zweierlei: Erstens jenen schwach glimmenden Rückständen aus Glut und Asche, die in den 1980er Jahren als Leuchtfeuer des Post-Punk und No-Wave noch heftig gelodert und legendäre Impulsgeber wie Sonic Youth oder Big Black hervorgebracht hatten. Diese beiden geistesverwandten Szenen schlugen nicht bloß rockhistorisch neue Breschen, sondern wirbelten auch die bisherige symbolische Ordnung der Popmythologie gehörig durcheinander: Der Rock’n’Roll als ideelles Vehikel der begehrenswerten Rampensau, die mit sechs Seiten Revolution in der Hand Weib und Welt in die Knie zwang, war als sexualisierter Überbau gerade am Obsoletwerden. Junge Musikschaffende, die in der Gitarrenwelt reüssieren wollten und gleichzeitig eine Affinität zur vermeintlich allürenloseren Kunstwelt pflegten, wussten mit diesem altbackenen Habitus nichts mehr anzufangen. An dessen bescheidenere Stelle traten einmal mehr das sachliche Aufbrechen tradierter Song-Schemata und das Ausloten dissonanter Grenzen.
Und zweitens, auf der personellen Ebene, entstiegen die Sex Jams dem Scherbenkehricht diverser Sturm-, Drang- und Anlaufprojekte. Der junge, inzwischen erfahrene Haufen war im Quartett bereits geeint durch eine artverwandte Sozialisierung: Alle vier – Katarina Trenk, Florian Seyser, Rudi Braitenthaller und Lukas Bauer – stammen ursprünglich aus der Hardcore-Ecke und tragen den verwegenen DIY-Schmiss bis heute musikalisch zur Schau. Von Jugend an durch Pop und Noise gleichermaßen geprägt, findet sich auf dem 2010 erschienenen Debütalbum „Post Teenage Shine“ (Siluh / Noise Appeal) auf einen Nenner gebracht, was sonst nur seltenst überzeugend zusammengeht: Melodiösität und Dissonanz, Harmonie und White Noise, Pop Appeal und räudiger Lärm. Klangsprachlich bieten sie herrlich diffus dahinschrammende Gitarrenflächen, deren Fasern hie und da auch den jüngst wieder erstarkten Shoegazing-Göttern von My Bloody Valentine entnommen sein könnten. Der Gesang oszilliert zwischen den Polen der honigsüßen Umgarnung und gepitchtem Entzug – ein landläufig gerne gespieltes Programm, das dennoch funktioniert, wenn man es, so wie hier zu hören, geschickt anstellt.

Bleibt die Frage nach der damaligen Attitüde. Ficht auch die Nachfolgegeneration noch den Kampf gegen die schwülstigen Macho-Phantastereien eines klassischen Rockerlebens? Unter veränderten Vorzeichen vielleicht? Und wie lebt man diesen musikalischen Gegenentwurf heute? Die unverhohlene Gelangweiltheit etwa, die Bands wie Sonic Youth oftmals hör- und sehbar an sich ablesen ließen, übernehmen die Sex Jams als bloße Geste in ihre klangfarbliche Diktion. Die Songs erzählen insgesamt eher von der Freiheit spielerischer Kräfte, wie sie in der künstlerischen Postmoderne üblich waren und sind. Sollte ihre Musik daher auch die Überdrüssigkeit am Kulturkonsum und gehobenen Schickeria-Zirkeln reflektieren, dann unmerklich oder nur augenzwinkernd gebrochen. Ganz allgemein wird hier der Ernst der überkommenen Gegenposition mit Wurschtigkeit, Achselzucken und Humor ausgebremst. Der Strampelanzug eindeutiger Vorbildimitation ist ihnen jedenfalls zu eng geschneidert. Und dass Musik einer kulturideologischen Ummantelung noch bedarf, muss bezweifelt werden.
Line up:
Lukas Bauer (G)
Rudi Braitenthaller (D)
Wolfgang Möstl (G)
Florian Seyser (B)
Katarina Trenk (V)
David Weidinger
Fotos: Johannes Staudenbauer
http://www.sexjams.net/index2.html