Olga Neuwirth (c) Priska Ketterer

Porträt: Olga Neuwirth

Das Schaffen Olga Neuwirths einer Betrachtung zu unterziehen, ist dank der vielseitigen Kompositionen oft in Bezug zu diversen Genres und anderen Kunstformen herausfordernd – aber naturgemäß ebenso unvollständig. Ein fragmentarischer Versuch sei hier dennoch gewagt.

Ein Begriff, der im Zusammenhang mit der Kompositionsweise Neuwirths immer wieder ins Spiel gebracht wird, ist der des Wucherns – Elemente, die einmal eingebracht werden, verzweigen sich in der weiteren Verarbeitung immer weiter, gehen ineinander über, verstärken sich. Und brechen dann plötzlich auch wieder ab, womit das Wuchern jäh abgerissen wird und ein neuer Vorgang des Wachsens und Gedeihens einzusetzen beginnt. Stefan Drees etwa, der das Schaffen Neuwirths intensiv verfolgt und mit einem Band zu ihrem bisherigen Schaffen gewürdigt hat, bedient sich dieser Metapher; aber auch Neuwirth selbst zieht biologische Vergleiche für die Beschreibung ihrer Musik heran. So verbindet sie Heterogenes und lässt Kinderlieder, Volkstümliches oder Poppiges mit ihrer oftmals ins Unheimliche driftenden Klangsprache in Kontrast treten.

Die Liebe zum Film – einer Kunstform, in der sie nicht zuletzt durch ihr Studium in San Francisco ebenso belesen ist wie im musikalischen Metier – prägt zahlreiche Werke wie etwa die groß angelegte Musiktheaterkomposition “Lost Highway”. Mit dem Werk zu ebendiesem Film verbindet Neuwirth zumindest zwei für sie bedeutende Persönlichkeiten. Elfriede Jelinek hat nicht nur zu dieser Komposition das Libretto beigesteuert, bereits ihre satirischen Kurzopern “Körperliche Veränderungen” und “Der Wald”, mit denen Neuwirth 1991 größere Bekanntheit erlangte, basieren auf Vorlagen der späteren Nobelpreisträgerin. Kennen gelernt haben sich die beiden bei einem Kompositionsworkshop von Hans Werner Henze in Deutschlandsberg, seither verbindet sie eine intensive Zusammenarbeit. Dem Schaffen des Regisseur und Drehbuchautor David Lynch wiederum ähnelt der Reiz des Skurrilen und des Unheimlichen, bei dem zwar eine Handlung zu verfolgen ist, Realität und Fiktion jedoch untrennbar ineinanderfließen. Das Schaudern über die Beobachtung während einer Liebesszene im eigenen Haus und das davon ausgehende Fortspinnen unheimlicher Begebenheiten drückt sich in der aus Drones und düsteren Klängen erstehenden Musik aus, die gelegentlich in Zitaten volkstümlicher oder populärer Musik konterkarierende Elemente einen starken Kontrast aufbietet.

So springt nicht nur die Handlung, sondern auch die Musik zwischen unterschiedlichen Welten hin und her, bis die Grenzen verschwimmen. Zudem sind es auch filmische Arbeitsweisen, die die Komponistin in ihr Werk integriert. Abrupte Brüche ähneln der Schnitttechnik, ein- und ausschweifende Zitate gleichen filmischen Überblendungen oder der Montagetechnik. Das Verschmelzen von Heterogenem bis hin zur unentwirrbaren Verbindung könnte als allgemeine Thematik des Schaffens von Neuwirth ausgemacht werden, denn auch in der Verwendung von akustischen Instrumenten und elektronischen Mitteln strebt sie dies an: “Bei einem reinen Ensemble weiß man: ‘a horn is a horn is a horn’. Hingegen bei der Generierung von androgynen Klängen, in denen die material-bedingten grenzen aufgelöst werden, weiß man nicht mehr, was was ist … Endziel meiner gesamten Auseinandersetzung mit diesem Problemfeld ist die Fusion.”

Neben den Bezügen zu Film und Architektur ist es aber auch die musikalische Tradition, aus der Olga Neuwirth schöpft. Eine besondere Beziehung verbindet sie etwa mit dem Schaffen Franz Schuberts, das im Radio Play “Der Tod und das Mädchen II” zum Ausdruck kommt. Mit Zitaten aus der musikalischen Vergangenheit spielt sie außerdem in ihrem Trompetenkonzert “… miramondo multiplo …”. Auch “Lost Highway” strotzt nur so vor Zitaten, wenn etwa Schostakowitschs Jazz-Suite erklingt und als melancholischer Kontrast zur unheimlichen Stimmung der Filmszene des gefilmten Ehepaares zu vernehmen ist; nicht zuletzt in „Hommage à Klaus Nomi – a songplay in nine fits“ nimmt sie Anleihen an Popmusik. Das Zusammenführen unterschiedlicher Elemente zu einem neuen, heterogenen Gesamten faszinierte sie auch schon an den Bauten etwa Frank O. Gehrys oder Gregg Lynns, deren architektonische Verbindungen von Unterschiedlichem sie auf die Musik umlegt: “Das Abweichen von den Werten der Harmonie, Einheit und Stabilität wird von der Struktur selbst abgelöst. Dadurch bildet sich ein neues Ganzes aus Heterogenem.” (dw)

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