Walkentänzer © Brigitte Walk, Walkentanztheater
Walkentänzer © Brigitte Walk, Walkentanztheater

Sketches – von Jugendlichen für Jugendliche

Das Symphonieorchester Vorarlberg und das walktanztheater realisieren gemeinsam ein zeitgenössisches Tanzstück. Etwa fünfzig Jugendliche aus sechs verschiedenen Städten von Bludenz bis Lindau, Lehrlinge der Firma Collini und jugendliche Flüchtlinge entwerfen und proben seit Monaten mit Brigitte Walk und Anne Thaeter die groß angelegte Musiktanzperformance „Sketches“. Die Regisseurin Brigitte Walk sowie die Choreografin Anne Thaeter erzählen im Gespräch mit Silvia Thurner von den zu Grunde liegenden Ideen und der Arbeit mit den Darstellerinnen und Darstellern.

Die gleichnamige Komposition „Sketches“ des russisch-deutschen Komponisten Alfred Schnittke bietet eine ideale Grundlage, denn sie ist mitreißend gesetzt und ausladend instrumentiert. Neben den traditionellen Orchesterinstrumenten erklingen Orgel, Klavier, Celesta sowie E-Gitarre und ein riesiger Perkussionsapparat sorgt für rhythmische Power. Überdies schafft der Videokünstler Matthias Kulow für die tänzerisch-musikalische Ebene eine visuelle Projektionsfläche. Zusammen mit dem Symphonieorchester Vorarlberg wird das zeitgenössische Tanzstück auf der großen Bühne des Bregenzer Festspielhauses in Szene gesetzt.

Wie ist die Kooperation mit dem Symphonieorchester Vorarlberg und dem walktanztheater.com zustande gekommen?

Brigitte Walk: Wir wollten nach etlichen Theaterprojekten mit Jugendlichen, die wichtige Themen verhandelten und zu gesellschaftlichen Fragestellungen ein Statement entwickelten, unbedingt einmal ein reines Tanzstück machen, das die künstlerische Arbeit in den Vordergrund stellt und auf einer richtig großen Bühne umgesetzt wird.

Viel Spaß und Schweiß

Wie laufen die Proben, sind alle seit Beginn dabei oder gibt es eine Fluktuation?

Brigitte Walk: Wie immer in Jugendprojekten gibt es Bewegung in beide Richtungen, manche kommen dazu, weil sie von Freundinnen hören, dass es cool ist, manche gehen wieder. Ein Kern von Jugendlichen hat sich früh gebildet und ist von Anfang an überzeugt dabei, einige davon kommen aus dem Projekt ONTHEROAD vom letzten Jahr. Die Proben laufen sehr gut, es gibt viel Spaß und Schweiß gleichermaßen, aber Bewegung ist für Jugendliche einfach etwas Tolles. Das Experimentieren mit Tempo, Raum, körperlicher Nähe, Akrobatik und völlig neuen Bewegungen am Boden und in der Luft spornt an und fordert heraus.

SKETCHES BY ALFRED SCHNITTKE from walktanztheater.com on Vimeo.

Wie habt ihr euch der Musik von Schnittke angenähert?

Anne Thaeter: Nach und nach sind wir in die einzelnen Stücke eingetaucht. Wir haben die Stücke auf uns wirken lassen bis Bilder im Kopf entstanden sind.

Dynamik in Tanz übersetzen

Welches Vorwissen über die Musik habt ihr den Jugendlichen vor der Probenarbeit vermittelt?

Brigitte Walk: Der Körper hat Wissen und ihn zu befähigen, durch Bewegung Wissen umzusetzen und zu kreieren, spricht für einen sofortigen physischen Beginn statt langer Reden. Diese Musik zu hören, zu tanzen, die Einsätze richtig zu kriegen und die Dynamik in Tanz zu übersetzen, generiert künstlerisches Wissen und darum geht es hier.

Welche interpretatorischen Überlegungen leiten euch bei der tänzerischen Umsetzung der Musik?

Anne Thaeter: In der Musik kommen sämtliche Antriebselemente für Bewegung vor. Von geradlinigen, kraftvollen, perfekten, versteckten, hingebungsvollen, weichen, verträumten Antrieben, wie auch ruhige, langsame, gezügelte, nahe, wilde und aufdeckende Elemente. Das ist genug Spielraum und beinhaltet genug Material, um sich mit den unterschiedlichsten „Charakteren“ des Lebens zu beschäftigen.

Seltsame Typen

Jedem Abschnitt hat Alfred Schnittke einen Charakter aus literarischen Werken des ukrainischen Schriftstellers Nikolaj Gogol zugrunde gelegt. Inwiefern sind für die Tanzperformance die inhaltlichen Plots der literarischen Vorlagen von Bedeutung?

Anne Thaeter:  In Gogols „Tote Seelen“ geht es um das Leben, um den Inhalt des Lebens, wie unterschiedlich es geformt und gelebt werden kann. Welche Werte sind von Wichtigkeit, welchen Äußerlichkeiten strebt man nach? Von was hängt es ab, dass man „ist“? Diese Fragen sind in jeder Zeit ein großes Thema.

Die Figuren in Gogols Stücken sind seltsame Typen, von rücksichtslos bis raffgierig, von leicht verschroben bis romantisch. Wir setzen dies in bewegte Bilder um, vervielfachen manche der Typen oder schaffen neue, fiktive Szenen zwischen den Charakteren, die aber mehr prototypisch sind als narrativ im Sinne einer Nachdeutung der Handlung bei Gogol. Die vierzehn Bilder sind für uns keine Vorlagen im konkreten Sinn, sondern bedeuten Inspiration für die Gegenwart.

Gegenseitiges inspirieren

Wie funktioniert der kreative Findungsprozess, was bringen die Jugendlichen in die tänzerischen Interpretationen ein?

Anne Thaeter:  Im Hören und sich Austauschen entstehen Bilder, Schritte, Bewegungen, die mit Inhalten gefüllt werden. Im Ausprobieren mit den Jugendlichen wird Bewegungsmaterial von den Jugendlichen erarbeitet.  Es ist ein sich gegenseitiges Inspirieren, gemeinsames Umsetzen und klares Definieren. Im weiteren Prozess werden dann die choreografischen Sequenzen festgelegt, wiederholbar gemacht, ausgearbeitet und verfeinert. In der Bewegungsausführung wird weiter in die Tiefen der Musik eingetaucht.

Das Ballett „Sketches“ ist surreal angelegt, ein Kaleidoskop an Szenen, das ohne spezifische Handlung auskommt. Wie habt ihr den tänzerischen Spannungsbogen über das Ganze hinweg angelegt?

Brigitte Walk: Es gibt Grundthemen wie ‚Typen’, das ‚Groteske’ und ‚Beziehungen’, die im Wechselspiel von tänzerischem Erzählbogen und musikalischem Duktus aufscheinen. Die Tänzerinnen und Tänzer kommen in äußerst unterschiedlichen Bewegungssprachen und Konstellationen vor, sie zeigen viel von sich und ihrem Charakter, man erfährt viel über sie. In der Musik gibt es Wiederholungen, Überlagerungen, die sich über die formale Choreographie nachvollziehen lassen und sich in einen Gesamtbogen einordnen.

Gesellschaftliches Statement

In Schnittkes Kompositionen und in den Werken von Nikolaj Gogol schwingen immer auch gesellschaftspolitische Anklänge mit. Tangieren euch diese bei eurer Werkdeutung?

Brigitte Walk: Das Stück hält sich nicht parallel zu Schnittke auf, fährt nicht auf derselben Spur. Das wären keine Kreation und kein kreativer Umgang mit dem Werk. Was die politische Intention Schnittkes war, muss nicht nochmals im Tanz wiederholt werden, sehr wohl halten wir die ganze Arbeit mit den verschiedensten Jugendlichen für ein gesellschaftspolitisches Statement. Wir stellen dem großartigen musikalischen Werk von Schnittke eine tänzerische Interpretation von einiger Intensität gegenüber, die sich mit der Ausdruckskraft der Jugendlichen, ihrem Bewegungsspektrum und ihrer Körpersprache im Ringen mit der Form deutlich zeigt.

Ständig auf der Suche

Vorbilder für das Musikvermittlungsprojekt sind das Projekt und der Dokumentarfilm „Rhythm is it“ der Berliner Philharmoniker, Simon Rattle und Royston Maldoom. Wo liegen die Verbindungen?

Brigitte Walk: Ich habe im Sommer zweimal mit Royston Maldoom gearbeitet, in Deutschland und in der Schweiz und ich kenne seinen Ansatz seit langem und mag den Austausch darüber, ob Musik oder Bild eine Choreographie auslöst.  Auch die Arbeiten anderer Choreographen, die mit Jugendlichen tanzen, wie etwa Ives Thuwis, mit dem wir in Feldkirch im Jänner ein Research-Projekt umgesetzt und in Schaan gezeigt haben, beeinflussen uns, weil sie sehr genau gedacht und gearbeitet sind und ständig auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen, die den Jugendlichen gerecht werden. Unsere Arbeit steht im Kontext und Austausch der zeitgenössischen Strömungen im Tanz, die neben den Profis gerne auch ausloten, was andere Menschen und Körper zeigen können, wie die Narration eines Jugendlichen in seinem körperlichen Ausdruck ist und wie ein Werk aussieht, das von Jugendlichen getanzt wird.

In diesem Projekt treffen sich Jugendliche aus verschiedenen Schulen, Lehrlinge, junge Flüchtlinge, Leute ohne und mit Tanzerfahrung.

Anne Thaeter bringt ihr neu gegründetes ‚Junges Ensemble’ ebenso ein wie Jugendliche aus dem ‚Tanzhaus Lindau’ und das Bodenseegymnasium Lindau, aus früheren Projekten von walktanztheater.com mit Jugendlichen sind einige wieder dabei. Wir freuen uns über die Nachhaltigkeit und gute Vernetzung in unseren Projekten.

Danke für das Gespräch.

 Alfred Schnittke, Sketches.

Inszenierung: Brigitte Walk;
Choreografie: Anne Thaeter;
Ausstattung: Elisabeth Pedross
Videos: Matthias Kulow
Darsteller: Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren;
Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Martin Kerschbaum

Internet

www.walktanztheater.com
www.symphonieorchester-vorarlberg.at

 

Dokumentation

Bei der Aufführung im Festspielhaus wird ein etwa 10-minütiger Videoclip der Tanztheaterperformance gedreht. Diese Dokumentation wird vom Juni 2017 bis zum Juli 2018 auf der Homepage des SOVs gezeigt: https://vimeo.com/215054249