Die Musikleidenschaft der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek steht im Zentrum der diesjährigen „Musikverein Perspektiven“ von 31. Oktober bis 4. November. Programmatischer Ausgangspunkt ist Jelineks Konzertflügel, der seit 30 Jahren weder gestimmt noch gespielt wurde. Das gemeinsame Projekt von Musikverein und Wien Modern umfasst Konzerte, Performances, Filmvorführungen, Gespräche und eine Musik-Installation.
In der Reihe „Musikverein Perspektiven“ lädt die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien regelmäßig angesehene Persönlichkeiten in den Musikverein ein, die beruflich keine Musiker:innen sind, aber privat eine große Leidenschaft für Musik hegen. Gemeinsam wird darüber nachgedacht, wie ihre Passion für die Musik in den Konzerten des Musikvereins hörbar werden kann. Nach Michael Haneke, Georg Baselitz, Peter Zumthor und Anton Zeilinger in den Vorjahren steht 2026 Elfriede Jelinek im Zentrum der Programmreihe. Leben und Schaffen der ausgebildeten Organistin sind seit Jahrzehnten durch die Musik tief geprägt.

Ausgangspunkt des fünftägigen Programmparcours von 31. Oktober bis 4. November ist die Uraufführung einer Komposition der Pianistin, Improvisatorin und Komponistin Marianne Schroeder, in der Jelineks alter Steinway-Flügel nach über 30 Jahren, in denen er weder gestimmt noch gespielt wurde, Auferstehung feiert. Jelinek hatte Schroeder ihren Text „Schatten. (Eurydike sagt)“ geschenkt; Text, Aufnahmen von Flügel und Stimme sowie ein (durchaus gestimmtes) Klavier im Großen Musikvereinssaal laden zur Begegnung mit Jelineks persönlicher Zeitmaschine ein.
Elfriede Jelineks langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit mit Olga Neuwirth bildet ein zweites Zentrum der Musikverein Perspektiven: Über die gesamten fünf Tage ist bei freiem Eintritt als Kompositionsauftrag an Olga Neuwirth eine interaktive Multimedia-Installation im Musikverein kostenlos zugänglich. In einem Konzert des Black Page Orchestra sind u.a. zwei auf Jelinek-Texte Bezug nehmende Kompositionen von Olga Neuwirth aus den 1990er Jahren zu hören; „Aufenthalt“ (nach frühen Textentwürfen zu „Raststätte oder Sie machen’s alle”) wird dabei erstmals mit Video aufgeführt – das im Auftrag von Musikverein und Wien Modern von Videokünstler Lillevän realisiert wird. Die genresprengende Freundschaft von Jelinek und Neuwirth ist ergänzend auch im Kino zu erleben, in einem Kurzfilm-Programm des Österreichischen Filmmuseums.
Ein Porträt von Elfriede Jelinek ist ohne ihre wiederkehrenden musikalischen Bezugspunkte Schubert und Mahler, auch Messiaen und Ligeti, kaum vorstellbar. Bei den Musikverein Perspektiven machen ein Liederabend mit Samuel Hasselhorn und Lukas Sternath sowie ein Orgelrezital von Angela Metzger dieses wichtige Kapitel der künstlerischen Biographie von Elfriede Jelinek hörbar – übrigens auch mit jenem hochvirtuosen Solowerk von Messiaen, das Jelinek als ausgebildete Organistin selbst gespielt hatte, was in ihr autobiographisches Schreiben Eingang gefunden hat: „wenn man sie selbst erzeugt, die Musik, wird man dabei, auch für sich, gleichzeitig etwas Fremdes, […] und wir wissen, daß wir nicht mehr gemütlich unter uns sind, sondern daß das, was unter uns ist, sich bewegt – wie die Zeit.“
Last but not least werden in drei Veranstaltungen unter dem Titel „Besser wird’s nicht“ einige jener Texte, die bis dato wenig gekannt auf Jelineks Website versammelt sind, öffentlich, zum Teil erstmals, gelesen: Josef Hader und Birgit Minichmayr stellen Jelineks autobiographischen Text „Be Longing (Geh, Dichterin!)“ (2026) in das Setting des Gläsernen Saals; Ferdinand Schmatzzerlegt gemeinsam mit der Musikerin und Komponistin Eva Jantschitsch (alias Gustav) den immer noch viel zu wenig rezipierten monumentalen Privatroman „Neid“ (2007) und verdichtet ihn zu einer vielstimmigen Wolke aus Wort und elektronischen Klängen; Samouil Stoyanov und die Flötistin Petra Slottová testen entlang verstreuter Polemiken, Preisreden und Kommentare Jelineks Leitmotiv „Ich möchte seicht sein“.
Kuratiert wurde das Programm von Bernhard Günther, Künstlerischer Leiter von Wien Modern, Stephan Pauly, Intendant des Musikvereins, und dem Dramaturgen Claus Philipp, denen die Autorin in langen Gesprächen zahlreiche Hinweise auf Vorlieben gegeben und Fährten gelegt hat. Für das Österreichische Filmmuseum war auch dessen Direktor Michael Loebenstein an der Programmentwicklung beteiligt. Zu den Kooperationspartner:innen gehört ferner das Interuniversitäre Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek der Universität Wien und der MUK – Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien.
Stephan Pauly, Intendant des Musikvereins:
„Am Anfang stand ein verstimmter Flügel aus dem Besitz von Elfriede Jelinek, der seit Jahrzehnten nicht mehr gespielt worden war. Aus diesem besonderen Klang und aus Gesprächen mit Elfriede Jelinek über Musik ist die Idee zu den ‚Musikverein Perspektiven‘ entstanden. Gemeinsam mit Wien Modern haben wir daraus ein Programm entwickelt, das Jelineks lebenslange Leidenschaft für Musik in vielen Facetten erfahrbar macht – mit ihren musikalischen Fixsternen, mit ihren Texten sowie mit der Musik, die aus diesen Texten entstanden ist.“
Bernhard Günther, Künstlerischer Leiter Wien Modern:
„In dieser fröhlich Stile, Genres, Generationen, Kunstformen und Medien durcheinanderwirbelnden Gemeinschaftsproduktion ist ein Porträt von Elfriede Jelinek entstanden, das Österreichs berühmteste Schriftstellerin aus unerwarteten Perspektiven entdecken lässt: begeistert von Musik, auch musikalisch durchaus virtuos, humorvoll, quasi tagesaktuell am Puls der Zeit, radikal und spielerisch.“
