mica-Interview Mia Zabelka

Seit über zwanzig Jahren beschäftigt sich die E-Violinistin und Komponistin Mia Zabelka mit der Entwicklung experimenteller Improvisationstechniken, wobei es ihr um die Auslotung des Verhältnisses von Körper, Gestik, Klang und Raum geht. Dabei dienen auch immer wieder elektronische Geräte und Computer zur Erzeugung erweiterter Klangspektren. Das Interview führte Michael Masen.

Du hast ja neben Violine und Komposition auch “elektroakustische Musik” studiert. Wie bist du dazu gekommen und was steckt hinter diesem Begriff genau?

Grundsätzlich war es bei mir glaube ich die Neugierde und die Lust am Entdecken von neuen, andersartigen Klängen, die mir zuvor noch komplett unbekannt waren. Zudem hat mich auch der Umgang mit neuen Technologien sehr gereizt, eben dieses Hervorbringen von Klängen mit Hilfe von Maschinen. Elektroakustik ist vielleicht ein Bereich, der hier in Österreich noch nicht so akzeptiert ist, wie es andernorts bereits der Fall ist. Ich denke aber, dass die Elektroakustik die gerade zeitgemäßeste und innovativste Form der Musik darstellt.

Kann man für diese Musik einen Ausgangspunkt festlegen, bestimmte Zentren, von denen aus diese Strömung verbreitet wurde oder ist das eher dezentral geschehen?

Die Vorgänger sind Pierre Henry und Pierre Schaeffer – Paris ist da also sicher ein guter Ort, wobei hier auch Berlin zu nennen ist, speziell, was die Klangkunst betrifft. Da gibt es ja auch (Grenz-)Überschreitungen zur Elektroakustik.

Du hast ja auch deine eigenen experimentellen Improvisationstechniken entwickelt, die du “Automatic Playing” nennst. Kannst du darüber, vielleicht über die Herangehensweise, ein wenig erzählen?

Bei mir gibt es drei verschiedene Grundlinien, die ich verfolge. Das eine ist die elektroakustische Echtzeitkomposition, die immer im Live-Kontext entsteht. Dieser liegen zwar schon bestimmte Muster zugrunde, werden aber live entsprechend in Echtzeit ausgeformt. Die zweite Linie ist die Improvisationsmusik, bei der ich in verschiedensten Kontexten und Konstellationen arbeite – auch grenzüberschreitend, beispielsweise zwischen den verschiedenen Sparten der E- und U-Musik. Die dritte Linie ist schließlich die Performance-Kunst, zu der ich eigentlich dieses “Automatic Playing” entwickelt habe. Es geht dabei darum, dass ich aus der körperlichen Gestik heraus arbeite und diese spontan, durch körperliche Bewegung, in Klänge übersetze.

Das Einbringen eines visuellen Elementes, dass also eine Art Symbiose aus hörbaren und visuellen Eindrücken entsteht, ist dir also sehr wichtig?

Ja, wobei es nicht darum geht, dass ich beispielsweise wie ein Schauspieler darstelle, sondern dass wirklich die körperliche Erregung, innere Zustände, in Klang übersetzt werden, wo eben auch das Denken aufhört und der Kopf ausgeschaltet wird. Das gelingt mir jedoch auch nicht immer – es gibt Konzerte, wo das musikalische Moment mehr im Vordergrund steht, wo auch die Komponistin sozusagen immer mitdenkt. Das sind dann die schon angesprochenen Echtzeitkompositionen, aber andererseits gibt es auch Konzerte, wo das Denken total aufhört und wirklich ekstatische Zustände entstehen. Ich will das auch gar nicht rangmäßig werten, weil eben beides Qualitäten hat und gleichwertig nebeneinander steht – die Echtzeitkomposition und eben diese Körperperformance.

Glaubst du, dass sich das, was du bei diesen Performances fühlst, genau so auf das Publikum übertragen lässt?

Ich glaube schon. Es gibt auch teilweise sehr heftige Reaktionen. Natürlich sind da auch Menschen, die mit dieser Ekstase nicht umgehen können, weil ja alle sehr normiert und geregelt leben und wenn da jemand so aus sich heraus geht und sich so öffnen kann, dann ist das für manche eben auch schwierig. Andere wiederum finden das ganz faszinierend und toll, was durch diese Performance möglich wird und was dadurch auch in ihnen selbst zum Klingen gebracht wird.

Du hast ja auch kürzlich eine DVD raus gebracht; sind da Performances von dir drauf oder ist das eher dokumentationsmäßig gehalten?

Das ist eine Dokumentation über verschiedene Konzerte und Performances, die ich in den letzten drei Jahren gegeben habe.

Glaubst du, dass man die Intensität deiner Live-Performances überhaupt auf einem Datenträger festhalten kann?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, es ist sowohl schwierig, das auf einer DVD festzuhalten als auch auf einer Audio CD. Bei letzteren, die ich produziere, geht es mir dann auch mehr um das musikalische Element, also die elektroakustische Komposition.

Du gehst dabei also doch wieder einen Schritt zurück zu „herkömmlicheren“ Kompositionstechniken, kann man das so sagen?

Ja, kann man so sagen – die aber durchaus auch für sich ihre Qualitäten haben.

Hast du, bevor du ins Studio gehst, um eine CD aufzunehmen, schon das Meiste genau im Kopf, oder nimmt das alles erst im Laufe des Schaffensprozesses konkretere Formen an?

Nein, ich bin auch im Studio durchaus Echtzeitkomponistin. Das heißt, ich habe schon Konzepte, Pläne, Partituren, Skizzen, etc., aber wenn ich dann im Studio bin, passiert eigentlich Ähnliches wie auf der Bühne, nämlich, dass ich am Mischpult sitze und durch die Art und Weise, wie ich die Stücke mische, ebenfalls einen sehr körperlichen Zugang habe. So wie ich mische, macht das auch kein Tontechniker – ich blende Spuren ganz radikal total aus, oder ziehe andere ganz in den Vordergrund, wodurch wiederum so ekstatische Zustände entstehen können.

War das Übernehmen auch der Tontechnik anfangs notwendiges Übel, weil einfach niemand den Sound so hinbekommen hat, wie du dir das vorstellst, oder hat dich dieser Aspekt beim Aufnehmen auch schon immer interessiert?

Das hat mich auch schon immer interessiert.

Auf deinem neuen, kürzlich erschienenen, Album wirken unter anderem auch I-Wolf und Dorit Chrysler mit. Waren die nur ausführender Part deiner Kompositionen oder hatten die auch tieferen, gestalterischen, Einfluss auf das ganze Werk?

Der Titel des Albums lautet ja “Mia’s Factory” und bezieht sich eben auf die Herstellungsweise dieser CD. Wir haben das Album in verschiedensten Arbeitsschritten produziert, das heißt, die DJs oder Elektronikmusiker haben meine Klänge auf der Geige quasi als Rohmaterial aufgenommen, diese remixed, gemastered, etc. und dann aus den Klängen meiner E-Violine elektroakustische Stücke kreiert. Ich habe dann im nächsten Arbeitsschritt dieser “Produktionsschleife” die Stücke noch einmal überarbeitet, gemastered und geschnitten und so ist dann eigentlich alles in einer Art Gemeinschaftskomposition entstanden.

Waren da alle Beteiligten immer auch körperlich im Studio anwesend oder wurden die Tonspuren da eher virtuell hin und her geschickt?

Meine Sachen wurden erst einmal aufgenommen und dann haben sie unabhängig von mir im Studio gearbeitet. Da hatte ich auch überhaupt keinen Einfluss auf das Ergebnis, was ich auch gar nicht wollte. Es war nicht meine Absicht, Vorgaben zu machen, was das Spannende ja eben auch ist, wie diese verschiedenen Musiker und Komponisten mit meinen Klängen umgehen. DJ Still aus New York hat beispielsweise eine ganz andere Herangehensweise als ein I-Wolf oder eine Zahra Mani. Es war auch spannend, zu beobachten, welche Zugänge da von anderen Musikern zu meiner Musik entstehen.

Generell bei deinen Aufnahmen, bist du da Perfektionistin, in dem Sinne, dass du wirklich so lange an dem jeweiligen Werk herum feilst, bis wirklich jede Einzelheit passt, oder lässt du es irgendwann einmal auch einfach gut sein, wenn du das Gefühl hast, es nicht mehr besser hin zu bekommen?

Ich habe an der CD schon sehr lange gearbeitet. Ziel war es eben auch, eine gewisse Dramaturgie zu schaffen – vom ersten bis zum letzten Stück. Wir haben ja sehr viel Material aufgenommen und davon ist auch wieder sehr viel weggefallen und anderes wiederum hinzu gekommen. Bis dann das Endprodukt wirklich komplett war, hat es schon zwei bis drei Jahre gedauert. Jetzt ist es aber doch zu einem Punkt gekommen, wo ich wirklich rundum zufrieden damit bin. Da passt alles genau so, wie ich es haben wollte.

Wenn du dir alte Sachen von dir anhörst, bist du da rückblickend auch noch komplett zufrieden damit, oder kann es auch vorkommen, dass du das im Extremfall vielleicht sogar total schrecklich findest?

Mit den CDs, die ich heraus gebracht habe, so viele waren das ja nicht, bin ich eigentlich nach wie vor zufrieden. Das waren ja immer sehr lange Arbeitsprozesse und vor allem mein Erstling “Somateme”, der ist ja noch auf LP erschienen, gefällt mir nach wie vor sehr gut. Damit war ich schon genau dort, wo ich immer hin wollte.

Auf deiner Homepage hast du auch zahlreiche Projekte angeführt, die dort auch ausführlich beschrieben werden. Wenn du jetzt so ein Projekt in Angriff nimmst, müssen da vorhergehende erst abgeschlossen sein, oder laufen auch schon mal mehrere parallel nebeneinander?

Es laufen meistens mehrere Projekte nebeneinander. Dabei handelt es sich auch um eine Art „Work-in-Progress“-Projekte, die ich auch immer wieder in weiteren Arbeitsschritten weiter entwickle und die eigentlich auch fast nie komplett abgeschlossen werden.

Hat das auch eine gewisse Ausgleichsfunktion für dich, dass du verschiedene Projekte zeitgleich durchführst?

Ja, schon. Wobei ich jetzt gerade wieder die Tendenz habe, mich mehr auf die Solo-Arbeit zu konzentrieren. Das heißt, es gibt immer wieder verschiedene Phasen und im Moment möchte ich wieder mich selbst mehr in den Fokus rücken – mich auf mich selbst sozusagen zurück werfen und schauen, was passiert.

Widmest du dich ausschließlich eigenen Sachen oder machst du auch Auftragsarbeiten, beispielsweise für Theater?

Ja, so was habe ich auch schon gemacht. Also, für Filme und Theater oder eben Kooperationen mit Musikern wie Dälek anlässlich des Donaufestivals. Das sind dann schon Auftragsarbeiten, die ich auch gerne annehme, weil es immer wieder eine andere Herausforderung ist, wo ich mich und meine Entwicklung mit einbringen kann.

Du bist ja auch am Klang.Haus beteiligt.

Ja, dabei handelt es sich um ein Zentrum für Klangkunst in der Südsteiermark, das ich jetzt seit zwei Jahren kuratiere. Dabei geht es darum, diesen religiösen Charakter, der ja oft im Rahmen von Festivals statt findet, aufzubrechen und wirklich innovative Kernkunst mit Volkskultur in Verbindung zu bringen. Das funktioniert eigentlich ganz wunderbar und fantastisch und die Musiker, die da spielen, sind auch immer ganz begeistert.

Der Begriff “Volkskultur” hat ja schon auch politisch ein wenig einen negativen Einschlag – versucht ihr dem auch irgendwie entgegen zu wirken?

Ich denke, dass wir es schaffen, einen Festcharakter zustande zu bringen, der dann aufgebrochen wird und die Leute schon mitkriegen, dass da jetzt doch ernsthafte Kunst passiert, worauf sie sich konzentrieren müssen. Die merken, dass sie da Respekt haben müssen, dann aber weiter feiern können. Und das Spannende ist, dass das wirklich gut funktioniert und die Leute mittlerweile Respekt vor unserer Kunst haben, obwohl sie das zuvor nie gehört haben und lehnen sogar fast die Volksmusik ab, weil sie so etwas nunmehr langweilig finden.

Du hast ja auch schon mit vielen internationalen Größen zusammengearbeitet. Der gerade erwähnte Dälek, dann noch Leute, wie Fred Frith oder John Zorn, der auch auf einer CD von dir vertreten ist. Wie kommen diese Kontakte generell zustande; musst du die herstellen, triffst du die Leute auf Festivals oder kommen sie ganz einfach auf dich zu?

Ganz am Beginn habe natürlich ich die Kontakte hergestellt, aber dann hat sich da so eine Eigendynamik entwickelt, wo man einfach international miteinander vernetzt ist und auch regelmäßig miteinander in Kontakt steht und daraus resultieren dann die Zusammenarbeiten und Projekte. Ich wollte ja ursprünglich raus aus Wien, weil es mir hier einfach irgendwie zu eng geworden ist – diese vielen Vorschriften und Regeln, die man da so vorgesetzt bekommt. Man muss sich hier in Wien schon ästhetisch in einer bestimmten Richtung bewegen, so habe ich zumindest den Eindruck, um Anerkennung zu finden. Für mich war es deshalb auch total wichtig, da auch mal raus zu kommen, sich alles aus der Distanz anzusehen und eben auch ein paar andere Einflüsse zu bekommen. Daraus wollte ich dann meine eigene musikalische Sprache entwickeln und nicht durch das, was mir da an Norm sozusagen vorgegeben wird. So etwas passiert aber hierzulande ziemlich oft, vor allem auch an den Musikuniversitäten.

Wie schafft man es dann, sich irgendwie am Musikestablishment in Österreich vorbei zu schummeln und trotzdem seine eigenen musikalischen Visionen zu verwirklichen?

Indem man eben wirklich radikal und konsequent ist und bei sich selbst bleibt, ohne sich anzupassen oder zu verkaufen. Ich denke schon, dass es sehr wohl auch hier Leute gibt, die das anerkennen und genau das respektieren – genau diese Form von Radikalität und Eigenständigkeit.

Hat es zwischendurch auch mal eine Phase gegeben, wo du ans Aufhören gedacht hast und etwas ganz Anderes machen wolltest? Wie gehst du mit so was um?

Rückschläge kommen eher von innen, von mir selbst und gar nicht mal so stark von außen. Es gibt immer wieder für alles ein Publikum und immer wieder auch positive Resonanz. Natürlich habe ich auch bereits Phasen gehabt, wo nichts weiter gegangen ist und wo ich in der Entwicklung stecken geblieben bin. Momentan habe ich halt wieder eine Phase, wo ich spüre, da passiert jetzt wirklich sehr viel. Aber man muss auch einfach mal loslassen können, wenn musikalisch nichts weiter geht – da gehe ich dann lieber Schach spielen oder widme mich meinem Weingarten.

Du hast ja schon viele verschiedene Sachen probiert und gemacht. Gibt es da vielleicht die Angst, dass dir irgendwann einmal die Ideen ausgehen könnten oder du keine Motivation mehr hast, Musik zu machen?

Also bis jetzt hat mich die Motivation noch nicht verlassen. Es kommt immer wieder etwas Neues und Spannendes auf mich zu, da mache ich mir auch gar keine Gedanken. Ich verspüre auch immer bei mir diese innere Notwendigkeit, diesen Drang, so etwas zu machen.

Deine aktuelle CD, “Mia’s Factory”, ist ja gerade erst erschienen; gibt es trotzdem schon wieder neue Projekte, Sachen, an denen du gerade arbeitest oder die für die nächste Zeit geplant sind?

Es gibt dieses Projekt mit Zahra Mani und der One Night Band, dazu ist eine Uraufführung am 17. November im Radiokulturhaus geplant – dabei handelt es sich um einen Kompositionsauftrag von ORF Ö1. Und dann gibt es noch ein Festival, das mit dem Kosmos Theater Wien in Planung ist – ein internationales Klangkunstfestival, bei dem ich auch als Kuratorin tätig bin und das ich auch mit gestalte. Eine neue CD mit der Mia Zabelka One Night Band ist außerdem noch in Planung.

Wann soll die erscheinen?

Geplant ist sie für Frühjahr nächsten Jahres, wobei sich das bei mir immer ein wenig nach hinten verschiebt.

Danke fürs Interview.

 

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