Leidenschaftliche Aversion gegen Ideologie: GERHARD WIMBERGER im mica-Porträt

Sein 91. Lebensjahr hat er bereits vollendet, doch das ist eigentlich Nebensache angesichts seiner aktiven Präsenz im heimischen Musikleben. Es liegt eher an der nie gänzlich zu überbrückenden Ost-West-Trennung in Österreich, dass Gerhard Wimbergers Werke in Wien nicht allzu oft erklingen, in seiner Wahlheimat Salzburg umso öfter.

Kämpfer gegen die Ideologie-Hörigkeit

Was man von ihm kaum weiß ist, dass Gerhard Wimberger am 30. August 1923 in Wien geboren wurde und erst im Alter von vier Jahren mit seiner Familie an die Salzach übersiedelte. Der Arztsohn kam früh mit Musik in Berührung und erhielt am Mozarteum bei Cesar Bresgen seine Ausbildung in Tonsatz und Instrumentationstechnik, der sich nach der Matura ein Kompositionsstudium anschloss. Wie so vielen dieser Generation blieb auch Wimberger die Zäsur durch den 2. Weltkrieg nicht erspart. Ab Dezember 1941 war er im Arbeitsdienst, dann im Militärdienst bei der Luftwaffe und schließlich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Sein jüngerer Bruder fiel noch am 1. April 1945.

Wimberger vor mehreren Jahren im Gespräch: „Das Fazit aus diesen Jahren ist eine leidenschaftliche Aversion gegen Ideologie in jeder Form, weil ich am eigenen Leib miterlebt habe, wie man als Jugendlicher ahnungslos und indoktriniert ist, wenn man in einer Atmosphäre aufgewachsen ist, die eine nicht durchschaute Selbstverständlichkeit der von einem Regime vertretenen Ideologie mit sich bringt. Etwas, was man jungen Menschen gar nicht laut genug ins Bewusstsein schreien kann.“
Ab Juni 1945 studierte Wimberger bei Johann Nepomuk David, zunächst in Salzburg und später bei Besuchen in Stuttgart. Das Dirigentenhandwerk vermittelten ihm Clemens Krauss und Bernhard Paumgartner. Er arbeitete ein halbes Jahr als Korrepetitor an der Wiener Volksoper und in der Folge als Dirigent und Komponist von Bühnenmusiken am Salzburger Landestheater. Als seine gewichtigsten Positionen leitete er 1953–81 am Mozarteum die Dirigentenklasse sowie von 1968 bis zu seiner Emeritierung 1991 eine eigene Kompositionsklasse, aus der u. a. Gerd Kühr, Michael Mautner, Alexander Mullenbach, Bartolo Musil, Ludwig Nussbichler, Helmut Schmidinger und Siegfried Steinkogler hervorgingen.

Interessenvertreter und Mahner

Auf anderer Ebene setzte er nicht minder Akzente: Als Mitglied des Direktoriums der Salzburger Festspiele (1971–91) ebenso wie als Präsident der AKM (1990–1998) wirkte Wimberger besonnen, mit Diplomatie, aber auch mit Weitblick und Beharrungsvermögen für das neue Musikschaffen und die Interessen seiner Komponistenkollegen. Dass seine Vorschläge und Mahnungen zwar gehört wurden, nicht selten aber keine Konsequenzen nach sich zogen, ist bedauerlich. Sein Befund bereits vor rund zwei Jahrzehnten: „Die geringe Beachtung, die Österreichisches in Österreich findet, ist ein ärgerlicher Zustand. Da gibt es anscheinend ein tiefes historisches Trauma.“

Ein Betrachtung, die heute im Wesentlichen unverändert übernommen werden könnte. Seine Forderung nach einer Art „Mozart-Schilling“, das heißt einem System, bei dem auch bei urheberrechtlich nicht mehr geschützten Werken (der Musik ebenso wie der Literatur und anderer Sparten) eine Tantiemenabgabe erfolgen würde, wodurch das zeitgenössische Schaffen diesen leider oft ausschlaggebenden Wettbewerbsnachteil verlieren würde, konnte sich trotz des vernünftigen Ansatzes nicht durchsetzen. Die Thematik ist freilich auch 16 Jahre nach seinem Ausscheiden von der Spitze von Österreichs wichtigster Urheberrechtsorganisation brennend aktuell und erfordert angesichts der teils ungezügelten Werknutzung in den neuen Medien nach einer jahrelang laufenden Auseinandersetzung endlich konkrete und weitreichende Schritte (die aber aus mehreren Gründen weiterhin nicht gesetzt werden).

Anerkennung in Stadt und Land

Vielfach wurde Gerhard Wimberger für sein künstlerisches Wirken und sein Wirken für die Kunst ausgezeichnet: 1956 etwa mit dem Anerkennungspreis des Österreichischen Unterrichtsministeriums, 1967 dem Staatspreis für Komposition, 1977 dem Würdigungspreis, 1983 dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, 1991 dem Großen Silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich sowie 2003 dem Ring des Landes Salzburg. 1977 wurde er auch korrespondierendes Mitglied der bayerischen Akademie der Schönen Künste in München, eine große Zahl an Ehrenmitgliedschaften zeugt nicht minder von hoher Wertschätzung.

Unorthodox ein breites Gebiet bestellend

Gerhard Wimberger (c) Christian Heindl

Die neuesten Strömungen kennenzulernen und aktuelle Techniken zu studieren war für Wimberger immer eine selbstverständliche Herausforderung, u. a. besuchte er auch 1955 die Darmstädter Ferienkurse für neue Musik. Oberstes Primat für seine eigenen Werke hat jedoch, dass sie auch bei Verwendung neuer Mittel immer eine vom Publikum erfassbare Tonsprache aufweisen. Im Gespräch mit dem Verfasser beschrieb er seinen Stil einmal als „unorthodox, ein breites Gebiet bestellend – von ernst bis heiter. Damit auch stilistisch weitgespannt. Sich darin berufen könnend auf Sternbeispiele der Musikgeschichte. Leider wird stilistische Breite heute eher negativ beurteilt; nicht nur weil es eine Zeit von Spezialisten geworden ist, sondern auch weil nicht mehr allzu viele die Fähigkeit haben, stilistisch weitgespannt zu denken und arbeiten zu können. Den Kollegen, die auch ein Divertimento schreiben können und nicht nur apokalyptische Endzeit-Katastrophen-Aufschrei-Stücke, gilt meine Hochachtung.“

Fruchtbarer Opernkomponist

Wirklich gelten ließ Wimberger nach einer größeren Zahl an Frühwerken erst seine erste Oper „Schaubudengeschichte“ (Libretto von Eric Spiess nach Valentin Karajew, 1952/53). Sie entstand noch vor der detaillierteren Beschäftigung mit der Musik Weberns und vor dem erwähnten Aufenthalt in Darmstadt. In der Folge arbeitete Wimberger in „La Battaglia oder Der rote Federbusch“ (erneut nach einem Libretto von Eric Spiess, 1959/60) mit Zwölftonklängen. Wesentlich erfolgreicher wurde die Oper „Dame Kobold“ (Wimberger und Wolfgang Rennert nach Calderón de la Barca, 1963/64), in der er sich von seriellen Tendenzen abwandte und zu Melodie und Sangbarkeit zurückkehrte. Eine stete Neigung Wimbergers zur „U-Musik“ findet in „Dame Kobold“ durch Elemente des „Cool Jazz“ Niederschlag. Weitere Bühnenwerke sind u. a. die Ballette „Der Handschuh“ (1955), „Hero und Leander“ (nach Imre Keres, 1962/63) und das Kammermusical „Das Opfer Helena“ (Wolfgang Hildesheimer und Hanns Dieter Hüsch, 1967).

Unaufgeführte Zölibatsoper

Auch heute nicht gerade unaktuell befasst sich die Oper „Paradou“ (nach Emile Zola, 1981–85) mit der Frage des Zölibats. Das Werk aus der Taufe zu heben, wäre während der gegenwärtigen Diskussion zum Thema zweifellos reizvoll. Zumal man vom Agnostiker Wimberger einen alles andere als dem doktrinären Kirchenkurs folgenden Ansatz erwarten kann.

Ist „Paradou“ sicher ein Hauptwerk in Wimbergers Bühnenœuvre, so wäre aus dem vokalsinfonischen Bereich „Memento vivere“ (1973/74) auf Texte von Kurt Marti, Abraham a Sancta Clara, Andreas Gryphius u. a. zu nennen. Nicht zu vergessen jene Stücke, die für Salzburg komponiert wurden, die „Wahlheimatstadt“ und zugleich seit Jahrzehnten der zentrale Ort für Aufführungen seiner Werke. So entstand 1983 eine neue Bühnenmusik für den alljährlichen „Jedermann“, 1987 stand in der Felsenreitschule die Premiere der szenischen Chronik „Fürst von Salzburg – Wolf Dietrich“ (1985–87) auf dem Programm.

Mozart, Synthesizer und Giordano Bruno

Der Genius loci Wolfgang Amadeus Mozart erhielt seine Verarbeitung u. a. in den Orchesterwerken „Divertimento für Mozart“ (1956), „Ausstrahlungen W. A. Mozart‘scher Themen“ (1978), „Nachtmusik Finalmusik Trauermusik“ (1987/88), aber auch in mehreren Schriften des Komponisten.
Die Verwendung eines Synthesizers in „Fürst von Salzburg – Wolf Dietrich“ und „Nachtmusik Finalmusik Trauermusik“ zog solistische Werke dafür nach sich: Es entstanden ein Konzert für Synthesizer und Orchester (1989) sowie drei Sonaten für Synthesizer (1990).

Fanden in den 1990er Jahren z. B. das „Tanzkonzert“ für Kammerorchester (1992) und der Liederzyklus „Im Namen der Liebe“ (Peter Turrini, 1992) große Beachtung, so blieb Wimberger auch „in der Pension“ nicht gerade untätig. 2000/01 entstand das Oratorium „Quaestio aeterna – Deus. Fragen nach Gott“ für Bariton, Sprecher, Chor und Orchester“, ein zentrales Werk für Wimbergers Gottesbild, das zu seinem „Achtziger“ in Salzburg aus der Taufe gehoben wurde. Und auch zum „Neunziger“ gab es ein Bekenntniswerk: die bei den Salzburger Festspielen 2013 uraufgeführte „Passion Giordano Bruno“ für Bassbariton, Sprecher, gemischten Chor und Orchester (2007/13), ein Oratorium über den der Ketzerei bezichtigten und auf dem Scheiterhaufen hingerichteten Priester, Dichter, Philosophen und Astronomen, der als Nonkonformist für den Komponisten wohl auch einiges an Identifikationsmöglichkeit bietet. Mit dieser Passion liegt jedenfalls ein markantes Zeugnis dafür vor, dass Gerhard Wimberger auch im hohen Alter ein Warner vor der Vereinnahmung durch politische oder religiöse Ideologien bleibt.

Christian Heindl

Gerhard Wimberger (mica-Datenbank)